Das Grauen und „Stille Nacht“

Der Ausbruch des Vulkans Tambora brachte Eiszeit, Hunger und Cholera, aber auch Gruselgeschichten und ein Weihnachtslied. Die 6. Folge des Podcasts „Wenn die Natur Geschichte“ schreibt.

Winterlandschaft 1857. Die Ernte im Herbst war ausgefallen, die Menschen kämpften in der Kälte ums Überleben. „Stille Nacht, heilige Nacht“ sollte ein Trost für die Hungernden in der Christmette 1818 sein. Dass der Vulkanausbruch 1815 dieses Leid über die Menschheit brachte, wusste damals niemand.
Die Ernte im Herbst war ausgefallen, die Menschen kämpften in der Kälte ums Überleben. „Stille Nacht, heilige Nacht“ sollte ein Trost für die Hungernden in der Christmette 1818 sein. Dass der Vulkanausbruch 1815 dieses Leid über die Menschheit brachte, wusste damals niemand. © Getty Images

Im Jahre 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Die gewaltige Eruption schleuderte Tonnen von Material in die Stratosphäre und sollte das Klima auf dem gesamten Planeten und damit das Leben der Menschen über Jahrzehnte verändern. Denn das Klima kühlte ab, Jahre ohne Sonne waren die Folge. Warum, erklärt der Physiker Ulrich Foelsche vom Institut für Physik der Universität Graz. Das hatte viele negative Folgen: Es gab Ernteausfälle, die zu Hungerkatastrophen in Europa und Amerika führten, die starken Regenfälle in Indien verseuchten das Trinkwasser, die Menschen erkrankten an Cholera, die sich schon bald als Pandemie überall auf der Erde ausbreiteten.

In dieser 6. Folge von Wenn die Natur Geschichte schreibt erzählt der Historiker Johannes Preiser-Kapeller, wie sich diese harten Jahre in Kunst und Literatur niederschlugen. Am Genfer See in der von Hungersnöten gebeutelten Schweiz vertrieben sich der Dichter Percy Bysshe Shelley und seine Frau, die Schriftstellerin Mary Godwin, die Zeit im verregneten Sommer mit dem Erfinden von Schauergeschichten. Mary Shelley schuf die Figur des Frankensteins. Der Vulkanausbruch veränderte aber auch die Farbe der Sonnenuntergänge. Der britische Maler William Turner wurde für seine Bilder von Sonnenuntergängen berühmt. Sie waren eine Folge des Schwefelstaubes in der Atmosphäre. Die entsprechende wissenschaftliche Aufbereitung kommt von Anne Hemkendreis von der Universität Stavanger.

Und last but not least: Gebeutelt von Hungersnöten suchten die Menschen Trost im Glauben. Für die Weihnachtsnacht des Hungerwinters hatte der Salzburger Pfarrer Franz Mohr einen inniglichen Text geschrieben, den der Komponist Franz Xaver Gruber vertonte. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ wurde 1818 in Oberndorf bei Salzburg erstmals aufgeführt. Indirekt hat also ein Vulkanausbruch auf der Insel Java eines der berühmtesten Weihnachtslieder hervorgebracht.

Partitur des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“, das 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführt wurde
Partitur des Weihnachtsliedes, das 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführt wurde © Getty Images

Ein Podcast über Hunger, Verschwörung und deren Bewältigung

Im von Hungersnöten und Teuerung geplagten Salzburg verfasst Pfarrer Franz Mohr ein Lied, das Hoffnung geben soll. Und es wirkt. 1818 war die große Krise vorbei.

Johannes Preiser-Kapeller über die Wirkung des wohl berühmtesten Weihnachtslieds der Welt

Über Johannes Preiser-Kapeller

Der Byzantinist und Umwelthistoriker Johannes Preiser-Kapeller. Wenn die Natur Geschichte schreibt heißt der neue Podcast des Pragmaticus mit dem Althistoriker, in dem herausragende Zeiten der Menschheitsgeschichte als Zäsuren in Folge von mitunter plötzlichen natürlichen Veränderungen betrachtet werden, etwa die Pest bei Kaiser Justinian, die Besiedelung Grönlands unter dem Wikinger Erik der Rote, die Hochwässer des Gelben Flusses und die Geschäfte von Francesco Pegolotti.
Johannes Preiser-Kapeller. © Gregor Kuntscher © Gregor Kuntscher

Johannes Preiser-Kapeller ist Byzantinist und Umwelthistoriker. Er leitet in der Abteilung Byzanzforschung am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) den Forschungsbereich „Byzanz im Kontext“. Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs der Österreichischen Byzantinistik, der Reihe Studies in Global Migration History und Mitglied des Advisory Boards des Journal of Historical Network Research sowie der „Climate Change and History Research Initiative“ der Princeton University.

Preiser-Kapeller hat mehrere Bücher über die enge Verbundenheit von Natur- und Menschheitsgeschichte geschrieben, unter anderem die Titel Die erste Ernte und der große Hunger. Klima, Pandemien und der Wandel der Alten Welt bis 500 n. Chr. und Der Lange Sommer und die Kleine Eiszeit. Klima, Pandemien und der Wandel der Alten Welt von 500 bis 1500 n. Chr. Zuletzt erschien von ihm das Buch Byzanz. Das Neue Rom und die Welt des Mittelalters.

Der Podcast: Wenn die Natur Geschichte schreibt

In den vorherigen fünf Folgen führte uns der Byzantinist und Umwelthistoriker Johannes Preiser-Kapeller durch die Hochs und Tiefs der Jahrhunderte, angefangen bei Kaiser Justinian und dem Schreckensjahr 536, über Erik den RotenGrönland und afrikanische Elefanten; den Bankier Francesco Balducci Pegolottider im 14. Jahrhundert der einen Katastrophe entkam und eine andere beschleunigte, bis zu den mutigen Beamten Hong Hao und Zheng Xia, die sich vor 1.000 Jahren wegen des Jangtsekiang bzw. des Gelben Flusses über ihre Kompetenzbereiche hinauswagten und Menschenleben retteten. Oder, wie Trockenperioden, wie jene 1976 die Erfindung des Skateboards triggerte. Wenn die Natur Geschichte schreibt ist eine Podcast-Reihe über die Macht der Natur über den Menschen und die Macht des Menschen über die Natur.

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