Der kriegerische Mensch

Ein paar Jahrzehnte lang schien sich der Frieden in Europa durchgesetzt zu haben. Jetzt stehen die Zeichen wieder auf Konflikt. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg - drei Lesetipps.

Eine patriotische Postkarte der Russen vor den Toren Berlins um 1760. Das Bild illustriert einen Artikel über Lesetipps zum Thema Krieg.
Losstürmen, kämpfen und den Feind besiegen - mit dieser Fantasie werden Kriege geführt. Im Bild: Eine patriotische Postkarte der Russen vor den Toren Berlins um 1760. © Getty Images

Eigentlich sollte die Menschheit ja aus der Vergangenheit lernen können. Tut sie aber nicht, denn jede Generation, so scheint es, will die Erfahrung, dass Krieg eine schreckliche Sache ist, offensichtlich selbst machen. Wer über die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg liest, findet verblüffende Parallelen zur Gegenwart. Wer denkt, Österreich wäre ein Land der Seligen, irrt. Die Neutralität schützt uns im Ernstfall nicht. Denn wir liegen geografisch zwischen Russland und Deutschland und die beiden Nationen liefern sich seit Jahrhunderten ein Match.

Mehr übers Lesen

Lesetipp I

Der kommende Sturm
Der kommende Sturm von Odd Arne Westad © Klett-Cotta

Verblüffende Parallelen

Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Ein Blick zurück kann auch ein Blick in die Zukunft sein: Mit diesem Anspruch macht sich der norwegische Historiker auf, die Situation vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit der aktuellen geopolitischen Lage zu vergleichen. Machtverschiebungen, Zollkriege, Großmachtallüren und ein kriegerisches Selbstbewusstsein samt aufkeimendem Nationalismus: All das ist schon einmal da gewesen, nur hießen die Akteure damals Österreich-Ungarn, Großbritannien und Frankreich. Heute liefern sich die USA, Russland und China das Match.

Krieg, so der Autor, hat stets drei Gründe: die Angst vor Demütigung, Fehlkalkulation und die Aussicht auf bessere Zeiten: Sie haben zum Ausbruch der Weltkriege geführt. Westad kann also gar nicht anders, als zu warnen. Sein Buch ist ein Plädoyer für eine zeitgemäße Diplomatie, Kompromissbereitschaft – und eine neu verstandene
nukleare Abschreckung.

Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Klett-Cotta, 27,50 Euro

Lesetipp II

Cover des Buches Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt von Franz-Stefan Gady
Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt von Franz-Stefan Gady © Molden Verlag

Österreich in Gefahr

Franz-Stefan Gady: Überfall. Die geopolitische Situation ist kriegerisch geworden, das kleine Land Österreich pocht auf seine Neutralität und wiegt sich dadurch in Sicherheit: Falsch, sagt der Militärexperte Franz-Stefan Gady und liefert mit diesem Buch eine plastische Darstellung dessen, wie ein Angriff Russlands auf Europa aussehen würde. Er spielt Szenarien für das Jahr 2029 auf überaus plausibler Grundlage durch und extrapoliert, wie ein Dritter Weltkrieg entstehen könnte. Das ist spannend und, weil so nahe an der Realität, beängstigend.

Warum er das tut? Weil er bei einem breiten Publikum Bewusstsein für diese reale Gefahr schaffen will. Das tut er kundig und mit vielen Details zu Waffengattungen und Strategien. Die Quintessenz: Nahezu immer bestimmt die Geografie den Krieg. Österreich liegt in jedem Konfliktszenario mittendrin, und die Neutralität wird nicht helfen. Ergo: Es wäre besser, vorbereitet zu sein.


Franz-Stefan Gady: Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt. Molden, 25 Euro

Lesetipp III

Der Teufelspakt
Der Teufelspakt von Sebastian Haffner © Hanser Verlag

Die deutsch-russische Misere

Sebastian Haffner: Der Teufelspakt. Die Geschichten Deutschlands und Russlands sind seit Jahrhunderten eng ineinander verwoben. Wer wenig bekannte Rochaden vom kaiserlichen Deutschland bis zum Bau der Berliner Mauer aufspüren will, wird mit dem „Teufelspakt“ seine Freude haben. Das Werk, vom deutschen Publizisten Haffner erstmals 1968 veröffentlicht, zeichnet in großen Linien ein von Hassliebe geprägtes Verhältnis nach und befördert viel Unbekanntes zutage. Das liest sich mitunter wie ein Kriminalroman – etwa die Verhandlungen von Brest-Litowsk, Rapallo und Versailles.

Verblüffend ist auch die Anekdote, warum Lenin ohne deutsche Hilfe nie nach Moskau gelangt wäre (und die kommunistische Revolution folglich auch nicht stattgefunden hätte). Haffner ist ein Meister des „Was wäre, wenn?“. Die Quintessenz: Auch Zufälle entscheiden über Krieg und Frieden. Das regt zum Nachdenken über die aktuelle Weltlage an.


Sebastian Haffner: Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Hanser, 25,50 Euro

Weitere Lesetipps

Unser Newsletter