Atomkraft: Neu bauen statt abreißen
Der Ausstieg aus der Atomkraft hat Strompreise, Emissionen und die Abhängigkeit von fossiler Energie erhöht. Höchste Zeit für einen deutschen Wiedereinstieg.

Auf den Punkt gebracht
- Energiekrisen. Europa erlebt nach dem Ukrainekrieg mit dem Iran‑Krieg eine zweite geopolitisch bedingte Energiekrise und ist erneut schlecht vorbereitet.
- Abhängigkeiten. Trotz „Zeitenwende“ bestehen die Abhängigkeit von fossiler Energie und die Vermeidung grundlegender Systemfragen unverändert fort.
- Energiewende. Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie hat Strom teurer und volatiler gemacht und die CO₂‑Bilanz verschlechtert.
- Strategie. Erfolgreiche Industrieländer kombinieren Erneuerbare mit Kernenergie; ohne eine Korrektur droht Deutschland der Verlust von Schlüsselindustrien.
Vier Jahre nach dem Energiepreisschock infolge der russischen Invasion in der Ukraine erlebte Europa mit dem Iran-Krieg eine zweite kriegsbedingte Energiekrise, deren Dauer noch ungewiss ist. Es kann aber bereits heute konstatiert werden, dass die Akteure aus der Erfahrung der „Zeitenwende“ erstaunlich wenig gelernt haben. Wieder erweisen sich die europäischen Volkswirtschaften angesichts einer geopolitischen Disruption als schlecht vorbereitet, allen voran Deutschland.
Nichts gelernt
Wieder konstatieren Bürger und Politiker überrascht, dass sich an unserer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und Grundstoffen für die Industrie kaum etwas geändert hat. Und wieder wird die Debatte als ein Energiekulturkampf geführt, anstatt die Wurzel des Problems anzugehen. Obwohl in Berlin inzwischen eine neue Regierung am Ruder ist, sind die Reflexe dieselben geblieben: Bloß nicht die Systemfrage stellen und die Energiewende anfechten. Und um Himmels willen nicht schon wieder eine Diskussion über Atomkraft.
Doch sollte die Diskussion besser heute geführt werden als in der nächsten erwartbaren Rohstoffkrise, die vielleicht aus einem amerikanisch-chinesischen Krieg entstehen und die chinazentrierten Lieferketten der Green Economy gefährden wird. Unsere Handlungsspielräume werden dann wieder ein Stück kleiner geworden sein, als sie es heute sind und gestern waren.
Atomkraft-Diskussionen sollten besser heute geführt werden als in der nächsten Rohstoffkrise
Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine stand das transatlantische Bündnis noch nicht infrage, weder als Werte- noch als Verteidigungsgemeinschaft. Wir vertrauten auf die „regelbasierte Ordnung“, die Disruptionen von Ölkrisen in der Art der 1970er-Jahre unwahrscheinlicher machen würde. Doch diesmal sind wir damit konfrontiert, dass der Regelbruch zur Normalität werden könnte. Die Ära der Global Bullies wird mit Trumps zweiter Amtszeit nicht enden.
Die neue Wolfswelt
In der neuen Wolfswelt der Interessenpolitik werden Mittelmächte wie Deutschland erkennen müssen, dass nur ökonomische und darauf aufbauende militärische Stärke ein Schutz ist. Und damit gelten auch andere Regeln für den strauchelnden Industriestandort in der Mitte Europas. Während man bislang glaubte, sich die Verknappung und Verteuerung von Energie leisten zu können, weil man am Ende des Verzichtsweges als Marktführer grüner Technologien reüssieren würde, kommt man jetzt allmählich in der Realität an. China macht seine Transformation mit Unmengen billiger Energie aus Wasserkraft und Kohlestrom; nur das ermöglichte es dem heutigen Marktführer im Bereich der Energiewendetechnologien, Deutschland zu entthronen.
Die Deutschen haben den umgekehrten Weg gewählt: Sie machten ihre Stromversorgung volatil und teuer. Die Kernenergie, die bei uns die Rolle der Wasserkraft als günstige, CO2-arme Bandenergie ausfüllte, hat man abgeschafft. Die Zerstreuung vieler leistungsschwacher Erzeuger in der Fläche, die regionale Unwucht der erneuerbaren Stromproduktion und ihre Wetterabhängigkeit machen den kostspieligen Aufbau einer doppelten Infrastruktur aus Back-up-Gaskraftwerken, Batteriespeichern und vor allem einer Unmenge an neuen Stromleitungen auf jeder Spannungsebene erforderlich.
