250 Jahre USA: Warum Trumps Wende kein Rückzug ist
Am 4. Juli 2026 feiern die Vereinigten Staaten den Unabhängigkeitstag und damit „250 Jahre USA“ – ein Blick zurück entlarvt einen verbreiteten Irrtum der Gegenwart: Was bei Trump wie Isolationismus wirkt, ist in Wahrheit kein Rückzug, sondern die Wiederbelebung alter imperialer Strategien.

Auf den Punkt gebracht
- Expansion. Die Vereinigten Staaten sind historisch nicht durch Isolation, sondern durch stetige territoriale und wirtschaftliche Expansion gewachsen.
- Monroe-Doktrin. Trumps Außenpolitik knüpft an die traditionelle Vorstellung einer amerikanischen Vorrangstellung in der westlichen Hemisphäre an.
- Privileg. Die Rolle des Dollars als Reservewährung ist Quelle amerikanischer Macht, schafft aber zugleich strukturelle Probleme.
- Reindustrialisierung. Die Zukunft der USA hängt entscheidend davon ab, ob die Wiederbelebung der industriellen Basis tatsächlich gelingt.
Ein Imperium kann in der Anfangsphase auch ohne große Kriege entstehen, und niemand weiß das besser als wir Österreicher. Die Habsburger vergrößerten ihr Reich durch Heirat, und diese Politik wurde zum geflügelten Wort: „Bella gerant alii, tu felix Austria nube“: Mögen andere Kriege führen, du, glückliches Österreich, heiratest.
Die Vereinigten Staaten expandierten nach Erlangen der Unabhängigkeit 1776 nicht durch Hochzeiten, sondern durch Kaufverträge. Bereits 1803 erwarb Präsident Jefferson für 15 Millionen Dollar das Louisiana-Territorium von Napoleon und verdoppelte damit über Nacht die Fläche der noch jungen Republik. Das Pikante daran ist, dass Thomas Jefferson bis heute als Mann des begrenzten Staates und einer der strengsten Ausleger der Verfassung verehrt wird und genau, wusste, dass er eigentlich keine Befugnis zur territorialen Erweiterung hatte. Die Bundesregierung, schrieb er, habe „keine Vollmachten außer jenen, die in der Verfassung festgeschrieben sind“ und die Macht, fremdes Gebiet zu erwerben, gehöre eigentlich nicht dazu.
Jefferson tat es dennoch und beschrieb es pragmatisch als „eine Sache jenseits der Verfassung“. Selbst der berühmteste Isolationist der Gründergeneration konnte nicht widerstehen, und so wuchsen die USA langsam von den ursprünglich 13 Kolonien zu den heutigen 50 Bundesstaaten und einem weltweiten Netzwerk an Militärbasen.
250 Jahre USA: Pomp, Prunk und Sorge
Wer Donald Trump heute als Neo-Isolationisten liest, der das amerikanische Imperium abwickelt, tendiert dazu, diesen Teil der US-Geschichte zu vergessen oder hat Trump nicht genau zugehört. Allen Beteuerungen zum Trotz war Expansion für die Vereinigten Staaten kein Betriebsunfall, sondern der Normalzustand.
Die Expansion war nie ein Betriebsunfall
Auf den Kauf von Louisiana folgte 1819 Florida, das Spanien im Adams-Onís-Vertrag gegen die Übernahme von Forderungen in Höhe von fünf Millionen Dollar abtrat. 1867 kaufte Außenminister William Seward Alaska für 7,2 Millionen Dollar von Russland. Zeitgenossen spotteten über „Sewards Eiskiste“, bis man Gold und Öl fand und statt Ödnis eine Ressourcenbasis, die noch heute ein wichtiger Bestandteil des amerikanischen Rohstoffreichtums ist.
Zeitweise wurde man des Isolationismus sogar so müde, dass man der Expansion einen quasi-religiösen Anstrich verpasste: Plötzlich war die Rede von „Manifest Destiny“, der „offenkundigen Bestimmung“, dazu auserkoren zu sein, den Kontinent von Küste zu Küste zu beherrschen.
