„Game of Thrones“ am Affenberg
Lena Pflüger möchte am Kärntner Affenberg das komplexe Sozialverhalten der dort lebenden Japanmakaken besser verstehen.

„Hallo Double U!“ „Ah, da ist der Kuddl Muddl.“ Für die meisten ist der Affenberg bei Villach ein Ausflugsziel, das 150.000 Menschen pro Jahr anzieht. 188 Japanmakaken leben dort ganz in der Nähe der Burg Landskron auf 4,5 Hektar, nahezu wie in freier Wildbahn. Für Lena Pflüger ist er viel mehr. Seit über zehn Jahren forscht sie am Affenberg, verbringt ihre Tage damit, sie zu beobachten. Fast alle Affen kennt sie beim Namen.
Mehr Forschungsreisen
Der Affenberg existiert seit 1996, anfangs war er wirklich nur als Touristenmagnet gedacht. Das funktionierte auch bestens, abseits eines kleinen Hoppala ganz zu Beginn. „Wir hatten einen Experten aus Japan da, der uns geraten hat, alle Affen gleichzeitig auszulassen“, erzählt Svenja Gaubatz, Geschäftsführerin des Affenbergs. „Leider haben wir auf ihn gehört.“ Die damals 39 Affen erkundeten ihre neue Umgebung, fanden heraus, dass der Zaun defekt ist – und brachen allesamt aus. Sechs Wochen dauerte es, bis die Affen alle wieder im Gehege waren. Denn Affen sind kluge Tiere: „Eine Methode, einen Affen einzufangen, funktioniert genau einmal. Der Rest weiß dann Bescheid“, sagt Gaubatz.
Strikte Rangordnung
Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung befand sie schnell, dass der Affenberg mehr sein sollte als nur eine Attraktion. Ein Ort der Forschung nämlich. Um die Affen und ihr Verhalten besser zu verstehen. Die Japanmakaken – auch Schneeaffen genannt – leben hier frei, aber trotzdem umzäunt. Ideale Bedingungen, um sie zu erforschen. Gaubatz bemühte sich darum, dass am Affenberg eine Außenstelle der Universität Wien entstand, geleitet wird sie seit 2019 von der Biologin Lena Pflüger.

Und wären da nicht die anderen Besucher, man würde sich wirklich fühlen, als wäre man zufällig im Wald über eine Gruppe Japanmakaken gestolpert. Manche von ihnen schauen neugierig, andere ignorieren die Besucher. Hin und wieder spaziert ein Weibchen vorbei, an dessen Bauch sich ein kleiner Babyaffe geklammert hat, dann wieder hört man großes Gekreische, wenn es einen Streit unter den Affen gibt. Besonders stolz sind die Affen gerade auf eine Plastikflasche, die sie heute von einem Besucher stibitzt haben.
Viele Jahre verlief das Leben am Affenberg gemächlich: „Streit gehört bei den Japanmakaken immer dazu, aber grundsätzlich sind sie despotisch organisiert: Es gibt eine strikte Rangordnung“, erklärt Pflüger. Eine Gruppe Japanmakaken hat ein Alphamännchen und ein Alphaweibchen, unterstützt von einem Netzwerk älterer, erfahrener Tiere. Wenn der oder die Oberste stirbt, rückt die Nummer zwei nach. So weit, so simpel.
Eine potenzielle Katastrophe
Bis dann im Frühling 2020 etwas komplett Unerwartetes geschah, das alles auf den Kopf stellte: Die Gruppe Affen spaltete sich. Von heute auf morgen. Es war eine potenzielle Katastrophe, denn Rivalitäten und Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Japanmakaken sind keine Seltenheit. Zusätzlich war eine räumliche Trennung nur bedingt möglich. „Wir haben binnen weniger Tage einen Zaun im Gelände aufgestellt, damit sich die Gruppen aus dem Weg gehen können“, erzählt Svenja Gaubatz. Für die Forscher am Affenberg war es auch die Erkenntnis, dass sie noch viel zu wenig über das Sozial- und Gruppenverhalten der Affen wissen oder wie sie es gerne nennen: Das Game of Thrones am Affenberg.

