Das Comeback des Christentums
Der Säkularisierung der Gesellschaft zum Trotz erfährt das Christentum vermehrt Zuspruch unter jungen Erwachsenen, auch in Europa. Aus guten Gründen

Als Katholik in den Niederlanden aufgewachsen, wurde ich in meiner Jugend Zeuge eines scheinbar unumkehrbaren Prozesses der Säkularisierung und Entchristlichung der europäischen Gesellschaft. Ich hätte nie erwartet, dass dieser Prozess noch zu meinen Lebenszeiten zum Stillstand kommt oder sich gar umkehrt.
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Doch genau das beobachte ich heute. Nicht als massive, lautstarke Bewegung, viel mehr als stille, aber entschlossene Wiederentdeckung des christlichen Glaubens und seiner reichen Tradition durch eine noch relativ kleine, aber schnell wachsende Zahl von überwiegend jungen Menschen der Gen Z.
Neue Stärke des Christentums
Der beste Indikator für diese Entwicklung ist der stetige Anstieg der Taufe von Jugendlichen und Erwachsenen in den westlichen Ländern während der letzten zehn Jahre. Bei der diesjährigen Osternachtfeier in meiner Heimatstadt in der niederländischen Provinz Noord-Brabant war die Kirche nicht nur voll besetzt mit begeisterten Menschen aller Altersgruppen, sondern wir feierten auch die Taufe von zehn jungen Erwachsenen.
In den katholischen Kirchen der größeren Städte, insbesondere in Amsterdam, waren die Zahlen noch viel höher. Ein solches Bild war in meiner Jugend und mehr noch vor einigen Jahren, als sich die Kirchen rapide leerten und viele für immer schlossen, unvorstellbar. Jetzt ist in ganz Europa ein Wiederaufleben zu beobachten.
Die Zahlen sind beeindruckend. In den letzten zehn Jahren hat Frankreich einen Anstieg der Erwachsenentaufen um 160 Prozent verzeichnet. 2025 wurden rd. 17.800 französische Jugendliche und Erwachsene getauft, das sind 46 Prozent mehr als im Jahr davor. Im Vereinigten Königreich gab es 2024 die höchste Zahl an Erwachsenentaufen seit über einem Jahrzehnt, in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen stiegen die Kirchenbesuche von vier Prozent im Jahr 2018 auf 16 Prozent im Jahr 2024. In Österreich stieg die Zahl der Erwachsenentaufen 2024 um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Zwischen Niedergang und Wiederaufleben
Diese Entwicklung scheint auf den ersten Blick überraschend, sinkt doch der Anteil der Christen in Europa seit Jahrzehnten stetig. Der öffentliche Diskurs in Europa und insbesondere das politische Klima sind – mit wenigen nationalen Ausnahmen – nach wie vor entschieden postchristlich und bisweilen sogar antichristlich geprägt.
Wie die Beobachtungsstelle für Intoleranz gegenüber und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC Europe, The Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe), eine NGO mit Sitz in Wien, seit 2005 dokumentiert, hat die Diskriminierung und Marginalisierung von Christen in Europa in den letzten 20 Jahren stetig zugenommen. Dabei kommt es zunehmend zu gewalttätigen Übergriffen. Nur wenige wissen zum Beispiel, dass 2024 fast 100 Brandanschläge auf christliche Kirchen verübt wurden, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Ein Drittel davon allein in Deutschland.
Wenn wir also diese beiden scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen – Wiederaufleben und Abschwung – betrachten, was können wir dann für die Rolle des Christentums in der europäischen Gesellschaft in den kommenden Jahren erwarten? Wurde das Christentum zu früh abgeschrieben oder ist sein Niedergang noch immer unumkehrbar? Gibt es eine Rolle in der Gesellschaft für Christen, die ihren Glauben leben?
Warum das Christentum im Aufschwung ist
Eine erste Antwort auf diese Fragen findet sich in der Geschichte: Obwohl der christliche Glaube seit seinen Anfängen die mit Abstand am stärksten verfolgte Religion war – sei es durch die römischen Kaiser in den ersten Jahrhunderten nach Christus oder durch Islamisten und Kommunisten heute –, hat er nicht nur überlebt, sondern ist letztlich aufgeblüht.
Die Zahl der Menschen weltweit, die sich als Christen bekennen, wächst weiterhin deutlich. Allein zwischen 1990 und 2024 stieg die Zahl von 1,7 Milliarden auf 2,6 Milliarden, wobei Afrika das größte Wachstum verzeichnete. Das bedeutet, dass aus einer kleinen Gruppe von 12 Männern, die vor über 2000 Jahren Jesus folgten, die heute größte religiöse Bewegung der Geschichte hervorgegangen ist. Und das trotz der anhaltenden Bemühungen verschiedener Regime und Ideologien im Laufe der Geschichte und bis heute, die Botschaft des Evangeliums auszurotten und seine Anhänger zu marginalisieren.
