Chinas Suche nach dem Superhirn

Chinesische Forscher arbeiten an einer Fusion aus natürlicher und künstlicher Intelligenz. Diese „Artificial General Intelligence“ (AGI) soll ähnlich wie das Gehirn eines Menschen funktionieren – und der Volksrepublik die globale Vorherrschaft sichern.

Illustration eines Roboters mit Artificial General Intelligence (AGI).
Verschmelzung von Mensch und Maschine: China arbeitet mit Hochdruck an einer „Artificial General Intelligence“, die dem menschlichen Gehirn ähnelt – und als strategische Schlüsseltechnologie globale Macht verschieben könnte. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Strategiewechsel. China verabschiedet sich von westlichen KI-Modellen und setzt auf Artificial General Intelligence, die menschliches Denken nachahmen soll.
  • Machtprojekt. AGI gilt in Peking als Schlüsseltechnologie, um wirtschaftliche Dominanz zu erlangen und militärische Überlegenheit abzusichern.
  • Verschmelzung. Mit Gehirn-Computer-Schnittstellen und neuro-inspirierter KI treibt China die Fusion von Mensch und Maschine voran.
  • Gefahr für den Westen. Eigenständige Forschungsansätze und zentrale Steuerung könnten Chinas Durchbrüche beschleunigen und die westliche KI-Führung bedrohen.

Geht es um Künstliche Intelligenz, denken die meisten Menschen wohl an das kalifornische Silicon Valley. Dort wird an Computern und Programmen gearbeitet, die besser, schneller und präziser arbeiten sollen als das menschliche Gehirn – und unsere Geisteskraft damit eines Tages ersetzen könnten.

Dass auch China sehr erfolgreich in diesem Bereich tätig ist, hatte der Rest der Welt lange kaum auf dem Radar. Erst der Durchbruch von DeepSeek im Frühjahr 2025 rückte die Volksrepublik ins globale Rampenlicht. Aber die chinesischen Hightech-Unternehmen verfolgen ein anderes Ziel als jene im Westen.

DeepSeek ist ein sogenanntes Large Language Model (LLM), das wie ChatGPT mit riesigen Datenmengen arbeitet. Teilweise werden damit beachtliche Erfolge erzielt. Doch die meisten chinesischen Forscher sehen darin nicht die Zukunft. Führende Wissenschaftler, wie etwa Zhang Bo, der „Vater der KI“ in China, halten diesen Weg sogar für eine Sackgasse. Die Volksrepublik setzt vielmehr auf Artificial General Intelligence (AGI), die in einer „Fusion“ aus menschlicher und künstlicher Intelligenz gesehen wird und dem menschlichen Gehirn ähnlich ist. Anders formuliert: China sucht, anders als der Westen, nach einer weniger künstlichen Intelligenz.

Geheimwaffe AGI

Dieser Forschungszweig genießt in China höchste politische Priorität. Soll es mit dieser Schlüsseltechnologie doch gelingen, die USA wirtschaftlich zu überholen und im Konfliktfall militärisch zu besiegen. AGI gilt als Geheimwaffe (shashoujian), die dem Land den „Chinesischen Traum des nationalen Wiederaufstieges“ zur führenden Nation, laut Plan bis 2049, ermöglichen soll.

Die Diskussion darüber spart daher nicht mit Pathos: Die Suche nach der AGI wird mit den Anstrengungen des ersten Zwölfjahresplans (1956-1967) verglichen, der später als der „zwei Bomben und ein Satellit“ (liang dan yi xing) - Plan in die Geschichte einging. Er hat dem Land zur Entwicklung der ersten Atombombe, der Wasserstoffbombe und des ersten Satelliten, verholfen.

AGI gilt als Geheimwaffe, die dem Land den ‚Chinesischen Traum des nationalen Wiederaufstieges‘ zur führenden Nation, laut Plan bis 2049, ermöglichen soll.

Eine entscheidende Wegmarke in der AGI-Forschung ist der im Juli 2017 verabschiedete „Nationale Aktionsplan für KI“. Er betont eine dreistufige Entwicklung mit dem selbstbewussten Ziel, das Land bis 2030 zu globaler Hegemonie im Bereich KI zu führen. Dabei werden Forschungszweige an der Schnittstelle zu den Neurowissenschaften eindeutig priorisiert. Ein Detail, das in der westlichen Diskussion meist übersehen wird.

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Zahlen & Fakten

Seit ein paar Jahren wird die noch auf Mao zurückgehende Idee der Massenmobilisierung zur Erreichung staatlicher Ziele wieder artikuliert. Natürlich in einer modernisierten Form, als „New National System“. Sämtlichen Akteuren soll damit klargemacht werden, dass die Synchronisierung von Unternehmenszielen mit den ideologischen Vorgaben der Partei äußerst erwünscht ist.

