4 Gründe für Erdogans geopolitischen Höhenflug
Einen Gewinner haben die geopolitischen Krisen der vergangenen Jahre jedenfalls hervorgebracht: Die Türkei ist heute so einflussreich wie seit Jahren nicht mehr. Warum Erdogan von den Umbrüchen der Gegenwart profitiert.

Auf den Punkt gebracht
- Trump-Faktor. Die Beziehungen zwischen Ankara und Washington haben sich so stark verbessert wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
- Umdenken. Europas Sicherheitsinteresse macht die Türkei zu einem zunehmend wichtigen Partner.
- Machtwechsel. Der Wiederaufbau Syriens eröffnet Ankara neue wirtschaftliche und strategische Möglichkeiten.
- Innenpolitik. Die Spaltung der CHP schwächt die Opposition und stärkt vorerst die Position Erdogans.
Kaum ein Staatschef hat von den geopolitischen Umbrüchen der vergangenen Jahre so stark profitiert wie Recep Tayyip Erdogan. Der Krieg in der Ukraine, der Sturz des Assad-Regimes in Syrien, die Spannungen mit dem Iran und die Unsicherheit über die künftige Rolle der USA haben die strategische Bedeutung der Türkei erheblich erhöht. Während Ankara außenpolitisch an Einfluss gewinnt, steckt die Opposition im Inneren in ihrer schwersten Krise seit Jahren.
Der Nato-Gipfel Anfang Juli in Ankara bot dem türkischen Präsidenten Erdogan die ideale Bühne, um die neue Stellung der Türkei in der aktuellen Geopolitik zur Schau zu stellen. Die Opposition und kritische Journalisten waren unerwünscht. Ankara wurde zur Festung ausgebaut, Demonstrationen wurden verboten und Ausgangssperren verhängt. Jeder erdenkliche Störfaktor, der das Gipfeltreffen der Weltführer getrübt hätte, wurde bereits im Vorfeld aus dem Weg geräumt. Präsident Erdogan konnte seine beziehungsweise die türkische Position gleich in vier Bereichen festigen.
1. Erdogan kittet Beziehungen zu den USA
Außenpolitisch profitiert Erdogan vor allem von der deutlich verbesserten Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Über zwei Jahrzehnte waren das Verhältnis angespannt. Die Kurdenfrage, die US-Nahostpolitik und der Kauf des russischen Abwehrsystems S-400 sorgten für Konflikte. Washington hatte Sanktionen verhängt und die Türkei vom F-35-Kampfjet-Programm ausgeschlossen.
Doch aktuell erleben die amerikanisch-türkischen Beziehungen eine Blütezeit, wie zuletzt in den 1950ern. Der türkische Präsident, Außenminister Hakan Fidan und Geheimdienstchef Ibrahim Kalin haben in den vergangenen Jahren direkte Zugänge in das Umfeld von Donald Trump aufgebaut. Vor allem seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien, an dem die Türkei maßgeblichen Anteil hatte, ist Ankaras Ansehen in Washington deutlich gestiegen.

Donald Trump stellte die Aufhebung der letzten Sanktionen und eine Wiedereingliederung der Türkei in das Kampfjetprogramm in Aussicht. Damit würde er dazu beitragen, dass die Türkei stärker wäre, als jemals zuvor. Während viele europäische Nato-Verbündete – allen voran Spanien – wegen ihrer ablehnenden bzw. verurteilenden Haltung im amerikanisch-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran bei Präsident Trump in Ungnade fielen, blieb die Türkei davon verschont. „Die Türkei war in vielerlei Hinsicht deutlich loyaler als andere Länder, von denen wir Loyalität erwartet hätten“, sagte der US-Präsident vor Journalisten. Der US-Präsident sparte nicht mit Lob für seinen türkischen Gastgeber und betonte, er wäre nicht zum Nato-Gipfel gereist, hätte dieser nicht in Ankara stattgefunden.
