War on Terror: 3 bittere Lehren eines 20-jährigen Feldzugs

Der „War on Terror“ kostete hunderttausende Menschenleben und verschärfte das Chaos im Nahen und Mittleren Osten – der Westen hat fast all seine Ziele verfehlt. Lediglich einen kleinen Sieg brachte der Kampf. Und drei wertvolle Lehren.

Eine Person sitzt hinter einem Schreibtisch in einem Büro in Helmand, Afghanistan. Der Schreibtisch und der Raum sind mit zahlreichen bunten Kunstblumen dekoriert. An der Wand hinter dem Schreibtisch hängt ein Banner mit arabischer Schrift. Das Foto entstand am 4. Dezember 2021 nach der Rückkehr der Taliban an die Macht.
Der Leiter des Taliban-Ministeriums für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters im Dezember 2021 hinter seinem Schreibtisch in Helmand, Afghanistan. Das Ministerium übernahm nach der Machtübernahme der Taliban zentrale Aufgaben der sozialen und religiösen Kontrolle im Land. © Getty Images

Am 11. September 2001 schrieb der amerikanische Schriftsteller Paul Auster einen Satz, der bis heute nachhallt: „Erst heute beginnt das 21. Jahrhundert.“ Tatsächlich markierten die Terroranschläge eine historische Zäsur. Das Jahrzehnt zuvor hatte der Westen in einer geradezu euphorischen Stimmung verbracht. Der Kalte Krieg war gewonnen, die Sowjetunion besiegt. Der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama sprach vom „Ende der Geschichte“: Demokratie, freie Marktwirtschaft und Menschenrechte schienen sich früher oder später auf der ganzen Welt durchzusetzen. Die Friedensdividende sollte in Schulen statt Soldaten investiert werden.

Verwundbarkeit offengelegt

Die Anschläge zerstörten diese Gewissheiten binnen weniger Stunden. Plötzlich zeigte sich, dass der Westen keineswegs ohne Feinde war. Und zwar hatte er nicht nur Gegner im klassischen geopolitischen Sinn, sondern ideologische Feinde, die das westliche Gesellschaftsmodell grundsätzlich ablehnten und mit denen sich kein für beide Seiten akzeptabler Kompromiss schließen ließ.

Zugleich wurde deutlich, wie verwundbar offene Gesellschaften geworden waren. Ausgerechnet westliche „Erfindungen“ wie Globalisierung, zivile Luftfahrt, Satellitentelefone und das Internet ermöglichten es einer Gruppe mit wenigen hundert Anhängern, die stärkste Supermacht der Welt in ihrem Herzen zu treffen. Dass eine Terrororganisation mit Sitz in Afghanistan – einem der ärmsten Länder der Welt – dazu überhaupt in der Lage sein könnte, lag außerhalb der Vorstellungskraft der meisten Amerikaner.

Kriegserklärung

Neun Tage nach dem Anschlag verkündete US-Präsident George W. Bush den „War on Terror“. Dieser war mehr als eine militärische Operation. Er wurde zum neuen Leitprinzip amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik. Fortan sollte nahezu jede Entscheidung dem Ziel dienen, terroristische Bedrohungen nicht nur zu bekämpfen, sondern ihre Entstehung dauerhaft unmöglich zu machen.

Die Bilanz dieses Krieges fällt zwiespältig aus. Nach Berechnungen der Brown University kostete er die Vereinigten Staaten innerhalb von zwanzig Jahren rund acht Billionen Dollar – umgerechnet etwa 60.000 Dollar pro amerikanischem Haushalt. Etwa 7.000 amerikanische Soldaten starben, mehr als 50.000 wurden verwundet.

Zum "War on Terror": Eine Person spricht an einem Rednerpult auf dem Flugdeck eines Flugzeugträgers. Im Hintergrund stehen Besatzungsmitglieder und ein Kampfflugzeug. An der Kommandobrücke des Schiffs hängt ein großes Banner mit der Aufschrift „Mission Accomplished“. Die Aufnahme entstand am 1. Mai 2003 auf der USS Abraham Lincoln vor der Küste Kaliforniens.
US-Präsident George W. Bush hält am 1. Mai 2003 an Bord des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln vor der Küste Kaliforniens eine Rede zum Irakkrieg. Hinter ihm hängt das spätere kontroverse „Mission Accomplished“-Banner. Heuer war der Flugzeugträger wieder im Golf, diesmal um den Iran zu bekämpfen, der nach dem US-Sieg über seinen Rivalen Irak erstarkt war. © Getty Images

Noch gravierender waren die Folgen für die betroffenen Regionen. In Afghanistan entwickelte sich aus der vermeintlich schnellen Vertreibung der Taliban ein zwanzigjähriger Krieg, der mit ihrer Rückkehr und einer demütigenden Niederlage der Amerikaner endete. Im Irak löste der amerikanische Einmarsch einen Bürgerkrieg mit hunderttausenden Toten aus, der den Iran stärkte und die Voraussetzungen für den Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates schuf.

