Der große Geburtenrückgang und seine Folgen

Die Angst vor Überbevölkerung war unbegründet. Heute sorgt das Gegenteil für Unruhe: Weltweit bedroht der Geburtenrückgang Arbeitsmärkte und Sozialsysteme. Ganz ohne Ausweg ist die Fertilitätskrise jedoch nicht.

Thema Geburtenrückgang: Kleines Kind mit südkoreanischer Flagge vor einer Menschenmenge bei den Asienspielen in Incheon. Südkorea verzeichnet die niedrigste Fertilitätsrate der Welt.
Kleines Kind bei den Asienspielen in Incheon. Trotz staatlicher Famlienförderungen verzeichnet Südkorea neben Taiwan die niedrigste Fertilitätsrate der Welt. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Geburtenrate. Weltweit liegt die Fertilitätsrate nur noch bei 2,3 Kindern pro Frau, halb so hoch wie in den 1950er-Jahren.
  • Bildung. Bereits bis zu sechs Jahre Grundschulbildung senken die Geburtenrate um 40 bis 80 Prozent.
  • Folgen. Japans alternde Bevölkerung kostete die Volkswirtschaft binnen 20 Jahren rund zwei Billionen Dollar.
  • Scheitern. Milliardenprogramme in Ländern wie China, Japan oder Ungarn konnten den Geburtenrückgang nicht nachhaltig stoppen.

Mit dem Tod des Ökologen und Katastrophenpropheten Paul Ehrlich im März dürfte auch eine seiner berühmtesten Vorhersagen zu Grabe getragen werden: die Vorstellung, dass das Bevölkerungswachstum zwangsläufig zu Ressourcenknappheit und Massenhungersnöten führen werde. Ehrlichs Prognosen haben sich als grundlegend falsch erwiesen.

Stattdessen sehen sich Demografen, Ökonomen und Politiker heute mit einem gegenteiligen Problem konfrontiert: Die Geburtenraten sind weltweit so stark eingebrochen, dass mittlerweile vor einem Mangel an Arbeitskräften und den gesellschaftlichen Folgen schrumpfender Bevölkerungen gewarnt wird. Dennoch erweisen sich klassische staatliche Maßnahmen zur Förderung von Geburten als erstaunlich wirkungslos.

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Schlusslicht Europa

Die globale Fertilitätsrate liegt heute bei rund 2,3 Kindern pro Frau. In den 1950er-Jahren waren es noch 4,9. Diese Kennzahl gibt an, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich während ihrer fruchtbaren Lebensphase zwischen etwa 15 und 44 Jahren zur Welt bringt. Europa weist mit 1,4 Kindern pro Frau die niedrigste Geburtenrate aller Kontinente auf, gefolgt von Nordamerika mit 1,6. Afrika liegt mit 4,1 Kindern pro Frau weiterhin an der Spitze.

Die hohe Fertilitätsrate der Nachkriegszeit führte dazu, dass sich die Weltbevölkerung innerhalb von fünf Jahrzehnten mehr als verdoppelte: von 2,5 Milliarden Menschen im Jahr 1950 auf 6,2 Milliarden im Jahr 2000. Mit heute 2,3 Kindern pro Frau befindet sich die globale Geburtenrate auf dem niedrigsten jemals gemessenen Stand. Dennoch blieb die Bevölkerungszahl zuletzt relativ stabil. Der Grund dafür liegt im sogenannten „Bevölkerungsmomentum“: Weil besonders viele Menschen derzeit im gebärfähigen Alter sind, wächst die Bevölkerung trotz sinkender Geburtenraten zunächst weiter. Dieser Effekt ist allerdings zeitlich begrenzt.

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Geburtenraten bestimmen wesentlich die Altersstruktur einer Gesellschaft und damit ihre wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung über Generationen hinweg. Zunehmend wächst die Sorge, dass der Geburtenmangel zu einem Mangel an Arbeitskräften führen wird, die für das Funktionieren von Wirtschaft, Steuerwesen und Streitkräften benötigt werden. Ebenso könnte die Zahl jener Menschen sinken, die neue Ideen hervorbringen: Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmer.

