
Wie krank sind wir wirklich?
Versetzen Sie sich einmal in die Lage von Eltern, deren Kind Probleme in der Schule hat. Es ist nichts Schlimmes, aber etwas zusätzliche Förderung würde helfen. Die Schule sagt: Gerne, aber nur, wenn das Kind eine Diagnose hat. Wenn es krank ist.
Überdiagnose, oder: Etiketten für alle
Ist das Kind vielleicht etwas lebhaft, verträumt oder unkonzentriert, kann es vielleicht nicht stundenlang still sitzen, dann bietet sich hier die Diagnose ADHS an. Das steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und scheint seit einigen Jahren unter Kindern und Jugendlichen geradezu zu grassieren.
Nur: Würden Sie Ihr Kind mit dem Label ADHS etikettieren, nur damit ihm geholfen wird? Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Brigitte Hackenberg sieht in ihrer Praxis viele Eltern, die sich genau das fragen – und viele entscheiden sich für eine Diagnose. Die Folge: „ADHS als Überdiagnose ist eine Realität“, so Hackenberg.
ADHS: Überdiagnose als Notwehr
Was Hackenberg zum Thema ADHS berichtet, ist ein Symptom eines gesellschaftlichen Trends: Wir leben in einem Zeitalter der Diagnose. Jede Abweichung braucht ein Etikett – selbst wenn dieses Etikett mehr schadet, als es nutzt, und vielleicht sogar schlicht falsch ist.
Dazu kommt ein Trend in den sozialen Medien, Krankheiten wie ADHS und Autismus zu einer „Superpower“ umzudeuten, durch die Betroffene aufgrund ihrer Symptome viel mehr auf die Reihe bekommen, wie Wissenschaftlerin und Psychologin Gloria Mittmann von der Karl-Landsteiner-University berichtet. „Viele kommen bereits mit einer klaren Erwartung in die Praxis: ‚Ich habe diese Störung – bitte bestätigen Sie es.‘“ Und wenn der Arzt es wagt, zu widersprechen? Dann „reagieren Betroffene nicht selten mit Enttäuschung, Wut oder Trauer“.
3 Fragen an Gloria Mittmann: Der Wunsch nach „Superpower“
Ebenfalls in den sozialen Medien werden Krankheiten wie Modetrends präsentiert, und plötzlich stehen in den Praxen junge Menschen, die auf Krankheiten untersucht werden wollen, die kurz zuvor noch kaum jemand kannte. „Algorithmus-induzierte Nachfrage“ nennt das der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für höhere Studien. Das ist auch für das Gesundheitssystem teuer: „Versuchen Sie als Arzt einmal, jemandem, der zwanzig TikTok-Videos intus hat, zu erklären, warum keine aufwendige Untersuchung im Magnetresonanztomographen (MRT) notwendig ist“, schreibt Czypionka.
Wie Social Media das Gesundheitssystem zusätzlich belastet
Auch bei Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten klafft eine riesige Lücke zwischen Selbstdiagnosen und medizinischem Befund. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Menschen in eine Falle tappen, sagt die britische Psychologin Rebecca Knibb von der Aston University: Sie essen etwas, vertragen es nicht und glauben sofort, eine Allergie dagegen zu haben – auch wenn der Grund ein anderer ist.
Allergie oder Einbildung?
Mehr noch: Viele Krankheitsbilder, die uns ständig begegnen, etwa eine Histamin- oder eine Weizenunverträglichkeit, die keine Zöliakie ist, konnten klinisch bislang nicht nachgewiesen werden. Wenn sich aber Menschen aufgrund eingebildeter Unverträglichkeiten einschränken, kann dies „langfristig zu Fehl- und Mangelernährung führen“, schreibt die deutsche Allergologin Imke Reese, die sich seit vielen Jahren mit diesem Problem auseinandersetzt.







