Brexit-Bilanz: Damit hatte keiner gerechnet
Vor fünf Jahren verließ Großbritannien die Europäische Union. Gegner des Brexit warnten vor dramatischen Folgen, Befürworter versprachen das Paradies auf Erden. Beide Seiten lagen falsch.

Auf den Punkt gebracht
- False Alarm. Die Brexit-Auswirkungen sind weniger dramatisch als prognostiziert, doch Versorgungsengpässe, höhere Steuern und geringeres BIP-Wachstum sind spürbar.
- False Promises. Durch den Austritt wurden die von Befürwortern versprochenen großen Beträge für das Sozialsystem nicht mobilisiert.
- Unexpected. Entgegen der Versprechen der Austritts-Fraktion nahm die Einwanderung nach dem Brexit massiv zu.
- Brexit-Bilanz. Eine Mehrheit in Großbritannien bereut den Brexit – eine politische Annäherung mit der EU schreitet voran.
Vor zehn Jahren trat ich als deutscher EU-Bürger meine erste Stelle an der University of Warwick in England an. Kurz darauf erlebte ich hautnah das Brexit-Referendum. Im Frühjahr 2016 war klar: Da braute sich etwas zusammen. Großbritannien hatte fast sieben Jahre Sparpolitik infolge der globalen Finanzkrise hinter sich. Die Bevölkerung verlor zunehmend das Vertrauen in öffentliche Institutionen, visuell untermauert durch bröckelnde Infrastruktur trotz hoher Steuerbelastung. Die als Kontrollverlust wahrgenommene Flüchtlingskrise 2015 hatte sich tief eingebrannt.
Vor diesem Hintergrund lief im Frühjahr 2016 die Brexit-Kampagne auf Hochtouren. Angst und Hoffnung prägten die Debatte. Die Remain-Seite warnte vor Versorgungsengpässen, einer Rezession, steigender Inflation und Fachkräftemangel. Die Leave-Kampagne versprach das Blaue vom Himmel: mehr Geld für das Gesundheitssystem, finanziert durch den Wegfall des EU-Beitrags, ein agiles, globales Großbritannien, das Souveränität zurückgewinnt und, befreit von der trägen EU, global neue Handelsverträge schließt – und natürlich: deutlich weniger Einwanderer.

Keiner hatte recht
Fast vier Jahre später, im Jänner 2020, wurde der Brexit vollzogen. Und mittlerweile ist klar, dass beide Seiten falschlagen. Die Auswirkungen sind – im Guten wie im Schlechten – weniger dramatisch, als damals angenommen wurde. Großbritannien ist heute kein Armenhaus, aber auch nicht das Paradies auf Erden. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht den Brexit mittlerweile jedoch als großen Fehler. Im Stillen wächst die Bestrebung nach einer stärkeren Bindung an Europa.
Zahlen & Fakten
Einige Warnungen von damals wurden Realität: Versorgungsengpässe sind spürbar, mit zum Teil leeren Supermarktregalen und Medikamentenmangel – insbesondere bei Importwaren. Die versprochene Budgetentlastung für das Gesundheitswesen blieb aus, die Steuern und Sozialabgaben wurden signifikant erhöht; trotzdem ist der Schuldenstand auf Rekordhöhe, und der Staat muss neuerlich sparen.
Migration gestiegen
Die Migration aus der EU ist zwar stark gefallen, dafür gab es in den letzten Jahren Rekordzahlen bei der Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern. Außenhandel und Investitionen leiden unter Zöllen, Bürokratie und Unsicherheit; Investitionen konzentrieren sich auf wenige Orte. Wirtschaftlich war das Vereinigte Königreich zwischen 2016 und 2023 beim Wachstum Schlusslicht unter vergleichbaren Ländern – der Brexit kostete schätzungsweise rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Zahlen & Fakten
In der Forschung hinterließ die mehrjährige Abkopplung vom Horizon-Europe-Programm tiefe Spuren, im Vorjahr ist Großbritannien allerdings in das Programm zurückgekehrt.