Hinzu tritt – nach dem Blackout-Ereignis in Spanien neuerdings im Fokus – die Aufrüstung der Netze durch digitale Leittechnik und netzbildende Leistungselektronik, um die Frequenz- und Spannungshaltung zu gewährleisten. Das alles sind Zusatzkosten, die die Energiewende extrem verteuern, obwohl die einzelnen Erzeugungsanlagen günstig zu haben sind. Nebenbei wird dieses System massiv subventioniert: Aktuell zahlt der deutsche Staat den Erneuerbaren-Betreibern jährlich rund 15 Milliarden Euro an Fördermitteln. Dazu kommen die Kosten für Strompreissubventionen.
Gewaltige Investitionen in Netze
Auch mit der ursprünglichen Verheißung von Kleinteiligkeit und Dezentralität hat die real existierende Energiewende nichts mehr zu tun. Kein Projekt der deutschen Wirtschaftsgeschichte seit 1945 erfordert größere Infrastrukturen als die Energiewende. Abgesehen von den gigantischen Bemaßungen heutiger Windkraftanlagen und von den Flächen, die mit Erneuerbaren belegt werden, bauen die Deutschen 1.000 Kilometer lange Höchstspannungstrassen von der See an die Alpen, um Offshore-Windstrom in Regionen zu schaffen, in denen früher Kernkraftwerke denselben Job auf der Fläche weniger Fußballfelder machten und dafür nicht einmal Back-up und Speicher benötigten.
Gas-Verstromung boomt
Gleichzeitig steckt Deutschland mitten in einem Zielkonflikt zwischen Industrie und Klimaziel. Die saisonalen und wetterbedingten Unregelmäßigkeiten der Grünstromproduktion werden fossil abgesichert, zunehmend durch Erdgas. Nach einer Schätzung von JPMorgan hätte Deutschland 2024 84 Prozent weniger Strom aus Erdgas erzeugt, wäre der Ausstieg aus Kernkraft nicht erfolgt. Das wirkt sich massiv auf die Klimabilanz aus. 20 Gigawatt gesicherter nuklearer Kraftwerksleistung gingen seit Beginn des Jahrhunderts verloren – und durchschnittlich 20 Gigawatt gesicherte Leistung aus Kohle und Gas halten in Deutschland heute das Stromnetz zusammen.
In der Folge gehört die CO2 Bilanz des Energiewende-Deutschlands zu den schlechtesten in der EU. Der kumulative Jahreswert für 2026, gleichzeitig auch die Bilanz des Winterquartals, liegt für Deutschland bei 395 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, in Frankreich bei 37 Gramm. Die bei der Dekarbonisierung erfolgreichsten europäischen Industrieländer verfolgen eine kombinierte Strategie aus Erneuerbaren und Kernenergie und haben dank dieser Strategie deutlich geringere Stromkosten als Deutschland. An ihnen sollten wir uns orientieren.
Wegen des Atomkraft-Ausstiegs gehört die deutsche CO2-Bilanz zu den schlechtesten in der EU
Der Atomausstieg war ein strategischer Fehler – das geben auch deutsche Politiker inzwischen offen zu, wenn auch bislang, ohne Konsequenzen daraus zu ziehen. Deutschland wird angesichts der anhaltenden geopolitischen Verwerfungen strategisch wichtige, aber energieintensive Industrien (KI, klimafreundlicher Stahl, Chemie, Pharmazie) im Land halten müssen. Wir werden diese Industrien entweder mit Atomstrom machen, oder wir werden sie gar nicht machen. Bereits 2015, nach dem Beitritt Deutschlands zum Pariser Klimaschutzabkommen, hätte das allen klar sein können.
Was ist also zu tun? Vorab ist festzustellen, dass sich ein Atomeinstieg für Deutschland als Volkswirtschaft lohnen würde. Die Studienlage lässt vermuten, dass die Systemkosten, die die Energiewende heute so teuer machen, bei einem Umsteuern auf Kernenergie als Rückgrat der Stromversorgung drastisch gesenkt werden könnten.
Drei Ansätze für die Wende
Drei Ansätze bieten sich an. Die niedrig hängenden Früchte kann man bei den stillgelegten und im Rückbau befindlichen Kernkraftwerken ernten. Neun Anlagen könnten, so argumentiert der Thinktank Radiant Energy Group auf Grundlage der Erfahrungen mit dem Refurbishment von Kernkraftwerken im Ausland, binnen rund sechs Jahren für Kosten von insgesamt 18 Milliarden Euro modernisiert und mit neuen Leitungssystemen und Großkomponenten versehen werden.
Hinzu müsste der Neubau von Anlagen der Generation 3+ treten, der allerdings doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Das sind große Leichtwasserreaktoren mit fortgeschrittenen Sicherheitssystemen, in denen die Kernschmelze ihren Schrecken als Super-GAU verliert, da sie ein Auslegungsstörfall ist. Solche Anlagen würde auch die Versicherungswirtschaft problemlos versichern, besagt eine Studie des Schweizer Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.
