M-P: Männlichkeit bis Phallokratie

Männerphantasien sind böse, Frauenphantasien in Ordnung. Opferdarsteller sind so stark verbreitet, dass man echte Opfer kaum mehr erkennt. Fortsetzung des ABC der politischen Korrektheit.

Zeichnung eines roten Buchstaben A, der einen Schatten in Gestalt eines Mannes mit einem Hitlergesicht wirft. Eine Frau hat sich auf der anderen Seite des A versteckt und hält ängstlich beide Hände an den Mund. Die Zeichnung soll einen Beitrag über Cancel Culture illustrieren.

M wie Männlichkeit

Was Männlichkeit ist, weiß keiner so richtig, aber jeder hat eine Meinung dazu. Mehrheitlich ist diese von Skepsis geprägt. Zum Beispiel hat der Begriff Männerfantasie einen negativen Beiklang, der Begriff Frauenfantasie bewegt sich im Feld der Assoziationen zwischen unschuldig-neutral und sympathisch-frivol. Was insofern bemerkenswert ist, als Männer und Frauen im Wesentlichen die gleichen Fantasien haben. Wie sollte geschlechtsspezifische Exklusivität im Bereich der Vorstellungskraft technisch auch möglich sein? Das bedeutet, entweder ist es gesellschaftlich akzeptiert, Männer pauschal abzuwerten, oder Frauen haben keine Fantasie. Man braucht zum Glück nicht viel Fantasie, um sich auszurechnen, wie es sich langfristig auf das Selbstwertgefühl von Menschen auswirkt, wenn ihnen von Anfang an vermittelt wird, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Frauen haben das über eine ziemlich lange Zeit hinweg erlebt, und besonders wohl haben sie sich dabei bestimmt nicht gefühlt.

N wie Nazi

Als Nazi bezeichnet man jemanden, der eine andere Meinung hat als man selbst.

Zeichnung eines Mannes, dessen Arme wie bei einer Swastika um ihn kreisen. Die Zeichnung soll einen Beitrag über Cancel Culture illustrieren.

O wie Opfer

Opferbereitschaft ist einer jener Begriffe, die im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel erlebt haben. Früher zeigte eine Person Opferbereitschaft, wenn sie bereit war, zum Wohle anderer etwas aus ihrem Besitz zu opfern – etwa Zeit, Arbeit, Geld, Energie, ihre Jungfernschaft oder Nahrungsmittel. Aus dem Opfer, das diese Person erbrachte, erwuchs anderen ein Vorteil. Mittlerweile ist die häufigste Variante von Opferbereitschaft jene der Menschen, die jederzeit bereit sind, die Rolle eines Opfers einzunehmen, egal ob gerade eines gebraucht wird oder nicht. Manche sind dabei so eifrig, dass sie die Opferrolle bereits übernehmen, noch bevor etwas passiert ist. Das führt manchmal zu Verwicklungen, weil die Schuldfrage zwar bereits beantwortet ist, aber mangels Tat noch nicht gestellt wurde.

Zeichnung eines Mannes, der sich erhängt, während er mit dem Zeigefinger der linken Hand in anklagender Geste auf einen Mann deutet, der mit einer Aktentasche in der Hand das Geschehen beobachtet.

Durch die Präsenz eines Opfers besteht zudem Bedarf an einem Täter, bei dem es sich konträr zum Opfer um eine Rolle handelt, die niemand übernehmen will. Kompliziert wird es, wenn wirklich noch keine Tat stattgefunden hat, aber etwas geschehen muss, weil das Opfer, beseelt vom guten Willen, alles richtig zu machen, zu früh aufgestanden ist und schon stundenlang an einem Ort herumlungert, von dem es meint, es sei ein Tatort. Je länger es wartet, desto mürrischer wird es, und irgendwann schaut es so genervt in die Welt, dass sich keine Tat mehr in die Nähe wagt. Ein Täter muss aber her, jetzt erst recht. Wenn das Opfer schon sehr ungeduldig ist, wird es verständlicherweise aggressiv, also wird irgendjemand, der optisch für die Rolle passt, einfach zum Täter ernannt, damit niemand sagen kann, es sei nicht alles gerecht abgelaufen.

