Lob der Harmlosigkeit

Der schöne Schlächter Antoine de Saint-Just las vor dem Schafott konzentriert in einem Buch, der böse Seeräuber Long John Silver aus der „Schatzinsel“ sammelte kleine Muscheln. Diese Harmlosigkeiten helfen uns, das schlechte Gewissen zu vertreiben.

Das Bild zeigt das Porträt bzw den Kopf von Antoine de Saint-Just, daneben ein Buch, aus dem Blut tropft und Muscheln.
Antoine de Saint-Just als Leser vor dem Schafott – eine harmlose Geste, die den Terror nicht auslöscht, aber das schlechte Gewissen überstrahlen soll. © Claudia Meitert

Antoine de Saint-Just, gerade siebenundzwanzig Jahre alt, ein Mann mit femininen, lieblichen Gesichtszügen, aber einem kalten, harten Herzen, soll, so die Legende, als er zusammen mit seinem Freund und Mitstreiter Maximilien de Robespierre zum Schafott geführt wurde, in einem Buch von Seneca gelesen haben, und zwar mit so konzentriertem, seiner Umgebung gegenüber gleichgültigem Blick, als befände er sich auf einem Spaziergang durch einen friedlichen Garten und nicht auf den letzten Metern zu seinem Tod. Als der Scharfrichter Charles-Henri Sanson seinen Namen aufrief, habe er erst sorgsam ein Lesezeichen eingelegt und dann das Buch zugeklappt und in seine Tasche gesteckt.

Zu Robespierre, der sich im Gefängnis bei dem feigen Versuch, sich das Leben zu nehmen, den halben Unterkiefer weggeschossen und auf dem Karren den ganzen Weg über vor Angst und Schmerz gewimmert hatte, soll er gesagt haben – so erinnert sich Sanson: „Mein Freund, über eine gewisse Stelle in diesem Buch sollten wir sehr bald ein ausführliches Gespräch führen!“ Dann habe er den Kopf unter das Fallbeil gelegt, und er, Sanson, habe die Schnur gezogen.

Was ist das? – Mut? Dreistigkeit gegenüber Leben und Tod? Blanke Dummheit? Verachtung jener, die ihn zum Tod verurteilt hatten? Manche spekulieren, Antoine de Saint-Just, „der Engel der Revolution“, wie er genannt wurde, habe über keinerlei Gefühl verfügt, er habe weder Angst noch Verachtung noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen gekannt. Ein unberührbar theoretischer Kopf sei er gewesen, besessen von Ideen – aber eben nur von Ideen.

„Das Glück ist eine neue Idee in Europa!“, soll er gesagt haben. Immer wieder. Hat ihn niemand gefragt, was er unter Glück verstehe? Er und Robespierre waren die ersten Verantwortlichen für den Terror in der Endphase der Französischen Revolution. Das Köpfeabschlagen war zu einer täglichen Routine geworden. Routine heißt „immer wieder“ und „immer wieder von vorne“. Man könnte auf den Gedanken kommen, es sei ein Spiel.

Was hatte ich getan?

Vor langer Zeit, in den Anfängen der Computerspiele, spielte ich manchmal mit einem Freund „Dark Castle“. Ein harmloser, dummer Zeitvertreib. Oder vielleicht doch nicht ganz so harmlos? Wir schickten ein Figürchen durch alle möglichen Missgeschicke, ausgestattet mit Waffen – und Lebenselixieren. Wenn unser Protagonist zu Tode getroffen wurde, nahm er einen Schluck aus der Flasche, und ein neues Leben begann. Vielleicht dachte Antoine de Saint-Just genauso. Dass er den unzähligen Todesurteilen, die er ausgesprochen hatte – nicht nur gegen die Feinde der Revolution, den Adel und die Kirche, sondern dem Ende zu gegen die eigenen Mitstreiter, Danton, Desmoulins und andere –, selbst nicht traute; dass er in seiner Paranoia fürchtete, die Toten würden auferstehen. Also würde auch er auferstehen …

Warum fällt mir diese Geschichte ein? Ich wachte auf, nicht, dass ich mich erinnerte, geträumt zu haben, hatte aber einen drängenden Druck in meiner Brust, den Druck des schlechten Gewissens. Als wäre der Wachzustand der Traum und der Traum die Wirklichkeit, als verwechselten sich die beiden. Im wachen Zustand verdränge ich die Realität, die Realität aber fand im Traum statt – so war mir. Was hatte ich getan, was wollte ich verdrängen?

Der Schein der kleinen Geste

Ein Fetzen Traum drängte nach oben: Ich hatte in einem Buch gelesen. Die Erinnerung daran brannte in meinem Herzen. Gibt es etwas Harmloseres, als in einem Buch zu lesen? Da fiel mir Antoine de Saint-Just ein, der schöne Schlächter. Mit einer harmlosen Geste will er am Ende seines Lebens den Bürgern von Paris und der ganzen Welt zeigen: Seht her, ich bin doch nichts weiter als ein an Büchern Interessierter, nichts weiter, kein böser Mensch!

Mit einer harmlosen Geste will er zeigen: Ich bin doch kein böser Mensch!

Erinnern wir uns an die letzte Szene aus dem Film Psycho von Alfred Hitchcock: Norman Bates, gespielt von Anthony Perkins, sitzt in der Psychiatrie, er spricht mit der Stimme seiner Mutter, beobachtet eine Fliege. „Alle sollen sehen, ich bin unschuldig, ich kann nicht einmal der kleinen Fliege etwas zuleide tun!“ Das schlechte Gewissen ist ein abendländischer Dauerzustand. Die Menschen unter dem Christentum wissen: Wir haben einen Gott ermordet. Der Preis dafür ist hoch – ein ewiges schlechtes Gewissen.

Gottlose und Piraten

Was aber, wenn das Gewissen eine Voraussetzung für Zivilisation wäre? Das Gewissen sagt: Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld. Der Abendländer muss immer etwas gutmachen. Urlaub vom schlechten Gewissen bietet die Harmlosigkeit. Der böse Seeräuber Long John Silver in Robert Louis Stevensons Roman Die Schatzinsel sammelt schöne Muscheln. Seht her, so einer bin ich, einer, der die kleinen schönen Dinge liebt. Kann so einer etwas großes Böses tun? Doch nicht!

Die böse Tat tritt gemeinsam mit der Harmlosigkeit auf, wie der König mit dem Narren. Das schlechte Gewissen, ob es nun berechtigt ist oder nicht – sehr oft ist es nicht berechtigt –, würde uns umbringen, wenn wir ihm nicht unsere Harmlosigkeit entgegenhielten … wie die harmlose Knoblauchknolle dem blutsaufenden Vampir.

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