Der Preis der Spaltung

Da die „Autofahrer“, dort die „Klimakleber“ und so weiter. An unsere gespaltene Gegenwart haben wir uns gewöhnt. Doch die politischen Risiken sind groß. Einsichten aus der Politikwissenschaft.

Auto gegen Klima. Aktivisten von „Extinction Rebellion“ blockieren im April 2024 ein Straße in Den Hag und fordern einen Stopp für fossile Subventionen. Auf dem Bild ist zentral ein Polzeipferd zu sehen, das die auf dem Boden sitzenden Demonstranten und Demonstrantinnen von den beiden Autos trennt, die im Vordergrund des Bildes mit ihren Kühlern zu sehen sind. Zwei Polizisten stehen ebenfalls auf dem Fußgängerübergang auf dem die Demonstranten sitzen. Das Bild gehört zu einem Beitrag über affektive Polarisierung der österreichischen Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack. Der Beitrag ist Teil eines Dossiers über die Ursachen von Polarisierung, unter anderem wird beleuchtet, wie das Smartphone und die stärkere Vernetzung durch Social Media wirken, wie der Rückzug in möglichst homogene Gruppen Polarisierung verstärkt und warum antidemokratischer Extremismus und Populismus besonders gut in polarisierten Gesellschaften wirkt.
Auto gegen Klima. Aktivisten von „Extinction Rebellion“ blockieren im April 2024 ein Straße in Den Hag und fordern einen Stopp für fossile Subventionen. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Affektive Polarisierung. Mit Meinungen und Sachfragen haben die Spaltungsprozesse der Gegenwart wenig zu tun. Es geht um Zugehörigkeit und Ablehnung.
  • Ausbeutbare Gefühle. Weil es um Gefühle geht, nutzt die Spaltung vor allem Populisten und Extremisten – und bringt alle unter Druck, die sich um Antworten bemühen.
  • Harter Kern. Affektive Polarisierung gedeiht besonders gut, wo die wirtschaftliche Lage prekär und die Institutionen schwach sind.
  • Chance. Demokratische Politik kann die strukturellen Grundlagen der Angstgefühle adressieren und sollte wegführen vom Freund-Feind-Schema, das den Populisten nutzt.

Ja, wir sind „polarisierter“ als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Gleichzeitig ist die Alpenrepublik im internationalen Vergleich, insbesondere mit stark polarisierten Ländern wie den USA, deutlich weniger gespalten. Doch beschäftigen wir uns zunächst mit der Frage, ob Polarisierung die Gegenwart adäquat beschreibt.

Was uns spaltet

Wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Spaltung sprechen? Vollständige Polarisierung würde bedeuten, dass eine Gesellschaft in ihren Positionen und Einstellungen so weit auseinandergedriftet ist, dass es nur noch zwei Lager gibt, die an entgegengesetzten Polen existieren.

Eine solche generelle Polarisierung und Lagerbildung gibt es in der Realität kaum. Selbst klassische Theorien gesellschaftlicher Spaltung verstanden ihre Diagnosen nicht als präzise Beschreibung homogener Lager: Auch Karl Marx konzipierte die Gegenüberstellung von Klassen als theoretische Zuspitzung historischer Konfliktlinien und nicht als präzise Gegenwartsdiagnose.

In hochgradig ausdifferenzierten und individualisierten Gesellschaften, wie wir sie heute in Europa haben, kommt noch dazu, dass strukturelle Unterschiede nicht automatisch ideologische Differenzen bedeuten: Wer ökonomisch gut dasteht, ist beispielsweise nicht immer ein Globalisierungsbefürworter; wer ökonomisch schlechter gestellt ist, nicht immer globalisierungskritisch. Entsprechend lassen sich auch extreme politische Einstellungen in allen Einkommensschichten finden.

Auch Versuche einer eindeutigen Clusterbildung stoßen schnell an ihre Grenzen: Wer Zuwanderung positiv bewertet und gesellschaftliche Öffnung befürwortet, kann zugleich die Gleichstellung der Geschlechter ablehnen oder finden, dass es kein sprachliches Gendern braucht. Empirische Studien zeigen auch, dass inhaltliche Positionen nicht zuverlässig entlang von Parteienpräferenzen verlaufen. In Österreich gibt es etwa eine breite Unterstützung für eine stärkere Besteuerung großer Vermögen zur Reduktion sozialer Ungleichheit, die sich auch über parteipolitische Grenzen hinweg erstreckt.