Und wie sieht es mit der Souveränität aus? Nun ja, hier verlangt Donald Trump von den Briten unter anderem die Rücknahme von Gesetzen, die die Geschäftsinteressen von Facebook und Co beeinträchtigen.
Geteiltes Land
Das Brexit-Referendum hatte große regionale Ungleichheiten zwischen Städten und ländlichem Raum sowie zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung offenbart. Wie hat der EU-Austritt die verschiedenen Teile des Landes beeinflusst? Unsere Forschung zeigt, dass die Ungleichheiten etwas kleiner wurden. Allerdings in erster Linie deshalb, weil die reicheren Regionen mehr verloren als die ärmeren. Die Hauptstadt London zählt zu den größten Verlierern des Brexit. In den West Midlands, der Region rund um Birmingham, leidet die Automobilbranche unter verschobenen Lieferketten. Nordirland hingegen profitiert von seinem Sonderstatus als Teil des europäischen und britischen Binnenmarkts, wobei verstärkt Schifffahrtsrouten zu EU-Häfen seine Lieferketten verändern. Eine Vereinigung Irlands erscheint immer wahrscheinlicher.
Kleinstädte und Küstenorte kämpfen mit dem Rückzug des Staates und digitaler Disruption, während die Verbreitung von Homeoffice auch neue Chancen bietet. Universitätsstädte stehen unter Druck, weil Wissenschaftler und Studenten aus der EU sich nicht mehr so frei ansiedeln können. Die Mehrheit der Briten sieht den Brexit als Fehler, obwohl einige Gruppen die vermeintlich wiedergewonnene Souveränität feiern – und die Tatsache, dass die regionalen Unterschiede geschrumpft sind. Hier lautet die Devise: Hauptsache, die Eliten haben mehr verloren als wir.
Brexit als Motivator
Allerdings entstanden durch den Brexit auch Chancen und neue Perspektiven. In Zollfragen erfolgt die Deklaration, Zahlung und Risikoprüfung nun digital. In Nordirland entstehen smarte Grenzlösungen mit Sensorik, Blockchain und Echtzeit-Tracking – was einst als „Brexit-Bürokratie“ beanstandet wurde, ist nun ein Exportschlager. Die rapide Entwicklung der künstlichen Intelligenz kann dies weiter befördern.
Der Brexit hat somit Innovationen forciert, die in anderen Bereichen und Regionen nützlich wären: Der russische Angriffskrieg erforderte mehr Transparenz bei Lieferketten, um die Sanktionen zu ermöglichen. Seit 2024 sind große Unternehmen zur digitalen Offenlegung von Herkunft, CO²-Bilanz und Sanktionsrisiken verpflichtet. Ein Nebeneffekt: Standardisierte Trackingdaten ermöglichen KI-gestützte Risiko-steuerung, und damit wird „Compliance“ zur Innovation. Gerade diese Digitalisierung ermöglicht es auch, eine ökologisch nachhaltigere Globalisierung zu gestalten.
Ohne EU-Fördermittel forcierten die Briten eigene Initiativen: Die Branche rund um grüne Technologien wächst zweistellig; über 22.000 Firmen erwirtschaften knapp 30 Milliarden Pfund im Jahr. Milliarden fließen zum Beispiel in Carbon-Capture-Projekte in Teesside oder in der Nordwestregion. So entstehen gerade dort neue industrielle Kerne, wo vorher struktureller Verfall herrschte. Die Agrarsubventionen werden reformiert. Landwirte sollen in Zukunft Ökosystemdienstleistungen anbieten und etwa im Emissionshandel durch CO²-Einsparungen verdienen.
Der Brexit war auch eine Wette auf Dienstleistungsexporte. Doch künstliche Intelligenz verändert die Spielregeln: Viele Beratungs- und Analysejobs lassen sich nun automatisieren. Aber auch die automatische Durchführung muss jemand auf die Beine stellen und anbieten. Wer hier bestehen will, braucht eine funktionstüchtige digitale Infrastruktur – stabile Netze, saubere Daten, interoperable Systeme. Das Vereinigte Königreich ist innerhalb Europas weiterhin gut aufgestellt, wenn es regulatorische Flexibilität mit technischer Expertise kombiniert. Manche EU-Staaten haben hier deutlichen Nachholbedarf.
