Familiengeheimnisse
Familien transportieren Geschichte, Schicksale machen sie greifbar – Lea Ypi, Philippe Sands, Ronya Othmann, Roman Sandgruber durchmessen Epochen. Transgenerationelle Buchtipps für Weihnachten.

Geschichte ist eine abstrakte Wissenschaft. Es sind die Daten und Fakten, die den historischen Blick ausmachen. Doch was bedeuten geschichtliche Umbrüche eigentlich auf individueller Ebene, wie fühlt sich der Wandel von Realität auf einer Alltagsebene an? Familiengeschichten sind ein perfektes Vehikel, um Veränderungen über Generationen hinweg greifbar zu machen. Wie war das Leben der Großeltern, wie hat es sich im Vergleich zu den Eltern verändert? Und welche Spuren haben politische Ereignisse in den Menschen erlassen? Was haben sie weitergegeben? Über Familiengeschichten wird Historie greifbar und genau das ist das Faszinierende daran. Vier Beispiele von Büchern, in denen das perfekt gelungen ist.
Buchtipp 1

Albanische Zerrissenheit
Lea Ypi, Aufrecht. Anhand von Familiengeschichten lassen sich die großen Strömungen eines Jahrhunderts erzählen. Wie kurzweilig, amüsant und erkenntnisreich das sein kann, beweist Lea Ypi schon zum zweiten Mal. Hatte sie in „Frei“ die Geschichte Albaniens und den Fall des Eisernen Vorhangs am Beispiel ihrer Eltern erzählt, steht nun ihre Großmutter Nini im Mittelpunkt. Über sie verhandelt sie das Ende des osmanischen Vielvölkerstaats, das Leben im Sozialismus und die Kunst, in politisch wechselhaften Zeiten Würde zu bewahren. Die Geschichte ist eine Spurensuche, eine Aufarbeitung politischer Ideen und eine liebevolle Hommage an eine Frau, die Ypis Weg als Vorbild prägte.
Suhrkamp, 29,50 Euro
Buchtipp 2

Zwischen Polen und Südamerika
Philippe Sands, Die Verschwundenen von 38 Londres Street. Die Nazi-Zeit war 1945 nicht zu Ende, SS-Offziere wie Walther Rauff, der Protagonist dieses Buches, starteten eine zweite Karriere unter Augusto Pinochet. Mit dem chilenischen Diktator kam Buchautor Philippe Sands durch seinen Beruf als Völkerrechtsanwalt in Kontakt. Wie immer verbindet Sands Fragen seines professionellen Lebens mit zutiefst privaten Geschichten. Genau das macht auch die Faszination dieser Erzählung aus, die zu einem Großteil auch die Geschichte von Sands’ eigenen Recherchen aus früheren Werken („Die Rattenlinie“) ist. Es ist ein Buch über politische Verbrechen, Schuld und die Ambivalenzen von Sühne – ein historischer True-Crime-Roman.
S. Fischer, 30,50 Euro
Buchtipp 3

Als kurdische Jesidin in Syrien unterwegs
Ronya Othmann, Rückkehr nach Syrien. Wer verstehen will, warum heiß umkämpfte Gebiete auf diesem Planeten nicht zur Ruhe kommen, sollte Geschichten aus einer persönlichen Perspektive begreifen. Ronya Othmann ist eine Meisterin darin, Politik greifbar im Gedächtnis all jener zu verankern, die nur Zaungäste sind. Statt Machtkämpfe abstrakt zu erfassen, beschreibt sie aus ihrer Sicht als jesidische Kurdin, wie sich der Alltag in Syrien darstellt. Dabei achtet sie auf kleine Dinge und Gesten, gibt eine Wirklichkeit wieder, die sich Menschen aus friedlichen Teilen der Welt nicht vorstellen können. Sich hineindenken ist aber wichtig, wenn es darum geht, Flüchtlinge aus Syrien zu verstehen.
Rowohlt, 23,50 Euro
Buchtipp 4

Habsburg in Anekdoten
Roman Sandgruber, Habsburg. Der Historiker Roman Sandgruber ist ein wunderbarer Erzähler. Selbst wer sich nicht für die Habsburger interessiert, wird Vergnügen an den 36 Herrscherporträts haben. Kaiser Franz Joseph sind gleich zwei davon gewidmet: Sandgruber unterscheidet zwischen „Franz Joseph als Autokrat“ und dem alten Herrscher als „Automat“ in späteren Jahren. Bei aller Kurzweiligkeit haben die Miniaturen Tiefe. Sandgruber gibt Einblicke in die Nationalstaatswerdung bzw. Erfindung des Österreichischen, die für die Gegenwart relevant sind. Mit Freude nimmt man auch Kenntnis vom Spott der Untertanen: Kaiser Ferdinand der Gütige firmierte im Volk „Gütinand der Fertige“.
Molden, 39 Euro