Ist Polarisierung also Einbildung?

Spaltung voller Gefühl

Unser Problem ist ein anderes: Neben der beschriebenen ideologischen Polarisierung spricht die Politikwissenschaft auch von der „affektiven Polarisierung“.

Diese Diagnose kommt der gefühlten Realität etwas näher, weil es dabei nicht um politische Einstellungen und inhaltliche Diskrepanzen allein geht, sondern um die Gefühle, die Menschen Gruppen entgegenbringen, die sie als „anders“ wahrnehmen. Affektiv polarisiert ist eine Gesellschaft dann, wenn gesellschaftliche Gruppen einander stark ablehnend gegenüberstehen. Bei solchen Freund-Feind-Deutungen treten Sachfragen oft in den Hintergrund; ausschlaggebend ist vielmehr die tatsächliche oder zugeschriebene Haltung der jeweils anderen Gruppe.

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Zahlen & Fakten

Eine Menschenkette für die Demokratie in der Nähe von Dresden im Dezember 1989. Im Vordergrund der Schwarz-Weiß-Aufnahme ist ein kleiner Hund zu sehen. Die Menschen halten sich an den Händen. Manche lächeln in die Kamera. Der Osten Deutschland gilt medial als Hochburg der AfD. Doch der Eindruck täuscht. Demokratische Kräfte und die demokratische Zivilgesellschaft sind medial unterrepräsentiert. Das Bild ist Teil eines Beitrags über affektive Polarisierung. Die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack zeigt darin, dass Analysen, die nur die geäußerten Meinungen von Personen betrachten, unterschlagen, was Polarisierung ausmacht: starke Gefühle des Bedrohtseins, Abstiegsängste und den (aggressiven) Willen zur Abgrenzung vom „Anderen“. Der Beitrag ist Teil eines Dossiers über die Ursachen von Polarisierung, unter anderem wird beleuchtet, wie das Smartphone und die stärkere Vernetzung durch Social Media wirken, wie der Rückzug in möglichst homogene Gruppen Polarisierung verstärkt und warum antidemokratischer Extremismus und Populismus besonders gut in polarisierten Gesellschaften wirkt.
Eine Menschenkette für die Demokratie in der Nähe von Dresden im Dezember 1989. © Getty Images

I. Mythos oder nicht? „Brauner“ Osten, demokratischer Westen

Ein Mythos. Die AfD legt nicht nur im Osten Deutschlands zu; die größten Zugewinne hatte sie bei den letzten Bundestags­wahlen im Westen. Vor allem das Umland der Städte wählt zunehmend rechts, so eine Studie der Uni Tübingen. In Ostdeutschland ist allerdings das Misstrauen gegenüber Medien ausgeprägter als im Westen, und 85 Prozent der für den jährlichen „Sachsen-Monitor“ befragten Personen gaben an, sie misstrauten den Parteien, 44 Prozent den Gerichten. Zum Vergleich: In Bayern
haben 54 Prozent „wenig oder gar kein Vertrauen“ zu Parteien, 25 Prozent keines zur Justiz.

Weitere Mythen finden Sie in den anderen Beiträgen in unserem Polarisierungs-Dossier „Zerreißproben“.

Empirische Studien zeigen, dass sich Anzeichen affektiver Polarisierung seit der Covid-19-Pandemie in vielen Ländern verstärkt haben und auch in Österreich beobachtbar sind. Verstärkt wird diese Dynamik durch 
populistische politische Akteure, die strukturell davon profitieren, gesellschaftliche Konflikte entlang eines Freund-Feind-Schemas zu deuten.

Populismus – verstanden als das Ausspielen der vermeintlich „normalen“ Bevölkerung gegen eine als illegitim markierte „Elite“ oder Gruppe – lebt davon, Emotionen zu mobilisieren und unterschiedliche Teile der Gesellschaft gegeneinander in Stellung zu bringen. Wie etwa die Diskursforscherin Ruth Wodak in ihren Arbeiten zeigt, geht es dabei weniger um konkrete Politikangebote als um die Herstellung stabiler Zugehörigkeits- und Abgrenzungslinien, die eine solche affektive Polarisierung langfristig verfestigen können.