Die dritte Stoßrichtung ist eine Erprobung von neuen Reaktorkonzepten für besondere Anwendungen, für die heute Kohle- und Gaskraftwerke genutzt werden, etwa bei der Bereitstellung von Prozessdampf für Chemieparks und Fernwärmesysteme. Insbesondere bleigekühlte, mit energiereichen „schnellen“ Neutronen arbeitende Kompaktreaktoren sehen sicherheitstechnisch und ökonomisch vielversprechend aus; sie könnten die Kernenergie im Wärmemarkt der Ballungsräume etablieren, während sie bislang in Mitteleuropa fast nur im Strommarkt arbeitete.

Doch noch haben wir keinen dieser small modular reactors, die dank inhärenter Sicherheit und Fließbandfertigung von Komponenten deutlich günstiger sein sollen als die Großanlagen der 1.400- bis 1.600-Megawatt-Klasse. Auch brauchen wir derart viel Strom für die Dekarbonisierung, dass sich eigentlich eher die in der EU lizenzierten, sofort baubaren Kernkraftwerke von Westinghouse, Framatome oder KHNP anbieten.
Doch egal welcher Ansatz – Modernisierung im Bestand, Neubau bewährter oder neuer Reaktorkonzepte – um in Deutschland wieder Kernkraftwerke zu betreiben, bräuchte man erst einmal eine Atomgesetz-Änderung. Denn im Paragraph 7 des Atomgesetzes ist festgelegt, dass Genehmigungen für Kernspaltanlagen zum Zwecke der Stromerzeugung nicht mehr erteilt werden.
Atomkraft-Gamechanger Fusionsreaktor
Der aufmerksame und physikalisch bewanderte Leser wird nun bemerken, dass ein Fusionskernkraftwerk mit dem Atomgesetz in seiner heutigen Form kompatibel wäre. Tatsächlich wäre ein Fusionsreaktor der nukleare Gamechanger. Wer diese Technologie beherrscht, muss keinen hochaktiven Kernbrennstoff mehr in Endlagern entsorgen, und es gibt praktisch kein Unfall- und Freisetzungsrisiko wie bei den Fissionsreaktoren. Die Frage wird aber sein, ob ein solches Kraftwerk mit den Kosten von Erneuerbaren plus Speicher oder mit denen von abgeschriebenen AKWs konkurrieren kann.
Das größte Hindernis für einen Atomeinstieg in Deutschland ist jedoch nicht technischer, sondern politischer Art. Die mitregierende SPD hat sich seit Jahrzehnten in einer Anti-AKW-Position eingemauert, die sie von den Grünen kopiert hat – zu einem hohen Preis. Die Sozialdemokraten brachen so mit ihrer großen, von Willy Brandt und Helmut Schmidt begründeten nuklearfreundlichen Tradition, darin der SPÖ nicht unähnlich, deren Kanzler Bruno Kreisky 1978 mit der Volksabstimmung zum AKW Zwentendorf scheiterte. Nun hat die SPD auch die Arbeiterschaft verloren, die in Scharen zur AfD abwandert.
Der CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz wiederum scheut Konflikte mit dem Koalitionspartner über die Energiestrategie. Um die Debatte abzuräumen, erklärte er den Atomausstieg für zwar falsch, aber „irreversibel“. Die einzige vernehmbare Stimme der Vernunft ist die von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die trotz der Kampagne der Energiewende-Lobby gegen sie nukleare Testballons steigen lässt. Doch das macht sie nur, wenn sie sich im Ausland äußert; zu Hause hat auch Reiche das A-Wort noch nicht gesprochen. An der inneren Tektonik der schwarz-roten Koalition wird sich das Schicksal der deutschen Energiereform entscheiden, überfällig ist sie allemal.
Conclusio
Abhängig. Vier Jahre nach dem Ukraine-Schock stürzte Europa mit dem Iran-Krieg in die nächste Energiekrise. Abhängigkeit von fossilen Importen, teure Energiewende und deutscher Atomausstieg machen die Versorgung extrem verwundbar.
Kurzsichtig. Deutschlands Energiewende generiert hohe Strompreise, enorme Netzinvestitionen und eine wegen der gestiegenen Gasverstromung extrem schlechte CO2‑Bilanz. Ein Wiedereinstieg in die Atomkraft könnte das ändern.
Vernünftig. Studien sehen in einer Rückkehr zur Kernenergie (Reaktivierung alter Meiler und Neubau moderner Reaktoren) große Kostenvorteile. Technisch ist eine Wende möglich, doch die Politik zeigt bisher wenig Bereitschaft.

