5 Industrien, die Europa verteidigen muss
Europas industrielle Stärke beruht auf wenigen, aber zentralen Sektoren. Die gilt es auszubauen, damit der Kontinent gegenüber China und den USA erfolgreich und politisch souverän bleibt.

Auf den Punkt gebracht
- Weitblick. China identifizierte vor acht Jahren 35 Schlüsseltechnologien, in denen technologische Abhängigkeiten überwunden werden sollten.
- Risiko. Europas Verwundbarkeit resultiert aus der Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen und Vorprodukten für kritische Infrastrukturen.
- Ernüchterung. Der 2024 beschlossene Critical Raw Materials Act zeigt bislang nur begrenzte messbare Fortschritte.
- Vorsprung. Trotz der chinesischen Konkurrenz verfügt Europa weiterhin über mehrere weltweit führende Industriebranchen.
Viele europäische Regierungschefs und führende Vertreter der Europäischen Kommission präsentieren derzeit industriepolitische Programme. Die meisten richten sich implizit oder explizit gegen Chinas zunehmend aggressive Wirtschafts- und Industriepolitik. Selbst Österreichs einflussreichster Ökonom, WIFO-Chef Gabriel Felbermayr, erklärte kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, man müsse beginnen, „die Denke an die Realität anzupassen“. Die gute Nachricht: Europa verfügt bereits über die wesentlichen Instrumente, um auf Pekings Strategie zu reagieren.
China geht es nicht um fairen Wettbewerb. Das Land führt seit den 2010er-Jahren einen langfristig angelegten Wirtschaftskrieg gegen die industrielle Basis Europas. Peking verfolgt systematisch das Ziel, eigene technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und gleichzeitig ausländische Wettbewerber aus strategisch wichtigen Industrien im Inland zu verdrängen.
Chinas Hebel verkürzen
China verfügt gegenüber der Europäischen Union über erhebliche wirtschaftliche Druckmittel. Die resultieren einerseits aus Europas Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen und Vorprodukten. Andererseits wurden sie durch politische Fehlentscheidungen in Europa verstärkt. So ist etwa die Wettbewerbsbedrohung durch chinesische Elektrofahrzeuge real – aber zu einem beträchtlichen Teil durch das Verbrennerverbot hausgemacht: Im Bereich klassischer Verbrennungsmotoren ist China weniger konkurrenzfähig als bei den E-Mobilen.
Warum China Europa braucht
Ein weiterer Problemkomplex betrifft die kritische Infrastruktur. Chinesische Einflussmöglichkeiten sind auch deshalb so vielfältig, weil europäische Staaten den Einsatz chinesischer Technologien in sensiblen Bereichen weitgehend unkritisch zugelassen haben. Dazu zählen 5G-Netze, Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Wechselrichter für Solaranlagen und weitere Teile der digitalen Infrastruktur.
Schlachtplan gesucht
Um bei kritischen Rohstoffen die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern zu reduzieren, verordnete sich die EU den Critical Raw Materials Act. Das war im Jahr 2024. Doch bislang fällt die Bilanz ernüchternd aus. Der Bericht des Europäischen Rechnungshofs vom Februar 2026 kommt zu einem klaren Ergebnis: Messbare Fortschritte blieben bislang begrenzt.
Wenn die Europäische Union ihre geopolitische Widerstandsfähigkeit erhöhen und kritische Lieferketten schützen will, benötigt sie einen glaubwürdigen Eskalationsplan. Was soll geschehen, wenn europäische Unternehmen oder Mitgliedsstaaten von China diskriminiert oder wirtschaftlich sanktioniert werden? Etwa wenn im Luftfahrtsektor der europäische Flugzeughersteller Airbus seit Jahren von politischem Druck aus Peking berichtet. Oder wenn europäische Anbieter von Medizintechnik in chinesischen Beschaffungsverfahren benachteiligt werden.
Eine erste industriepolitische Antwort war der European Chips Act. Sein Ziel bestand darin, Europas technologische Souveränität im Halbleiterbereich zu stärken. Allerdings konzentriert sich das Programm vor allem auf hochentwickelte Halbleiter. Die europäische Industrie benötigt jedoch in erster Linie sogenannte Legacy Chips für Maschinenbau, Automobilindustrie und Automatisierung. Die entscheidende Herausforderung bleibt daher offen: Wie reagiert Europa auf eine gezielte chinesische Verdrängungsstrategie?
Vorsprung vorhanden
Europa verfügt nach wie vor über zahlreiche Industriezweige, die in globalen Zukunftsmärkten führend sind. Gleichzeitig verfolgt China seit Jahrzehnten das Ziel technologischer Eigenständigkeit. Wie die erreicht werden soll, beschreibt der offizielle Zehnjahresplan „Made in China 2025“, der den Aufbau moderner Fertigungskapazitäten und die Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Schlüsseltechnologien zum Ziel hatte.
Europa muss jene Industrien identifizieren, die für Sicherheit, Wohlstand und technologische Souveränität unverzichtbar sind.