Allgemein gilt, dass eine Fertilitätsrate von 2,1 Kindern pro Frau die Bevölkerung stabil hält. Bleiben die derzeitigen Trends bestehen, werden bis zum Jahr 2100 mehr als 97 Prozent aller Staaten unter diese Schwelle fallen.

Afrika als Ausnahme

Eine wichtige Ausnahme bildet Afrika. Der zentralafrikanische Staat Tschad weist mit 6,1 Kindern pro Frau die höchste Fertilitätsrate der Welt auf. Zugleich liegt die rohe Geburtenrate dort bei 42,4 Geburten pro 1.000 Einwohner jährlich. Fast alle Länder mit den höchsten Geburtenraten liegen südlich der Sahara. Das andere Ende der Skala bildet Südkorea mit lediglich 0,72 Kindern pro Frau beziehungsweise 4,6 Geburten pro 1.000 Einwohner.

Bevölkerungen sind im Laufe der Geschichte immer wieder gewachsen und geschrumpft, auch wenn langfristig meist Wachstum überwog. Die heutige Sorge vor Entvölkerung ist keineswegs neu. Bereits im Jahr 9 n. Chr. reagierte Kaiser Augustus auf sinkende Geburtenraten in den römischen Eliten mit dem Gesetz Lex Papia Poppaea. Unverheiratete und kinderlose Paare wurden benachteiligt, etwa beim Erbrecht oder bei Karrieremöglichkeiten im Staatsdienst, um die Familiengründung zu fördern.

Auch Hungersnöte, Kriege und Epidemien haben Bevölkerungen wiederholt dezimiert. Die Pest der Jahre 1346 bis 1353 kostete Westeuropa mindestens ein Drittel seiner Bevölkerung, rund 50 Millionen Menschen. Politische Gewalt war oft noch verheerender: Mao Zedongs Regime wird für etwa 40 Millionen Todesopfer verantwortlich gemacht, Josef Stalin und Adolf Hitler jeweils für rund 20 Millionen. Das kommunistische Regime der Roten Khmer unter Pol Pot tötete bis zu ein Drittel der Bevölkerung Kambodschas.

Warum die Geburtenraten sinken

Für den Rückgang der Geburtenraten gibt es zahlreiche Ursachen. Dazu zählen der bessere Zugang von Frauen zu Bildung, ihre stärkere Teilnahme am Arbeitsmarkt, wirksamere Verhütungsmethoden, sinkende Kindersterblichkeit und der Rückgang von Kinderarbeit.

Wenn Frauen eine Grundschulausbildung von bis zu sechs Jahren erhalten, sinkt deren Fertilitätsrate um 40 bis 80 Prozent.

Demografen betrachten Bildung als den stärksten Einzelindikator für das Geburtenverhalten. Der Oxford-Forscher Max Roser dokumentierte beispielsweise einen Rückgang der Fertilitätsraten um 40 bis 80 Prozent, wenn Frauen eine Grundschulausbildung von bis zu sechs Jahren erhalten. Umgekehrt liegen die Geburtenraten bei Frauen mit geringer Bildung deutlich höher. Im Tschad besuchen Frauen durchschnittlich nur drei Jahre die Schule, lediglich 14 Prozent schließen die Mittelstufe ab.

Bildung geht meist mit besseren Erwerbsmöglichkeiten einher. Dadurch steigen allerdings auch die sogenannten Opportunitätskosten der Mutterschaft: Zeit für Schwangerschaft und Kinderbetreuung kann die berufliche Entwicklung bremsen und potenzielle Einkommen schmälern. Höhere Opportunitätskosten gehen deshalb häufig mit kleineren Familien einher.

Hinzu kommt, dass Frauen durch längere Ausbildung und stärkere Berufstätigkeit später heiraten und später Kinder bekommen. Je später das erste Kind geboren wird, desto kürzer ist die verbleibende fruchtbare Lebensphase und desto geringer die Wahrscheinlichkeit weiterer Geburten.

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Ein weiterer zentraler Faktor ist die stark gesunkene Kindersterblichkeit. In vormodernen Gesellschaften starb mehr als ein Drittel aller Kinder vor dem fünften Lebensjahr. Familien bekamen deshalb mehr Kinder, um dieses Risiko auszugleichen. Kinder waren zugleich ein wichtiger ökonomischer Faktor: zunächst in der Landwirtschaft, später in Fabriken und Bergwerken.