Hinzu kamen die geopolitischen Kosten. Während Washington enorme politische, militärische und finanzielle Ressourcen im Nahen und Mittleren Osten band und dort Aufständische jagte, baute China seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss systematisch aus, investierte in globale Infrastruktur, sicherte sich Rohstoffe und profitierte nicht selten von den Widersprüchen amerikanischer Außenpolitik.

Auch der moralische Preis war hoch: Folter in geheimen Gefängnissen und die bis heute anhaltende Internierung von Terrorverdächtigen im US-Stützpunkt Guantánamo auf Kuba beschädigten den globalen Führungsanspruch der USA – und das Selbstbild der Amerikaner – als Verfechter von Freiheit und Menschenrechten.

Und dennoch wäre es zu einfach, den Krieg gegen den Terror insgesamt als Fehlschlag abzutun. Entscheidend ist eine Unterscheidung, die oft übersehen wird. Es gab den großen Krieg gegen den Terror: die Vorstellung, durch Regimewechsel und Demokratisierung den Nahen Osten grundlegend umzugestalten. Dieses Projekt ist weitgehend gescheitert.

Erfolge im Kleinen

Daneben gab es aber auch den kleinen Krieg gegen den Terror: die Verbesserung internationaler Nachrichtendienstkooperation, den Aufbau eines weltweiten Spionagenetzwerks, gezielte Operationen gegen Terrornetzwerke sowie verdeckte Einsätze und Drohnenschläge gegen deren Führung. Gerade diese wesentlich begrenzteren Maßnahmen verhinderten weitere Anschläge vom Ausmaß des 11. Septembers. Auch Deutschland und Österreich profitieren bis heute von den Hinweisen, die durch diese Maßnahmen generiert werden. Was also lässt sich aus dem vergangenen Vierteljahrhundert lernen?

Der beste Weg, einen neuen zwanzigjährigen Krieg gegen den Terror zu vermeiden, besteht darin, Terrorismus frühzeitig und zielgerichtet zu bekämpfen.

Die erste Lehre lautet: Terrorismus darf niemals unterschätzt werden. Gemessen an Klimawandel, künstlicher Intelligenz, der demografischen Krise oder dem Aufstieg Chinas mag er keine strukturelle Jahrhundertherausforderung sein. Doch ein einziger erfolgreicher Anschlag kann die Weltpolitik für Jahre oder gar Jahrzehnte verändern und politische Aufmerksamkeit von den eigentlichen strategischen Problemen ablenken. Der beste Weg, einen neuen zwanzigjährigen Krieg gegen den Terror zu vermeiden, besteht darin, Terrorismus frühzeitig und zielgerichtet zu bekämpfen.

Die zweite Lehre lautet: Ideologische Gegner verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert. Wer sie bekämpfen will, muss sie zunächst verstehen – nicht um Verständnis für sie aufzubringen, sondern um ihre Ziele, Motive und Strategien realistisch einzuschätzen. Nur auf dieser Grundlage entsteht erfolgreiche Sicherheitspolitik.

Die dritte und vielleicht wichtigste Lehre ist die Warnung vor Selbstüberschätzung. Der Glaube, man könne ganze Weltregionen im Handumdrehen zur Demokratie konvertieren, erscheint heute vermessen. Doch er entsprach dem Zeitgeist nach dem Ende des Kalten Krieges. Gerade Donald Trump hatte versprochen, genau diesen Fehler nicht zu wiederholen – und muss im Konflikt mit dem Iran erfahren, wie schnell militärische Interventionen eine Dynamik entwickeln können, die sich kaum noch kontrollieren lässt.

So gesehen hatte Paul Auster ohne Zweifel recht: Das 21. Jahrhundert begann am 11. September 2001. Ein Vierteljahrhundert später wissen wir, dass nicht nur der Terrorismus die Welt verändern kann, sondern auch – und insbesondere – unsere Reaktion auf ihn.

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