Atombomben auf Österreich: Kriegspläne von NATO und Sowjetunion

Wäre der Kalte Krieg ein heißer geworden, erwarteten sowohl der Warschauer Pakt als auch die NATO-Armeen die Konfrontation auf österreichischem Staatsgebiet – inklusive Atomwaffen.

Bebilderung zum Thema „Atombomben auf Österreich“ Eine Karte Zentrakleuropas mit roten Pfeilen, die möglich Angriffs-Wege des Warschauer Paktes währemd des Kalten Krieges zeigen.
Die Karte aus dem Verteidigungsministerium zeigt NATO-Annahmen über einen Angriff des Warschauer Pakts (1999). Zu heftiger Widerstand wäre mit Atombomben auf Österreich gebrochen worden. © Friedrich Schunko / BMLV

Als am 15. April 1955 Bundeskanzler Julius Raab aus Moskau zurückkehrt, hat er den Weg zum Staatsvertrag gebahnt: Österreich wird frei und dafür neutral. Der Kalte Krieg ist zu diesem Zeitpunkt bereits in vollem Gange, die USA und die Sowjetunion bauen ihre Atomwaffenarsenale auf. Die Aussicht auf gegenseitige Auslöschung schafft das prekäre „Gleichgewicht des Schreckens“ – und Österreich liegt genau dort, wo die Frontlinien der Blöcke aufeinanderprallen.

Atombomben auf Österreich

Bis 1990 beschäftigten sich Militärstrategen nicht mit der Frage, ob sie in einem europäischen Krieg Atombomben zünden würden, sondern nur, wie und wo sie das tun würden. Für Österreich hätte das Dilemma kaum größer sein können: Ein Atomwaffeneinsatz auf seinem Staatsgebiet war sowohl dann denkbar, wenn die NATO einen Durchmarsch von Truppen des Warschauer Pakts stoppen wollte, als auch dann, wenn der Warschauer Pakt hinhaltenden Widerstand wegbomben würde. 

Die NATO verfügte in Süddeutschland nicht über ausreichende konventionelle Kräfte, um einem sowjetischen Vorstoß durch Österreich wirkungsvoll zu begegnen. Daher setzte sie darauf, dass das Bundesheer rund zehn Tage lang hinhaltenden Widerstand leisten würde – blieb jedoch skeptisch hinsichtlich des politischen Willens in Österreich, dies zu tun. In den strategischen Überlegungen der USA galt daher: Sollte Österreich einem Angriff nicht standhalten, müsste ein groß angelegter sowjetischer Durchstoß mit Atomwaffen gebremst werden.

Raumverteidigung

Ab den 1970-er-Jahren setzte Österreich zur Abschreckung auf die sogenannte Raumverteidigung – auch „Spannocchi‑Doktrin“ genannt. Sie zielte nicht darauf ab, einen Angreifer in einer großen Schlacht an der Grenze aufzuhalten. Stattdessen sollte er durch die Verteidigung wichtiger Schlüsselzonen – etwa die „SZ 35“ südlich der Donau entlang der Ybbs – und durch ständige Störaktionen kleiner Einheiten im Hinterland verlangsamt, zermürbt und abgenutzt werden. Wie heute bekannt ist, flößte das Konzept der Ungarischen Volksverteidigungsarmee – die für einen Angriff auf Österreich federführend sein sollte – durchaus Respekt ein. Ein erfolgreicher Abwehrkampf in den Schlüsselzonen, machte jedoch den Einsatz von Atomwaffen noch wahrscheinlicher.

Im Jahr 1973 sorgte der von einem tschechischen Offizier enthüllte Operationsplan „Polarka“ für Aufregung. Demnach hätte der Warschauer Pakt im Anlassfall versucht, das blockfreie Jugoslawien durch einen Vorstoß über österreichisches Territorium zu okkupieren.

Zentral waren jedoch in nahezu allen Ost‑West‑Planungen die Rolle des Donautals und des Alpenvorlands als natürliche Angriffs- und Durchmarschachsen Richtung Süddeutschland. Der Ausbau der Autobahn hat diese Route noch begünstigt. Heute ist bekannt, dass der Warschauer Pakt im Angriffsfall wahrscheinlich Atomschläge im Raum Wienerwald sowie zur raschen Öffnung der Sperren bei Heiligenkreuz eingeplant hatte.

Für das Österreichische Bundesheer wäre die Abwehr atomar bestückter Flugzeuge oder Raketen wohl unmöglich gewesen.

Weitere zwei bis drei Bomben sollten den Widerstand in der Schlüsselzone im Raum Melk–Ybbs–Erlauf brechen, zusätzliche Nuklearschläge waren für den Haselgraben nördlich von Linz sowie an den Zugängen zur Donau vorgesehen. Auch die Welser Heide und Regau waren potenzielle Ziele. Abgesehen davon führt der kürzeste Weg von Ungarn nach Oberitalien durch den Südosten Österreichs. Für das Österreichische Bundesheer wäre die Abwehr atomar bestückter Flugzeuge oder Raketen wohl unmöglich gewesen. Diese Kriegspläne blieben bis zum Ende der Sowjetunion im Jahr 1989 aufrecht.

Kopf im Sand

Öffentliche Debatten über einen möglichen Angriff des Warschauer Pakts gab es in Österreich kaum, schreibt der Militärhistoriker Friedrich Korkisch. Und was die potenzielle – und für Österreich verheerende – nukleare Antwort der NATO bei einem Angriff aus dem Osten betrifft, bemerkt er: „Sie war den Politikern nicht nur völlig unbekannt, man hatte auch manchmal den Eindruck, sie wollten dies gar nicht wissen.“

Dieser Beitrag basiert auf: „Zwischen den Blöcken“ von Manfried Rauchensteiner (Hrsg.), 2010.

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