China zeigt, wie Energiesicherheit funktioniert
China hat die Energiekrise am Persischen Golf bislang besser bewältigt als viele andere. Dahinter steht eine langfristige Strategie für mehr Energiesicherheit. Kohle, Kernkraft und erneuerbare Energien spielen dabei gleichermaßen eine Rolle.

Auf den Punkt gebracht
- Sicherheit. China erzeugt den Großteil seiner Energie im Inland und hat seine Abhängigkeit von Importen verringert.
- Technologieoffen. Peking setzt gleichzeitig auf Kohle, Kernkraft, Gas, Wasserstoff sowie Solar- und Windenergie.
- Grüner. Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien von derzeit 22 auf 30 Prozent steigen.
- Strategie. China folgt dem Prinzip „Build before break“ und ersetzt fossile Kapazitäten erst, wenn neue Alternativen zuverlässig verfügbar sind.
Die Energiekrise in Folge des Iran-Kriegs hat gezeigt, wie weit China auf dem Weg zur energiepolitischen Unabhängigkeit bereits gekommen ist. Die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten galt lange Zeit als strategische Schwachstelle des Landes. China hat nach Jahrzehnten an Vorbereitungen gezeigt, dass ein Land tatsächlich große Schritte in Richtung Energieunabhängig machen kann. So konnte man es sich beim Staatsbesuch Wladimir Putins sogar leisten, das Abkommen zur Gaspipeline „Power of Siberia 2“ nicht zu unterzeichnen und damit den größten Öl- und Gaslieferanten vor den Kopf zu stoßen.
Pekings Energiestrategie zielt seit den 1990er Jahren im Kern darauf ab, Importe zu reduzieren und nationale Kapazitäten aufzubauen. Erfolgreich hat man in den Ausbau des Gas-Pipelinenetzwerks nach Zentralasien, Russland und Myanmar, in die Weiterentwicklung der Infrastruktur zur Speicherung von Öl und Gas, in den gewaltigen Ausbau an Kohle- und Nuklearkraftwerken, die Förderung eigener Öl- und Gasproduktion sowie den Ausbau der Solar- und Windenergie investiert. Das Ergebnis ist ein Energiesystem, das 84 Prozent der Primärenergie und über 90 Prozent seines Stroms im Inland erzeugt. Dabei setzt China auf alle Energiequellen, die zur Verfügung stehen.
Kohle: Das Rückgrat des Systems
Kohle bleibt das Rückgrat der chinesischen Energieversorgung. Mit rund 4,7 Gigatonnen jährlich fördert China mehr als die Hälfte der weltweiten Kohleproduktion. Die enormen Reserven erwiesen sich auch während der Krise als entscheidender Stabilitätsfaktor.
Als die Windstromproduktion im Frühjahr deutlich zurückging und LNG knapper wurde, kompensierten Kohlekraftwerke die Ausfälle. Entsprechend setzt die Regierung trotz aller Klimaziele weiterhin auf den Ausbau: Allein 2023 und 2024 wurden Kraftwerksprojekte mit zusammen mehr als 200 Gigawatt Leistung genehmigt. Für Politik und Netzbetreiber hat Versorgungssicherheit Vorrang, Stromausfälle gelten als inakzeptabel.
Öl: Die verwundbare Flanke
China ist der fünftgrößte Ölproduzent der Welt, bleibt aber stark von Importen abhängig. Rund 70 Prozent des Bedarfs werden eingeführt, ein großer Teil davon über die Straße von Hormus. Entsprechend zählen mögliche Störungen am Persischen Golf seit Jahren zu den zentralen Risiken der chinesischen Energiesicherheit.
Am falschen Ende der Pipeline
Um sich abzusichern, hat Peking strategische Rohölreserven aufgebaut und die Kohleverflüssigung ausgebaut, mit der sich aus den umfangreichen heimischen Kohlevorkommen Benzin und Diesel herstellen lassen. Eine wichtige Rolle spielen zudem die sogenannten „Teapot-Raffinerien“ in der Provinz Shandong. Die unabhängigen Raffinerien verarbeiten einen beträchtlichen Teil der Importe, darunter auch Rohöl aus sanktionierten Staaten wie Iran.
Zu Beginn der Krise verfügte China Schätzungen zufolge über Rohölvorräte von rund 1,2 Milliarden Barrel. Der Ausbau der strategischen Reserven wird seit Jahren vorangetrieben und soll bis Ende des Jahres nochmals deutlich erweitert werden.
Solar und Wind: Rekordausbau mit Grenzen
China baut erneuerbare Energien weiterhin in Rekordtempo aus. 2025 gingen 315 Gigawatt Solar- und 119 Gigawatt Windkraft ans Netz. Auch 2026 setzt sich das Wachstum fort.