Wo der Kauf nicht reichte, wurde durchaus auch mit anderen Mitteln nachgeholfen: Texas hatte sich 1836 von Mexiko losgesagt, ironischerweise auf Druck amerikanischer Siedler, die im 19. Jahrhundert teilweise aktiv von Mexiko angeworben worden waren. 1845 annektierten die USA die Republik und machten sie Teil des Staatsgebietes, und als Mexiko Einspruch erhob, führte Washington von 1846 bis 1848 einen de-facto Eroberungsfeldzug, an dessen Ende die USA im Vertrag von Guadalupe Hidalgo mehr als die Hälfte des mexikanischen Staatsgebiets übernahmen: Kalifornien, Nevada, Utah und weite Teile des heutigen Südwestens.
Man präsentierte sich dabei als Schutzmacht einer Minderheit, der amerikanischen Siedler jenseits der Grenze, die sich angeblicher Unterdrückung ausgesetzt sahen. Das ist übrigens eine Logik, die einem heute bekannt vorkommen könnte, denn Russland hat im Donbass nichts anderes behauptet als ebenfalls einer bedrohten russischen Minderheit zu Hilfe zu kommen. Man muss hier an Mark Twain denken, der angeblich einst sagte, Geschichte würde sich nicht wiederholen, aber sie würde sich reimen.
Den vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Politik im Jahr 1898. Unter Präsident William McKinley gewann Amerika den Krieg gegen Spanien, annektierte Hawaii und nahm die Philippinen, Puerto Rico und Guam, was die nominelle Republik zu einer überseeischen Kolonialmacht aufsteigen ließ. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet McKinley zu Donald Trumps historischem Vorbild geworden ist: In seiner Antrittsrede ließ Trump den Mount Denali – den höchsten Berg Nordamerikas – wieder in Mount McKinley umbenennen und pries den 25. Präsidenten als einen Mann, der „unser Land durch Zölle und durch Talent sehr reich gemacht“ habe.
Von Monroe zu „Donroe“
Das geistige Fundament dieser Politik ist übrigens älter als McKinley, ein weiteres Detail, welches Donald Trump nicht entgangen ist. 1823 erklärte Präsident James Monroe die westliche Hemisphäre zur amerikanischen Einflusszone und verbat sich jede europäische Einmischung. Theodore Roosevelt, McKinleys Vizepräsident, machte daraus 1904 das ausdrückliche Recht, in dieser Hemisphäre den Polizisten zu spielen – es sei, schrieb er, an den „zivilisierten und ordentlichen Mächten“, für die Überwachung der Welt zu sorgen.
Genau hier knüpft Trump an, und das ohne große Scheu: Seine Nationale Sicherheitsstrategie von 2025 kündigte an, die Vereinigten Staaten würden „die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die amerikanische Vorrangstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen“. Die Forderung nach Grönland, der Druck auf den Panamakanal, die Sprüche über Kanada als 51. Bundesstaat fügen sich in dieses Bild. Manche nennen es bereits teilweise spöttisch und teilweise bewundernd die „Donroe-Doktrin“.
Wer wissen will, wie sich diese Doktrin im Alltag anfühlt, muss nur nach Lateinamerika blicken. In Argentinien stützte das US-Finanzministerium unter Scott Bessent im Oktober 2025 den taumelnden Peso mit einem Swap über 20 Milliarden Dollar und kaufte die Währung sogar direkt am Markt – zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert. Subtil war das Ganze nicht: Bei einem Treffen im Weißen Haus knüpfte Trump die Hilfe offen an den Wahlerfolg von Javier Milei. „Wenn er nicht gewinnt, sind wir weg“, ließ er wissen, und Mileis Partei gewann die Zwischenwahlen wenige Wochen darauf nicht zuletzt aufgrund der Intervention Washingtons.
Ein Jahr Trump in 7 Grafiken
In Kolumbien ging man den umgekehrten Weg. Erst setzte die Trump-Administration Präsident Gustavo Petro unter Druck: Visumsentzug, Sanktionen gegen ihn und seine Familie und die Streichung von Hilfsgeldern. Schließlich unterstützte Trump im Wahlkampf offen den Herausforderer Abelardo de la Espriella, der die Stichwahl im Juni 2026 knapp gewann und einen harten Law-and-Order-Kurs samt Wiederannäherung an Washington verspricht. Auch Kuba kann dem neuen Imperium nicht entkommen.
