Europas Stärke? Das Talent des Balkans

Der Balkan verliert seit Jahren seine besten Köpfe. Deutschland und Österreich profitieren am meisten von diesem Brain Drain. An den Kosten für eine Lösung wollen sie sich aber nicht beteiligen.

Illustration von jungen Menschen die über die Abbildung eines Gehirns laufen
Brain Drain ist ein Problem in vielen Regionen Europas, aber nirgendwo ist die Lage kritischer als auf dem Westbalkan. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Talenteschwund. Der Balkan ist die weltweit am stärksten von Brain Drain betroffene Region. Seit 1990 sind mehr als 4 Millionen Fachkräfte abgewandert.
  • Wohlstandstransfer. Die DACH-Länder sind der größte Nutznießer dieser Entwicklung. Sie erhalten Arbeiter, in deren Ausbildung sie nicht investiert haben.
  • Perspektivlosigkeit. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen für den Westbalkan sind verheerend: Der Brain Drain macht einen EU-Beitritt nahezu unmöglich.
  • Alternativen. Westbalkanländer sollten für ihre Arbeitskräfte entschädigt werden. Außerdem sollten Zwei-Jahres-Regeln Studenten stärker an ihr Heimatland binden.

In den 1990er-Jahren erlitt der Westbalkan enorme Bevölkerungsverluste durch die Balkankriege. Nun verliert die Region eine neue Art von demografischem Krieg: den Brain Drain. Laut Schätzungen der Weltbank sind zwischen 1990 und 2019 insgesamt 4,6 Millionen Menschen aus der Region abgewandert. Zum Vergleich: Das entspricht fast 25 Prozent der Gesamtbevölkerung jener sechs Länder, die gemeinhin als Westbalkan bezeichnet werden – Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Etwa die Hälfte der Auswanderer aus der Region ging nach Westeuropa. Spitzenreiter unter den Zielländern: Deutschland.

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Zahlen & Fakten

Zum Vergleich: 2019 hatte...

  • Bosnien und Herzegowina eine Gesamtbevölkerung von 3,3 Millionen,
  • Albanien eine Gesamtbevölkerung von 2,8 Millionen,
  • Serbien eine Gesamtbevölkerung von 6,9 Millionen,
  • Nordmazedonien eine Gesamtbevölkerung von 2 Millionen und
  • Montenegro eine Gesamtbevölkerung von 622.028 Menschen.

Historische Migrationsroute

Diese Präferenz für Deutschland ist kein neuer Trend. Schon in den 1960er-Jahren unterzeichneten Westdeutschland und Österreich mit dem damaligen Jugoslawien ein Abkommen über die Aufnahme von Gastarbeitern. Diese Tradition lebt heute im Sprachgebrauch der Region fort, wo der Begriff Gastarbajter noch immer für Ausländer verwendet wird, die sich zur Arbeitssuche ins Ausland begeben. Später lösten die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre eine massive Zwangsmigration aus. Deutschland, Österreich und die Schweiz nahmen die meisten jugoslawischen Auswanderer in Westeuropa auf; auch Liechtenstein, damals ein Land mit nur 30.000 Einwohnern, wurde Heimat von mehr als 1.000 Vertriebenen.

In den letzten zehn Jahren hat die Migration aus dem Balkan nun eine neue Form angenommen: den Brain Drain, also die Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte. Wieder sind Deutschland und die deutschsprachigen Nachbarländer das Hauptziel der Auswanderer.

Wohlstandstransfer von Ost nach West

Dieser Brain Drain hat einen hohen Preis. Investitionen in die Bildung, Gesundheit und soziale Unterstützung von Bürgern, die dann zur Wirtschaft eines anderen Landes beitragen, stellen einen Wohlstandstransfer von Ost nach West dar, der in den europäischen Bilanzen nicht erfasst wird. Der Wirtschaftswissenschaftler Federico Fubini schätzt, dass die Länder Osteuropas und des westlichen Balkans durch die Ausbildung junger Arbeitnehmer, die zwischen 2009 und 2017 nach Deutschland gezogen sind, insgesamt über 200 Milliarden Euro in die deutsche Wirtschaft investiert haben. Diese Summen übersteigen bei weitem die Heranführungshilfen der EU für die Region.

