Werte und Welten

Wenn sich die Welt verändert, verändern sich Sitten und Moral. Konrad Paul Liessmann, Gabriel Zuchtriegel, Anne Rabe und Jörg Blech überlegen, was wichtig ist. Buchtipps zur Orientierung.

Eine menschliche Stärke, die schon Der heilige Hieronymus, einer der wichtigsten lateinischen Kirchenväter im 4. Jahrhundert nach Christus, hier auf einem Bild von Pieter Coecke van Aelst aus dem 16. Jahrhundert dargestellt. Das Bild illustriert Buchtipps für Weihnachten.
Nachdenken über die Lage der Welt: Eine menschliche Stärke, die schon der heilige Hieronymus, einer der wichtigsten lateinischen Kirchenväter im 4. Jahrhundert nach Christus, praktizierte. Menschen können über den Tod hinaus denken und damit Werte im Jetzt zu definieren. Hier dargestellt auf einem Bild von Pieter Coecke van Aelst aus dem 16. Jahrhundert dargestellt. © Getty images

Bei aller schlechten Nachrichtenlage geht vielen am Weltgeschehen Interessierten der Fokus abhanden, was denn nun eigentlich wichtig ist. Was macht das Menschsein aus? Welche gesellschaftlichen Umstände bringen Systeme ins Straucheln und inwiefern sind Werte und Moral sowieso im ständigen Wandel und nicht der Rede wert.

Mehr übers Lesen

Buchtipp 1

Was nun? von Konrad Paul Liessmann.
Was nun? von Konrad Paul Liessmann. © Zsolnay

Philosophischer Trost

Konrad Paul Liessmann, Was nun? Österreichs Lieblingsphilosoph betrachtet die Welt – und ortet Krisen. Corona-Pandemie, Krieg, Inflation, Korruption, Populismus, Migration, Kapitalismus oder künstliche Intelligenz: Was nun?, fragt sich Konrad Paul Liessmann und liefert philosophisch-erklärende Abhandlungen zur Lage der Welt. Das kann provokant sein, wenn es um den Klimawandel geht, oder konservativ, wenn es um politisch rechts oder links geht. Überraschend ist Liessmann immer dann, wenn er sich selbst Neues erklärt, etwa künstliche Intelligenz. Grundrauschen des Buches: „Regt euch nicht auf.“ Das kann in aufgeregten Krisenzeiten wohltuend beruhigend wirken – oder Stoff für Diskussion sein.
Zsolnay, 26,50 Euro

Buchtipp 2

Das M-Wort von Anne Rabe.
Das M-Wort von Anne Rabe. © Klett-Cotta

Wo bleibt die Würde

Anne Rabe, Das M-Wort. Entweder ist „jeder Mensch gleich an Wert und Würde“ – oder eben nicht. Die Schriftstellerin Anne Rabe nähert sich resolut der deutschen Gegenwart mit einer AfD, die diesen Grundsatz als Freiheitsverlust empfindet. Dabei ist es umgekehrt, analysiert Rabe in ihrem berührenden Text, der, nebenbei bemerkt, ein Beispiel dafür ist, wie ausgezeichnet Rabe frustrierende, ja traurige Themen mit unterhaltsamer Leichtfüßigkeit zur Sprache bringen kann. Gibt man die Moral auf, gibt man die Freiheit auf, argumentiert sie. Die Frage, ob Moral noch „leistbar“ sei, wie es jüngst auch aus der politischen Mitte tönt, erübrigt sich damit. Ein Buch, das guttut.
Klett-Cotta, 21,50 Euro

Buchtipp 3

Pompejis letzter Sommer von Gabriel Zuchtriegel.
Pompejis letzter Sommer von Gabriel Zuchtriegel. © Propyläen Verlag

Was von Sitten übrig bleibt

Gabriel Zuchtriegel, Pompejis letzter Sommer. Zurück in jene Zeiten, als das Christentum eine böse Sekte war und die Vorstellungen der römischen Götterwelt bedrohten: ins Pompeji des Jahres 79 n. Chr. Der Vesuv bricht aus, versiegelt die Stadt unter einer Ascheschicht und konserviert damit ein Alltagsleben, das der Archäologe Gabriel Zuchtriegel Kapitel um Kapitel entblättert. Sex, Götter, Rausch, Sklaverei und Migration: Er zeichnet das Sittenbild einer Gesellschaft mit einem vollkommen anderen Wertesystem, identifiziert die ewigen Konstanten des Menschseins und den Wandel der Zeit. Diese archäologische Reportage verändert den Blick auf die römische Antike und das Christentum.
Propyläen, 35 Euro

Buchtipp 4

Mutter Erde von Jörg Blech und Matthias Rillig.
Mutter Erde von Jörg Blech und Matthias Rillig. © Ullstein Hardcover

Wer an die Grundlagen des Lebens denkt

Jörg Blech/Matthias Rillig, Mutter Erde. Mit Verlaub: Mutter Erde wird der Verlust des Bodens herzlich egal sein. Das Problem besteht exklusiv für alle Lebewesen auf diesem Planeten. Der Bodenökologe Matthias Rillig hat den Band gemeinsam mit einem journalistischen Partner, Jörg Blech, geschrieben. So ist ein allgemein verständliches, wissenschaftlich fundiertes und äußerst spannendes Buch über den Boden entstanden. Wussten Sie, dass es in der Erde 160 Milliarden unterschiedliche Lebewesen gibt? Eine großartige Artenvielfalt, aber kein „nice to have“. Ohne diese Organismen gäbe es kein täglich Brot, keine Luft zum Atmen. Was man gegen die Zerstörung tun kann? Darauf liefern die Autoren mehrere Antworten.
Ullstein, 27,50 Euro

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