Die christliche Tradition ist nicht nur eine Religion unter vielen, sondern ein festes Fundament mit Natur und Vernunft als Leitprinzipien.
Ein anschauliches Beispiel ist Polen: In der Nachkriegszeit der totalitären kommunistischen Herrschaft bemühte sich das Regime, die katholische Kirche zu untergraben und Christen zu diskriminieren und zu verfolgen. Trotzdem blieb die Kirche in Polen eine einflussreiche Kraft, mit der man rechnen musste und die nicht unterdrückt werden konnte. Sie brachte sogar einen polnischen Papst hervor, Johannes Paul II., der nach seiner Wahl 1978 zum mächtigsten Gegner des Kommunismus in Europa wurde und einer der Hauptakteure beim Fall des Eisernen Vorhangs 1989 nach der friedlichen Befreiung Mittel- und Osteuropas vom kommunistischen Joch war.
Für den vor drei Jahren verstorbenen Papst Benedikt XVI. stellt die christliche Tradition in Europa nicht nur eine Religion unter vielen dar, sondern ein festes Fundament mit Natur und Vernunft als Leitprinzip. Die christliche Botschaft, so Benedikt, schreibt kein neues Regierungssystem vor – wie es beispielsweise der Islam durch die Scharia tut –, sondern betont stattdessen die Notwendigkeit, unser Handeln auf das zu stützen, was im Einklang mit der natürlichen Schöpfungsordnung steht, in der wir uns als Menschen befinden, und auf den konsequenten Einsatz der Vernunft.
Das Konzept der Menschenwürde, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in unserem europäischen Rechtssystem verankert ist, aber schon viel länger zurückreicht, entstand aus diesem grundlegenden Verständnis dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Das Christentum in Europa wird diesen Gedanken für kommende Generationen am Leben erhalten.
Ein dritter Grund für die Wiedergeburt des Christentums liegt in der Irritation und Verunsicherung durch die schrillen ideologischen Orthodoxien der modernen Gesellschaft. Diese lauten Ideologien machen das Leben davon abhängig, dass jeder Wunsch erfüllt, jeder Laune nachgegeben und jedes Gefühl ausgelebt werden muss und stilisieren permanent jede Person oder Gruppe, die jemals Ungerechtigkeit erlitten hat, zu Opfern. Immer mehr junge Menschen entdecken, dass diese Ideologien nicht zu Erfüllung und Glück führen, sondern vielmehr zu Gewalt, Verzweiflung und Einsamkeit. Stattdessen suchen sie nach einer konsistenten Botschaft, die Hoffnung gibt, einen kohärenten moralischen Rahmen bietet und Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit vermittelt.
All dies finden sie zunehmend in der christlichen Tradition, ihren zeitlosen Texten und Liturgien, ihren Sinn für Schönheit und den unaufhörlichen Aufruf, persönliche Verantwortung für das eigene Leben und die unserer Obhut Anvertrauten zu übernehmen. In christlichen Kirchen und Bildungseinrichtungen begegnen sie Mitmenschen, die verstanden haben, wie man ein freudvolles Leben im Dienst, in Nächstenliebe und Opferbereitschaft führt. In den Worten des großen Staatsmannes und Papstes Johannes Paul II. entdecken sie dort eine Vorstellung davon, was wahre menschliche Freiheit bedeutet: „Freiheit besteht nicht darin, zu tun, was wir wollen, sondern darin, das Recht zu haben, das zu tun, was wir tun sollten.“
Ein neuer Spirit
Diese drei Antworten sind nur einige Indikatoren dafür, wie das Christentum mit seiner anhaltenden Widerstandsfähigkeit und der unerbittlichen Beständigkeit seiner Botschaft auch weiterhin die Zukunft Europas prägen wird. Trotz all seiner vielen behaupteten wirtschaftlichen und politischen Erfolge braucht Europa nach wie vor moralische Klarheit inmitten der selbst geschaffenen Trümmer des moralischen Relativismus, des Krieges und der Überregulierung, wobei letzteres ein gescheiterter Versuch der herrschenden Klassen ist, den gesunden Menschenverstand durch Gehorsam und Konformismus zu ersetzen.
Die Zukunft Europas und seiner Institutionen der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und des Wohlstands wird nicht von Bürokraten in Brüssel entschieden, sondern von der gelebten Würde, dem Gerechtigkeitssinn und dem Verständnis von Freiheit, das in den Herzen, Köpfen und Familien von Millionen von Europäern lebt, die ihre christliche Identität nicht abgelehnt haben und darin wieder Trost und Inspiration finden.