Darüber hinaus wandern ausgebildete Arbeitskräfte aus den westlichen Balkanstaaten häufig für Stellen unterhalb ihres Qualifikationsniveaus ab, die aber immer noch besser bezahlt werden, als höhere Positionen in ihrer Heimat. Diese unzureichende Nutzung von Kompetenzen und Bildungsinvestitionen wird als „Brain Waste“ bezeichnet und stellt einen Nettoverlust an Effizienz dar. Wanderarbeiter schicken Geldüberweisungen nach Hause, die zusammen mit ausländischen Renten in Ländern wie Bosnien und Herzegowina über zehn Prozent des BIP und im Kosovo fast ein Drittel des BIP ausmachen. Mit diesem Geld wird jedoch in erster Linie der Konsum finanziert. Produktive Investitionen bleiben auf der Strecke. Mit anderen Worten: Die Investitionen gehen verloren.

Brain Drain verzögert EU-Beitritt

Abgesehen vom finanziellen Preis hat die Abwanderung von Fachkräften noch andere schwerwiegende Folgen. Arbeitsmärkte, in denen ein Missverhältnis zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage besteht, werden ineffizient. Ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften hemmt das Wachstum und ausländische Investitionen. Im Zeitalter des Coronavirus ist die Abwanderung von Gesundheitspersonal, das stattdessen in Westeuropa Leben rettet, von besonderer Bedeutung. Aus dem Kosovo, der ohnehin schon eine der geringsten Ärztedichten des Kontinents aufweist, wandern jeden zweiten Tag ein Arzt und vier Krankenschwestern ab – zumeist nach Deutschland. Da die Region eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt und eine geringe Zuwanderung aufweist, werden die steigenden Pensionskosten von einer stetig schrumpfenden Steuerbasis getragen. Die Folgen: ein größer werdendes Staatsdefizit und weniger nutzbringende öffentliche Ausgaben.

Aus dem Kosovo wandern jeden zweiten Tag ein Arzt und vier Krankenschwestern ab – zumeist nach Deutschland.

Der Brain Drain hat auch politische Auswirkungen. Auswanderer aus den Westbalkanländern sind im Durchschnitt jünger und gebildeter als die Bürger in ihrer Heimat. Sie stellen daher tendenziell einen relativ liberalen und eigenverantwortlichen Teil der Wählerschaft dar. Die Auswanderung verändert somit das politische Verhalten der Bevölkerung und kann dazu beitragen, dass schwache politische Eliten länger an der Macht bleiben. Wenn die motiviertesten und qualifiziertesten Bürger scharenweise das Land verlassen, stehen weniger hochqualifizierte Personen zur Verfügung, die das Land führen können – oder sich an Wahlen beteiligen.

Solche Konsequenzen sind in allen Ländern möglich, die unter einem Talenteschwund leiden. Doch das Besondere an den Westbalkanländern sind die Auswirkungen, die es auf deren EU-Beitritt hat. Der Brain Drain verlangsamt die wirtschaftliche Anpassung an EU-Standards und erschwert es, die Haushaltskriterien für eine EU-Mitgliedschaft zu erfüllen. Der Wohlstandstransfer neutralisiert die Heranführungshilfen der EU, wobei der neue Wirtschafts- und Investitionsplan der EU für die Westbalkanländer ohnehin nur ein Prozent des BIP der Region ausmacht. Die Aushöhlung der Wählerschaft verstärkt einen Kreislauf aus Korruption und ineffektiver Führung. Anders ausgedrückt: Eine ungebremste Abwanderung von Fachkräften und ein EU-Beitritt schließen sich gegenseitig aus.

Serbische Rentnerin bei der traditionellen Paprikaernte in Serbien
Die Paprikaernte war in Serbien traditionell Familiengeschäft. Heute fehlt vielerorts die junge Bevölkerung. © Getty Images

Treibende Faktoren des Brain Drain

Um den Brain Drain stoppen zu können, müssen zunächst seine Ursachen verstanden werden. Migration ist ein Produkt von Push- und Pull-Faktoren. In den heutigen Westbalkanländern ist der offensichtliche Push-Faktor wirtschaftlicher Natur: Die Region ist hinter ihren Nachbarländern zurückgeblieben, insbesondere im Vergleich zu den EU-Mitgliedstaaten Kroatien und Slowenien. In diesem Sinne ist die Migrationsgeschichte einfach: Man zieht dorthin, wo es mehr Arbeit zu höheren Löhnen gibt.