Der geopolitische Spagat
Der Handel mit digitalen Dienstleistungen wird immer wichtiger werden, gerade im Bereich des Klimawandels – von der CO²-Bepreisung bis zum Handel mit Emissionszertifikaten. Die Briten sind auch hier relativ gut positioniert und weiterhin aktiver Teil vieler europäischer Initiativen. Außenpolitisch versucht UK jedoch auch zehn Jahre nach der Entscheidung für den Brexit den Spagat zwischen den Weltmächten USA, China und EU. Auf der einen Seite steht ein zunehmend protektionistisches Amerika, auf der anderen Seite ein sich vertiefendes Europa. Die EU mobilisiert über den neuen Verteidigungsmechanismus Milliarden für die gemeinsame Aufrüstung. Das weckt Begehrlichkeiten bei britischen Anbietern, die im Bereich Cybersecurity, Logistik oder Verteidigung gerne an den neuen Märkten vor der Haustür mitverdienen wollen.
Die Entscheidung für den Brexit – einst getragen von der Hoffnung auf Autonomie und Souveränität – wirkt im Lichte des Ukrainekriegs und der Klimakrise anders: Gemeinsamkeiten zählen wieder mehr. Die geopolitischen Verschiebungen legen eine tiefere Anbindung an europäische Verteidigungs-, Innovations- und Energiemärkte nahe. Das ist nicht zwangsläufig ein Rückschritt, sondern wirtschaftlich klug. Die Annäherung wird am besten durch die wieder verstärkte Kooperation von Universitäten und durch Jugendaustausche langfristig gesichert, denn so entstehen Verbindungen.
Der Brexit war die politische Manifestation einer tiefen Krise, gespeist aus Globalisierungsangst, Rückzug des Staates und medialer Fragmentierung. Die Kosten sind heute klar sichtbar: ökonomisch, institutionell, zwischenmenschlich. Doch in manchen Bereichen hat der Druck auch Bewegung erzeugt – in der Digitalisierung, der Klimapolitik und der Zollverwaltung mit positiven Effekten für Europa und andere Mitgliedsstaaten.
Persönliche Brexit-Bilanz
Seit 2008 habe ich eine Bindung an Großbritannien. Es ist Heimat, genauso wie Europa und Deutschland. Ich habe das Vereinigte Königreich immer als ein Land erlebt, das trotz seiner Eigenheiten zutiefst europäisch verwurzelt ist. Durch den Brexit, meinen neuen Rechtsstatus und die gelebte Erfahrung der Reibungen in der Forschungspolitik entdecke ich auch sehr viel Nachholbedarf in der EU.
Denn leider ist gerade Deutschland in vielen Bereichen noch ein Entwicklungsland. Der Druck ist nun da, und ich habe die Hoffnung, dass an diesen Reibungsflächen auch viel Positives entsteht: ein Großbritannien, das große Schritte auf Europa zugeht. Und ein Europa, das weniger Angst vor Veränderungen hat.
Conclusio
Bilanz. Neun Jahre nach dem Brexit-Referendum und fünf Jahre nach dem Vollzug des EU-Austritts verzeichnet Großbritannien zwar wirtschaftliche Einbußen, aber auch mehr Innovationskraft in Bereichen wie der Digitalisierung.
Allianz. Die geopolitischen Verschiebungen durch den Ukraine-Krieg haben die Bedeutung europäischer Zusammenarbeit in den Vordergrund gerückt, sodass Großbritannien trotz Brexit-Entscheidung eine Annäherung anstrebt.
Konsequenz. Europa kann diese Annäherung unter anderem durch verstärkte Kooperation etwa zwischen Unis und durch Jugendaustausche fördern, während es gleichzeitig von britischen Fortschritten in der Digitalisierung lernen sollte.
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