Der rasante Ausbau stößt jedoch zunehmend an Grenzen. Vor allem bei Solar- und Windparks nehmen Einspeisebeschränkungen zu, weil Netze und Speicherkapazitäten mit dem Tempo der Installation nicht Schritt halten können. Die Herausforderung liegt daher weniger im Ausbau selbst als in der Integration der neuen Kapazitäten.
Gas: Diversifizierung statt Abhängigkeit
Auch bei Erdgas erwies sich China als vergleichsweise krisenfest. Zwar stammt etwa ein Drittel der LNG-Importe aus der Golfregion, doch dank steigender Eigenproduktion, wachsender Speicherkapazitäten und umfangreicher Pipelineverbindungen konnte Peking Versorgungsengpässe vermeiden.
Gas spielt im chinesischen Energiemix zudem eine deutlich geringere Rolle als in den meisten OECD-Staaten. Die heimische Förderung hat sich seit 2010 verdreifacht, während Pipelines aus Zentralasien, insbesondere über Turkmenistan, einen wichtigen Teil der Versorgung sichern.
Nuklear: Pekings Zukunftstechnologie
Die Kernenergie gilt in China als Schlüsseltechnologie, um langfristig den hohen Kohleanteil an der Stromerzeugung zu senken. Derzeit sind 61 Reaktoren in Betrieb, weitere 36 befinden sich im Bau. Seit 2022 werden jährlich mindestens zehn neue Projekte genehmigt.

Neben dem Ausbau konventioneller Reaktoren investiert Peking massiv in neue Technologien. Der Fokus liegt auf schnellen Neutronenreaktoren auch „schnelle Brüter“ genannt. Sie sollen die Effizienz steigern, den Brennstoffbedarf senken und die technologische Unabhängigkeit stärken. Bis 2030 will China seine Nuklearkapazitäten deutlich erhöhen und langfristig eine weltweite Führungsrolle bei fortschrittlichen Reaktortechnologien übernehmen.
Die aktuelle Krise zeigt nicht nur die Robustheit des bestehenden Systems. Sie bestätigt auch den energiepolitischen Kurs, den Peking mit dem neuen Fünfjahresplan weiterverfolgen will.
Der Weg zur Energieautarkie
Der Ende Juni verabschiedete 15. Fünfjahresplan speziell zum Thema Energiepolitik, skizziert eine kontinuierliche Weiterentwicklung bis 2030. Mit dem Ziel, den Anteil der Erneuerbaren von aktuell 22 auf 30 Prozent zu steigern. Neben der weiteren Reduzierung von Ölimporten durch den Ausbau der Kohleverflüssigungs-Produktion, setzt man auf eine Verachtfachung der Produktion von grünem Wasserstoff auf 2,5 Mio. Tonnen pro Jahr bis 2030.
Die Krise am Persischen Golf hat gezeigt, dass erneuerbare Quellen nicht zuverlässig genug sind.
Auch ambitionierte Ziele im Ausbau des Wasserstoff-Pipelinesystems und Unterstützung für eFuels für Flugzeuge und Pkw, sowie grünes Methanol oder grünes Ammoniak für den Schiffsverkehr, werden die Energiepolitik des Landes in den kommenden Jahren dominieren.
Die Krise am Persischen Golf hat erneut gezeigt, dass erneuerbare Quellen nicht zuverlässig sind und ohne kohlebefeuerte Stromerzeugung als Puffer, wären verbrauchsintensive Regionen im Osten, wohl deutlich unter Druck gekommen. Das „Build before break“-Prinzip der Energiesicherheitsstrategie unter Xi Jinping hat sich bisher bewährt. Fossile Energiequellen werden erst vom Netz genommen, wenn erneuerbare Energie die Versorgung zuverlässig gewährleisten kann – davon ist China jedoch noch weit entfernt.
Conclusio
Versorgungssicherheit. China hat in den vergangenen Jahrzehnten ein Energiesystem aufgebaut, das auf Diversifizierung und heimische Kapazitäten setzt. Kohle, Kernkraft, Erdgas sowie erneuerbare Energien werden parallel ausgebaut, um die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren.
Strategie. Die jüngste Energiekrise verdeutlicht die Folgen dieses Kurses. Während viele Länder zwischen Klimazielen, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit abwägen müssen, versucht China möglichst viele Energiequellen verfügbar zu halten.
Ausblick. Für die Politik liegt die wichtigste Lehre darin, Technologieoffenheit und Versorgungssicherheit nicht gegeneinander auszuspielen. Gelingt der parallele Ausbau von Netzen, Kernkraft, Speichern, Wasserstoff und erneuerbaren Energien, entsteht ein belastbares Energiesystem, das Wachstum, Wohlstand und Klimaschutz miteinander verbindet.