Die Einwohner der westlichen Balkanländer geben allerdings zunehmend andere Gründe für ihre Auswanderung an: Korruption, organisierte Kriminalität, der Eindruck, Beziehungen seien alles, und Unzufriedenheit mit den öffentlichen Dienstleistungen. Um es mit den Worten des Wissenschaftlers Ivan Krastev zu sagen: Es ist einfacher, nach Deutschland zu ziehen, als zu versuchen, den Westbalkan wie Deutschland funktionieren zu lassen.

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Zahlen & Fakten

Es gibt auch bedeutende Pull-Faktoren, die Arbeitnehmer aus dem westlichen Balkan nach Westeuropa locken. Der Wirtschaftsaufschwung nach der Finanzkrise von 2008/09 hat die Nachfrage nach Arbeitskräften erhöht. Allein in Deutschland sind rund 1,3 Millionen Stellen unbesetzt. Gleichzeitig altert Westeuropa, und die Einwanderung bietet die wahrscheinlichste Möglichkeit, die umgekehrte Bevölkerungspyramide zu korrigieren.

Im Gegensatz zu den irregulären Migrationsmustern, die in Europa infolge der Flüchtlingskrise zu beobachten waren, erfolgt die Einwanderung aus dem Westbalkan heute weitgehend auf legalen Wegen. Deutschland zum Beispiel öffnete 2015 seinen Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer aus dem Westbalkan durch die Westbalkanregelung. Diese ermöglicht es Bürgern aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Mazedonien und Serbien, ohne besondere Fähigkeiten oder Qualifikationen eine Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, solange sie ein gültiges Stellenangebot vorlegen. In den ersten zwei Jahren nach Inkrafttreten dieser Regelung wurden über 100.000 Arbeitsverträge genehmigt, von denen 46 Prozent auf „qualifizierte“ Arbeitnehmer entfielen.

Im Jahr 2020 hat Deutschland außerdem ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz eingeführt, das den Zugang zum Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Nicht-EU-Bürger erleichtern soll. Zu den Voraussetzungen zählen deutsche Sprachkenntnisse und die Gleichwertigkeit der beruflichen Qualifikationen. Diese Kriterien begünstigten Arbeitnehmer aus dem Westbalkan: In den ersten zehn Monaten dieses Programms waren Serbien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Albanien unter den zehn wichtigsten Empfängerländern der 30.200 erteilten Visa. Deutschland wirbt also direkt Arbeitskräfte aus dem Westbalkan an. Und es ist nicht das einzige Land, das dies tut.

Kehrt sich der Trend um?

Einige Wissenschaftler behaupten, dass bestimmte Länder des Westbalkans derzeit einen „Brain Gain“, also einen Zustrom von qualifizierten Arbeitskräften, erleben. Eine kürzlich durchgeführte Studie am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche fand Hinweise auf einen Nettozustrom hochqualifizierter Arbeitskräfte nach Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass nur ein kleiner Teil dieser Zuwanderung aus qualifizierten Arbeitskräften besteht, die von den Arbeitsmöglichkeiten angezogen werden. Vielmehr handelt es sich bei diesen Zuwächsen größtenteils um heimkehrende Studenten, die im Ausland eine Hochschulausbildung absolviert haben, oder um ausländische Studenten, die zum Studium ins Land kommen.

LKW im Kosovo mit der Aufschrift Future is Temporary, Reality is Corrupt
Kosovo: Die korrupte Gegenwart lässt die Hoffnungen auf die Zukunft schwinden. © Getty Images

In ähnlicher Weise hat The Economist berichtet, dass Arbeitskräfte aller Qualifikationsstufen nach Osteuropa zurückkehren – allerdings aufgrund von Grenz- und Geschäftsschließungen während der Covid-19-Pandemie. Theoretisch wären diese Migrationsmuster eine Gelegenheit für die betroffenen Länder, die zurückkehrenden Bürger zum Bleiben zu bewegen. Solange jedoch die Push-Faktoren von hoher Arbeitslosigkeit, Korruption und fehlender Leistungsgesellschaft fortbestehen, werden diese Rückkehrer und Hochschulabsolventen sofort wieder im Ausland nach Arbeit suchen, sobald sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Lösungsansätze für den Brain Drain

Bisher beschränken sich Lösungsvorschläge aus der Politik auf die Push-Faktoren, die Migration im Westbalkan auslösen. Obwohl sich weiterhin darum bemüht werden sollte, die Westbalkanländer zu Staaten zu machen, in denen hochqualifizierte Bürger leben und arbeiten wollen, finden die Pull-Faktoren zu wenig Aufmerksamkeit – und mit ihnen die enormen Profite, welche die EU aus dem Brain Drain schlägt. Doch wie könnte ein Lösungsansatz aussehen?

