Sozialer Aufstieg: Wer schafft es, wer bleibt zurück?
Migrantenkind ist nicht gleich Migrantenkind. Manche holen bei Bildung und Einkommen rasch auf, andere bleiben zurück. Wer schafft den sozialen Aufstieg und woran scheitert er?

Auf den Punkt gebracht
- Differenzierung. Migrantische Jugendliche unterscheiden sich stark nach Generation, Herkunft, Bildungsstand und sozialer Lage.
- Aufstieg. Die zweite Generation erzielt deutlich bessere Bildungs- und Arbeitsmarktergebnisse als jene, die selbst eingewandert sind.
- Bildung. Hohe Bildungsaspirationen treffen bei benachteiligten Jugendlichen häufig auf sprachliche, soziale und ökonomische Hürden.
- Kriminalität. Bildungsabbrüche führen keineswegs automatisch zu Kriminalität, während pauschale Vorstellungen von ethnisch abgeschotteten Problemgruppen empirisch kaum belegt sind.
Wenn in Österreich über Migration diskutiert wird, dann meist in groben Sammelbegriffen. In der Regel ist von „den Migranten“, „den Flüchtlingen“ oder „den integrationsunwilligen Jugendlichen“ die Rede. Die empirische Realität präsentiert sich allerdings deutlich nuancierter. Wer etwa aktuelle Studien zu Bildung, Arbeitsmarkt und sozialer Integration analysiert, stößt auf ein hochdifferenziertes Bild: enorme Aufstiegserfolge stehen verfestigter Benachteiligung gegenüber, hohe Bildungsaspirationen einer Vielzahl von symptomatischen Bildungsabbrüchen, soziale Mobilität grenzenloser Perspektivlosigkeit.
Mehr im Dossier „Schule und Integration“
Besonders deutlich zeigt sich das bei Jugendlichen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Schon diese Kategorie ist statistisch alles andere als einheitlich. Dementsprechend unterscheidet die Forschung etwa auch zwischen
a) erster und zweiter Generation,
b) Geflüchteten und klassischen Arbeitsmigranten (primär aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei),
c) zwischen EU-Zuwanderern und Drittstaatsangehörigen sowie
d) nach Herkunftsregionen und sozialer Lage.
Tatsächlich sind die Unterschiede innerhalb migrantischer Gruppen also oft größer als jene zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.
Die zweite Generation holt auf
Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen erster und zweiter Generation. Jugendliche, die selbst eingewandert sind, haben deutlich größere Schwierigkeiten, im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, als jene, die bereits in Österreich geboren wurden oder sehr früh zugewandert sind. Während laut Statistik Austria der Anteil sogenannter NEETs – also Jugendlicher, die weder in Ausbildung noch Beschäftigung sind – in Österreich bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund zuletzt bei 8,7 Prozent lag, betrug er bei Jugendlichen der zweiten Generation bereits 13,3 Prozent. Bei Jugendlichen der ersten Generation belief sich die Quote hingegen auf dramatische 27,3 Prozent. Damit ist ihr Risiko für Erwerbslosigkeit mehr als dreimal so hoch als jenes von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.
Die NEET-Quote, die in den verfügbaren Datenbeständen einzelne Staaten nach Regionen zusammenfasst, lässt sich aber nicht nur altersspezifisch aufschlüsseln. Die Herkunft von Migranten spielt nämlich eine ebenso große Rolle (wenn nicht sogar eine größere). Hier zeigen sich zum Teil massive Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsgruppen: Während die NEET-Quote bei in Österreich Geborenen aktuell bei 9,1 Prozent liegt, zeigen sich bereits bei Jugendlichen aus Deutschland (16,3 Prozent) deutlich höhere Werte. Jugendlichen aus den EU-15-Staaten (22,2 Prozent), den EFTA-Staaten bzw. Großbritannien (23,9 Prozent) sowie der Russischen Föderation (24,3 Prozent) schneiden noch schlechter ab. Unübersehbar hoch ist schließlich der Anteil bei Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien und der Türkei mit jeweils rund 30 Prozent.
Zweite Generation holt auf
Ganz anders scheint sich hingegen die zweite Generation zu entwickeln. Studien wie die ICMPD zu Integrationserfahrungen von Geflüchteten in Österreich (2025), zeigen, dass die Bildungs- und Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen, deren Eltern ursprünglich nach Österreich eingewandert sind, signifikant erfolgreicher verläuft. Teilweise erreichen junge Männer der zweiten Generation sogar bessere Beschäftigungswerte als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, wobei im Speziellen Jugendliche aus Familien der ehemaligen jugoslawischen Arbeitsmigration besonders gut abschneiden.