Nachdem Trump im Januar den Ölnachschub der Insel blockiert hatte – möglich geworden durch den Sturz ihres venezolanischen Patrons Maduro, übrigens ein weiterer Beleg für die Donroe Doktrin –, trieb der wirtschaftliche Würgegriff Havanna an den Rand des Kollaps, bis die Nationalversammlung im Juni dieses Jahres das größte marktwirtschaftliche Reformpaket seit 1959 verabschiedete: Die Erlaubnis privater Banken, freier Außenhandel, ausländisches Kapital und Investitionen von Exil-Kubanern.
Zweckbeziehung
Auch die Nahost-Politik sollte nicht als chaotisch interpretiert werden: Zwar ist es richtig, dass der Krieg gegen den Iran nicht nach Plan gelaufen ist (bis jetzt), aber dies bedeutet nicht, dass es nie einen Plan gegeben hat. Washington möchte sich die westliche Hemisphäre als eigene Ressourcenbasis sicher, aber gleichzeitig ein Veto über die Versorgung anderer Staaten haben. Mit anderen Worten, die Straße von Hormuz ist für die USA nicht interessant, weil die eigene Ölversorgung davon abhängt, sondern die Ölversorgung seines wichtigsten geopolitischen Konkurrenten: China.
Israel ist primär aus militärischen und nicht aus ideologischen oder politischen Gründen ein wichtiger Partner.
Damit lässt sich auch das Verhältnis Israel-USA wesentlich besser nachvollziehen: Während die Golfstaaten zwar Militärbasen zulassen, ist Israel ein fähiger Partner für Offensivoperationen, was in den letzten Monaten immer wieder unter Beweis gestellt worden ist. Wenn die USA weiterhin zumindest eine Teilkontrolle über die Rohstoffversorgung aus dem Nahen Osten erhalten wollen, ist Israel primär aus militärischen, und nicht aus ideologischen oder politischen Gründen ein wichtiger Partner.
Der Dollar als Waffe – und als Falle
Das eigentliche imperiale Werkzeug der USA nach 1945 war aber ihre Währung. Seit Bretton Woods 1944 ist der Dollar die Weltreservewährung, und mit diesem Status kommen einige Privilegien: Der Welthandel, allen voran der Öl- und Rohstoffhandel, läuft in Dollar, fremde Schulden lauten auf Dollar, und die Überschüsse der Exportstaaten fließen zurück in amerikanische Staatsanleihen. Das verschafft Washington, was Charles de Gaulle einst als „exorbitantes Privileg“ bezeichnete: die Macht, sich in der eigenen, beliebig druckbaren Währung zu verschulden und ganze Länder vom globalen Finanzsystem ausschließen zu können.
Die Stärke des Dollars gründet sich auf der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit der USA.
Ob dies so bleiben wird, ist jedoch fraglich. Die Stärke des Dollars gründet sich auf der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit der USA, und zumindest erstere ist unter Druck: Die Staatsschuld liegt bei über 36 Billionen Dollar und damit jenseits von 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, das Haushaltsdefizit erreichte zuletzt 1,8 Billionen, der Zinsendienst übersteigt eine Billion im Jahr. Amerika importierte zuletzt Waren für fast vier Billionen Dollar und zog daraus, vor der Zollwende, nur rund zwei Prozent ein.
Defiizit-Dilemma
Doch das Privileg hat noch einen weiteren Preis, und dieser nennt sich das Triffin-Dilemma. Wer die Reservewährung der Welt stellt, muss die Welt mit dieser Währung versorgen, und das geht auf Dauer nur über Handelsdefizite. Genau diese Defizite aber haben über Jahrzehnte die amerikanische Industrie ausgehöhlt.
Das bizarre Ende einer Leitwährung
Eine Leitwährung, so könnte man es sagen, ist wie eine Ernährung, die nur aus Cheeseburgern besteht: billig, bequem und jahrzehntelang durchaus sättigend, bis man bemerkt, dass die Muskeln darunter verkümmert sind. Die Defizite, welche die Rolle des Dollars als Weltwährung stützen, tragen auch entscheidend zur Deindustrialisierung der USA bei. Ohne Industrie kann man aber kein schlagkräftiges Militär haben, und ohne Militär wird auch die Rolle als Nation der Leitwährung früher oder später ins Wanken geraten.
