Warum die Archäologie Feuerbestattungen hasst

Feuer statt Grab: Vor 3.000 Jahren änderte sich die Bestattungskultur radikal. Die Archäologie und damit Katharina Rebay-Salisbury stellt das heute vor große Herausforderungen.

Katharina Rebay-Salisbury, Professorin am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie.
Katharina Rebay-Salisbury erforscht die Lebensrealität der Menschen in der Frühgeschichte. © Matthias Nemmert

Warum, das weiß niemand. Aber irgendwann, so um 1.300 vor Christus, wurde es in ganz Europa zur Mode, Tote nicht mehr zu begraben, sondern zu verbrennen. „Das war eine sehr radikale Änderung der Bestattungspraxis“, sagt Katharina Rebay-Salisbury, Professorin am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie. „Spekuliert wird, dass sich die Vorstellungen vom Leben nach dem Tod geändert haben, dass man vielleicht die Vorstellung einer Seele entwickelte, die man aus dem Körper lösen muss“, sagt sie. „Aber ohne schriftliche Quellen ist das natürlich schwierig zu sagen.“

Was die Menschen damals nicht wissen konnten: Sie haben damit die Arbeit von Rebay-Salisbury ein ganzes Stück schwieriger gemacht. „Es ist natürlich recht frustrierend, weil wir einerseits nur Knochenfragmente haben und andererseits die DNA ab 80 Grad komplett degradiert.“ Bis 700 vor Christus dauerte diese Phase an und „wir können deshalb relativ wenig über die Menschen in dieser Zeit sagen.“

Die Archäologie des Menschen

Willkommen in der Welt der Bio-Archäologie. „Wir konzentrieren uns im Unterschied zur klassischen Archäologie ganz auf organische Verlassenschaften – Menschen, Tiere, Pflanzen“, erzählt Rebay-Salisbury. „Aber hauptsächlich fokussieren wir uns auf den Körper als den Mittelpunkt des Lebens, der sich in Interaktion mit der Umwelt formt.“  2023 wechselte sie von der Akademie der Wissenschaften an das Institut der Universität Wien, ihr Fokus blieb derselbe. Was Rebay-Salisbury fasziniert, sind Identitäten in der Frühgeschichte: Was war die Rolle der Frauen? Wie entstehen soziale Schichten? Wie agieren Gruppen untereinander und miteinander?

Die Überreste eines Menschen auf einem Tisch
Die Überreste eines Menschen, der im niederösterreichischen Getzersdorf feuerbestattet wurde. © Matthias Nemmert

„Bio-Archäologie hat eine sehr persönliche Herangehensweise“, sagt sie. „Man hat einen Menschen gegenüber, der vor tausenden Jahren gelebt hat.“ Oder eben was von diesem Menschen übrig ist. Einer von Rebay-Salisburys Mitarbeitern, Lukas Waltenberger, hat die Knochenfragmente einer Leiche aus der Eisenzeit auf einem Tisch vor sich ausgebreitet. Damals, erklärt er, „wurden die Leichen auf einem Scheiterhaufen verbrannt und dann in eine Urne verfrachtet“. Sie wurde in Getzersdorf im niederösterreichischen Traisental gefunden und „wir versuchen herauszufinden: Wer war diese Person?“, sagt Waltenberger. Dabei hilft unter anderem Martina, ein weibliches Skelett, das im Raum steht und als Vorlage bei der Bestimmung dienen kann, ob ein Knochenfragment zu einem männlichen oder weiblichen Körper gehört hat.

Besonders bedeutend, erklärt Waltenberger, ist das Felsenbein: „Das zieht von der Schädelbasis hinein und da sitzt das Innenohr. Dieser Knochen verändert sich – im Gegensatz zu allen anderen, die sich lebenslang erneuern – nach den ersten beiden Lebensjahren nicht mehr.“ Das ist deshalb bedeutend, weil bei Knochen eine Strontium-Isotopen-Analyse durchgeführt werden kann, die Geologiesignale aufzeigt. Wenn das Felsenbein andere Signale liefert als die anderen Knochen, starb die Person wo anders als sie ihre ersten beiden Lebensjahre verbracht hat.

Lukas Waltenberger mit einem Skelett namens Martina.
Skelett Martina hilft dabei, Knochen zu identifizieren. © Matthias Nemmert

Archäologie, oder: Das ewige Scheitern

So beeindruckend das ist: Es gibt auch vieles, das für immer im Dunklen bleiben wird. Und die Geschichte der Menschen muss immer von hinten aufgerollt werden: von ihrem Tod weg. In der Frühbronzezeit beispielsweise „wurde in der Bestattungspraxis sehr stark unterschieden zwischen Männern und Frauen“. Männer wurden Nord-Süd-orientiert auf der linken Seite bestattet, Frauen Süd-Nord-orientiert auf der rechten Seite. Im Unterschied zur Eisenzeit, wo bei den Bestattungsritualen eher zwischen Arm und Reich unterschieden wurde.

