Wer war Agnes Dürer wirklich?

Agnes Dürer nutzt die Freiheiten ihrer Zeit und sichert als Unternehmerin den kommerziellen Erfolg ihres Mannes Albrecht Dürer. Höchste Zeit, den schlechten Ruf, der ihr trotzdem vorauseilt, zu hinterfragen.

Agnes Dürer (1475–1539) Ihre Ehe mit Albrecht war von den Eltern arrangiert – und funktioniert: Er schafft Kunst, sie lenkt den Familienbetrieb.
Agnes Dürer (1475–1539) Ihre Ehe mit Albrecht war von den Eltern arrangiert – und funktioniert: Er schafft Kunst, sie lenkt den Familienbetrieb. © APA-Images / akg-images

Zwei Unternehmerfrauen, die einem der großen Künstler­genies mit Intelligenz und Tüchtigkeit den Weg ebneten: Agnes, Ehefrau des berühmtesten Künstlers der deutschen Renaissance, Albrecht Dürer, und seine Mutter Barbara. Wir wissen nicht viel über sie – und was wir über Agnes zu wissen glauben, ist wahrscheinlich falsch. Über ihre Rolle als Unternehmerin haben nur wenige geschrieben. Dafür gibt es eine Flut an Lite­ratur über die angeblich „böse Agnes“, die ihren sanftmütigen Ehemann sogar in den frühen Tod getrieben haben soll.

Der Ursprung dieser Geschichte liegt in einem Brief des Künstlers, Kunstsammlers und Politikers Willibald Pirckheimer (1470–1530). Der ist mit den Dürers bestens befreundet. Zwei Jahre nach Albrechts Tod schreibt Pirckheimer an einen Bekannten und lässt sich in zwei langen Absätzen über Agnes aus: Sie habe Albrecht Tag und Nacht zur Arbeit getrieben, damit er ihr einst mehr vererben würde. Pirckheimers Klage gipfelt in dem Satz: „In Summe ist sie allein seines Tode einzige Ursache.“ Da war sie also in der Welt, die „böse Agnes“.

In den darauffolgenden Jahrhunderten wird daraus eine kaum hinterfragte Legende. Hätte die Forschung die wesentlich reichere Quellenlage zur Unternehmerin Agnes und zu Barbara Dürer aufgearbeitet, stünden wir heute vor einem anderen Bild.

Zwei starke Familien

Agnes Frey Dürer entstammt einer angesehenen Nürnberger Familie, ihre Mutter Anna war mit der Patrizierfamilie Rummel verwandt, ihr Vater Hans Frey ein wohlhabender Kupferschmied und Lautenbauer.

Auch Albrecht ist Spross eines renommierten Clans – mit Migrationshintergrund: Sein Vater Albrecht der Ältere war aus Ungarn nach Nürnberg gekommen und arbeitete zunächst zwölf Jahre lang in der Goldschmiedewerkstatt der Familie Holper. 1467, im Alter von 40 Jahren, heiratet er Barbara, die 15 Jahre alte Tochter des Hauses. Sie bringt mit ihm achtzehn Kinder zur Welt, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreichen.

Die Ehe ist in vielen Zünften des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit eine bevorzugte oder de facto notwendige Vor­aussetzung für die Meisterschaft eines Handwerkers, weil Handwerksberufe als Familienbetriebe gedacht sind und Frauen eine anerkannte wirtschaft­liche Funktion darin ausfüllen. Das bedeutet auch, dass es in der Renaissance für Frauen Handlungsspielräume gibt, die in den Epochen danach nicht mehr so selbstverständlich sein werden. Gemeinsam erarbeiten sich Barbara und Albrecht der Ältere eine Position im höheren ­Bürgertum.

Barbara ist es, die den Betrieb führt, wenn Albrecht der Ältere unterwegs ist. So schreibt er ihr in einem langen Brief von seiner Reise zu Kaiser Friedrich III., von dem er sich neue Aufträge erhofft, dass sie doch bitte schön die Gesellen zum Fleiß anhalten solle. Außerdem ist sie es, die auf die berühmten Jahrmärkte und Messen geht, also dorthin, wo Handwerker ihre Produkte verkaufen.

Als Albrecht der Ältere im Jahr 1502 stirbt, übersiedelt Barbara in den Haushalt ihres Sohnes Albrecht und von dessen Frau Agnes. Hier hilft sie der Schwiegertochter, die Künstlerwerkstatt ihres Sohnes zum Florieren zu bringen. Agnes führt die Werkstatt, sie gilt als geschäftstüchtig und selbstbewusst. Und sie unternimmt zahlreiche Reisen, um die Werke ihres Mannes zu verkaufen – das waren Blätter und Serien, die mit der damals neuen Drucktechnik hergestellt wurden.

Im gemeinsamen Haus am Tiergärtnertorplatz in Nürnberg gibt es sogar eine eigene Druckerpresse – in etwa so innovativ wie heute ein 3D-Drucker. Agnes betreibt einen festen Stand auf dem Nürnberger Wochenmarkt, in direkter Nachbarschaft der Obst- und Gemüsehändler, und sie pendelt regelmäßig zu den großen Messen nach Leipzig und Frankfurt. Von der Frankfurter Messe im September 1505 kann sie erst nach einem halben Jahr heimkehren, vermutlich weil in Nürnberg die Pest ausgebrochen war. Auch während Albrechts Abwesenheiten, etwa bei seiner zweiten Italienreise, führt sie die Werkstatt allein.

Anerkennung von höchster Stelle

Ein besonders eindrücklicher Beleg für die zentrale unternehmerische Rolle von Agnes Dürer ist die gemeinsame Reise in die Habsburgischen Niederlande in den Jahren 1520 und 1521. Als das Ehepaar den Zoll passiert, erkennt der Zöllner Agnes, nicht aber Albrecht – offenbar, weil sie als Geschäftsfrau schon öfter diese Grenze passiert hat. Dass Kunden in Briefen an Albrecht stets Grüße an Agnes vermerken und ihr ausdrücklich danken sowie regelmäßig Geschenke machen, ist kein Zufall, sondern Folge der wichtigen Rolle, die Agnes im gemeinsamen Betrieb spielt.

Nicht zuletzt setzt sich Agnes nach Albrechts Tod 1528 weiterhin für die Verbreitung seines umfassenden Werkes ein. Als Alleinerbin führt sie den Verkauf seiner Werke weiter – und bekommt auch dafür höchste Anerkennung. Karl V. bestätigt ihre Eigentumsrechte an Dürers Buch Von menschlichen Proportionen.

Agnes überlebt ihren Mann um gut elf Jahre, in ihrem Testament verfügt sie die Weiterführung des von Al­brecht gestifteten Stipendiums für einen Theologiestudenten.

Hat nun Albrecht Dürer selbst seine Frau Agnes als so tyrannisch und geizig empfunden, wie das die Schilderung seines Freundes Pirckheimer nahelegt? Stand er unter ihrer Fuchtel, war er unglücklich? Einen Hinweis auf seine Gefühle mag eine von ihm offenbar schnell hingeworfene Zeichnung aus dem Jahre 1494 geben. Das kleine Blatt befindet sich heute in der Wiener Albertina und zeigt eine am Tisch sitzende junge Frau, die ihren Kopf aufstützt. Vom Nacken steht eine Strähne ab, ihre Augen sind geschlossen, sie döst wohl vor sich hin. Dürer schrieb unter die Skizze: „Mein Agnes“.

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