Kinder für alle
Erstmals wurden im Oktober 2025 befruchtungsfähige Eizellen aus menschlichen Hautzellen gewonnen. Das stellt die Bioethik vor grundlegende Fragen. Kann jetzt jeder ein Kind bekommen?

Auf den Punkt gebracht
- Ursprung. Embryonale Stammzellforschung ermöglicht medizinischen Fortschritt, wirft aber grundlegende ethische Fragen zum Beginn des Lebens auf.
- Alternativen. iPS-Zellen galten als ethische Lösung, eröffnen jedoch neue, teils noch größere Problemfelder.
- Entgrenzung. Die Herstellung von Gameten und Embryomodellen im Labor verändert Fortpflanzung, Elternschaft und Identität.
- Debatte. Wissenschaftlicher Fortschritt erfordert eine transparente, interdisziplinäre und gesellschaftlich getragene Ethikdiskussion.
In den 1990er-Jahren, als die humane embryonale Stammzellforschung durch das Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnisse ermöglicht wurde, begann auch eine intensive ethische Debatte. Sie drehte sich vor allem um den Beginn des Lebens, den moralischen Status des Embryos und die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens. Embryonale Stammzellen gewinnt man im Labor aus befruchteten Eizellen im Stadium der Blastozyste, das sind befruchtete Eizellen nach vier bis sechs Tagen. Durch ihre Gewinnung, die auf Basis der In-vitro-Fertilisationstechnik erfolgt, wird der frühe Embryo zerstört und kann sich nicht weiterentwickeln.
Mehr zum Thema Bioethik
Embryonale Stammzellforschung ist notwendig, um Krankheiten besser zu verstehen und neue Therapien für schwere, bisher unbehandelbare Erkrankungen zu finden. Stammzellen zeichnet aus, dass sie sich in alle anderen Zellen und in der Folge auch in alle Organe entwickeln können, deshalb sind sie aus der heutigen Forschung nicht mehr wegzudenken. Die Forschung an ihnen hilft uns, Erkenntnisse über unsere eigene Entwicklung und die der Organe von der Befruchtung an zu gewinnen.
Der heilige Krieg um Stammzellen
Die Debatte über den moralischen Status des Embryos und die humane embryonale Stammzellforschung geht weit über die Wissenschaft hinaus. Die Debatte gleicht oftmals einem heiligen Krieg, sie kann aber auch als Zentrum einer Vertrauenskrise in die Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft gesehen werden.
Die große Publizität und das breite Interesse über den inneren Kreis der Wissenschaftler hinaus hat in vielen Ländern eine spezifische gesetzliche Regelung mit sich gebracht. In Deutschland wurde beispielsweise die humane embryonale Stammzellforschung durch das Embryonenschutzgesetz von 1990 und das Stammzellgesetz von 2002 streng normiert. Erzeugung und Verwendung von Embryonen zu Forschungszwecken sind verboten.
Österreich hingegen hat kein eigenes Gesetz für derartige wissenschaftliche Tätigkeiten. Das Fortpflanzungsmedizingesetz, das deswegen heranzuziehen ist, verbietet humane embryonale Stammzellforschung nicht direkt. Allerdings ist die Gewinnung von embryonalen Stammzellen nicht erlaubt, und Forschung ist damit nur durch Import von Stammzellen aus dem Ausland möglich.
„Ethisch harmlose“ Stammzellen
Es wird nie gesellschaftliche Übereinstimmung in der Frage nach dem rechtsethischen Status vier bis sechs Tage alter Embryonen geben. Wer ihnen den vollen Lebens- und Würdeschutz eines geborenen Menschen zuschreibt, wird auch die hochrangigste und vielversprechendste Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen nicht befürworten. Trotzdem werden diese Personen Ergebnisse, die aus dieser von ihnen nicht befürworteten Forschung entstehen, in der Behandlung der eigenen Krankheit sehr wohl akzeptieren. Schon allein, weil deren Ergebnisse auch in die Herstellung von sehr wirkungsvollen Arzneimitteln einfließen. Man kann dies als Wertungswiderspruch ansehen.

Das Gleiche gilt für die Vorschrift, dass in Österreich eingefrorene befruchtete Eizellen aus der Fortpflanzungsmedizin, die nicht mehr für den Kinderwunsch der Eltern verwendet werden können, nach zehn Jahren vernichtet werden müssen. Sie können nicht für hochwertige Forschungsprojekte genutzt werden, ebenso ist eine Embryoadoption für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch nicht vorgesehen.
Einen Ausweg aus dem ethischen Dilemma fand der Mediziner Shinya Yamanaka in Japan. Er hat aus Hautzellen sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) entwickelt – also ausdifferenzierte Zellen zurück in den Zustand der Stammzellen versetzt. 2012 hat er dafür den Nobelpreis erhalten. Diese Zellen wurden als „ethisch harmlos“ bezeichnet, und die Hoffnung war, dass damit alle moralischen Probleme gelöst seien.