Israels Sorge, dass die Türkei mit den F-35-Kampfjets die Lufthoheit im Nahen Osten erringen könnte, erteilte Trump eine Abfuhr. Benjamin Netanyahu und führende israelische Minister sehen in der Türkei eine Bedrohung, die sogar den Iran übersteigt. Der türkische Einfluss in Washington wird von israelischer Seite mit größtem Argwohn betrachtet. So warnte die Türkei die USA davor, sich im Angriffskrieg gegen den Iran an der Seite Israels zu beteiligen. Der Angriff mündete für die USA in einem Fiasko.
Während Präsident Trump bei Benjamin Netanyahu die Schuld für seinen Prestigeverlust sieht, stieg das Ansehen des türkischen Präsidenten. Auch Israels Vorstoß, kurdische Akteure für eine Bodeninvasion im Iran zu gewinnen, scheiterte an der Türkei. Ankaras Einfluss auf die regionalen Kurdenführer ließ die israelischen Bemühungen ins Leere laufen, wovon sich selbst Donald Trump beeindruckt zeigte und schließlich seine Zustimmung für eine Bodenoffensive verweigerte.
Gleichzeitig erweiterte die Türkei ihre Rolle als Vermittlerin: Sie nutzte ihre Verbindung zum Kreml im Ukraine-Krieg, die Kanäle zur Hamas im Gazakrieg sowie zum Mullah-Regime im Irankrieg. Türkische Diplomaten eröffneten Gesprächskanäle und schufen die Grundlage für Verhandlungsformate, die von einer unkoordinierten und teils überforderten Trump-Regierung aufgegriffen wurden.
2. Europas Kehrtwende
Die neue Unterstützung der Trump-Administration für die Erdogan-Regierung führte auch zu einer Kehrtwende in der europäischen Haltung zur Türkei. Während EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Türkei im April noch als potenzielle Bedrohung für Südosteuropa bezeichnete und eine Einbindung türkischer Rüstungsfirmen in eine europäische Sicherheitsarchitektur ausdrücklich nicht erwünscht war, änderte sich dies grundlegend mit Trumps Lobliedern auf den türkischen Verbündeten.
Mehrere europäische Länder haben bereits Aufträge bei türkischen Rüstungskonzernen aufgegeben. Angesichts des drohenden Rückzugs der US-Truppen aus Europa drängt die Türkei nach einer Einbindung und wird diese voraussichtlich erreichen.
Und was, wenn die Russen kommen?
Am Rande des Nato-Gipfels vereinbarten der britische Premierminister Keir Starmer und der türkische Präsident eine vertiefte Zusammenarbeit in den Bereichen Verteidigung, Terrorismusbekämpfung, organisierte Kriminalität, Energiesicherheit sowie Wissenschaft und Technologie. Das Abkommen baut auf den engen Wirtschaftsbeziehungen beider Länder auf: Das bilaterale Handelsvolumen erreichte Ende 2025 rund 28,4 Milliarden Pfund.
Im Mittelpunkt stand jedoch die Verteidigungskooperation. Ein weiteres Abkommen ebnet den Weg für die Beschaffung von bis zu 40 Eurofighter-Typhoon-Kampfjets durch die Türkei. Eine erste Bestellung über 20 Maschinen im Wert von bis zu acht Milliarden Pfund gilt als größter britischer Kampfflugzeugexport seit Jahrzehnten. Die Auslieferung soll ab 2030 erfolgen
3. Syrien: Vom Konflikt zur Chance
Auch in Syrien zahlt sich der Machtzuwachs Ankaras aus. Nachdem das Land von internationalen Terrorlisten gestrichen wurde, können internationale Akteure den Wiederaufbau des Landes leichter unterstützen. Türkische Unternehmen dürften dabei viele Aufträge erhalten, während internationale Geber und der Internationale Währungsfonds die Finanzierung mittragen.
Darüber hinaus planen die USA gemeinsam mit der Türkei, Syrien, Irak, Jordanien, dem Libanon und Ägypten ein neues Transitnetz und Energiekorridor, um die Abhängigkeit der Region von der Straße von Hormus zu reduzieren. Der US-Sondergesandte Tom Barrack stellte ein Konzept vor, das den Aufbau von Infrastruktur in der Region vorsieht.
