Vom Bankivahuhn zur Hybridhenne
Vom asiatischen Wildhuhn zur globalen Hochleistungszucht: Die Geschichte des Huhns ist eine von Domestikation, Spezialisierung und neuen Zielkonflikten.

Auf den Punkt gebracht
- Ursprung. Das Bankivahuhn gilt als wichtigste Stammform, ergänzt durch weitere asiatische Wildhühnerarten.
- Domestikation. Hühner wurden vermutlich vor 3.000 bis 5.000 Jahren im asiatischen Raum in menschliche Gesellschaften integriert.
- Zucht. Moderne Hybridzucht ersetzte Zweinutzung durch extreme Spezialisierung auf Eier oder Fleisch.
- Grenzen. Leistungszucht steigert Effizienz, verschärft aber Tierwohl- und Ernährungskonflikte.
Als Stammform unserer heutigen Haushühner wird wegen seines äußeren Erscheinungsbildes und des ähnlichen Verhaltens meist das Bankivahuhn (Gallus gallus) angesehen, von dem fünf Unterarten anerkannt sind. Schon Darwin hat 1859 festgehalten, dass das Bankivahuhn (damals noch mit dem wissenschaftlichen Namen Gallus bankiva) als Stammform aller Haushühner anzusehen sei.
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Neben diesem gibt es in Regionen Süd- und Südostasiens aber noch drei weitere Arten von Wildhühnern, die in unterschiedlichem Umfang ebenfalls im Stammbaum unserer heutigen Wirtschaftshühner vertreten sind oder mit diesen gekreuzt wurden: das Gabelschwanzhuhn oder Grünes Kammhuhn (Gallus varius), das Ceylonhuhn oder Gelbes Kammhuhn (Gallus lafayettii) und das Sonnerathuhn oder Graues Kammhuhn (Gallus sonneratii). Wo sich die Lebensräume der Wildhuhn-Arten und insbesondere der Unterarten des Bankivahuhns überlappen, kommt es häufig zu Kreuzungen zwischen diesen (Hybridisierung).
Die Domestizierung des Bankivahuhn
Wahrscheinlich hielten sich Wildhühner vor allem nach der Einführung des Trockenreisanbaus häufig in der Nähe menschlicher Siedlungen auf und wurden nach und nach domestiziert. Das Hauptmotiv der Menschen dafür ist nicht geklärt, zumal Gelege der Wildhühner gesammelt beziehungsweise die Tiere selbst gejagt werden konnten. Wahrscheinlich waren neben dem Aspekt der Lebensmittelgewinnung auch sozio-kulturelle Aspekte und die Schönheit der Tiere wichtige Motive.
Lange Zeit wurde in wissenschaftlichen Arbeiten das Neolithikum als Zeitraum der Domestikation von Wildhühnern vor 8.000 bis 9.500 Jahren angenommen. In neueren Publikationen wird von einer deutlich kürzeren Domestikationsgeschichte (zirka 3.000 bis 5.000 Jahre) ausgegangen. Diese Unsicherheiten hängen unter anderem mit der schwierigen Differenzierung der Knochenreste von Wildhühnern von denen domestizierter Hühner zusammen. Aber auch genetische Informationen geben wegen der raschen Verbreitung verschiedener Typen von Hühnern, ihre Kreuzung untereinander und mit Wildhühnern nur bedingt Aufschluss über die Domestikationspfade unserer Haushühner. Domestikationszentrum dürfte im 3. Jahrtausend vor Christus der indische Subkontinent gewesen sein.
Jedenfalls fanden domestizierte Hühner aus Asien entlang von Handelswegen zu Land und zur See globale Verbreitung. In der Mittelmeerregion sind nennenswerte Funde von Hühnerknochen im 8. und 9. Jahrhundert vor Christus und auf den britischen Inseln zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert vor Christus verzeichnet. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Hühnerhaltung in Europa im Mittelalter. Quellen aus dieser Zeit beschreiben bereits Praktiken wie das Ausbrüten von befruchteten Hühnereiern unter künstlichen Wärmequellen, Formen der (temporären) Haltung in Käfigen aus Weidengeflecht oder die Kapaunisierung (Kastration von Hähnen). Bis in die 1950er-Jahre wurden Hühner bestimmter Rassen zur Eier- und Fleischerzeugung gehalten. Das änderte sich danach rapide.
