ADHS: Überdiagnose als Notwehr

In psychiatrische Praxen kommen Eltern, die nicht glauben, dass ihr Kind ADHS hat. Aber trotzdem um diese Diagnose bitten. Hier versagt ein ganzes System.

Symbolbild ADHS-Überdiagnose: Eine Illustration eines Schranks in Form eines Kopfes mit vielen bunten Tassen im Schrank vor pinkem Hintergrund.
Kinder sind nicht zwingend psychisch krank, nur weil sie mehr Förderung benötigen. © Francesco Ciccolella

Seit Jahrzehnten praktiziere ich Kinder- und Jugendpsychiatrie. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie aus einem seltenen Verdacht eine Alltagsdiagnose wurde: ADHS. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – ein Begriff, der heute in beinahe jedem Elterngespräch fällt, den Lehrerinnen und Lehrer in Sprechstunden einfordern und den Eltern manchmal selbst schon mitbringen, wenn sie das erste Mal meine Ordination betreten. Ich halte das für ein ernstes Problem.

Nicht weil ADHS keine reale Diagnose wäre – sie ist es, und sie verdient ernsthafte Behandlung –, sondern weil hinter dem „Inflations“-Phänomen ein systemisches Versagen steckt, das wir dringend benennen müssen: Das österreichische Bildungs- und Gesundheitssystem hat eine perverse Logik entwickelt, in der die Diagnose nicht am Ende eines sorgfältigen Abklärungsprozesses steht, sondern an seinem Anfang. Als Eintrittskarte.

Die Schule als Diagnosetreiberin

Es beginnt meist mit einem Anruf oder einem Brief. Die Schule teilt den Eltern mit, dass ihr Kind „auffällig“ sei – unruhig, unkonzentriert, störend. Manchmal wird das freundlich formuliert, manchmal weniger. Fast immer wird am Ende empfohlen, eine Abklärung vom Facharzt einzuholen. Was folgt, ist ein oft jahrelanger Leidensweg für die Familie – Wartezeiten, Gutachten, Formulare. Und am Ende steht häufig nicht die Frage, ob das Kind eine Diagnose braucht, sondern welche Diagnose es bekommen soll.

Denn die Eltern wissen: Ohne Diagnose gibt es keine Fördermaßnahmen. Keine Zeitzugabe bei Schularbeiten. Keinen Nachteilsausgleich. Keine Lernbegleitung. Das Kind bleibt mit seinen Schwierigkeiten allein. Oder die Familie erkauft sich private Unterstützung – wenn sie sich das leisten kann.

ADHS als Symptom für ein System am Limit

Das ist kein Versagen der einzelnen Lehrerin, des einzelnen Direktors. Das ist ein Systemversagen. Die Schule hat viel zu wenige Ressourcen, um individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen, wenn sie dazu keine formale Legitimation hat. Also braucht sie die Diagnose – nicht für das Kind, sondern für sich selbst. Doch das System, das diese Diagnosen ausstellen soll, ist selbst am Limit. Die Ärztekammer Wien hat 2024 mittels verdeckter Testanrufe erhoben, dass die durchschnittliche Wartezeit auf einen Behandlungstermin bei niedergelassenen Vertragsärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien bei 90 Tagen liegt.

„Frau Doktor, ich glaube nicht, dass mein Kind ADHS hat. Aber ich brauche das Attest, damit die Schule endlich etwas unternimmt.“

Der Rechnungshof stellte 2025 fest, dass in mindestens zwölf von 32 Versorgungsregionen die ambulante Versorgung mangelhaft ist – und dass bundesweit mindestens 103 stationäre Betten fehlen. Und die letzte repräsentative Erhebung zur psychischen Gesundheit von Kindern in Österreich stammt aus dem Jahr 2017. Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) brachte es auf den Punkt: „Die dentale Gesundheit ist offensichtlich von höherem öffentlichem Interesse als die mentale Gesundheit.“

Eltern geraten hier in eine Zwickmühle, die ich in meiner täglichen Arbeit deutlich spüre. Auf der einen Seite wollen sie ihr Kind nicht pathologisieren, nicht vorschnell etikettieren. Auf der anderen Seite erleben sie, wie ihr Kind in der Schule scheitert, wie es abgehängt wird, wie es leidet. Und sie lernen schnell: Der einzige Weg zu Unterstützung führt über die Diagnose. Ich habe Eltern vor mir gehabt, die mir geradeheraus gesagt haben: „Frau Doktor, ich glaube nicht, dass mein Kind ADHS hat. Aber ich brauche das Attest, damit die Schule endlich etwas unternimmt.“

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Das ist kein Betrug – das ist Pragmatismus unter Druck. Und es stellt uns Fachleute vor eine ernste ethische Frage: Wie gehen wir mit einer solchen Anfrage um? Die ehrliche Antwort ist unbequem. Manchmal tragen wir als Ärztinnen und Ärzte zur Überdiagnostik bei – nicht aus Leichtfertigkeit, sondern weil wir die Not der Familie sehen und wissen, dass eine Diagnose der einzige verfügbare Hebel ist.

Was oft wirklich hinter „ADHS“ steckt

Doch hier beginnt das eigentliche diagnostische Problem. ADHS ist keine einheitliche Störung. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität – das sind Symptome, die viele Ursachen haben können. Ich sehe in meiner Praxis regelmäßig Kinder, bei denen eine ADHS-Diagnose gestellt wurde, die in Wirklichkeit unter etwas ganz anderem leiden.

