Allergie oder Einbildung?
Die Kluft zwischen selbst diagnostizierten und medizinisch bestätigten Allergien ist groß. Aber warum diagnostizieren sich Menschen selbst Allergien?

Auf den Punkt gebracht
- Selbstdiagnose. Bis zu 30 Prozent der Befragten geben an, selbst eine Lebensmittelallergie zu haben oder eine solche bei ihrem Kind zu vermuten.
- Fehlinterpretation. Viele Beschwerden können auch durch Infektionen, Erkrankungen oder andere Auslöser entstehen und werden vorschnell einem bestimmten Lebensmittel zugeschrieben.
- Aversion. Eine unangenehme Erfahrung mit einem Lebensmittel kann eine anhaltende Abneigung auslösen, bei bereits der Geruch oder Anblick Beschwerden hervorrufen.
- Stress. Angst und Stress können körperliche Symptome wie Übelkeit, Durchfall oder Hautrötungen verursachen und dadurch wie eine allergische Reaktion wirken.
Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten sind in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus geraten; Begriffe wie Gluten sind in aller Munde. Gleichzeitig hören wir überall, dass die Zahl der Menschen mit Lebensmittelallergien stark gestiegen sei, und es scheint, als säße inzwischen in jeder Schulklasse zumindest ein Kind mit einer Allergie. Dazu kommt, dass Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten ein breites Spektrum an Symptomen hervorrufen können: Manche Nahrungsmittelüberempfindlichkeiten sind lästig und unangenehm, andere lebensbedrohlich.
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Schätzungen darüber, wie viele Menschen tatsächlich von einer Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit betroffen sind, variieren. Untersuchungen deuten darauf hin, dass bis zu einer von zehn Erwachsenen und eines von zwölf Kindern von der sogenannten Immunglobulin-E-vermittelten Lebensmittelallergie betroffen sein könnten – das ist jene Form von Allergie mit dem schnellsten Reaktionsverlauf, die im Extremfall sogar lebensbedrohlich ist.
Experten nehmen an, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung von Lebensmittelunverträglichkeiten betroffen sind, wiewohl sich das schwer verifizieren lässt: Der einzige Test besteht darin, das Lebensmittel zu meiden, es dann im Krankenhaus zu sich zu nehmen, um dort zu beobachten, ob eine Reaktion folgt. Da Symptome aber mitunter erst nach Stunden auftreten oder sich erst nach mehrfachem Verzehr zeigen, ist selbst diese Methode nicht völlig zuverlässig.
Dem Symptom auf der Spur
Das mangelnde Wissen über diese Erkrankungen in der Primärversorgung kann verhindern, dass Symptome als mögliche Nahrungsmittelüberempfindlichkeit erkannt werden. Was bedauerlich ist, denn eine Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit ist mit einer hohen psychischen Belastung und einer eingeschränkten Lebensqualität verbunden. Es ist daher naheliegend, dass viele Menschen nicht auf eine ärztliche Diagnose warten, sondern sich selbst diagnostizieren.
Eine Analyse mehrerer Studien zum Thema Selbstdiagnose ergab: Bis zu 30 Prozent der Befragten vermuten, dass sie oder ihr Kind allergisch auf ein Lebensmittel reagieren. Das liegt deutlich über allen Schätzungen, die auf klinischen Diagnoseverfahren beruhen. Nicht nur das: In klinischen Tests werden nur wenige dieser Selbstdiagnosen bestätigt.
Warum also glauben so viele Menschen, an einer Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit zu leiden? Unterschätzen wir die Verbreitung dieser Leiden in der Bevölkerung? Oder deuten Menschen ihre Symptome falsch und streichen deshalb Lebensmittel aus ihrer Ernährung oder der ihrer Kinder?
Die Antwort ist schwierig: Wir essen jeden Tag, und wenn Symptome auftreten, kann es mitunter schwierig sein, herauszufinden, was sie verursacht.
Eine Lebensmittelvergiftung, eine unbemerkte Viruserkrankung oder Magen-Darm-Symptome – etwa wegen einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung – können den Eindruck erwecken, die Ursache liege in einer Allergie oder Unverträglichkeit gegenüber Lebensmitteln. Auch andere Faktoren können eine allergieähnliche Reaktion auslösen, etwa Pollen oder Tierhaare. Selbst für geschulte Fachkräfte ist es schwierig, anhand der von Patienten geschilderten Vorgeschichte herauszufinden, was der Auslöser der Symptome sein könnte.