Eizellen aus menschlichen Hautzellen gewonnen
Wissenschaftler weisen aber darauf hin, dass humane embryonale Stammzellforschung nach wie vor alternativlos ist. Andererseits ergibt sich aus der unglaublichen Anzahl an Entwicklungsmöglichkeiten der iPS-Zellen, dass man auch aus ihnen menschliche Gameten – also Eizellen oder Spermien – herstellen kann. Damit ist die ethische Problematik schon wieder zurück! Diese Zellen können reprogrammiert werden, und dadurch kann der Zellkern einer beliebigen Körperzelle, beispielsweise der Haut, in ein frühes embryonales Entwicklungsstadium zurückgeführt werden.
Das bedeutet nichts anderes als: Aus menschlichen Hautzellen können befruchtungsfähige Eizellen hergestellt werden. Bisher war dieser Forschungszweig vor allem an Mäusen erfolgreich, vergangenen Oktober gelang das aber erstmals auch bei menschlichen Zellen. Theoretisch könnte mit dieser Methode also aus der Hautzelle einer beliebigen Person eine befruchtungsfähige Eizelle hergestellt werden – unabhängig von Alter und Geschlecht.
Der renommierte niederländische Molekularbiologe Hans Clevers hat 2021 – noch bevor dieser Durchbruch tatsächlich gelang – in einem Interview mit seiner Kollegin Sina Bartfeld gesagt: „Das ist noch so ein Fall, bei dem mir persönlich ein bisschen unwohl ist. Aber nicht als Wissenschaftler, denn an sich ist das hochspannend. Aber als Vater vielleicht oder als Bürger wünsche ich mir, dass ausführlich diskutiert wird, ob wir als Gesellschaft das wollen. Weil man dabei tatsächlich Leben erzeugt ohne Spermium und Eizelle. Das ist in dieser Welt so nicht vorgesehen.“
Jeder könnte Kinder bekommen
Mit dieser Technik könnten unfruchtbare oder ältere Frauen Kinder bekommen, auch gleichgeschlechtliche Paare könnten biologische Kinder bekommen, wenn etwa Hautzellen eines Mannes in Eizellen umgewandelt wird. Die gesamte Fortpflanzungsmedizin würde dadurch revolutioniert werden, was ungeahnte Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hätte.
Gerade in der Fortpflanzungsmedizin ist die Natur als solche durchwegs positiv konnotiert. Alles, was „natürlich“ ist, wird als gut angesehen, und alles, was „künstlich“ ist, wird als schlecht angesehen und abgelehnt. Aber die Beurteilung dessen, was als „natürlich“ angesehen wird, ist hochgradig variabel und gründet sich wohl auf den Gebrauch des Begriffs „natürlich“ in unserem Alltag. Da steht „natürlich“ für das Ursprüngliche und das Selbstverständliche. In der Intensivmedizin verlangt niemand nach „Natürlichkeit“.

1978 hat die Geburt des ersten in vitro gezeugten Kindes, Louise Brown, unsere Sicht auf den Beginn des Lebens neu definiert. Plötzlich war es dem Menschen möglich, in die göttliche Ordnung einzugreifen. Die Medizin konnte Paaren, die bisher unfruchtbar waren, zu Kindern verhelfen.
Aufgrund dieser in den 1970er-Jahren entstandenen biomedizinischen Errungenschaften kam es auch zur Entstehung einer neuen Disziplin: der Bioethik – und damit in der Folge zur Gründung von Politikberatungsgremien (wie es Bioethikkommissionen sind), die sich multidisziplinär mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft befassen und Regierungen oder Parlamente aus ethischer Sicht beraten.
Organoide: Modelle des Menschen
Eine dieser aktuellen Entwicklungen mit bioethischen Konsequenzen sind Modellsysteme, die als Grundlage für die Erforschung der menschlichen Biologie dienen können. Organoide heißen im Labor aus Stammzellen entwickelte dreidimensionale Zellstrukturen, die als derartige Modelle für verschiedene Organe wie beispielsweise Darm, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Niere, Blutgefäße, Gehirn und andere zum Erkenntnisgewinn fungieren können.
Darüber hinaus ist es in den letzten Jahren gelungen, Modelle menschlicher Embryonen aus pluripotenten Stammzellen zu generieren. Diese können sich nicht zu einem Menschen weiterentwickeln, ermöglichen es aber, bestimmte einzelne Fragen der Entwicklung umfassend zu untersuchen.
Es ist wichtig, zu betonen, dass derartige Modelle aus wissenschaftlicher Sicht nicht als Embryonen eingestuft werden können, wie unter anderem der Genetiker Markus Hengstschläger festgehalten hat, der an solchen Embryoiden arbeitet.
