Eine Frau trinkt aus einer Plastikfalsche Wasser. Im Hintergrund sind Plastikmüllberge zu sehen. Das Bild ist Teil eines Dossiers über Plastik, mit den Experten Maria Ivanova und Jamel Zarrouk, einem Interview mit dem Ökonomen Henning Wilts und der Ökonomin Serena Favarin. Das Dossier legt den Schwerpunkt auf die Geschäfte, die mit dem Plastik verbunden sind und erklärt, warum Recycling in Europa nicht rentabel ist, der Export von Plastikmüll aber schon und warum ein globales Plastikabkommen gebraucht wird.

Ein Problem vermüllt die Welt

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Auf den Punkt gebracht

  • Geschäfte. Neues Plastik ist ein gutes Geschäft. Plastikmüll ist ein gutes Geschäft. Recycling nicht. Es sind wirtschaftliche Strukturen, die Kunststoff zu einem Problem machen.
  • Müll. 91 Prozent des jährlich produzierten Plastiks werden zu Abfall, der auf Deponien landet, verbrannt oder unsachgemäß entsorgt wird.
  • Profite. Weil es global unterschiedliche Umwelt- und Gesundheitsstandards gibt, ist der Export von Kunststoff-Müll lukrativ. Der Müll ist eine gehandelte Ware, oft mit illegalen Methoden.
  • Neuerungen. Ab 2030 gibt es verpflichtende Anteile von aufbereitetem Kunststoff in neuen Produkten. Doch Recyclinganlagen in Europa fehlen und die chemische Industrie winkt ab.

Deutschland hat aktuell weltweit die Nase vorn: 2025 verschob es mehr als 810.000 Tonnen Plastikmüll ins Ausland und ist damit in diesem Segment global auf Platz 1. Österreich ist mit 302.000 Tonnen Kunststoff-Export (2024) weit abgeschlagen.

Was da weltweit gehandelt wird, ist großteils jener Plastikmüll, der zuvor fürs Recycling gesammelt wurde. Dass unser Müll stattdessen auf Reisen geht, hat einen banalen Grund: Das meiste Plastik ist gar nicht recyclingfähig. Aus diesem Grund kann man die Gelbe Tonne oder das Duale System als Erfolg werten: So kann erfolgreich verdrängt werden, dass das Problem nicht gelöst ist, wenn der Müllwagen den gesammelten Kunststoff abholt, schreibt der Historiker Roman Köster in seinem Beitrag.

In der EU kann derzeit noch alles, was ins Ausland geht, der Recyclingquote gutgeschrieben werden. So kommen Deutschland und Österreich auf einen Recyclinganteil von 50 bis 60 Prozent. Und die Verbraucher sind beruhigt.

Wirklich „recycelt“ werden weltweit etwa neun Prozent des jeweils in einem Jahr produzierten Plastiks. Auch diese Zahl ist nur mit Vorsicht zu genießen. Denn in den neun Prozent stecken Polymere, die in Wahrheit irgendwo im Prozess verloren gingen. Gemessen wird schließlich nur, was in eine Recyclinganlage hineingeht, nicht das was herauskommt – so erkärt es der Ökonom Henning Wilts vom Wuppertal Institut im Interview.

Wahnsinn mit System

2030 könnte mit der Selbsttäuschung Schluss sein, zumindest in der EU: In vier Jahren sollen Kunststoffprodukte verbindliche Mengen an Rezyklat enthalten, also Plastik aus altem Plastik. Und schon in wenigen Monaten wird der Export in Nicht-OECD-Länder vollständig verboten sein.

Doch wie die Vergangenheit gezeigt hat, gibt es Fallstricke auf dem Weg zur Besserung, wie wir in diesem Dossier zeigen. Die beiden Handelsexperten Maria Ivanova und Jamel Zarrouk erklären, wie der Handel mit Plastikmüll das Problem verstärkt. Der Müll geht immer dahin, wo die Weiterverarbeitung welcher Art auch immer am billigsten ist und es die geringsten Umwelt- und Gesundheitsstandards gibt. In Europa sind das derzeit zum Beispiel die OECD-Länder Polen und Türkei für die sich gerade ein Müll-Tsunami anbahnt.

Und die Gefahr ist groß, dass sich neue, auch illegale, Wege auftun, die Regularien zu umgehen. Müll ist eine Ware und der Handel damit ein großes Geschäft. Weil Kunststoff-Müll nur schwer nachverfolgt werden kann, ist der Handel damit sogar eine Option für Geldwäscher. Welche Ausmaße das annehmen kann, zeigt die Kriminologin Serena Favarin. Sie ist eine der wenigen Expertinnen weltweit, die die teilweise mafiösen Strukturen hinter dem Abfallhandel erforscht.

Schwache, ungleiche Regularien und der stete Nachschub an Müll – bis 2030 soll sich die Produktion von Polymeren verdreifachen – machen das Problem mit jedem Jahr größer und lassen die Kosten für die Allgemeinheit immer weiter steigen.

Recycling wäre eine Lösung, doch unter den Bedingungen ist Recycling erst recht nicht rentabel. Bei weitem nicht so rentabel wie Recycling zu versprechen und es dann nicht zu tun. Der Volkswirt Henning Wilts nennt im Interview die Gründe, warum Recycling-Unternehmen in Europa massenhaft schließen, obwohl sie gebraucht werden. Es hat mit dem Ölpreis zu tun. Der macht in Kombination mit komplexen Verpackungen Rezyklat immer zur teureren Alternative.

Dass das alles nicht so sein muss, zeigt das Pfandsystem für PET-Flaschen. Das funktioniert wunderbar, sodass aus den alten Plastikflaschen wirklich neue werden. Was es aus Sicht von Wilts braucht, ist eine globale Herstellerverantwortung für die Polymere, die sie in Umlauf bringen und eine global einheitliche Regulation.