Mit steigendem Wohlstand lohnte es sich für Familien zunehmend mehr, in die Ausbildung ihrer Kinder zu investieren, statt sie arbeiten zu lassen. Verbesserungen in Gesundheitsversorgung, Hygiene und Ernährung reduzierten die Kindersterblichkeit drastisch und machten große Familien weniger notwendig.

Afrika bleibt die einzige Region, in der Kinderarbeit zuletzt zugenommen hat. Die Region südlich der Sahara stellt mehr als zwei Drittel der weltweit 138 Millionen arbeitenden Kinder. Gleichzeitig weist Afrika mit 44,1 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten die höchste Kindersterblichkeit auf. Zum Vergleich: Europa liegt bei 3,1, die USA bei 5,3. Beide Faktoren korrespondieren mit den hohen Geburtenraten des Kontinents.

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Häufig werden auch sinkende Teenagergeburten und Schwangerschaftsabbrüche als Ursachen genannt. Ihr tatsächlicher Einfluss auf die Gesamtfertilitätsrate scheint jedoch begrenzt. Zwar sank der Anteil der Geburten bei 15- bis 19-Jährigen von 13,5 Prozent im Jahr 1990 auf 9,2 Prozent im Jahr 2023, doch verändert dies die Gesamtentwicklung nur geringfügig. Auch die wissenschaftliche Literatur zu Abtreibungen zeigt kein eindeutiges Bild. Wo Zusammenhänge festgestellt werden, fallen die Effekte meist relativ schwach aus.

Folgen des Schrumpfens

Viele Experten warnen davor, dass anhaltende Bevölkerungsrückgänge Wirtschaftswachstum, Steuereinnahmen, nationale Sicherheit und Innovationskraft beeinträchtigen könnten. Die Mechanismen sind vergleichsweise einfach:

  • Weniger Arbeitskräfte bedeuten geringere Wirtschaftsleistung.
  • Weniger Steuerzahler verkleinern die Steuerbasis.
  • Ein geringerer Anteil Erwerbstätiger senkt das Pro-Kopf-Einkommen.
  • Eine kleinere und ärmere Bevölkerung konsumiert weniger.
  • Eine alternde Gesellschaft erhöht die finanzielle Belastung der arbeitenden Generation.
  • Weniger junge Menschen bedeuten weniger Soldaten, Gründer und Innovatoren.

Im Kern geht es um das Verhältnis zwischen den Netto-Produzenten gesellschaftlichen Wohlstands und den Netto-Empfängern von Transfers. Gerät dieses Verhältnis aus dem Gleichgewicht, entsteht eine problematische Abhängigkeitsquote.

Alter Kontinent

In Europa ist diese Entwicklung bereits deutlich sichtbar. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt in allen EU-Staaten. Die Gruppe der über 80-Jährigen dürfte zwischen 2025 und 2100 von 6,2 auf 15,3 Prozent der Bevölkerung anwachsen.

Der europäische Abhängigkeitsquotient liegt derzeit bei 57 Prozent. Das bedeutet: Auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen 57 Personen unter 14 beziehungsweise über 65 Jahren. In den USA liegt dieser Wert bei 54 Prozent und damit ungefähr im globalen Durchschnitt.

Japans Alterung kostete die Wirtschaft binnen 20 Jahren rund zwei Billionen Dollar.

Auch die Wirtschaftsleistung leidet unter dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung, sofern Produktivitätssteigerungen dies nicht ausgleichen. Japan liefert dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Nach Berechnungen des Federal Reserve Board verringerte die Alterung der japanischen Bevölkerung zwischen 1995 und 2015 das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 20 Prozent, was einem Verlust von rund zwei Billionen Dollar entspricht.

Noch schwieriger zu messen sind die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Der Ökonom Jesús Fernández-Villaverde weist darauf hin, dass Technologie zwar Arbeitskräftemangel abfedern kann, nicht aber den Verlust sozialer Gemeinschaften. Künstliche Intelligenz könne fehlende Arbeitskräfte ersetzen, aber keine Gemeinschaft. Sie schreibt Code und E-Mails, doch sie ersetzt weder den Stammtisch noch den Sportverein oder das lokale Engagement, das eine Gesellschaft zusammenhält.