Zusätzlich wurde im Frühling 2023 das Ministerium für Wissenschaft und Technologie teilweise entmachtet und dessen Kompetenzen der Central Science and Technology Commission (CSTC) unterstellt. Diese Kommission steht unter dem Vorsitz von Vize-Premier Ding Xuexiang.

Mit Hochdruck widmet sich China der Entwicklung von „Gehirn-Computer Schnittstellen (GCS)“. Also von Geräten, die eine direkte Kommunikation zwischen dem menschlichen Nervensystem und einem Computer ermöglichen – in beide Richtungen. Erste Versuche reichen bis in die 1970er Jahre zurück. Der „Popstar“ in der GCS-Forschung ist das Qiyuan Lab in Peking. Es unterhält intensive Kontakte zum Harbin Institute of Technology, eine der „Seven Sons of National Defense“-Universitäten. Die Nähe zum Verteidigungssektor zeigt sich auch darin, dass Generalmajor Liao Xiangke die Leitung übernommen hat.

Mit dieser Schlüsseltechnologie soll es gelingen, die USA wirtschaftlich zu überholen und im Konfliktfall militärisch zu besiegen.

Im Juli dieses Jahres setzte ein Konsortium unter Führung des Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie (MIIT), der Nationalen Gesundheitskommission und der CAS einen weiteren Entwicklungsschritt: Ein Umsetzungsplan wurde verabschiedet, der in 17 konkreten Schritten den Weg in die Serienproduktion bis 2030 aufzeigt – von besseren Chips und leistungsfähigerer Software, um Signale aus dem Gehirn besser zu verstehen, über Standardisierungsprozesse, bis hin zum Aufbau einer Serienproduktion. Man möchte an den Erfolg des Beinao-1“-Chip anknüpfen, der vom Chinese Institute for Brain Research entwickelt und bisher in sechs Personen implantiert wurde.

„Neuro-Inspirierte KI“ (NI-KI) ist ein weiterer Forschungszweig, auf den die Chinesen setzen. NI-KI sucht nach mathematischen Beschreibungen, um Prozesse im Gehirn zu reproduzieren und damit KI-Anwendungen ohne „Big Data“ zu ermöglichen.

Seit 2002 wird an der Jiao Tong Universität in Shanghai dazu geforscht. Weitere Meilensteine sind die Errichtung des Center for Brain-Inspired Computing Research an der Tsinghua Universität im Jahr 2014 sowie die Gründung der herausragenden Beijing Academy of Artificial Intelligence (BAAI) vier Jahre später. Unter der Führung von Huang Tiejun werden dort Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaften und Informationswissenschaften integriert.

Eng verbunden damit ist die Konnektomik, die auch als „Gehirn-Mapping“ bezeichnet wird. Sie bemüht sich um den Nachbau der Struktur oder zumindest von Teilfunktionen neuronaler Prozesse. Ein anderes Konzept als bei NI-KI, allerdings mit dem gleichen Ziel, Gehirnfunktionen zu reproduzieren.

Der Westen hat sich lange darauf verlassen, dass die Forschung der USA meilenweit vorne liege. Aber das ist, wie so oft bei Technologien, nur eine Definitionsfrage. Wenn es Peking gelingt, auf dem eigenständigen Weg im Bereich neuromorpher KI ernsthafte Durchbrüche zu erzielen, ist die westliche Führung tatsächlich gefährdet.

Noch dazu hat China einen Wettbewerbsvorteil durch sein ethisch-philosophisches Weltbild, dass den Menschen nicht in den Mittelpunkt rückt. Es stellt die aus westlicher Sicht provokante Frage: Was soll falsch daran sein, mit einer Superintelligenz zu koexistieren?

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Conclusio

Weniger Intelligenz. Während der Westen auf Large Language Models wie ChatGPT setzt, konzentriert sich China auf Artificial General Intelligence (AGI), die menschliche und künstliche Intelligenz miteinander verschmelzen soll. Ziel ist eine weniger künstliche Intelligenz, die dem menschlichen Gehirn ähnelt und langfristig überlegen sein könnte.

Mehr Macht. AGI-Forschung genießt höchste staatliche Förderung in China und wird als Schlüsseltechnologie für wirtschaftliche Dominanz und militärische Überlegenheit betrachtet. Neben der Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen treibt die Regierung Chip-Projekte und „neuro-inspirierte KI“ voran.

Neue Dominanz. China kombiniert KI mit Neurowissenschaften und verfolgt eigenständige Ansätze wie Gehirn-Mapping und neuromorphe KI. Dank seiner zentralisierten Organisation und anderer ethischer Ansätze könnte China weitreichende Durchbrüche erzielen und die westliche Vorherrschaft in der KI-Forschung bedrohen.

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