Eine Schale aus der Hallstattzeit, die in Getzersdorf gefunden wurde
Auch Schalen wie diese wurden den Gräbern beigegeben – durch die Hitze wurde sie verformt. © Matthias Nemmert

Warum das so war, was sich geändert hat: „An diesen Erklärungen scheitern wir in der Urgeschichte immer.“ Im Laufe ihrer Karriere stellte Rebay-Salisbury irgendwann fest, „gehe ich immer weiter zurück in der Erdgeschichte – weil es immer spannend ist, nach den Ursprüngen zu forschen.“ Klar ist: Geschlechterrollen, soziale Schichten – all das war schon damals nicht in Stein gemeißelt und stets im Fluss.

Aber wie kann man sich das damalige Leben da, wo heute Österreich ist, sonst vorstellen? „Es war ein Zusammenleben in kleinen Dörfern von ein paar hundert Individuen“, erzählt Rebay-Salisbury. Diese kleinen Gemeinschaften entstanden und verschwanden – etwa wegen einer Pestwelle – und entstanden von Neuem. „Man hat sich die Urgeschichte früher wie eine langsame Entwicklung über Zeit vorgestellt, aber es gab da ganz viel Migration und Veränderung.“ Die sei – wie heute – immer von Problemen ausgelöst worden: „Wenn es funktioniert, bleibt man dort, wo man ist.“ War Österreich damals schon eine Insel der Seligen? „Es war sicher ein gutes Siedlungsgebiet, auch wenn es durchaus Zeiten gab, wo die Ernten schlecht waren und die Menschen gehungert haben.“  

Ein bisschen Hoffnung

Aber woher wissen Archäologen, wo es sich lohnt nach urzeitlichen Überresten zu suchen? Die gute Nachricht ist: Es würde sich fast überall lohnen. „Wenn ich mit dem Hund in den Weingärten spazieren gehe, sehe ich ständig irgendwo Scherben. Es ist noch ganz viel im Boden.“ Die weniger gute: Wo Archäologen suchen, bestimmen sie nur noch selten selbst. „Archäologie passiert hauptsächlich im Zuge von Bauprojekten“, sagt Rebay-Salisbury. Also: Bagger gräbt das Erdreich auf, um ein Shoppingcenter zu errichten, und findet menschliche Überreste oder Artefakte aus der Urgeschichte. „So kommen wir zu 95 Prozent unserer Funde.“

Katharina Rebay-Salisbury im Gespräch mit dem Pragmaticus
Katharina Rebay-Salisbury: „Unsere Aufgabe ist es, sinnvolle Fragestellungen zu finden.“ © Matthias Nemmert

Wichtiger als die Funde selbst sei es aber sowieso, „sinnvolle Fragestellungen für diese Funde zu finden“. Gerade aufgrund technologischer Innovationen kann auch aus bereits bekannten Funden neues Wissen generiert werden. „Aktuell haben wir ein Projekt mit organischen Rückständen in Töpfen – die waren ja nicht leer.“ Diese könnten heute bioanalytisch erfasst werden und die Ergebnisse werden „Erkenntnisse über Kulinarik und Rezepte in der Urgeschichte liefern.“ Auch prähistorische Babyfläschchen wurden untersucht – mit dem Ergebnis, dass diese nicht nur Muttermilch, sondern auch Kuh- und Ziegenmilch enthielten.

In den kommenden Jahren hofft sie, werden technologische Fortschritte helfen, noch viel mehr über das damalige Leben – und vor allem über das damalige Krisenmanagement zu erfahren. „Wir wissen recht genau, wann welcher Vulkan wo in die Luft gegangen ist, aber wir können das aktuell noch recht schlecht mit den Bevölkerungsentwicklungen zusammenbringen.“ Sie würde gerne wissen: Was haben die Menschen getan, um mit Katastrophen leben zu lernen? Wie haben sie darauf reagiert? In einer Gegenwart voller Krisen „könnte uns das ein bisschen Hoffnung geben“, sagt sie: „Die Menschen finden immer eine Lösung. Auch wenn sie manchmal schlecht ist. Aber es geht immer weiter.“

Über diese Serie

Unter dem Titel „Forschungsreisen“ präsentieren wir spannende Forschungsprojekte aus ganz Österreich. Der Pragmaticus war bereits zu Gast bei Peter Turchin vom Complexity Hub, der die USA vor einem Bürgerkrieg sieht, hat mit Stefan Mayr von der Uni Innsbruck über die Zukunft der Alpenwälder unterhalten und sich von Lisa Bugnet am ISTA erzählen lassen, wie die Sterne klingen. Alle Forschungsreisen können Sie hier nachlesen.

Ausstellungstipp: Die Sprache der Göttinnen: Im Schloss Asparn/Zaya ist von 13. April bis 30. November die von Katharina Rebay-Salisbury und Elisabeth von Samsonow kuratierte Ausstellung „Die Sprache der Göttinnen“ zu sehen, die sich mit urgeschichtlichen Frauendarstellungen auseinandersetzt.

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