Erbe der Pandemie

Die Pandemie war zwar nicht die Ursache dieser Entwicklung, hat jedoch bestehende Spaltungen sichtbarer gemacht und verstärkt. Die Konflikte, die sich in der Corona-Zeit an Themen wie dem Impfen entzündeten, haben dazu beigetragen, dass öffentliche Debatten heute stärker vom Freund-Feind-Schema geprägt sind.

Polarisierung äußert sich auch in Österreich vor allem auf der affektiven, also der Gefühlsebene: Während Meinungsumfragen und andere empirische Studien auf eine zunehmende Fragmentierung und den Zerfall traditioneller politischer Zuordnungen hinweisen, zeigen sie zugleich, dass in vielen Sachfragen weiterhin erhebliche Übereinstimmungen bestehen. Trotzdem dominiert das Gefühl, die Gesellschaft sei tief gespalten. In Deutschland beschreiben rund vier Fünftel der Bevölkerung das Land als polarisiert; auch in Österreich ist diese Wahrnehmung stark verbreitet. Sie ist ein zentraler Bestandteil der gegenwärtigen Krisenerfahrung und bildet den Hintergrund für Dynamiken, die sich im Zuge der Pandemie weiter verfestigt haben.

Da ist zum einen das Misstrauen gegenüber Eliten und Experten, das in der Pandemie dadurch bedient wurde, dass Betroffene – etwa Pflegende oder Menschen mit Behinderungen – nur sehr begrenzt in beratende Gremien und Entscheidungsprozesse einbezogen wurden. Der autoritäre Populismus konnte ein reales Repräsentationsproblem als „Zwang“ und „Expertokratie“ in ein „wir gegen die da oben“ umdeuten und hat dabei auch die Art der politischen Kommunikation verändert.

Ein zweiter Aspekt ist das Gefühl der Bedrohung. Eine Pandemie ist zweifelsohne für sich genommen bereits bedrohlich, aber Bedrohungsgefühle wirken unabhängig von ihrem Realitätsgehalt polarisierungsfördernd im Sinne des Freund-Feind-Schemas und sind daher politisch besonders leicht auszubeuten.

Die Moralisierung des politischen Diskurses ist ein dritter Aspekt. Moralisierung verstärkt affektive Polarisierung, weil sie Kompromisssuche erschwert: Sobald politische Themen moralisch aufgeladen sind, tritt das sachliche Argument in den Hintergrund. Es ist leichter, etwas aus vorgeblich moralischen Gründen abzulehnen, als ein Argument sachlich zu entkräften.

So ging es bei den Impfdebatten in der Corona-Zeit weniger um die Wirksamkeit von Impfstoffen als darum, dass Impfen – spätestens seit der Debatte um die Impfpflicht – als Symbol staatlichen Zwangs gesehen wurde. Die teils mangelnde Transparenz politischer Entscheidungsprozesse machte diese zudem anfällig für Verschwörungsdeutungen.

Als affektive Lagerbildung entfaltet Polarisierung eine für demokratische Gesellschaften problematische Wirkung: Ausgrenzung. Abgelehnt werden nicht Argumente, sondern Personengruppen. Das ist der Ausgangspunkt für die Frage, wo wir heute stehen.

Rückzug ins eigene Lager

Ökonomische Krisen, Abstiegsängste und die Sorge um Statusverlust gelten in der Forschung als wichtige Hintergrundfaktoren politischer Polarisierung – allerdings nicht als deren alleinige oder unmittelbare Ursache. In Österreich etwa hielten 2023 laut Demokratiemonitor 71 Prozent der Bevölkerung die Vermögens- und Einkommensverteilung für ungerecht.

Dazu kommt die in unserem Land weit verbreitete Wahrnehmung, dass gesellschaftlicher Wohlstand nicht mehr wächst, sondern knapper wird. An die Stelle der früher verbreiteten Erwartung, dass es der nächsten Generation besser gehen werde, ist bei vielen die Sorge getreten, dass sich die Lebensbedingungen künftig weiter verschlechtern könnten.

