Die begnadete Tüftlerin
Beulah Louise Henry konnte als Synästhetikerin „spüren“, wie Dinge funktionieren – und wie man sie besser machen kann. Sie wurde zu einer der erfolgreichsten Erfinderinnen der Geschichte.

Ihre Arbeitsweise wird sie einmal so beschreiben: „Ideen kommen einfach so über mich – ich kann nicht anders, ich muss erfinden.“ Beulah Louise Henry, geboren 1887 in North Carolina, ihre Mutter ist Künstlerin, ihr Vater ein kunstsinniger Politiker bei den Demokraten. Zwei ihrer Vorfahren waren Präsidenten der Vereinigten Staaten. Als sie mit 86 Jahren stirbt, wird sie 49 Patente angemeldet und über 110 Erfindungen in die Welt gebracht haben. Damit gilt sie als eine der erfolgreichsten Erfinderinnen in der Geschichte, geehrt seit 2006 in der National Inventors Hall of Fame. Wer also war Beulah Louise Henry? Und gilt sie auch als Unternehmerin?
Sie sah Zeit und Raum
Mit neun Jahren entwickelt sie ihren ersten Prototyp, eine Halterung am Gürtel, dank der ein Gentleman seinen Hut vor einem Passanten ziehen und gleichzeitig eine Zeitung halten konnte. Was für eine feine Beobachtungsgabe muss das Mädchen gehabt haben! Und Humor! Und natürlich ein außerordentliches räumliches Talent! Sie selbst meinte, sie sei Synästhetikerin.
Weitere Folgen Czernins Damensalon
Tatsächlich gibt es bei diesem neurologischen Phänomen eine Unterform, die sogenannte Zeit-Raum-Synästhesie. Menschen, die über diese Fähigkeit verfügen, können Figuren, Bilder und Silhouetten anders wahrnehmen und damit visuelle Aufgaben aller Art sehr viel besser und schneller bewältigen als ihre Mitmenschen. Beulah sieht, wie Zahnräder ineinandergreifen, wie Federn, Kurbeln und Hebel funktionieren. Ihre Freunde erleben wiederholt, wie sie mitten im Gespräch aufspringt und Skizzen anfertigt – von Maschinen, Geräten, Alltagsgegenständen, bei denen sie beobachtet, dass sie nicht richtig funktionieren. All das tut sie ohne Ingenieursausbildung, ja, ihr fehlt sogar das technische Vokabular, um zu beschreiben, was sie „sieht“. Dafür sind ihre technischen Zeichnungen ungemein präzise.
Auch auf dem College in North Carolina gilt Beulahs Leidenschaft dem Tüfteln. Und noch bevor sie ihren Abschluss erwirbt, lässt sie ein Gefäß für Eis patentieren, in dem ein Vakuum in der Doppelwand die Kälte im Inneren konserviert.
Nächtliche Ideen …
Nach dem College zieht Beulah mit ihrer Mutter nach New York. „Ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll“, soll die Mutter über ihre Tochter gesagt haben. „Sie steht nachts auf und schleicht herum, um mit den elektrischen Lampen und dem Wassersystem zu experimentieren oder nach braunen Papierbögen zu suchen, auf denen sie zeichnen oder die sie zerschneiden kann.“ Trotzdem oder gerade deswegen bleibt die Mutter an der Seite ihrer – in normalen Lebensdingen sehr viel weniger begabten – Tochter.
War es Teil ihres Erfolgsgeheimnisses, dass sie nie heiratete? Im Hotel lebte und von dort ihre Aufträge an Handwerker, Patentanwälte und Produzenten vergab? All das spart natürlich Zeit und ermöglicht ihr, den Fokus ganz auf ihr Talent zu legen. Beulah interessiert sich für alles: Spielzeug, Schreibmaschinen, Nähmaschinen, Kaffeekannen, Lockenwickler, Dosenöffner, Briefumschläge. 1935 entwickelt sie zum Beispiel eine Puppe mit austauschbaren Frisuren und Augen, die per Knopfdruck die Farbe ändern oder sich schließen können.
… beschäftigen die rastlose Erfinderin …
Schon mit ihrem zweiten Patent wird Beulah Louise Henry 1924 zur Unternehmerin. Es ist ein Sonnenschirm mit aufsteckbaren Bezügen in verschiedenen Farben, je nach dem Outfit der Trägerin. Der Schirm entspricht dem Geschmack der New Yorker Society und wird sofort zum wirtschaftlichen Erfolg. Die Presse lobt das „Wunder für die kluge Dame“, und Beulah gründet die Henry Umbrella and Parasol Company. Da ist sie 37 Jahre alt. Jetzt baut sie ihre Firma zu einem Anbieter modischer Alltagshelfer und Accessoires aus. Ihr eigentliches Interesse aber gilt ihren Erfindungen, und so verlaufen sich die Spuren der Company bald im Sand.
Finanzieller Erfolg oder Ruhm scheinen ihr nie wirklich wichtig gewesen zu sein.
Doch sie bleibt Unternehmerin. Sie gründet eine zweite Firma, die B. L. Henry Company, die sich um Patentierung, Lizenzierung und Vermarktung ihrer Erfindungen kümmern soll. Über diese Firma lizenziert sie zum Beispiel ihre Spielzeugpatente an größere Hersteller und bringt ihre Innovationen im Bereich Bürobedarf und Haushaltswaren selbst oder über Partner auf den Markt. Etwa einen Perkolator, der Fleisch im Bräter selbständig mit eigenem Saft begießt. Oder eine Vorrichtung für Schreibmaschinen, die es ermöglicht, ein Original und bis zu vier Kopien gleichzeitig zu tippen, ohne Kohlepapier zu verwenden.
Eine der berühmtesten Erfindungen von Beulah Louise Henry ist die „Doppelkettenstich-Nähmaschine“. Das ist eine Nähmaschine ohne Spule, weshalb sich der Faden nicht verheddern kann. Beulahs Erfindung verändert die Textilindustrie, denn Näherinnen können nun doppelt so schnell arbeiten und mehr Aufträge annehmen. In Spezialmaschinen kommt diese Erfindung bis heute zum Einsatz.
… bis zum Ende
Finanzieller Erfolg oder Ruhm scheinen ihr nie wirklich wichtig gewesen zu sein. Immerhin aber wird sie als „stilvoll gekleidet“ und „bezaubernd, fast theatralisch feminin“ beschrieben. Wer sie in ihrem Hotel besucht, trifft sie meist mit irgendwelchen Tieren an. Zu verschiedenen Zeiten hält sie kleine Schildkröten, einen Sittich, einen Pirol, mehrere Tauben und Nymphensittiche sowie eine Katze namens Chickadee.
Sie engagiert sich im American Museum of Natural History, der National Audubon Society und der New York Microscopical Society. An ihren Erfindungen arbeitet sie bis zum Schluss. Als sie mit 86 Jahren am 1. Februar 1973 in New York stirbt, hat sie gerade ihr 49. Patent eingereicht.
Kommentare & Kolumnen
Der Teufel Überdruss
Nur wer wagt, kann über sich hinauswachsen
Mehr Pragmaticus
Fakten gibt’s jetzt im Abo.
10 Mal im Jahr unabhängige Expertise, bequem in Ihrem Briefkasten. Die großen Fragen unserer Zeit, beantwortet von führenden Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren

