Die Weichen im Schulsystem werden zu früh gestellt

In Österreich werden schon nach der Volksschule die Weichen für den weiteren Bildungsweg eines Kindes gestellt. Es braucht mehr Flexibilität.

Illustration für den Bildungsweg: Ein weißer und ein roter Pfeil vor einem blauen Hintergrund, die gemeinsam beginnen und sich dann auftrennen
In Österreich müssen Kinder - oder deren Eltern - bereits nach der Volksschule entscheiden, wohin die Bildungsreise geht. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • System. Nicht die Herkunft der Schüler entscheidet über den Bildungserfolg, sondern wesentlich die Struktur und Integrationskraft des Bildungssystems.
  • Selektion. Frühe Entscheidungen über Bildungswege können soziale Unterschiede verstärken und spätere Korrekturen erschweren.
  • Schulqualität. Klare pädagogische Konzepte, individuelle Förderung, hohe Erwartungen und stabile Lehrer-Schüler-Beziehungen können Benachteiligungen ausgleichen.
  • Durchlässigkeit. Erfolgreiche Bildungssysteme bieten Kindern mehr Möglichkeiten, Bildungswege zu wechseln, Rückstände aufzuholen und ihr Potenzial zu entwickeln.

Als die Berliner Rütli-Schule im Jahr 2006 als „Problemschule der deutschen Nation“ Schlagzeilen machte, galt sie als Symbol für das Scheitern von Integration: eine Hauptschule im Bezirk Neukölln, der notorisch von Armut, sozialen Problemen und einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte geprägt ist. Als sich die Lehrkräfte überfordert fühlten, wandten sie sich mit einem dramatischen Hilferuf an die Öffentlichkeit.

Heute ist derselbe Ort ein internationales Vorzeigebeispiel dafür, wie Integration gelingen kann. Aus der ehemaligen Hauptschule ist ein Campus geworden, der eine Gesamtschule für die Klassen 1 bis 13 beherbergt, dazu einen Kindergarten, ein Zentrum für Sozialarbeit sowie ein Referat für Elternarbeit. Entgegen der landläufigen Meinung kam der Wandel nicht dadurch zustande, dass sich die Schüler oder ihre Zusammensetzung verändert hätten. Was stattdessen umgestaltet wurde, war die Organisation der Schule selbst bei einem gleichzeitigen Ausbau von Personal und Ressourcen. Der Fall macht deutlich, dass Migration nicht automatisch zu schlechten Bildungsergebnissen führt. Entscheidend ist vielmehr die Integrations- und Inklusionskraft des Bildungssystems.

In Österreich wird Integration im Bildungsbereich häufig über den Begriff „Migrationshintergrund“ diskutiert. Dabei halte ich diesen Begriff für durchaus problematisch, weil er analytisch unscharf ist. Oft geht es beim Thema Bildung nämlich gar nicht unbedingt um die geografische, sondern um die soziale Herkunft der Schüler. So startet etwa ein Kind aus einer bildungsnahen Familie mit völlig anderen Voraussetzungen in das Schulsystem als ein Kind, dessen Eltern nur wenig Erfahrung mit Bildungseinrichtungen und auch keinen akademischen Abschluss haben.

Soziale Benachteiligung trifft alle

Migrationserfahrung kommt bei Letzteren häufig hinzu, ist aber nicht automatisch die Ursache für geringeren Bildungserfolg. Wenn Schüler ihre Bildung über Umwege oder Sonderwege organisieren müssen, verweist das eher auf strukturelle Probleme. Verschlungene Bildungspfade sind zum Großteil das Ergebnis sozialer Benachteiligung, von der genauso gut sozial schwache einheimische Familien betroffen sein können.

Einer der größten strukturellen Unterschiede zwischen Österreich und Ländern mit erfolgreichen Integrationsstatistiken liegt in der frühen Selektion. In Österreich entscheidet sich aktuell nach vier Jahren Volksschule, ob ein Kind in die AHS oder in die Mittelschule wechselt. Mit zehn Jahren wird damit eine Weiche gestellt, die den weiteren Bildungsweg stark beeinflusst. Der zweite Übergang erfolgt vom Abschluss der Pflichtschule in die Lehre beziehungsweise in eine weiterführende Ausbildung (wobei Letztere wieder in verschiedene Schulformen wie HAK, HTL oder Realgymnasium gegliedert ist).

Vorgezeichneter Bildungsweg

Wie prägend bereits die erste Entscheidung ist, zeigen die Zahlen der Statistik Austria. Kinder, die nach der Volksschule in eine AHS wechseln, bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem direkten Weg zur Matura. Wer eine Mittelschule besucht, kann zwar ebenfalls später in eine maturaführende Schule wechseln – tatsächlich gelingt dieser Schritt aber seltener.