Empirisch lassen sich damit wesentliche Prozesse generationeller Aufstiege beobachten: Während die Eltern oft mit niedriger Qualifikation nach Österreich kamen und in einfache Tätigkeiten ausübten, schaffen ihre Kinder zunehmend höhere Bildungsabschlüsse und stabilere Erwerbsbiographien. Das widerspricht einem in Westeuropa weit verbreiteten Narrativ, wonach Migranten Benachteiligungen automatisch „weitervererben“. Tatsächlich gelingt vielen Familien innerhalb einer Generation ein erheblicher sozialer Aufstieg. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass strukturelle Förderbedingungen in Bezug auf Schule und Arbeitsmarktintegration bedarfsorientiert gestaltet sind.
Bildungsaspirationen scheitern am System
Die Annahme, junge Menschen mit Migrationshintergrund seien generell „bildungsfern“, hält den empirischen Befunden kaum stand. Im Gegenteil: Gerade Familien mit Flucht- oder Migrationserfahrung sehen Bildung häufig als zentralen Weg zu Sicherheit, Anerkennung und sozialem Aufstieg und weisen daher eine relativ hohe Bildungsorientierung auf. In qualitativen Interviews mit Geflüchteten äußern vor allem Jugendliche aus syrischen oder afghanischen Fluchtkontexten sehr hohe Bildungsziele. Das mag auf der einen Seite damit zusammenhängen, dass in Syrien etwa formale Bildung gesellschaftlich sehr angesehen ist, auf der anderen damit, dass Migranten aus Afghanistan, wo die durchschnittliche Schulzeit der Bevölkerung bei gerade einmal drei Jahren liegt, Bildung in Österreich als ökonomische Chance auffassen.
Bildungsaspirationen sind im Übrigen keine Geschlechterfrage. Auch junge Frauen mit Migrationshintergrund – besonders muslimischen Frauen mit Fluchterfahrung – weisen über verschiedene Migrationsgruppen hinweg eine mitunter starke Bildungsorientierung auf. Für sie symbolisiert Bildung in erster Linie größere Selbstständigkeit sowie Emanzipation. Dennoch spielen kulturelle Faktoren eine geschlechterspezifische Rolle. Jungen Frauen wird zwar grundsätzlich von Seiten der Familie Bildung zugestanden, allerdings oft nur innerhalb tradierter Geschlechterrollen. Das führt dazu, dass Frauen trotz höherer Bildungsabschlüsse am Arbeitsmarkt weniger präsent sind.
Ein hoher Bildungsabschluss geht somit nicht automatisch mit der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit einher. Im Geschlechtervergleich zählen dementsprechend bei den ausländischen Herkunftsgruppen in Relation viel mehr Frauen als Männer zu den Nicht-Erwerbspersonen. Besonders stark ausgeprägt ist diese Diskrepanz bei Personen mit Geburtsort in der Türkei: Während zuletzt rund 90 Prozent der 30- bis 64-jährigen Männer türkischer Herkunft erwerbstätig oder arbeitslos (und damit 10 Prozent nicht erwerbsaktiv sind), war das 2019 bei rund 30 Prozent der Frauen der Fall.
In Summe klaffen bei aller erhofften Aufstiegsdynamik hohe Bildungsaspirationen und reale Bildungserfolge jedoch weit auseinander. Verantwortlich für die schwere Realisierbarkeit von Bildungsaspirationen sind insbesondere systemisch-strukturelle Hürden. Viele Jugendliche scheitern an den kritischen Übergängen des Schulsystems wie etwa bei der Lehrstellensuche oder beim Einstieg in die weiterführende Ausbildung nach dem Pflichtschulabschluss. Österreich weist in dieser Hinsicht im europäischen Vergleich eine frühe Bildungsselektion auf. Als wenig hilfreich erweisen sich auch lang andauernde Übergangsphasen zwischen Schule und Arbeitsmarkt, die etwa mit Kursmaßnahmen überbrückt werden. Viele Jugendliche erleben dabei eine Art institutionelle Warteschleife, aus der sich keinerlei stabile Perspektiven ergeben.
Bildungsabbruch als Symptom
Wer bereits in jungen Jahren sprachliche oder soziale Nachteile mitbringt, gerät dauerhaft leichter ins Hintertreffen. Migration fungiert daher nicht zwingend als Ursache sozialer Probleme, sondern als Verstärker ohnehin bestehender Ungleichheiten. Diese durch die Migration bedingten Nachteile wirken sich wiederum negativ auf die das zielstrebige Verfolgen von Bildungszielen aus. Es kommt nicht von ungefähr, dass Bildungsabbrüche bei Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund häufiger auftreten als bei einheimischen. Dabei resultieren Bildungsabbrüche selten aus der von öffentlicher Seite oft attestierten persönlichen „Arbeitsunwilligkeit“ oder mangelnder Motivation. Aus den Studienergebnissen lässt sich stattdessen eine Kumulation mehrerer Risikofaktoren ableiten.