Vorschlag 1: Ein Brain-Drain-Grenzausgleichsmechanismus

Zunächst einmal sollten Zielländer wie Deutschland und Österreich einen faireren und realistischeren Preis für die Arbeitskräfte zahlen, die sie aus dem Balkan importieren. Ein geeigneter Leitfaden ist der Green Deal, der seit Monaten in Brüssel für viel Wirbel sorgt. Entscheidend für den Erfolg des Green Deals ist der Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus. Dabei handelt es sich um einen Zoll, der den Preis eines Imports nach oben korrigiert, insofern er aus einem Land erfolgt, das niedrigere Klimastandards als die EU aufweist. Die negativen Auswirkungen auf unser gemeinsames Ökosystem werden also ausgeglichen, die Einnahmen wiederum für produktive grüne Investitionen verwendet.

EU-Länder, die qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Westbalkan einstellen, sollten die Länder dafür entschädigen.

Der europäische Kontinent ist ein gemeinsames Ökosystem, und die gegenwärtigen Trends zur Abwanderung von Fachkräften haben verheerende Auswirkungen auf die EU-Beitrittschancen der Westbalkanländer. EU-Länder, die qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Westbalkan einstellen, sollten die jeweiligen Herkunftsländer für ihre Investitionen in Bildung und Produktivitätsverluste entschädigen. Diese Einnahmen könnten dann konstruktiv in die Volkswirtschaften der Westbalkanstaaten investiert werden. Unabhängig davon, ob dieser Mechanismus als bilateraler Ausgleichsplan oder als unabhängiger EU-Fonds gestaltet würde, könnte er einen Teil der durch die Personenfreizügigkeit verursachten Ungleichheiten kompensieren.

Als Hauptnutznießer des Brain Drain aus den Westbalkanstaaten und als wirtschaftlicher Motor der EU könnte Deutschland auch eine Führungsrolle in der Umsetzung dieser Maßnahmen übernehmen. Deutschland verfügt bereits über Rechtsvorschriften zur Anwerbung von qualifizierten und ungelernten Arbeitskräften aus den Westbalkanstaaten. Als erster Schritt könnten diese Gesetze so abgeändert werden, dass sie eine Vergütung vorsehen, die entweder in die Staatskassen oder in regionale Wirtschaftswachstumsprogramme fließen.

Vorschlag 2: Eine „Zwei-Jahres-Regel“ in der Hochschulbildung

Eine weitere Chance liegt im Bildungssektor. Die „Westbalkan-Agenda für Innovation, Forschung, Bildung, Kultur, Jugend und Sport“, die im Oktober 2021 auf dem Gipfeltreffen zwischen der EU und den Westbalkanstaaten in Brdo festgelegt wurde, nahm es sich vor, „wissenschaftliche Exzellenz sowie Bildungsreformen in der Region zu fördern, weitere Chancen für die Jugend zu schaffen und die Abwanderung von Fachkräften zu verhindern“. Eine entsprechende Investition in diese Richtung, welche zudem europäische Werte widerspiegeln würde, wäre das Angebot kostenloser oder nahezu kostenloser Hochschulbildung. Diese Investition würde sich aber nur auszahlen, wenn die Studenten später nicht beschließen, ihre Zukunft im Ausland zu gestalten. Daher sollten sowohl die Entsende- als auch die Aufnahmeländer Maßnahmen ergreifen, um künftige qualifizierte Arbeitnehmer dazu zu bewegen, ihre Ausbildung in ihrem Herkunftsland zu absolvieren.

Studenten sollten im Gegenzug für kostenlose Bildung zwei Jahre lang in ihrem Heimatland arbeiten müssen.

Für Länder wie Deutschland und Österreich, die Studenten aus dem Westbalkan aufnehmen, könnte dies in Form einer „Zwei-Jahres-Regel“ geschehen. Vorbild dazu könnte der U.S. Immigration and Nationality Act sein, der Studentenvisa einer bestimmten Kategorie an einen festen Wohnsitz im Ausland koppelt. Studenten aus dem Westbalkan, die staatliche Unterstützung erhalten oder Programme absolvieren, in denen sie Kompetenzen erlernen, die in ihrem Heimatland als „notwendig“ erachtet werden, sollten nach Abschluss für zwei Jahre in diese zurückkehren. Jeder Westbalkanstaat könnte seine Liste der „notwendigen“ Bereiche individuell festlegen, und Ausnahmeregelungen könnten unter verschiedenen Umständen möglich sein – etwa, wenn es nicht möglich ist, einen Arbeitsplatz in dem jeweiligen Studienfach zu finden. Auf diese Weise könnten die verheerendsten Folgen des Brain Drain, beispielsweise im Gesundheitssektor, abgemildert werden.