Es war diese Spaltung, die letztlich zu einem neuen Projekt führte: dem Smart Monkey Lab. Denn die Beobachtung der Affen durch die Forscher hat ihre Grenzen. Einerseits personell, andererseits sehen Menschen auch nicht alles. Über zwanzig Jahre lang, erzählt Roy Hammer lachend, habe man beispielsweise den Besuchern einen falschen Schlafplatz der Affen vermittelt – weil man es eben nicht besser wusste.
FaceID für Affen
„Sie klettern zwar an einem Ort bis zu 30 Meter hoch in die Bäume, schlafen dann aber auf anderen Bäumen“, sagt Hammer, der als Doktorand beim Smart Monkey Lab arbeitet. Die Forscher wissen das jetzt dank einer Drohne mit Temperaturerkennung, die nachts fliegt, wenn die Affen schlafen. Technologische Innovation – in Kooperation mit der FH Kärnten – ist eine von drei Säulen des Smart Monkey Lab.

Die anderen beiden sind Grundlagenforschung, eben die Gruppendynamik unter den Affen besser zu verstehen, und Wissenschaftskommunikation mit den Besuchern des Affenbergs. Die Säulen greifen natürlich ineinander: Eine KI etwa lernt gerade, die Affen voneinander zu unterscheiden und sie zu identifizieren. „Wir trainieren sie mit Videoaufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und auch aus unterschiedlichen Jahreszeiten, weil die Tiere im Winter ein dickes Fell haben und ganz anders aussehen“, sagt Pflüger.
30 bis 40 Tiere kann die KI mittlerweile mit einer Trefferquote von 95 Prozent erkennen. Irgendwann, so der Plan, soll die KI wiederum den Besuchern des Affenbergs helfen, die Tiere auseinander zu halten: „Wenn die Besucher die Affen mittels Gesichtserkennung identifizieren können und wissen, welche drei Affen da nebeneinandersitzen, hilft uns das wiederum, die Netzwerke der Affen besser zu verstehen“, sagt sie.
An die Spitze katapultiert
Und die Gruppentrennung, die das alles ins Leben rief? War letztlich gar nicht so schlimm. Einige Wochen später waren die beiden Gruppen wieder vereint. Was höchstwahrscheinlich passierte: Pauli, das gealterte Alphamännchen, verstand, dass es nicht mehr die Kraft hatte, die Gruppe zu führen und zog sich zurück. „Er hat vermutlich beschlossen, er geht jetzt in Pension“, erklärt Pflüger. Bloß haben das nicht alle Affen verstanden. Rund 50 von ihnen zogen sich mit ihm zurück und sahen ihn immer noch als Anführer. Erst nach und nach kehrten sie zur anderen Gruppe zurück.

Die hatte indessen andere Probleme: Spooky, der neue Alpha, wurde unerwartet an die Spitze katapultiert, war jung und unerfahren, hatte kein Netzwerk. „Man hat ihm richtig angesehen, wie sehr ihm das zugesetzt hat. Er war gestresst, hat viel geschlafen, war wahllos aggressiv. Ich habe ehrlich gesagt nicht gedacht, dass er sich etablieren kann“, sagt Pflüger. Es gelang ihm doch und ein paar Jahre später sitzt er entspannt am Wegesrand und knabbert gemütlich an einer Karotte. Niemand zweifelt seine Autorität an. Zumindest bis er alt genug ist, selbst abgelöst zu werden.
Über diese Serie
Unter dem Titel „Forschungsreisen“ präsentieren wir spannende Forschungsprojekte aus ganz Österreich. Der Pragmaticus war bereits zu Gast bei Peter Turchin vom Complexity Hub, der die USA vor einem Bürgerkrieg sieht, hat mit Johannes Fritz den Waldrappen Fliegen gelehrt und sich von Katharina Unger erklären lassen, warum Insekten das Protein der Zukunft sind. Alle Forschungsreisen können Sie hier nachlesen.