Organoid mit Bewusstsein?
Seit vielen Jahren findet in österreichischen Forschungseinrichtungen hochrangige Forschung an Organ- und Embryomodellen statt. Mögliche ethische Probleme und Dilemmata werden jedoch gleichsam „begleitend“ in der Forschungsgemeinschaft unter Einbindung der Öffentlichkeit diskutiert, um die Emotionalität der früheren humanen embryonalen Stammzelldiskussion zu vermeiden und offen über die Forschungstätigkeit zu informieren.
Da geht es beispielsweise um die Frage, ob Hirnorganmodelle in Zukunft in der Lage sein könnten, ein Bewusstsein zu entwickeln – wiewohl in der wissenschaftlichen Literatur darauf hingewiesen wird, dass „Bewusstsein“ weder theoretisch geklärt noch praktisch messbar ist. Jedenfalls wird die Bedeutung dieser Modelle im Vergleich zu den potenziellen Erkenntnissen und daher auch zum erwartbaren Nutzen für den Menschen transparent klargestellt.
Durch die neuen Entwicklungen in der Grundlagenforschung und das Potenzial der induzierten pluripotenten Stammzellen erweitern sich die Möglichkeiten für Wissenschaftler, auch wenn sie für die meisten Menschen noch nicht aus der experimentellen Grundlagenforschung in der Klinik angekommen sind.
Die Autonomie des Einzelnen
Eine große Hoffnung der Wissenschaft wäre es, wie Heidi Ledford in der Zeitschrift „Nature Medicine“ im Oktober 2025 berichtet, an menschlichen Gameten im Labor zu untersuchen, ob gewisse Arzneimittel die Fruchtbarkeit einschränken oder zu vererbbaren Mutationen führen können. Eines der vielversprechendsten Erkenntnisse wäre, mehr Wissen über Unfruchtbarkeit an sich zu gewinnen.
Die Forschung zielt darauf ab, Unfruchtbarkeit zu bekämpfen – und das ist schon alleine deshalb notwendig, weil wir vor allem in westlichen Ländern mit einer dramatisch sinkenden Geburtenrate konfrontiert sind, Erstgebärende immer älter werden und gleichzeitig Paare zunehmend über einen unerfüllten Kinderwunsch klagen. Insofern wäre den Paaren und der Gesellschaft als Ganzes geholfen, wenn mehr sowie konkreteres Wissen über Fortpflanzung gewonnen werden würde und damit die Geburtenraten wieder steigen könnten.
Aber auch wenn die Anwendung dieser neuen Techniken am Menschen noch in weiter Ferne liegt, schreitet die Wissenschaft zügig voran. Tiefgreifende ethische Fragen werden aufgeworfen, da diese Techniken das Potenzial haben, die Grenzen von Elternschaft, genetischer Verwandtschaft und vor allem menschlicher Identität zu verschieben.
Weitere Fragen stellen sich uns sowohl gesellschaftlich als auch rechtlich: Wie gehen wir mit der reproduktiven Autonomie des Einzelnen um? Wie betrachten wir die Zukunft der Elternschaft oder der Familie an sich? Und was bedeutet – in einer Zeit, die das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen hochhält – eine mögliche „Solo-Reproduktion“? Wie können wir das Kindeswohl bewahren?
Die dramatischste Situation ergäbe sich durch die Möglichkeit, menschliche Embryonen, die sich weiterentwickeln können, ohne natürliche Befruchtung zu erzeugen und diese dann in den Körper einer Frau zu implantieren.
Wie die Zukunft gelingen kann
Für all diese Fragen und weitere, die sich daraus ergeben, ist eine vorausschauende und begleitende ethische Debatte auf vielen Ebenen – interdisziplinär innerhalb der Wissenschaft und der Gesellschaft – dringend erforderlich und für eine gelingende Zukunft unerlässlich. Die Frage, was unser Sein als Menschen auf dieser Welt ausmacht, und ob sich ein Konsens für eine Regelung auf nationaler Ebene und weltweit finden lässt, muss im Vordergrund der Debatte stehen.
Conclusio
Fortschritt. Stammzellforschung ist wissenschaftlich unverzichtbar und entwickelt sich rasant weiter. Gleichzeitig verschiebt sie die Grenzen dessen, was biologisch und technisch möglich ist – nicht alle sind damit einverstanden.
Transparenz. Ethische Konflikte lassen sich nicht auflösen, sondern nur transparent abwägen. Begriffe wie „natürlich“ oder „Leben“ sind gesellschaftlich geprägt und wandelbar – das muss in der Debatte mitbedacht werden.
Verantwortung. Forschung braucht einen klaren rechtlichen Rahmen und eine kontinuierliche öffentliche Debatte. Nur so lassen sich Fortschritt, Verantwortung und Vertrauen in Einklang bringen – und nur so lässt sich Konsens erzielen.