Auf der anderen Seite könnten die Westbalkanländer ihre eigenen „Zwei-Jahres-Regeln“ erwägen, um die Beschäftigung im Inland zu fördern. Als beispielsweise die Regierung des Kosovo Anfang 2021 verkündete, die Studiengebühren an den öffentlichen Universitäten abschaffen zu wollen – die im Vergleich zu den vom Staat getragenen Gesamtkosten für Bildung ohnehin niedrig sind – hätte sie dies mit einem Vorbehalt tun sollen: dass die Absolventen im Gegenzug für ihre kostenlose Bildung auch zwei Jahre lang im Kosovo arbeiten müssen. Diejenigen Studenten, die ihre Ausbildung dauerhaft im Ausland fortsetzen wollen, hätten das gerne tun können – vorausgesetzt, der ausländische Arbeitgeber erstattet dem kosovarischen Steuerzahler die Studiengebühren.

Ältere Männer beim Schachspielen im Kosovo
Der Kosovo mag Europas jüngster Staat sein, doch seine Bevölkerung ist eine der ältesten. © Getty Images

Wo ein Wille ist...

Seriöse Arbeitgeber in Westeuropa sollten sich von den zusätzlichen Kosten nicht abschrecken lassen. Obwohl sich das Bildungsmodell und die Studiengebühren in den Vereinigten Staaten stark von Europa unterscheiden, lassen sich Lehren aus ihnen ziehen. Mehr als die Hälfte der Arbeitgeber in den USA bieten ihren Mitarbeitern Studienzuschüsse an, wenn diese nach dem Abschluss für einen bestimmten Zeitraum für das Unternehmen arbeiten. Auch Regierungs-, Bundesstaats- und Militärstipendien setzen einen Arbeits- oder Dienstvertrag voraus. Eine solche Politik könnte Studenten einen Anreiz bieten, sich zunächst in ihrem Heimatland nach Arbeit umzusehen – und den betreffenden Ländern eine zweijährige Chance geben, talentierte junge Menschen zum Bleiben zu bewegen.

2020 legte die Europäische Kommission in ihrem Demografie-Bericht die Notwendigkeit fest, „demografische Erwägungen in der gesamten EU-Politik zu verankern“ und „die Disparitäten zwischen den Regionen zu verringern“. Jetzt ist es an der Zeit, dies zu tun. Die Abwanderung von Fachkräften aus dem Westbalkan war zu lange ein Gewinn für die deutschsprachige Welt. Wenn es diesen Ländern mit dem EU-Beitritt der Westbalkanländer ernst ist, sollten sie sich an den Kosten für eine Lösung beteiligen.

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Conclusio

Der Balkan ist die weltweit am stärksten vom Brain Drain betroffene Region. Die meisten der qualifizierten Arbeitskräfte wandern in die deutschsprachigen Länder aus. Der resultierende Wohlstandstransfer von Ost nach West wird in den europäischen Statistiken nicht erfasst, übertrifft aber bei weitem die EU-Heranführungshilfen für die Region. Das hat drastische Auswirkungen auf die EU-Beitrittschancen der Westbalkanländer: Sie verlieren nicht nur Humankapital, sondern auch einen Großteil ihrer liberalen Wählerschaft. Um gegen den Brain Drain vorzugehen, sollte daher mehr Aufmerksamkeit auf die Pull-Faktoren der Migration gelegt werden – allen voran in Deutschland und Österreich, die den stärksten Profit aus dem Brain Drain schlagen. Beide Länder sollten eine Vorreiterrolle in Europa einnehmen, indem sie die Herkunftsländer von Arbeitskräften aus dem Balkan finanziell für deren Verlust entschädigen oder indem sie kostenlose Studienplätze anbieten, die an eine nachfolgende verpflichtende Arbeitssuche im Heimatland gekoppelt werden. Auch die Westbalkanstaaten selbst sollten ähnliche Auflagen erwägen. Nur so lässt sich dem demografischen Wandel Einhalt gebieten, der einer ganzen Region die Zukunft raubt.