Großangelegte Öl- und Gaspipelines, Eisenbahnen, Autobahnen, Stromnetze und Telekommunikationsnetze sollen den Nahen Osten nicht nur stabilisieren, sondern auch zu einem neuen Absatzmarkt machen. Die Häfen von Ceyhan (Türkei), Baniyas (Syrien) und Akaba (Jordanien) sollen zu neuen Energie- und Logistikdrehkreuzen ausgebaut werden.
4. Die Krise der Opposition
Die türkische Opposition erlebt ihre schwerste Krise seit Jahren. Im Zentrum steht die Republikanische Volkspartei (CHP), die größte Oppositionspartei des Landes und politische Erbin von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Nach der Inhaftierung des Istanbuler Bürgermeisters und Oppositionsführers Ekrem Imamoglu im März 2025 geriet die Partei in eine Führungskrise, die schließlich zur Spaltung führte.
Bis zu 35 Prozent der Wähler wünschen sich eine neue politische Kraft.
Seither haben interne Machtkämpfe die Opposition erheblich geschwächt. Aus den Konflikten innerhalb der CHP entstand die „Neue Partei“ (Yeni Parti) unter Özgür Özel. Ihr schlossen sich 91 CHP-Abgeordnete sowie zahlreiche Bürgermeister an. Die Umfragen deuten auf einen raschen Stimmungswandel hin: Bis zu 35 Prozent der Wähler wünschen sich eine neue politische Kraft unter Özels Führung, während die alte CHP nur noch auf sechs Prozent kommt.
Die neue Partei muss allerdings auf die Unterstützung der Kurden und ihrer DEM-Partei verzichten. Mehr als ein Jahrzehnt lang mieden die Oppositionsparteien eine Kooperation mit der kurdischen Partei, um nicht in den Verdacht der Terrorunterstützung zu geraten. Nun steht die DEM-Partei im Zuge des neuen Friedensprozesses mit der PKK an der Seite der AKP-Regierung.
Iran-Krieg: Die unterschätzten Folgen für die Weltordnung
Vom innenpolitischen Tumult profitiert vorerst die regierende AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die konservativ-islamische Partei prägt die türkische Politik seit 2002. Ob die Neue Partei zur führenden Kraft der Opposition aufsteigen kann, dürfte die politische Entwicklung der kommenden Jahre maßgeblich beeinflussen.
So paradox es wirken mag: Während Kriege, Regimewechsel und Machtverschiebungen die internationale Ordnung erschüttern, haben sie die Position der Türkei gestärkt wie selten zuvor. Ankara wird für Washington, Europa und den Nahen Osten zugleich unverzichtbarer.
Erdogan profitiert dabei von einem historischen Zusammentreffen geopolitischer Umbrüche: Außenpolitisch gilt die Türkei heute als gefragter Vermittler, militärischer Partner und regionaler Machtfaktor. Innenpolitisch steht ihr zugleich eine zersplitterte Opposition gegenüber. Selten waren die internationalen Einflussmöglichkeiten Ankaras größer.
Conclusio
Machtgewinn. Die geopolitischen Krisen der vergangenen Jahre haben die Türkei außenpolitisch gestärkt, ihre Beziehungen zu den USA und Europa verbessert und ihren Einfluss in Syrien vergrößert. Gleichzeitig profitiert die Regierung von der schweren Krise der Opposition.
Folgen. Damit wächst Ankaras Bedeutung für westliche Staaten und regionale Konflikte gleichermaßen. Die Türkei verfügt heute über deutlich mehr politischen Handlungsspielraum als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig ist die Opposition intern zerstritten, wodurch Präsident Erdogan gestärkt ist.
Chance. Die Politik könnte das gestiegene internationale Gewicht nutzen, um wirtschaftliche Reformen voranzutreiben, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die regionale Stabilität auszubauen. Im günstigsten Fall etabliert sich die Türkei als prosperierende Vermittlermacht zwischen Europa und dem Nahen Osten.