Allergie oder Aversion?
Menschen fällt es oft schwer, sich an Details vergangener Erfahrungen zu erinnern, insbesondere an Reaktionen auf Lebensmittel. Menschen attestieren sich daher unter Umständen selbst eine Lebensmittelallergie, obwohl tatsächlich eine Unverträglichkeit oder eine ganz andere Erkrankung vorliegt. Ein Teil der Diskrepanz zwischen selbst berichteter und klinisch bestätigter Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit ist auf solche Fehlinterpretationen zurückzuführen.
Bei einer der frühesten Studien zu diesem Thema wurden 300 Personen befragt, was sie denn eigentlich zur Selbstdiagnose einer Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit gebracht hat. Dabei wurde erhoben, woran sich die Menschen erinnerten: Welche Lebensmittel hatten sie verzehrt und welche Reaktionen hatten sie an sich beobachtet? Die Antworten zeigten, dass die Erinnerungen vage waren und die beschriebenen Folgen nicht den typischen klinischen Erscheinungsbildern von Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten entsprachen.
Stattdessen könnten die Symptome von Lebensmittelvergiftungen, Krankheiten oder von der Entwicklung einer Aversion gegenüber einem Lebensmittel ausgelöst worden sein. Eine Aversion entsteht, wenn der Geschmack eines Lebensmittels mit Übelkeit und Erbrechen verknüpft wird. Danach kann allein der Anblick oder der Geruch dieses Lebensmittels Übelkeit auslösen. Aversionen können auch weitere Symptome auslösen, die dann zu einer – sehr wahrscheinlich falschen – Selbstdiagnose führen.
Schnelle Diagnose parat
Etwa ein Fünftel der befragten Erwachsenen gab an, sich überraschend schnell eine Selbstdiagnose ausgestellt zu haben: Wenn sie ein bestimmtes Lebensmittel verzehrt und anschließend nur ein einziges Mal Symptome verspürt hatten, waren sie sich ihrer Sache schon sicher. So kann leicht eine Fehldiagnose gestellt werden – wenn nämlich Symptome zufällig, also ohne einen kausalen Zusammenhang, auf den Verzehr eines Lebensmittels folgen. Bleiben die Symptome aus, sobald das Lebensmittel nicht gegessen wird, verfestigt sich die Annahme.
Wahrnehmungen, die dieser Sichtweise widersprechen, werden ausgeblendet – etwa, dass Symptome auch ohne vorherigen Verzehr des verdächtigten Lebensmittels auftreten. Oder es wird vergessen, dass das Lebensmittel früher problemlos vertragen wurde. Statt wie Wissenschaftler ihre Hypothesen zu testen, handeln Menschen – verständlicherweise – eher aus einem evolutionär bedingten Bedürfnis heraus, Symptome zu vermeiden.
Soll man Erdnüsse meiden?
Erwachsenen ohne Lebensmittelallergie wurde im Rahmen einer Studie ein hypothetisches Szenario vorgelegt, in dem eine Person Erdnüsse meidet, weil sie bei sich eine Allergie dagegen vermutet. Die Studienteilnehmenden wurden gefragt, was diese Person tun sollte, um ihren Verdacht zu überprüfen. Die meisten rieten dazu, weiterhin auf Erdnüsse zu verzichten, anstatt sie testweise zu essen, um zu sehen, ob erneut Symptome auftreten.
Ein Grund für Fehldiagnosen von Nahrungsmittelüberempfindlichkeiten, der in der Fachliteratur wohl am meisten Beachtung gefunden hat, ist eine psychosomatische oder psychologische Reaktion. Frühe Forschung zeigte, dass bei Personen, die sich selbst eine Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit diagnostizierten, die sich klinisch nicht bestätigen ließ, Symptome mit psychologischer statt medizinischer oder biologischer Erklärung vorlagen. Oder sie klagten über subjektive Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verhaltensauffälligkeiten, Schlaflosigkeit, emotionale Symptome wie Angst, Erschöpfung sowie allgemeine Schmerzen. Diese Personen erzielten häufiger höhere Werte bei angstbezogenen Merkmalen wie Hypochondrie oder Hysterie als Patientinnen und Patienten mit klinisch bestätigter Nahrungsmittelüberempfindlichkeit.