Vom wilden Bankivahuhn keine Spur mehr
Die Verbreitung von Hühnern über alle Kontinente führte durch natürlichen und menschlichen Selektionsdruck zur Herausbildung einer Vielzahl von Rassen und Typen, die einerseits an die Umwelt-, aber auch die Bedingungen in den menschlichen Gesellschaften angepasst wurden. Hühner werden heute in nahezu allen agrarökologischen Zonen unter stark unterschiedlichen Klimabedingungen gehalten.
In den USA begannen Züchterinnen und Züchter nach dem Zweiten Weltkrieg von der Selektion leistungsstarker Hühner innerhalb definierter Rassen abzugehen. Die Hybridzuchtprogramme traten ihren weltweiten Siegeszug an, jedenfalls in Regionen mit intensiver Hühnerhaltung. Bei der Hybridzucht werden hochgezüchtete Linien von Hühnern gezielt miteinander gekreuzt, um das gewünschte Leistungsprofil zu erhalten.
Im Zuge dieser Entwicklung erfolgte auch eine Aufspaltung der Zuchtziele: Es wurden keine Zweinutzungshühner (für die Erzeugung sowohl von Eiern als auch Fleisch) mehr gezüchtet, sondern spezialisierte Tiere entweder auf Eileistung (Eizahl, Eigröße) bei Legehybriden beziehungsweise hohe Mastleistungen (Zuwachs, Fleischanteil im Schlachtkörper) bei Masthybriden selektiert. Es erfolgte also eine extreme Spezialisierung, die auch gesellschaftliche Kritik hervorruft; die Thematik der Tötung männlicher Eintagsküken von Legehybriden oder die mangelnde Fähigkeit zu einer normalen Fortbewegung bei extremen Masthybriden sind Beispiele dafür.
Daneben gibt es, vor allem im globalen Süden, immer noch Populationen sogenannter „village chicken“, die sich durch hohe genetische Variabilität, Robustheit unter teils sehr schwierigen Umweltbedingungen (Klima, Futtermangel, Krankheitsdruck, etc.) auszeichnen, aber im Vergleich zu Hybridhühnern auch eine deutlich niedrigere Lege- und Mastleistung aufweisen.
320 Eier pro Jahr
Die beeindruckenden Leistungssteigerungen, die in der Hühnerzucht erzielt wurden, lassen sich anhand weniger Kennzahlen illustrieren: Innerhalb von 60 Jahren stieg die jährliche Legeleistung von rund 210 Eiern je Henne (damals noch von Zweinutzungsrassen) auf rund 320 Eier je Hybridhenne und Jahr heute. Nahmen Hühner in den 1950er-Jahren vom Ausschlüpfen aus dem Ei bis zum Erreichen der Schlachtreife mit etwa 12 Wochen rund 17 Gramm pro Tag zu, liegt dieser Wert bei modernen Masthybriden bei etwa 65 Gramm über eine Mastdauer von nur noch 4,5 Wochen. Ein Teil dieser Leistungssteigerung ist auf verbesserte Fütterung und Haltung zurückzuführen, der allergrößte Teil wurde allerdings durch sehr effektive züchterische Maßnahmen erzielt.