Besonders gefährdet sind etwa Jugendliche, die sowohl schwache Deutschkenntnisse als auch psychische Belastungen aufweisen und zusätzlich noch einer instabilen Wohnsituation und hohem ökonomischem Druck ausgesetzt sind. Darunter fallen in erster Linie junge Flüchtlinge mit unterbrochenen Bildungsbiographien. Im österreichischen Kontext sind dabei die historisch jüngeren Migrationspopulationen aus der Russischen Föderation (Tschetschenen), Afghanistan und zum Teil auch Syrien zu nennen. Verstärkend können darüber hinaus fehlende familiäre Unterstützung und geringe Kenntnisse des österreichischen Bildungs- und Ausbildungssystems hinzukommen, die Bildungs- und Arbeitsmarktverläufe zusätzlich erschweren.
Wo hohe Bildungsabschlüsse unter Migranten vorliegen, ist fast immer der Bildungshintergrund der Eltern als weiterer Faktor ins Feld zu führen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich einzelne Herkunftsgruppen zum Teil erheblich. Besonders hohe Bildungsabschlüsse weisen etwa Personen aus europäischen Drittstaaten, vor allem aus der Russischen Föderation auf. 2011 verfügten in dieser Gruppe rund drei Viertel über einen Abschluss oberhalb der Pflichtschule. Darunter besitzen Frauen zu über 60 Prozent zumindest einen mittleren oder höheren Schulabschluss. Der Akademikerinnenanteil liegt sogar über jenem gebürtiger Österreicherinnen. Demgegenüber zeigt sich bei Afghanen ein deutlich niedrigeres Bildungsniveau. Rund 60 Prozent der 20- bis 24-jährigen Migranten aus Afghanistan verfügten 2019 lediglich über einen Pflichtschulabschluss. In einzelnen älteren Altersgruppen hatten bis zu 70 Prozent keinerlei abgeschlossene Schulbildung.
Der Aspekt der Kriminalität
In der allgemeinen Wahrnehmung gelten Bildungsabbrüche häufig als Vorstufe späterer Delinquenz. Tatsächlich geben die Daten eine solche Schlussfolgerung nicht her. Die vergleichsweise hohen Abbruchquoten stehen in keinem Verhältnis zu den deutlich niedrigeren Kriminalitätsbelastungszahlen. Wäre Bildungsabbruch ein unmittelbarer Auslöser von Delinquenz, müssten die Zahlen wesentlich näher beieinanderliegen. Der Großteil jener Jugendlichen, die Bildungswege vorzeitig verlassen oder an wichtigen Übergängen scheitern, wird niemals straffällig. In diesem Zusammenhang zeigt die Forschung außerdem, dass die verbreitete Vorstellung schlecht (aus)gebildeter, ethnisch abgeschotteter Problemgruppen empirisch kaum haltbar ist. Für Schlagworte wie „tschetschenische Ghettos“ oder „afghanische Clans“ existiert schlicht keine belastbare Evidenz. Konflikte unter Jugendlichen verlaufen häufig abseits ihres traditionellen Herkunftsmilieus und unabhängig von ihrem Bildungsstatus.
Wo es zu ethnischen Selbstzuschreibungen und Gruppenidentitäten kommt, passiert das spannenderweise nämlich sogar erst in der zweiten oder dritten Generation. Viele Jugendliche besitzen längst die österreichische Staatsbürgerschaft und befinden sich auf einem guten Bildungsweg, definieren sich aber aufgrund medialer Beeinflussung über symbolische Herkunftsidentitäten – nicht selten sehr viel stärker als ihre Eltern. Diese Entwicklung wird von den Familien selbst oft mit Skepsis beobachtet, denn die eigentliche Gefahr liegt weniger in kultureller Differenz als in sozialer Entkoppelung. In diesem Sinn ist Integrationspolitik nicht ausschließlich von Bildungspolitik abhängig.
Conclusio
Vielfalt: Die Unterschiede zwischen migrantischen Gruppen sind größer als viele Debatten vermuten lassen. Bildungsintegration und der damit verbundene soziale Aufstieg verlaufen nicht nach einem homogenen Muster.
Aufstieg. Benachteiligung wird nicht automatisch vererbt. Gerade die zweite Generation erzielt oft deutlich bessere Bildungs- und Arbeitsmarktergebnisse als ihre Eltern. Integration ist daher auch eine Geschichte sozialer Mobilität.
Übergänge. Hohe Bildungsaspirationen sind unter Migranten weit verbreitet. Entscheidend ist jedoch, ob kritische Übergänge – von der Schule in Ausbildung, Lehre oder Beruf – gelingen. Genau dort existieren die größten Hürden.
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