Wenn Essen stresst
Und welchen Einfluss hat die Psyche? Neue Studien liefern keinen Beleg dafür, dass Menschen mit selbst diagnostizierter Allergie oder Unverträglichkeit häufiger unter Angst oder Depression leiden als Menschen mit einer klinischen Diagnose. Vielmehr scheint es umgekehrt zu sein: Nahrungsmittel-überempfindlichkeiten – ob nun -klinisch bestätigt oder nicht – gehen mit psychischer Belastung und eingeschränkter Lebensqualität einher.
Tatsächlich könnte eine – unbewusste – Stress- oder Angstreaktion wie eine allergische Reaktion wirken. Es ist bekannt, dass Menschen mit generell hoher Ängstlichkeit häufiger körperliche Symptome wahrnehmen und sich dar-über häufiger Sorgen machen. Angst und Stress können die Darmmotilität beeinflussen und zu Übelkeit und Durchfall führen – was dann fälschlicherweise als Lebensmittelunverträglichkeit gedeutet werden kann.
All diese Symptome können fälschlich als allergische Reaktion auf ein zuvor verspeistes Lebensmittel gedeutet werden.
Allergische Reaktionen gehen vom Immunsystem aus. Und das Immunsystem seinerseits reagiert auf Stress. Daher können Studien zur indirekten Wirkung von Stress auf Allergien wichtige Erkenntnisse liefern. Schon jetzt wissen wir: Stress kann die Wundheilung verlangsamen und Entzündungsprozesse begünstigen. Stress erhöht den Adrenalin- und Cortisolspiegel im Blut.
Die Möglichkeit eines Irrtums
Er beschleunigt den Puls, erhöht den Blutdruck, steigert die Atemfrequenz und kann Hautrötungen sowie eine Reizung des Magen-Darm-Trakts verursachen. All diese Symptome können fälschlich als allergische Reaktion auf ein zuvor verspeistes Lebensmittel gedeutet werden. Wird dieses Lebensmittel erneut angeboten, können sich angst- oder stressbedingte Symptome wiederholen.
Die Forschung macht deutlich, dass sich die große Diskrepanz zwischen selbst diagnostizierter und klinisch diagnostizierter Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit nicht durch einen einzigen Faktor erklären lässt. Selbstdiagnose bedeutet nicht automatisch Fehldiagnose, und ein Teil der Personen mit selbst berichteter Nahrungsmittelüberempfindlichkeit liegt richtig.
Dennoch besteht stets die Möglichkeit eines Irrtums, der zum Verzicht auf ein Lebensmittel führt und damit vermeidbare negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Lebensqualität hat.
Das sollte man tun
Selbst wenn tatsächlich eine Lebensmittelallergie besteht, kann sie im Lauf der Zeit auch wieder verschwinden. Es ist daher ratsam, regelmäßig ärztlich prüfen zu lassen, ob sie noch besteht. Der Ausschluss einer Lebensmittel-allergie oder -unverträglichkeit kann die Lebensqualität deutlich verbessern und die Angst vor einer Reaktion verringern. Andere Ursachen anhaltender Symptome können dann weiter abgeklärt werden. Wird eine Lebensmittel-allergie oder -unverträglichkeit bestätigt, kann anschließend Unterstützung angeboten werden, um diese Erkrankung bestmöglich zu bewältigen.
Conclusio
Fehlerhaft. Selbstdiagnosen sind nicht grundsätzlich falsch, weichen aber häufig von klinisch bestätigten Diagnosen ab. Symptome allein reichen oft nicht aus, um ihre tatsächliche Ursache zuverlässig zu bestimmen.
Komplex. Körperliche Beschwerden entstehen in einem komplexen Zusammenspiel von Ernährung, Erkrankungen, Erinnerungen und Psyche. Wer diese Zusammenhänge versteht, vermeidet vorschnelle Schlüsse und unnötige Kasteiung.
Klarheit. Anhaltende Beschwerden sollten abgeklärt werden. Lebensmittel dauerhaft auf Verdacht vom Speiseplan zu streichen, ist wenig sinnvoll. Eine klinische Diagnose eröffnet Behandlungsoptionen, und die verbessern die Lebensqualität.