Auffällig ist außerdem, dass sich die Schülerschaft schon früh unterschiedlich auf die einzelnen Schulformen verteilt. Während in den Volksschulen 30,6 Prozent der Kinder keine deutsche Erstsprache haben, liegt dieser Anteil in den Mittelschulen bei 34,2 Prozent, in der AHS-Unterstufe hingegen bei nur 19,1 Prozent. Besonders hoch ist er an Sonderschulen (43,5 Prozent) und Polytechnischen Schulen (42,1 Prozent), am niedrigsten an Berufsschulen (17,1 Prozent). Schon wenige Jahre nach der Einschulung ergibt sich also eine deutliche Konzentration bestimmter Schülergruppen in einzelnen Schulformen.

Genau darin liegt aus meiner Sicht das eigentliche Problem. Diese Zahlen sagen nichts über die Fähigkeiten einzelner Kinder aus, sondern darüber, wie das Bildungssystem unterschiedliche Ausgangslagen verstärkt. Migration erklärt dabei den Bildungserfolg nicht automatisch. Entscheidend ist vielmehr, wie soziale Benachteiligung, sprachliche Vielfalt und schulische Rahmenbedingungen an einzelnen Standorten zusammenwirken.

Wo sich viele Kinder mit erhöhtem Förderbedarf an Schulen konzentrieren, die gleichzeitig aber über zu wenige Ressourcen verfügen, entstehen strukturelle Nachteile. Diese werden später oft fälschlicherweise den Kindern oder ihren Familien zugeschrieben, obwohl sie wesentlich durch die Organisation des Bildungssystems mitverursacht werden.

Die Übergänge nach der Volksschule und der Sekundarstufe I sind deshalb entscheidend, weil sie soziale Unterschiede weiter verstärken können. Kinder aus Familien mit geringer Bildungserfahrung oder wenig Kenntnis des österreichischen Schulsystems haben es schwerer, an diesen Weggabelungen die für sie günstigste Entscheidung zu treffen. Mit zehn oder vierzehn Jahren sind Begabungen und Potenziale noch längst nicht vollständig entwickelt.

Was andere Länder besser machen

Trotzdem werden Bildungswege bereits früh festgelegt. Spätere Kurskorrekturen sind im österreichischen System dabei nur eingeschränkt möglich. Wer den Sprung in eine höhere Schulform zunächst nicht schafft, hat deutlich schlechtere Chancen, diesen Rückstand später wieder aufzuholen. Aus individuellen Startnachteilen werden so strukturelle Bildungsnachteile, die sich über den weiteren Lebensweg fortsetzen können. Andere Länder organisieren schulische Übergänge auf andere Weise.

Dass Kinder mit Migrationserfahrung in manchen Ländern besser abschneiden als in anderen, hat ausschließlich mit der Struktur des Systems und nichts mit Migration zu tun. In Frankreich etwa verfolgt die Schule traditionell ein stark laizistisches Modell. Der öffentliche Bildungsraum soll vom Status des Elternhauses unbeeinflusst sein. Bereits vor der Einschulung besuchen viele Kinder Vorschuleinrichtungen, in denen die französische Sprache und grundlegende Kompetenzen vermittelt werden. Kinder mit Migrationsgeschichte beherrschen die französische Sprache daher meist bereits sehr gut, wenn sie in die Schule kommen.

In den Niederlanden herrscht zwar eine ähnlich frühe Differenzierung wie in Deutschland und Österreich vor, diese muss aber nicht zwangsläufig zu starr vorgegebenen Bildungswegen führen. So werden die Kinder etwa mit zwölf Jahren auf Schulzweige verteilt: auf einen stärker berufsorientierten Zweig, eine mittlere Bildungsschiene oder das Gymnasium. Diese Entscheidung ist jedoch nicht endgültig. Das System ist modular aufgebaut und ermöglicht an zahlreichen Stellen den Wechsel zwischen Schularten. Kinder können Bildungswege korrigieren und Versäumtes jederzeit aufholen.

Und Pisa?

Internationale Untersuchungen wie die alle drei Jahre durchgeführte PISA-Studie bilden diesen Zusammenhang zwischen dem nationalen Bildungssystem auf der einen Seite und dem Bildungserfolg von Schülern auf der anderen Seite leider nur unzureichend ab. Kausale Zusammenhänge lassen sich aus ihr nicht ableiten. Sie zeigt lediglich, in welchen Ländern größere oder kleinere Leistungsunterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationsgeschichte vorherrschen, sie erklärt jedoch nicht die Ursachen dieser Unterschiede.

Ob ein durchlässigeres Schulsystem tatsächlich bessere Bildungschancen schafft, lässt sich daher nicht allein aus den bloßen Leistungsdaten ablesen. Dafür muss man die Struktur der Bildungssysteme selbst in den Blick nehmen und mit anderen empirischen Befunden zusammenführen. Aus meiner Sicht sprechen genau solche umfassenderen Vergleiche dafür, dass durchlässige Schulsysteme Kindern mehr Möglichkeiten eröffnen, Rückstände aufzuholen und ihren Bildungsweg erfolgreich fortzusetzen.