Die Wiederbewaffnung der Werkbank
Vor diesem Hintergrund ergibt die aktuelle Politik mehr Sinn, als es den Anschein hat. Auch die Zölle sind die Rückkehr zu einer sehr alten amerikanischen Schule, und keine protektionistische Marotte von Donald Trump und erst recht kein Rückzug aus der Welt. Von der Staatsgründung bis zum Zweiten Weltkrieg schützte Washington seine „infant industries“ (also seine jungen Industrien) mit Zöllen, subventionierte den Eisenbahnbau und finanzierte die Forschung mit staatlichen Mitteln.
Die Nationalisten in der Tradition Alexander Hamiltons und Henry Clays nannten das die „American School“ der Nationalökonomie und stellten sie bewusst gegen die „English School“ des Freihandels. Erst als Hegemon nach 1945 öffnete Amerika seinen Markt einseitig, um Verbündete großzuziehen. Dieser Politik wird jetzt zumindest teilweise der Rücken zugekehrt und eine ältere Logik kehrt zurück.
Das ist die materielle Grundlage, die ein Imperium benötigt, und nicht ein Staat, der sich einer regelbasierten Weltordnung beugt.
Das spiegelt sich auch in den Institutionen wider. Das 2022 gegründete „Office of Strategic Capital“ des Pentagons vergibt mittlerweile direkt Kredite – mit einem Budget von 210 Milliarden Dollar –, um privates Kapital in kritische Lieferketten zu lenken.* Der erste Kredit ging an den Produzenten Seltener Erden MP Materials. Das Finanzministerium unter Scott Bessent tritt zunehmend als industriepolitischer Architekt auf und nicht mehr als bloßer Schuldenverwalter, und Beobachter sprechen bereits vom Umbau Amerikas vom Konsum- zum Produktionsimperium.
250 Jahre USA: am Scheideweg
Das Kriegsministerium (welches von „Verteidigungsministerium“ umbenannt worden ist) wiederum kündigt eine „historische industrielle Mobilmachung“ der Rüstungsbasis an, mit einer Investition von 1,5 Billionen Dollar allein in diesem Jahr. Das ist die materielle Grundlage, die ein Imperium benötigt, und nicht ein Staat, der sich einer regelbasierten Weltordnung beugt: Werkbänke, Chips, Stahl, Seltene Erden, Energie. Wer das für Isolationismus hält, verwechselt den Umbau der Werkbank mit dem Verlassen der Welt.
Es bleibt natürlich die Frage, ob das Ganze gelingen kann. Die ersten Zahlen sind ernüchternd und wenig ermutigend: Amerikas verarbeitende Industrie steckt trotz aller Zölle in einer Rezession, die Produktion fällt, die Beschäftigung ebenso. Die Reindustrialisierung findet bisher schlicht nicht statt.
Und über allem hängt das Dilemma, das bereits beschrieben worden ist: Man kann nicht zugleich die Reservewährung der Welt stellen und einen Handelsüberschuss erwirtschaften, nicht zugleich das Imperium über den Dollar finanzieren und seine Fabriken über den Dollar zurückholen. Die USA stehen tatsächlich an einem Scheideweg, und es wird sich zeigen, ob wir den Untergang des Weltpolizisten oder den Aufstieg eines Imperiums erleben.
Conclusio
Imperium. Die Geschichte der Vereinigten Staaten zeigt, dass Expansion kein Ausrutscher, sondern ein wiederkehrendes Muster amerikanischer Politik war. Vom Louisiana-Kauf über die Monroe-Doktrin bis zur globalen Rolle des Dollars vergrößerten die USA ihren Einfluss durch Territorium, Wirtschaftskraft und politische Gestaltungsmacht. Donald Trumps Politik knüpft in vielerlei Hinsicht an diese Tradition an.
Ungleichgewichte. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei weniger in geopolitischen Ambitionen als in den wirtschaftlichen Voraussetzungen ihrer Umsetzung. Die USA stehen vor dem Spannungsfeld aus hoher Verschuldung, industrieller Schwäche und der Rolle des Dollars als Weltreservewährung.
Abstiegsgefahr. Im besten Fall gelingt den USA die Verbindung aus modernisierter Industrie, soliden Staatsfinanzen und globaler Führungsrolle – und damit nicht der Niedergang des amerikanischen Imperiums, sondern seine erfolgreiche Erneuerung.
*Update, 6. Juli: In einer früheren Version des Artikels wurde das ursprüngliche Darlehensvolumen von einer Milliarde US-Dollar genannt; inzwischen wurde diese Angabe durch das aktuelle Budget des OSC ersetzt.


