3 Fragen an Gloria Mittmann: Der Wunsch nach „Superpower“

Immer mehr junge Menschen kommen mit einer Selbstdiagnose zum Psychologen. Was da schiefläuft, erklärt die Wissenschaftlerin Gloria Mittmann.

Porträt von Gloria Mittmann
Wissenschaftlerin und Psychologin Gloria Mittmann © Klaus Ranger

1 Warum wünschen sich Menschen heute eine Diagnose?

Selbstdiagnosen gibt es schon lange. Neu ist eher, dass manche eine Diagnose nicht nur vermuten, sondern sich ausdrücklich wünschen. Laut unserer Studie nehmen klinische Psychologinnen und Psychologen dieses Phänomen heute deutlich häufiger wahr. Eine große Rolle spielen soziale Medien: Dort sind Inhalte zu ADHS und Autismus allgegenwärtig. Das ist einerseits wichtig, weil es aufklärt und entstigmatisiert. Andererseits werden Symptome oft verkürzt oder verzerrt dargestellt. Viele erkennen sich darin wieder. Gerade junge Erwachsene fühlen sich oft unter Druck, funktionieren zu müssen. Eine Diagnose kann dann als Erklärung dienen – und auch Zugehörigkeit stiften.

2 Warum betrifft das besonders ADHS und Autismus?

Diese Diagnosen sind gesellschaftlich anders aufgeladen als etwa Angststörungen oder Depressionen. In sozialen Medien werden ADHS und Autismus häufig verzerrt dargestellt. Meist werden nur einzelne Symptome gezeigt oder sogar Symptome, die gar nichts mit der jeweiligen Störung zu tun haben. Solche Inhalte sind mitunter auch recht humorvoll aufbereitet, sodass man sich in den gezeigten Situationen wiedererkennen kann. Das kann, als stark vereinfachendes Beispiel, Menschen auf diesen Gedanken bringen: „Jetzt habe ich schon wieder meine Schlüssel vergessen! – wahrscheinlich habe ich ADHS!“

Manchmal werden Störungen auch als besondere Eigenschaft, manchmal sogar als „Superpower“, dargestellt. Es gibt TV-Persönlichkeiten, die von sich behaupten, dass sie nur dank ihrer ADHS so viel auf die Reihe bekommen. Andere psychische Erkrankungen, wie etwa Angststörungen, erfahren diese positive Umdeutung kaum. Das macht einen Unterschied. Problematisch wird es, wenn aus kurzen, vereinfachten Online-Inhalten ein festes Selbstbild entsteht. Wer etwa einzelne Alltagssituationen wiedererkennt, schließt daraus womöglich vorschnell auf eine Störung. Tatsächlich gehen ADHS und Autismus oft mit weitaus größerem Leidensdruck einher, als solche Clips vermitteln.

3 Was bedeutet das für die Diagnostik?

Es macht den Prozess komplexer. Viele kommen bereits mit einer klaren Erwartung in die Praxis: „Ich habe diese Störung – bitte bestätigen Sie es.“ Diagnostik sollte aber ein offener Prozess sein. Das gilt für beide Seiten. Fachleute berichten, dass es heute oft besonders viel Zeit und Empathie braucht, um eine Nichtdiagnose gut zu erklären. Denn wenn sich eine gewünschte Diagnose nicht bestätigt, reagieren Betroffene nicht selten mit Enttäuschung, Wut oder Trauer. Dazu kommt: Wer sich im Netz intensiv informiert hat, kennt oft typische Fragen und Symptome. Das kann Antworten unbewusst beeinflussen.

Manche suchen als Reaktion auf eine Nichtdiagnose auch weitere Stellen auf. Zugleich gilt: Nicht jede Enttäuschung ist unbegründet. Gerade bei jungen Erwachsenen gibt es auch Kritik daran, dass Diagnoseinstrumente stark an Kindern oder Männern orientiert sind. Wenn sich eine vermutete Diagnose nicht bestätigt, heißt das nicht, dass „nichts“ vorliegt – oft gibt es einfach andere Erklärungen und andere Wege zur Hilfe.

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