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Zahlen & Fakten

Aufnahme einer Person im schwarzen Mantel, blauer Jeans und Turnschuhen, die sich vom Fotografierenden weg bewegend einen Karton mit der Aufschrift „Töchter für ein buntes Stadtbild“ in der rechten Hand hält. Das Foto stammt von einer Demo im November 2025 in München. Das Plakat bezieht sich auf eine polarisierende Aussage des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, der bei einer Pressekonferenz in Bezug auf Migrantinnen und Migranten und Abschiebungen zuvor gesagt hatte, „jetzt haben wir immer noch dieses Problem im Stadtbild“. Er hatte später diese Äußerung nicht zurückgenommen, sondern mit den Worten „fragen Sie mal Ihre Töchter“ insinuiert, dass (männliche) Migranten in Städten (nicht migrantische) Frauen belästigen würden. In der Folge kam es in zahlreichen Städten in Deutschland zu Demonstrationen gegen Merz. Das Foto ist Teil eines Beitrags über affektive Polarisierung von der Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack. Der Beitrag ist Teil eines Dossiers über die Ursachen von Polarisierung, unter anderem wird beleuchtet, wie das Smartphone und die stärkere Vernetzung durch Social Media wirken, wie der Rückzug in möglichst homogene Gruppen Polarisierung verstärkt und warum antidemokratischer Extremismus und Populismus besonders gut in polarisierten Gesellschaften wirkt.
Auf einer Demonstration München im November 2025. © Getty Images

II. Mythos oder nicht? Stadt versus Land

Kein Mythos. Der Gegensatz von Stadt und Land ist für den Politikwissenschaftler Lukas Haffert die Konfliktlinie der Gegenwart schlechthin. Seine Studie zeigt: In allen westlichen Demokratien entwickeln sich Stadt und Land seit den 1980er-Jahren immer mehr auseinander. „Schuld“ sind die Städte: Sie profitierten von der Wissensökonomie, wurden internationaler und liberaler. So zeigt das stark divergierende Wahlverhalten von Städtern und Ländlern, schreibt Haffert, keine gegensätzlichen Einstellungen oder Interessen, sondern Kämpfe um Identität und gesellschaftliche Anerkennung. Der Stadt-Land-Gegensatz findet sich auch innerhalb von Städten zwischen Zentrum und Umland.

Weitere Mythen finden Sie in den anderen Beiträgen in unserem Polarisierungs-Dossier „Zerreißproben“.

Diese Abstiegs- und Unsicherheitsgefühle erhöhen die Anfälligkeit für Vereinfachungen und für den Rückzug in als homogen wahrgenommene Gruppen. Und sie führen zu einem Vertrauensverlust gegenüber den Regierenden. Laut Demokratiemonitor ist in Österreich der Anteil jener, die das Funktionieren des politischen Systems positiv bewerten, seit 2020 stark gesunken – von rund zwei Dritteln auf etwa 35 Prozent im letzten Jahr. Menschen mit geringerem Einkommen und niedrigem Bildungsabschluss äußern tendenziell weniger Vertrauen in öffentliche Institutionen und geringere Zufriedenheit mit dem politischen System als Personen mit höherem Einkommen und höherem Bildungsniveau.

Gleichzeitig verläuft die verstärkte affektive Polarisierung – das gesteigerte Erregungspotenzial bestimmter Themen – quer zu traditionellen „klassenspezifischen“ Ungleichheiten. Affektiv polarisiert wird es in Österreich – wie in Deutschland übrigens auch – besonders dort, wo es um Fragen wie Zugehörigkeit, Lebensweise und Zukunftsperspektiven geht: etwa bei den Themen Zuwanderung und Klima.