Diese waren wiederum durch die Ausnutzung einiger Charakteristika der Reproduktionsbiologie bei Hühnern möglich: Das kurze Generationsintervall (zwischen dem Schlupf eines Hennenkükens und dem Schlupf ihrer ersten Töchter liegen nur rund 23 Wochen) und die hohe Vermehrungsrate (ein Muttertier hat jährlich rund 100 weibliche Nachkommen) ermöglichen eine sehr strenge Auswahl der besten Nachkommen von Elterntieren. Die Möglichkeit, große Chargen befruchteter Eier in Brütereien künstlich auszubrüten, tragen zu einer hoch effizienten Reproduktion bei: Für die rund 7,5 Millionen Legehennen, die in Österreich gehalten werden, müssen nur rund 75.000 Mütter bzw. 940 Großmütter gehalten werden. Trotz ihrer schlechteren Fruchtbarkeitsleistung gilt das grundsätzlich auch für Mastlinien.
2,2 Milliarden Eier werden in Österreich gelegt
In Österreich werden pro Kopf der Bevölkerung 248 Eier jährlich verzehrt, davon stammen 242 aus heimischer Erzeugung. In Österreich legen 7,5 Millionen Legehennen pro Jahr rund 2,2 Milliarden Eier. Der Hühnerfleischkonsum liegt bei durchschnittlich zehn Kilogramm pro Kopf und Jahr. Der Selbstversorgungsgrad aus heimischer Erzeugung beträgt rund 86 Prozent, in Österreich wachsen jährlich rund 88 Millionen Masthühner bis zur Schlachtreife heran. Damit beträgt der Anteil des Hühnerfleisches am gesamten Fleischkonsum in Österreich rund 17 Prozent, nur der Anteil von Schweinefleisch liegt höher.
Die Gründe für den steigenden Verzehr von Hühnerfleisch in den Ländern des globalen Nordens liegt vor allem in seiner Preiswürdigkeit, im positiven Image als fettarmes weißes Fleisch, in seiner kurzen Zubereitungszeit und in der Verfügbarkeit zahlreicher sogenannter „Convenience-Produkte“. Auch global wird zunehmend Geflügel- und vor allem Hühnerfleisch nachgefragt: Nach Zahlen der FAO stieg der weltweite Verbrauch an Geflügelschlachtkörpern von rund 3 Kilogramm pro Kopf der Weltbevölkerung im Jahr 1965 auf zirka 16 Kilogramm heute.
Die Gründe dafür liegen im steigenden Wohlstand großer Volkswirtschaften vor allem in Asien und Südamerika sowie im weitestgehenden Fehlen von kulturellen und religiösen Tabus gegenüber Hühnerfleisch. Beachtet man, dass sich die Weltbevölkerung in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt hat, resultiert für diesen Zeitraum eine Verzwölffachung der Geflügelfleisch-Erzeugung.
Aus ernährungsökologischer Sicht ist diese Entwicklung problematisch: Anders als Rinder, Schafe, Ziegen und andere Wiederkäuer benötigen Masthühner hochwertige Futtermittel für die Energie- und Proteinversorgung. Damit treten sie zum Menschen in Nahrungskonkurrenz, da in der intensiven Hühnermast etwa zweimal so viel Protein, das vom Menschen direkt verzehrt werden könnte, für die Fütterung verbraucht wird, als im Hühnerfleisch enthalten ist. Daher kann aus Sicht der globalen Ernährungssicherung die bisherige Entwicklung nicht fortgesetzt, sondern muss vielmehr überdacht und korrigiert werden.
Conclusio
Effizient. Moderne Hühnerzucht erzielt enorme Leistungsgewinne durch genetische Selektion und industrielle Reproduktion – vom Bankivahuhn ist die Hybridhenne weit entfernt. Diese Effizienz geht mit biologischen und ethischen Kosten einher.
Spezialisiert. Spezialisierung und globale Nachfrage verdrängen genetische Vielfalt und verschärfen die Nahrungskonkurrenz zwischen Tier und Mensch. Das Huhn ist Teil eines größeren Ernährungssystems.
Extrem. Zuchtziele, Konsumgewohnheiten und Produktionssysteme müssen neu ausbalanciert werden. Nachhaltigkeit erfordert weniger Extreme und mehr Vielfalt.