Geburtenförderung scheitert

Weltweit verfolgen inzwischen Dutzende Staaten pronatalistische Strategien. Die meisten setzen auf finanzielle Anreize wie Kinderbetreuungsgelder, Elternkarenz, Steuervergünstigungen oder Zuschüsse für künstliche Befruchtung.

Die Bilanz ist ernüchternd:

  • Taiwan investierte über 15 Jahre Milliarden in Elternleistungen, Steuererleichterungen und sogar Partnervermittlungsprogramme. Die Geburtenrate fiel dennoch auf 0,7.
  • Ungarn gab unter Viktor Orbán rund fünf Prozent des BIP für Familienförderung aus. Nach einem kurzfristigen Anstieg sank die Geburtenrate wieder auf 1,3.
  • Polen erzielte mit dem Programm „Familie 500+“ nur einen vorübergehenden Effekt; die Geburtenrate fiel zuletzt auf 1,1.
  • Russland erhöhte Familienförderungen massiv. Dennoch erreichte die Geburtenrate 2024 den niedrigsten Stand seit 17 Jahren.
  • China ersetzte die Ein-Kind-Politik zunächst durch eine Zwei-Kind-, später durch eine Drei-Kind-Politik und führte zusätzliche Zuschüsse ein. Die Geburtenrate liegt dennoch nur bei rund 1,0.
  • Italien führte mehrere Förderprogramme ein, die den Rückgang nicht stoppen konnten. 2025 erreichte die Geburtenrate mit 1,1 Kindern pro Frau einen Rekordtiefstand.
  • Japan unterstützt Familien seit Jahrzehnten finanziell. Dennoch fiel die Zahl der Geburten 2023 erstmals seit dem 19. Jahrhundert unter 800.000.

Geburtenrückgang ausbalancieren

Das Scheitern klassischer Geburtenförderung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig gesellschaftlichen Niedergang. Wahrscheinlicher ist eine Anpassung an neue Rahmenbedingungen.

Am plausibelsten erscheint eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung die Produktivität deutlich steigern und damit einen Teil des Arbeitskräftemangels kompensieren. Sinkende Kosten für Wissen und Information könnten Innovationen beschleunigen und neue Tätigkeitsfelder schaffen.

Weniger wahrscheinlich, aber denkbar, wären grundlegende Reformen der Bildungssysteme, um das vorhandene Talentpotenzial besser auszuschöpfen.

Am unwahrscheinlichsten erscheint derzeit eine konsequente fiskalische Entlastung von Familien durch schlankere Staaten und niedrigere Steuerlasten. Angesichts steigender Staatsverschuldung in Europa und den USA deutet wenig darauf hin, dass Regierungen diesen Weg einschlagen werden.

Historisch betrachtet haben sich Gesellschaften jedoch immer wieder an tiefgreifende Veränderungen angepasst. Vielleicht war genau das der entscheidende Fehler von Paul Ehrlich und seinen Anhängern: Sie unterschätzten die Fähigkeit des Menschen, auf neue Herausforderungen mit Erfindungsgeist und Anpassungsfähigkeit zu reagieren.

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Conclusio

Leerstellen. Die Geburtenraten sinken weltweit auf historische Tiefststände, und fast alle Länder werden bis Ende des Jahrhunderts unter das Bestandserhaltungsniveau fallen. Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen von Taiwan bis China, dass selbst milliardenschwere Förderprogramme den Trend bislang kaum umkehren konnten.

Anpassen. Damit verändert sich die Altersstruktur vieler Gesellschaften grundlegend. Weniger Erwerbstätige müssen für mehr ältere Menschen aufkommen, was Wachstum, Staatsfinanzen und soziale Institutionen unter Druck setzt. Die eigentliche Herausforderung ist daher nicht die schrumpfende Bevölkerung selbst, sondern die Anpassung an ihre Folgen.

Produktiver. Die vielversprechendste Antwort liegt nicht in immer höheren Geburtenprämien, sondern in höherer Produktivität. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und bessere Bildung können einen Teil des Arbeitskräftemangels ausgleichen und neue Wohlstandsgewinne ermöglichen. Gelingt dieser Wandel, könnte eine ältere Gesellschaft trotz sinkender Bevölkerung wirtschaftlich erfolgreich und gesellschaftlich stabil bleiben.

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