Nullsummenlogik

Warum gerade diese Themen eine solche polarisierende Wirkung entfalten, ist weniger durch Sachkonflikte zu erklären als durch ihre symbolische Aufladung. Entsprechende Umfragen zeigen in Österreich wie in Deutschland zwar Unterschiede nach Geschlecht und Alter; Effekte des Bildungsniveaus sind hingegen schwächer ausgeprägt und fallen je nach Thema uneinheitlich aus

Migration und Klima sind zwei Themen, anhand derer sich leichter als bei anderen Fragen Gruppen konstruieren lassen. Sie eignen sich damit gut für die Logik eines Nullsummendenkens, das von vielen politischen Akteuren quer durch alle Lager vertreten wird: Bei diesem Denken wird davon ausgegangen, dass jede Verbesserung für eine Gruppe notwendig zu einer Verschlechterung der Bedingungen für eine andere führt.

Manchmal sind solche Nullsummeneffekte unvermeidlich – etwa bei Nutzungskonflikten mit Landwirtschaft, Naturschutz oder Wohnbau durch den Ausbau erneuerbarer Energien auf begrenzten Flächen. Solche Konflikte sind ohne Verluste für irgendjemanden nicht auflösbar: Die eine Nutzung geht zu Lasten einer anderen.

Häufig sind vermeintliche Nullsummensituationen jedoch das Ergebnis politischer Entscheidungen darüber, wie Lasten und Chancen verteilt, wie Einnahmen generiert und wie langfristige Investitionen organisiert werden. Das könnte man ändern, wenn man wollte.

Bei Themen wie Migration und Klima können populistische Kräfte in der Nullsummenlogik die „Klimakleber“ oder die „Veganer“ gegen die „Normalbürger“ oder die „Autofahrer“ ausspielen. Ausgaben für Klimaschutz gehen dann zu Lasten der Pendler oder „der Wirtschaft“, Ausgaben für Integration zu Lasten der „einheimischen“ Bevölkerung oder der Pensionisten.

Die Nullsummenlogik schafft so einen fruchtbaren Boden, um Gesellschaften nach Gruppen auseinanderzudividieren: Wo politische Maßnahmen ausschließlich als Ausdruck des Lebensstils einiger weniger oder moralischer Überlegenheit erscheinen, wird die Vorstellung gemeinsamer Gewinne – etwa durch besseren Klimaschutz oder gelingende Inklusion – undenkbar.

Der Diskurs geht damit weg von Sachfragen: Nicht die Maßnahme selbst, sondern ihre affektive Bedeutung als „Gruppenprojekt“ steht dann im Zentrum der Auseinandersetzung.

Krisenverstärker

Insgesamt bestätigt sich, dass affektive Polarisierung nicht automatisch aus Krisen oder Ungleichheiten entsteht. Solche Entwicklungen – wie etwa wirtschaftliche Unsicherheit, institutionelle Schwächen oder gesellschaftliche Umbrüche – schaffen eher den Nährboden. Affektive Polarisierung braucht zusätzliche emotionale Verstärker und politische Deutungsrahmen, die das Erregungspotenzial bestimmter Themen gezielt erhöhen.

Nun ist affektive Polarisierung per se nicht bedrohlich für Demokratien, wenn sich die polarisierenden Konflikte auf friedlichem Wege lösen lassen. Politische Konflikte sind schließlich immer auch emotional, und grundsätzlich lässt sich jedes Thema affektiv aufladen.

Problematisch wird es jedoch, wenn politische Kommunikation entstehende Affekte systematisch instrumentalisiert und gesellschaftliche Gruppen entlang der Nullsummenlogik gegeneinander ausspielt. In solchen Konstellationen tritt die Auseinandersetzung über Lösungen in den Hintergrund, während Identität, Zugehörigkeit und Abwertung dominieren.

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Conclusio

Schieflage. Ökonomische Ungleichheit wird oft als Ursache von Polarisierung gesehen. Soziale Probleme begünstigen zwar das Auseinanderdriften in gegensätzliche Lager, erklären es aber nicht. Polarisierung ist ein politischer Prozess.


Stillstand. Das Freund-Feind-Schema kennzeichnet vielfach den heutigen politischen Diskurs. Das damit verbundene Ausspielen einer Gruppe gegen eine andere ersetzt die Auseinandersetzung 
mit Sachfragen und Argumenten.

Stolperstein. Affektive Polarisierung ist ein Problem für demokratische Prozesse, die versuchen müssen, längerfristig tragfähige Lösungen zu finden. Politik sollte daher nicht auf die Instrumentalisierung von Gefühlen setzen.

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