Erfolgreiche Schulen

Als qualitativ arbeitender Forscher scheint es mir entscheidend zu sein, wie gut ein Bildungssystem auf soziale Vielfalt vorbereitet ist und auf mögliche kulturelle Vorprägungen reagiert, um allen Kindern unabhängig von ihrer jeweiligen Herkunftserfahrung dieselben Chancen zu eröffnen. In einem Sparkling-Science-Projekt wurden zwei Mittelschulen in Tirol untersucht – eine im ländlichen Stubaital und eine in Innsbruck. Beide Schulen wurden von Schülern aus unterschiedlichen sozialen und familiären Milieus besucht.

Trotzdem schienen die Kinder, die die Schule im ländlichen Raum besuchten, deutlich besser abzuschneiden als Kinder im städtischen Raum. Der Grund? Die Ausrichtung der Schule innerhalb ihres jeweiligen Umfelds. So wies die Stubaier Schule folgende Merkmale auf:

  • eine klare pädagogische Vision
  • hohe Erwartungen an alle Schüler
  • keine Defizitperspektive
  • individuelle Förderung
  • zusätzliche Lernangebote
  • starke Lehrer-Schüler-Beziehungen
  • respektvolle Atmosphäre
  • geringe Diskriminierung

Während die Stubaier Mittelschule in der Öffentlichkeit als normale Bildungsinstitution wahrgenommen wurde, galt die Innsbrucker Schule als „Restschule“. Dort sammelten sich Schüler mit prekärem familiären Hintergrund oder schwierigem Verhalten. Der schlechte Ruf der Schule verstärkte ihre soziale Zusammensetzung, obwohl sie in Sachen Aufbau und Lehrinhalt ident mit ihrem Pendant aus dem Stubaital war.

Auch einzelne Wiener Schulen machen vor, wie Vielfalt erfolgreich organisiert werden kann. Die Neue Mittelschule Koppstraße in Ottakring (eine ehemalige „Brennpunktschule“) wird etwa häufig als anschauliches Beispiel ins Feld geführt. Diese Schule wird vor allem für ihr pädagogisches Klima geschätzt.

Bekenntnis zu Verantwortung

Die vorherrschende klare Unterrichtsstruktur, gepaart mit individueller Förderung durch ein engagiertes und stabiles Lehrerteam ohne große Fluktuation, unterstützt alle hier lernenden Kinder mit unterschiedlichen Erstsprachen gezielt beim Beheben ihrer Defizite. Teamarbeit zwischen Schülern und Lehrkräften wird großgeschrieben. Integration wird strukturell angegangen und nicht als individuelles Problem der Kinder betrachtet.

Ich glaube, dass die Integrationsdebatte profitieren würde, wenn sie sich weniger um Ideologie drehen würde und mehr um pragmatische Lösungen. Schließlich verweist die Bildungsforschung seit Jahren darauf, welche Faktoren der Schlüssel zum Erfolg wären: spätere Bildungsentscheidungen, mehr Durchlässigkeit zwischen Schultypen, bessere frühe Förderung, weniger Einfluss der Eltern und ein klares Bekenntnis zur Bildungsverantwortung vonseiten der Schulleitungen. Man müsste also auch in Österreich das Rad nicht neu erfinden, sondern könnte die funktionierenden Modelle anderer Länder übernehmen.

Im Kontext der schulischen Integration spielt auch die Lehrerausbildung – und der Stellenwert des Lehrerberufs – eine zentrale Rolle. In Ländern wie Schweden gibt es ein strenges Auswahlverfahren, wodurch sich Lehrkräfte auch eines höheren gesellschaftlichen Ansehens erfreuen. In Österreich kann jeder Lehrer werden, unabhängig von der persönlichen Eignung. Wenn Integration letzten Endes aber eine Frage der relevanten Institutionen und nicht unbedingt des Elternhauses ist, dann brauchen wir motivierte und motivierende Lehrkräfte, die bereit sind, dieses System vollumfänglich zu tragen.

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Conclusio

Strukturen. Bildungserfolg ist nicht an die Herkunft von Kindern und Jugendlichen geknüpft. Er hängt vielmehr von den Bedingungen ab, unter denen sie lernen. Frühe Selektion und Segregation verstärken bestehende Unterschiede.

Durchlässigkeit. Erfolgreiche Bildungssysteme ermöglichen sowohl Korrekturen gewählter Bildungswegen als auch zweite Chancen. Wo Bildungswege flexibel bleiben, können Kinder soziale Nachteile überwinden.

Zuversicht. Gute Schulen sind so organisiert, dass Vielfalt kein Hindernis sein muss. Ausschlaggebend sind klare pädagogische Konzepte, die von motivierten Lehrkräften getragen werden, um jedes Kind zu erreichen.

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