
Unsere Bauern
Keine andere Branche ist der EU so viel Geld wert wie die Landwirtschaft: Zuletzt flossen fast 60 Milliarden Euro pro Jahr in die Taschen von Europas Bauern, ein Drittel des gesamten EU-Budgets.
Das Geld soll unter anderem sicherstellen, dass auf einem Kontinent mit vergleichsweise schlechten Bedingungen für die Agrarwirtschaft – teuren Böden, teuren Arbeitskräften, hohen Auflagen für Umweltschutz und Tierwohl – ausreichend Lebensmittel produziert werden, um die Bevölkerung zu ernähren. Auch für den Erhalt der Kulturlandschaft sind die Bauern unverzichtbar.
Dennoch stellt sich die Frage, ob die Milliarden aus Brüssel gut investiert sind. Die Subventionen machten aus Vertretern eines früher stolzen Berufsstands Almosenempfänger – mit allen Folgen, die sich aus der finanziellen Abhängigkeit ergeben. Für viele Landwirte zahlt sich die Arbeit trotz der üppigen Subventionen nicht mehr aus, weshalb das Bauernsterben ungebremst weitergeht. In der Branche hat sich enormer Frust angehäuft; das zeigen nicht zuletzt die häufigen Demonstrationen und Protestaktionen, bei denen die Landwirte gerne mit schwerem Gerät auffahren.
Bauern in der Abwärtsspirale
„Die Bauern laufen in einer Tretmühle, wo sie trotz ständiger Produktivitätsfortschritte nicht vom Fleck kommen“, analysiert der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger. Hauptverantwortlich für diese Situation ist für ihn die Marktmacht des Handels, der die Preise für landwirtschaftliche Produkte quasi diktieren könne.
„Viele Landwirte haben das Gefühl, dass ihre Leistungen nicht mehr wertgeschätzt werden“, meint auch Franz Fischler, einstiger ÖVP-Politiker und von 1995 bis 2004 EU-Agrarkommissar. „Schließlich werden in Österreich und Deutschland nur mehr zehn Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, während es in den 1960er-Jahren noch ein Drittel war.“
Prioritäten setzen
Doch mit dieser Situation müsse man sich nicht abfinden, sagen unsere Experten. Mathias Binswanger plädiert etwa dafür, Zusammenschlüsse von Bauern zu erleichtern. Außerdem sei die Politik gefragt, meint er. Das widersprüchliche Ziel der „nachhaltigen Produktivität“ müsse neu formuliert werden. „Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und eine umweltschonende Bewirtschaftung gehen oft nicht Hand in Hand.“
Franz Fischler wünscht sich eine grundlegende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Die Flächenprämien, die derzeit 70 Prozent des gesamten Agrarbudgets ausmachen, könnten abgeschafft werden, sagt er. „Man kann nicht länger für jeden Hektar Land gleich viel Geld auszahlen.“ Ein Teil der dadurch frei werdenden Mittel sollte nach Ansicht Fischlers in Sozialprogramme für den ländlichen Raum investiert werden.
Warum die EU-Agrarförderung reformiert werden muss
Die Bauern werden bei einer allfälligen Reform wohl ein Wörtchen mitzureden haben. Ihr wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Einfluss mag kleiner geworden sein, doch politisch haben die Landwirte nach wie vor Gewicht, wie Thomas Hofer analysiert. Vor allem die ÖVP traue sich selten, den Landwirten einen Wunsch abzuschlagen.
Schwindet die Macht der Bauernlobby?
Zusätzlich produzieren Österreichs Bauern genug, um die Bevölkerung ohne Importe zu ernähren. Der Ökonom Franz Sinabell erläutert, warum die Österreicher keine Angst vor einer Hungersnot mehr haben müssen, eine volle Autarkie dennnoch sinnlos wäre.
Und die Salzburger Bäuerin Katharina Schwaiger erzählt aus ihrem Arbeitsalltag auf dem Zittrauerhof in Bad Hofgastein samt Milchkühen, Pferde- und Ziegenzucht.
Vom Alltag auf dem Bauernhof
Österreichs Bauern genießen in der Bevölkerung hohes Ansehen – gleichzeitig sieht eine Mehrheit den stolzen Stand wirtschaftlich unter Druck. Laut unserer aktuellen Umfrage schätzen viele den Beitrag zur Landschaftspflege, glauben aber nicht, dass die gestiegenen Lebensmittelpreise bei den Landwirten ankommen. Stattdessen wird vor allem der Handel als Preistreiber und Belastungsfaktor wahrgenommen. Alle Ergebnisse der aktuellen Landwirtschafts-Umfrage im Überblick.
Landwirtschafts-Umfrage: Handel setzt Bauern unter Druck
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