Wie Architektur Privatsphäre und Literatur formte

Die Familie Kafka lebte in einer Wohnung aus einer vergangenen Epoche – das zwang den später weltbekannten Sohn Franz auf die Knie. Über den Einfluss des Korridors auf die Literatur- und Weltgeschichte.

Ein Mann mit Brille lehnt an einer großen blauen Rolle mit der Aufschrift „WIR“ aud em Boden ist ein Teil von „ich“ zu sehen. Im Hintergrund sieht man eine rote Wand mit schlüssellochförmigen Öffnungen sowie die rote Silhouette einer Figur. Rechts unten sind abstrakte Formen mit Augen und ein Insekt zu sehen. Das Bild illustriert einen Kommentar darüber, wie der Korridor die Privatsphäre prägte.

Franz Kafka beschreibt in seinem Tagebuch, wie er nachts aufsteht, um seine kleine Notdurft zu verrichten. Er wohnt noch bei seinen Eltern, ein winziges Zimmer ist ihm zugewiesen. Er muss, um die Toilette zu erreichen, das Schlafzimmer seiner Eltern durchqueren. Millimeter um Millimeter drückt er die Türschnalle nach unten, öffnet die Tür, aber nur so weit, dass er hindurchkriechen kann. Ja, er kriecht. Er möchte nicht, dass sein Schatten über die Gesichter von Vater und Mutter huscht. Er kriecht zwischen Bett und Fenster, von draußen schimmert der Mond herein.

Er sieht die Füße seines Vaters unter der Decke herausragen, bedrohliche Gegenstände, die es auf ihn abgesehen haben könnten. Vor der Schlafzimmertür erhebt er sich, wieder drückt er die Klinke Millimeter um Millimeter nach unten, schlüpft hinaus. Wenige Minuten später dann die gleiche Prozedur. – Wir sehen die Wohnung vor uns: kein Platz für Intimität, kein Platz für das Private. Kein Korridor.

Erst im 19. Jahrhundert wurde der Korridor in den bürgerlichen Haushalten zum Standard. Und nur in den bürgerlichen Haushalten. Das Bürgertum hat erfunden, was wir unter Privatsphäre verstehen. Der Bürger pochte auf seine Individualität. Norbert Elias beschreibt in seinem epochalen Werk Über den Prozeß der Zivilisation diese Entwicklung. Wenn der Adel „Wir“ sagte, meinte er „Ich“, wenn er „Ich“ sagte, meinte er „Wir“. Zwischen den beiden Begriffen verlief eine tolerante Grenze. Sie zu überschreiten, bedeutete keinen Tabubruch.

Der Monarch auf seinem Thron

Der König von Frankreich empfing seine Minister bisweilen bei der Morgentoilette. Während seine Diener ihn wuschen – bitte nicht vergleichen mit dem, was wir heute waschen nennen –, besprach er die Themen des Tages. Manchmal saß er auf dem Klo. Nacktheit war weder anstößig noch peinlich. Karl Marx schreibt, dem Adeligen habe wenigstens noch der Schwanz gestanden, die Bourgeoisie dagegen habe die Sexualität ruiniert. Das war Polemik und nicht allzu tief gedacht.

Das Bürgertum hat die Sexualität nicht ruiniert, aber aus der Öffentlichkeit verbannt – und damit die Erregbarkeit gesteigert. Søren Kierkegaard gerät in errötende Verzückung über einen nackten Knöchel, den eine Dame entblößt, als sie aus einem Wagen aussteigt. Sind Erotik und Sexualität restlos dem Individuum anheim gegeben, braucht es wenig, um in Aufruhr zu geraten. Dann kann unter Umständen ein bestrumpfter Damenfuß in der Öffentlichkeit mehr ausrichten als die ganze enthüllte Dame im ehelichen Schlafzimmer.

Das eheliche Schlafzimmer muss auf jeden Fall separiert sein. Es darf kein Durchgangszimmer sein wie in der Wohnung der Kafkas. Wenn der Bürger Franz Kafka in der Nacht sein Zimmer verlässt und durch fremdes Privatissimum schleicht, bricht er ein strenges Verbot. Er bestraft sich selbst, indem er vor dem Ehebett seiner Eltern kriecht. Die Wohnung stammt wohl aus einer vergangenen oder vergehenden Zeit. In modernen Wohnungen gibt es den Korridor.

Platz fürs Private

Der Korridor ist die neutrale Zone zwischen den privaten Bereichen der Individuen. Später, wenn auch Kinder als souveräne Individuen anerkannt sind, kommen die Kinderzimmer dazu. Man kann es auch übertreiben: Ich war schon in Wohnungen, in denen das Kinderzimmer mehr Platz einnahm als das Elternschlafzimmer, nicht selten hatten die Erwachsenen gar keinen eigenen Raum. Die Frauen gingen oftmals leer aus. Was braucht die Frau auch ein eigenes Zimmer, sie hat ja die Küche.

Das Bürgertum hat erfunden, was wir Privatsphäre nennen.

Ein Zimmer für sich allein nannte Virginia Woolf eines ihrer Bücher. Der Essay erschien im Jahr 1929. Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, so spekuliert die Autorin, eine Schwester, die nicht weniger begabt gewesen wäre als der große William, es hätten ihr doch die Voraussetzungen gefehlt, um mit ihrem Bruder gleichzuziehen. Eine dieser Voraussetzungen, die am schwersten wiegende nämlich, sei ein eigenes Zimmer. Im Lauf des 19. Jahrhunderts habe sich zwar das Private Platz verschafft, allerdings hauptsächlich bei Männern.

Frau und privat habe etwas Anzügliches. Was tut eine Frau privat? Was soll die Gesellschaft nicht wissen? Um eine große Schriftstellerin zu werden, so Virginia Woolf, benötige eine Frau neben Talent zwei Dinge: „Fünfhundert Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer.“ – Ein eigenes Zimmer aber kann es nur geben, wenn es einen Korridor gibt.

Die Stärkung des Ich ist Voraussetzung für eine mündige Gesellschaft, letztlich Voraussetzung der Demokratie, in der dem Ich die Rolle des Souveräns zugewiesen ist. Die Überbewertung des Ich durch dessen Ausschließlichkeit aber kann zerstören, kann alles zerstören. Letztlich auch das Ich selbst.

In sehr modernen Wohnungen, die Lofts nachgestaltet sind, wird auf den Korridor verzichtet, der Lift führt direkt in den Living Room. Nicht das Wir wird zum Ich, alles wird zum Ich. Ob das gesund ist? Lasst uns ein Loblied auf den Korridor singen! Auch die Gestaltung des privatesten Korridors ist Öffentlichkeitsarbeit. Manchmal kommen Gäste. Und wenn es auch nur ein Gast ist, er bringt ein Stück Welt in die kleinste Wohnung. Im Korridor darf er die Schuhe noch anbehalten. Er bringt den Nachtwind mit.

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