Auto gegen Klima. Aktivisten von „Extinction Rebellion“ blockieren im April 2024 ein Straße in Den Hag und fordern einen Stopp für fossile Subventionen. Auf dem Bild ist zentral ein Polzeipferd zu sehen, das die auf dem Boden sitzenden Demonstranten und Demonstrantinnen von den beiden Autos trennt, die im Vordergrund des Bildes mit ihren Kühlern zu sehen sind. Zwei Polizisten stehen ebenfalls auf dem Fußgängerübergang auf dem die Demonstranten sitzen. Das Bild ist Teil eines Dossiers über die Ursachen von Polarisierung, unter anderem wird beleuchtet, wie das Smartphone und die stärkere Vernetzung durch Social Media wirken, wie der Rückzug in möglichst homogene Gruppen Polarisierung verstärkt und warum antidemokratischer Extremismus und Populismus besonders gut in polarisierten Gesellschaften wirkt. Für das Dossier hat die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack einen Beitrag über affektove Polarisierung geschrieben. Stefan Thurner hat über seiner Forschung berichtet, die zeigt, dass Polarisierung mit zunehmender digitaler Vernetzung ebenfalls zunimmt. Die Psychologin Mirta Galesic zeigt, dass das dem Menschen intrinsische Bedürfnis, zu einer Gemeinschaft zu gehören, zwar anfällig für die Botschaften von Manipulateuren macht, aber zugleich auch eine Waffe gegen Polarisierung ist.

Zerreißproben

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Auf den Punkt gebracht

  • Mit aller Wut. Affektive Polarisierung wird durch Verlustängste geschürt. Wirtschaftskrisen verstärken diese, sind aber nicht die Ursache der Polarisierung.
  • Netzwerke. Polarisierung nimmt in den westlichen Gesellschaften zu, seitdem es das Smartphone gibt. Social Media haben tatsächlich einen Anteil an der Misere.
  • Manipulation. Wer gezielt Gefühle bearbeitet, der hat jetzt eine große Chance: Wenn Menschen sich bedroht fühlen, werden sie empfänglich für einfache Antworten.
  • Alles Einbildung? Polarisierung ist Kopfsache, aber das macht sie nicht irreal. Wenn nur noch gefühlte Wahrheiten zählen, hat das Folgen für die Demokratie.

Polarisierung ist das große Unbehagen an der Gesellschaft, so der Soziologe Nils Kumkar. Während das Feuilleton seit dem Erscheinen von „Triggerpunkte“ 2023 darüber streitet, ob Polarisierung echt ist oder nicht, zeigt die Forschung ein klares Bild: Die Meinungen gehen nicht weit auseinander, die Gefühle aber schon. Vor allem, wenn es um Autos und Klima, um Migration und Arbeit geht.

Eine Frage der Politik

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack zeigt in ihrem Beitrag zu diesem Dossier, warum das Phänomen mit P die Demokratie eben nicht belebt, sondern sehr wohl schwächt. Denn die Logik hinter der gefühlvollen Ablehnung von allem „Anderen“ ist eine Nullsummenlogik, die keine befriedigenden Antworten oder Lösungen finden kann oder will, sondern nur das „Wir oder Die“, „Ich oder die Anderen“.

Bösewicht Smartphone?

Warum geschieht dies alles so schnell? Eine Antwort hat Stefan Thurner: Der Komplexitätsforscher hat die Geburt des Spaltungsphantoms auf das Jahr 2008 datiert. Das war das Jahr, als Facebook und Co bereits weit verbreitet waren und durch das Smartphone, das es seit 2007 gibt, immer und überall verfügbar wurden. Plötzlich waren Likes und Hetze stets nur einen Klick entfernt.

Interview

Menschen gibt es nur im Kollektiv. Diese Stärke ist, technologisch verstärkt, gerade dabei, sich gegen uns als Spezies zu wenden. Wir wollen irgendwo dazugehören – und wenn es der Club der Flacherdler ist. Die Psychologin Mirta Galesic spricht deshalb unumwunden von einem „zivilisatorischen Scheideweg“. Jetzt müssen wir uns entscheiden, welchen Weg wir gehen. Den des Ausschließens und des Hetzens oder jenen der Kooperation und der demokratischen Aushandlung von Konflikten.

Gefühlte Polarisierung

Polarisierung erscheint uns nicht allen gleich. Manche sehen die Gesellschaft tief gespalten, andere nehmen das nicht so wahr. Peter Steiglechner ist diesen Unterschieden nachgegangen. Seine Forschung zeigt, dass es das jeweilige Umfeld ist, das über das empfundene Ausmaß an sozialer Spaltung entscheidet: Wir richten unser Urteil am steten Wandel der Meinungen in diesem Umfeld aus. Unsere Position bestimmt das Bild der sozialen Welt. Somit haben wir eine verzerrte Wahrnehmung von ihr. Aber das Bild, das wir uns so machen, ist deshalb nicht falsch.