Die Priorität liegt dabei auf jenen Sektoren, in denen China die größten technologischen Abhängigkeiten identifiziert hat. Bereits 2018 veröffentlichte ein chinesisches Fachmagazin eine Liste von 35 sogenannten Bottleneck Technologies. Die darin genannten Bereiche decken sich weitgehend mit den Prioritäten der aktuellen chinesischen Industriepolitik.
Aus europäischer Sicht müssen daher jene Industrien identifiziert werden, die für Sicherheit, Wohlstand und technologische Souveränität unverzichtbar sind. Genau auf diese Sektoren sollten sich politische Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen konzentrieren. Das sind fünf strategisch besonders wichtige Branchen:
1. Industrieroboter
Der Sektor der CNC-Maschinen – computergesteuerte Werkzeugmaschinen – sowie der High-End-Robotik gehört zu den Kernkompetenzen der europäischen Industrie. Beide Bereiche bilden das technologische Rückgrat der industriellen Automatisierung. Während chinesische Unternehmen im unteren und mittleren Robotiksegment dominieren, verfügen europäische Anbieter bei anspruchsvollen Systemen und Schlüsselkomponenten weiterhin über technologische Vorteile.
Unternehmen:
- ABB Robotics (Schweiz/Schweden): Industrieroboter
- TRUMPF (Deutschland): 3D‑Druck und Lasersysteme
- Fronius (Österreich): Schweißrobotik-Weltmarktführer
2. Kabelindustrie
Die Kabelindustrie umfasst sowohl Hochleistungskabel zur Energieübertragung als auch Glasfaserkabel zur Datenübertragung. Rund 95 Prozent des globalen Datenverkehrs werden über Unterseekabel abgewickelt. Europäische Unternehmen gehören sowohl bei der Herstellung als auch bei Verlegung und Wartung zu den Weltmarktführern.
Unternehmen:
- Prysmian (Italien): Energie- und Telekommunikationskabel
- Nexans (Frankreich): Hochspannungs- und Offshore-Kabel
- Alcatel Submarine Networks ASN (Frankreich): Unterseekabel für die Telekommunikation

3. Produktionstechnik für Halbleiter
Von strategischer Bedeutung ist vor allem der vorgelagerte Bereich der Halbleiterproduktion. Dazu gehören Lithografie-Anlagen, die Grundlage moderner Chipfertigung. Im Bereich der Extrem-Ultraviolett-Lithografie verfügt Europa sogar über eine faktische Monopolstellung.
Unternehmen:
- ASML (Niederlande): Lithografiesysteme
- Carl Zeiss SMT (Deutschland): Hochpräzisionsoptik
- Siemens EDA (Deutschland): Elektronische Entwurfsautomatisierung für Mikrochips
4. Passagierflugzeuge
Europa verfügt über einen der beiden weltweit führenden Hersteller von Verkehrsflugzeugen. Darüber hinaus stammen zahlreiche Schlüsselkomponenten für internationale Luftfahrtprogramme aus Europa.
Unternehmen:
- Airbus (Frankreich/Deutschland/Spanien): Verkehrsflugzeuge
- Safran (Frankreich): Triebwerke und Flugzeugsysteme
- FACC (Österreich): Leichtbaukomponenten (mehrheitlich in chinesischem Besitz)
5. Medizintechnik
Die europäische Medizintechnik zählt zu den innovativsten Industriezweigen weltweit. Europäische Unternehmen liefern ein breites Spektrum an Technologien, von Computertomografen bis hin zu hochentwickelten Systemen für Diagnostik und Präzisionsmedizin.
Unternehmen:
- Siemens Healthineers (Deutschland): MR- und CT-Geräte und Diagnostiksysteme
- Philips Healthcare (Niederlande): Bildgebung und Patientenüberwachung
Conclusio
Bilanz. Europa steht im wirtschaftlichen Wettbewerb mit China vor einer strategischen Herausforderung, verfügt aber weiterhin über starke industrielle Kernkompetenzen. Besonders in den Bereichen Robotik, Kabelinfrastruktur, Halbleiterproduktion, Luftfahrt und Medizintechnik besitzt Europa technologische Stärken, die gezielt geschützt und ausgebaut werden können.
Konsequenzen. Gelingt es Europa nicht, Abhängigkeiten bei Rohstoffen, Vorprodukten und kritischer Infrastruktur zu verringern, drohen wirtschaftliche Verwundbarkeit und der schrittweise Verlust technologischer Souveränität.
Perspektive. Die Politik sollte ihre industriepolitischen Ressourcen konsequent auf strategisch relevante Zukunftsindustrien konzentrieren und wirtschaftliche Resilienz als sicherheitspolitische Aufgabe verstehen. Im besten Fall gelingt es Europa so, seine technologische Führungsrolle zu behaupten, neue Innovationen hervorzubringen und als eigenständiger globaler Akteur zwischen den Großmächten zu bestehen.