Hinter vielen vermeintlichen ADHS-Diagnosen, vor allem bei Mädchen, steckt möglicherweise ein nicht erkannter Autismus.

Manche dieser Kinder befinden sich im Autismus-Spektrum – mit einer Reizempfindlichkeit, die in der Schule zu massiver Erschöpfung führt und die von außen wie Unaufmerksamkeit aussieht. Dass es sich dabei um keine seltene Ausnahme handelt, belegt eine große schwedische Registerstudie, die 2026 im „British Medical Journal“ erschienen ist: Von 2,75 Millionen zwischen 1985 und 2020 geborenen Kindern wurden 2,8 Prozent mit einer Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert – und die Diagnoserate hat sich in diesem Zeitraum verzehnfacht. Besonders bedeutsam: Bei Mädchen wird die Störung systematisch zu spät erkannt, weil sie ihre Symptome durch soziale Anpassung – sogenanntes Masking – verbergen. Erst ab dem 16. Lebensjahr gleicht sich das Diagnoseverhältnis zwischen Mädchen und Jungen nahezu aus.

Das bedeutet: Hinter vielen vermeintlichen ADHS-Diagnosen, vor allem bei Mädchen, steckt möglicherweise ein nicht erkannter Autismus. Andere zeigen das, was in der englischsprachigen Fachliteratur als „PDA-Profil“ beschrieben wird – Pathological Demand Avoidance, ein Muster extremer Vermeidung von Anforderungen, das nicht durch Trotz, sondern durch tiefe Angst angetrieben wird. Wieder andere haben Traumafolgestörungen. Aus langer Erfahrung kann ich sagen, dass gerade Kinder im Autismus-Spektrum oft durch jahrelange Missverständnisse und soziale Ausgrenzung chronisch belastet sind.

Erleichterung statt Schuld

All diese Kinder können sich in der Schule „ADHS-typisch“ verhalten. Aber sie brauchen grundlegend andere Interventionen. Ein Kind mit Traumafolgestörung braucht keine Stimulanzien – es braucht eine traumafokussierte Therapie. Ein Kind mit PDA-Profil braucht keine strenge Verhaltenssteuerung – die macht es schlimmer. Es braucht Humor, Indirektheit, Wahlmöglichkeiten und das Gefühl, Kontrolle über sein eigenes Leben zu haben. Wenn die Diagnose aber ADHS lautet, weil das System nichts anderes akzeptiert, dann verbauen wir diesen Kindern den richtigen Weg.

Jahre von Schuld, Jahre von Scham, Jahre von gut gemeinten Ratschlägen, die nichts gebracht haben.

Ich möchte von jenen Momenten erzählen, die ich in all den Jahren immer wieder erlebt habe und die mich immer noch bewegen: Wenn ich Eltern erkläre, dass ihr Kind nicht böswillig, nicht manipulativ und nicht schlecht erzogen ist – sondern dass es durch Angst getrieben wird, durch eine neurologische Andersartigkeit, die das System bisher nicht einordnen konnte –, dann sehe ich in ihren Gesichtern etwas, das ich nur als Erleichterung beschreiben kann.

Jahre von Schuld, Jahre von Scham, Jahre von gut gemeinten Ratschlägen, die nichts gebracht haben – „mehr Konsequenz!“, „klarere Grenzen!“, „härtere Hand!“. Und plötzlich ein anderes Bild: Das Kind kämpft nicht gegen die Eltern. Es kämpft gegen seine eigene Angst. Diese Erleichterung ist für mich auch ein diagnostisches Zeichen. Sie zeigt mir, dass etwas Richtiges getroffen wurde – nicht nur eine Kategorie, sondern ein Mensch.

Was wir wirklich brauchen

Die Lösung liegt nicht im Gegentrend – nicht darin, ADHS-Diagnosen reflexartig zu verweigern oder Eltern, die eine Abklärung wünschen, schief anzusehen. Die Lösung liegt in vier strukturellen Veränderungen, die ich als dringlich erachte:

Erstens brauchen Schulen Ressourcen für individuelle Förderung auch ohne medizinische Legitimation. Solange Unterstützung nur mit Etikett kommt, werden Diagnosen als Schlüssel benutzt – egal ob sie passen oder nicht.

Eine ADHS-Diagnose, die in einem einzigen Gespräch gestellt wird, ist keine Diagnose – sie ist ein Stempel.

Zweitens brauchen wir mehr diagnostische Sorgfalt und Zeit. Eine ADHS-Diagnose, die in einem einzigen Gespräch gestellt wird, ist keine Diagnose – sie ist ein Stempel. Differentialdiagnostik braucht Zeit, mehrere Perspektiven und die Bereitschaft, auch unbequeme Alternativen in Betracht zu ziehen.

Drittens brauchen wir mehr Wissen über jene Profile, die hinter ADHS-ähnlichen Symptomen stecken können – insbesondere im Autismus-Spektrum. Österreich ist hier im internationalen Vergleich deutlich im Rückstand. Und viertens – das ist mir wichtig – brauchen wir Fachleute, die bereit sind, mit Unsicherheit umzugehen. Die sagen können: „Ich weiß es noch nicht. Lass uns beobachten.“ Denn manchmal ist das der ehrlichste und hilfreichste Ratschlag, den wir geben können.

Ich bin seit Jahrzehnten in diesem Feld tätig und habe viele Moden kommen und gehen sehen. ADHS als Überdiagnose ist eine Realität – aber sie ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Die richtige Diagnose lautet: Wir haben ein System, das Individualität nicht aushält, solange sie kein Etikett trägt.

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