Problematisch ist diese Art von Opferbereitschaft nicht nur für den Unschuldigen, der plötzlich ein Täter ist und sich nicht auskennt, sondern auch für Menschen, die tatsächlich Opfer echter Täter geworden sind oder es noch werden. Wenn es überall nur so von Opferdarstellern wimmelt, nimmt keiner mehr die echten Opfer ernst. Man könnte also sagen, mit dieser Form von Opferbereitschaft werden diesmal nicht die Radfahrer, sondern generell Opfer abgezockt.

P wie Phallokratie

Zwar bewegen sich Lehrer nach aktueller Rechtslage innerhalb der Legalität, wenn sie ihren Schülern beibringen, dass das Alphabet mit A anfängt, und das wird sich wohl nicht so schnell ändern, aber wenn der Buchstabe A in Verruf geraten sollte, könnte er sich eines Tages auf einer inoffiziellen Liste inoffiziell verbotener Buchstaben wiederfinden. Wie ein Buchstabe in Verruf geraten soll? Mir fällt kein berechtigter Grund ein, aber das bedeutet nicht, dass es nicht trotzdem passiert.

Aus welcher Richtung könnte dem Buchstaben A Gefahr drohen? Buchstaben sitzen selten betrunken in Bars herum und betatschen noch seltener den Hintern anderer Buchstaben. Ich habe auch noch nie einen Buchstaben gesehen, der Kinder geschlagen, Ausländer gejagt oder Obdachlose angezündet hätte, von ihren Heimen gar nicht zu reden. Für Drohbriefe werden Buchstaben gern verwendet, das wäre ein Ansatz, denn A kommen in Drohbriefen bestimmt häufig vor. Drohbriefe kommen allerdings generell immer seltener vor.

Möglicherweise könnte man dem Buchstaben A ein Naheverhältnis zum Nationalsozialismus unterstellen, zumal sich das A nicht auf die Gnade der späten Geburt berufen kann und der Führer nicht Bogdan oder Casper oder Detlef oder Leonid oder Zvonko hieß, sondern Adolf.

Zeichnung eines roten Buchstaben A, der einen Schatten in Gestalt eines Mannes mit einem Hitlergesicht wirft. Eine Frau hat sich auf der anderen Seite des A versteckt und hält ängstlich beide Hände an den Mund. Die Zeichnung soll einen Beitrag über Cancel Culture illustrieren und auch das Einnehmen einer Rolle von einem Opfer.

In echten Erklärungsnotstand gerät das A durch seine Optik. Wer genau schaut, könnte den Buchstaben A als phallokratische Provokation identifizieren. Wer nicht genau schaut, dem fällt es vermutlich sehr viel leichter, aber man muss nur wollen, dann kann man alles glauben.

Erstens sieht das A aus wie die untere Körperhälfte eines Mannes, der breitbeinig dasteht und Leserinnen mit seinem Belästigungskörperteil bedroht (/ = linkes Bein, \ = rechtes Bein, und was der waagrechte Strich dazwischen darstellt, der hier: –, ist ja wohl klar). Zweitens sieht das A aus wie die untere Körperhälfte einer Frau, die mit gespreizten Beinen daliegt und von einem Unbekannten durch eine Spreizstange zwischen den Beinen daran gehindert wird, eine andere Position einzunehmen. Drittens wird durch die Reduzierung des Mannes auf seinen Unterleib unverhohlen toxische  Männlichkeit gefeiert. Viertens wird durch die Reduzierung der Frau auf ihren Unterleib alles Weibliche degradiert.

Das muss man nicht so sehen, aber man kann. Irgendjemand schafft es bestimmt. Bis dahin gilt für das A die Unschuldsvermutung.

... weiter geht’s im Abc

noch mal von vorne?

Das große Abc der Empörten

Sagen Sie nicht, was Sie denken, denn das könnte schlecht ausgehen. Vermeiden Sie verpönte Wörter wie „Mutter“, und kritisieren Sie keine Fahrradfahrer. Ein satirisches ABC, wie man sozialen Terror überlebt.

Illustration von Thomas Glavinic
ist Schriftsteller, Dichter und Essayist