Die Illusion von Frieden

Diplomatische Friedenspläne zielen auf internationale Stabilität. Doch Befriedung allein schafft noch keinen Frieden, wie die Beispiele Iran und Israel zeigen.

Frau mit iranischer Flagge im Gesicht. Das Bild illustriert einen Artikel über Befriedungspolitik.
Exil-Iraner versammeln sich vor iranischen Botschaften in europäischen Städten, um das iranische Volk zu unterstützen und gegen die islamistische Theokratie zu protestieren. Sie fordern ein Ende der Unterdrückung. Madrid, 14.1.2026. © Getty Images

Internationale Friedenspolitik folgt einer stillschweigenden Prämisse: Stabilität ist besser als Veränderung. Was nicht eskaliert, gilt als gelöst; was kontrollierbar erscheint, als befriedet. Doch diese Logik produziert keinen Frieden, sondern Verwaltung. Sie hält Konflikte in Schach, ohne sie zu bearbeiten. Und nennt das Erfolg. 

Aber Befriedung bedeutet nicht Versöhnung, nicht einmal Einigung. Sie bedeutet Stillstellung. Gewalt wird kanalisiert, Zuständigkeiten werden verteilt, Eskalationen vermieden. Das mag kurzfristig Ordnung schaffen. Langfristig jedoch entsteht eine gefährliche Diskrepanz zwischen diplomatischem Erfolg und sozialer Realität. Konflikte verschwinden nicht. Sie werden eingefroren.

Schauplatz Iran

Das aktuelle Beispiel ist nicht abstrakt – es ist drängend, blutig, real: Iran. Seit Ende Dezember 2025 erlebt das Land die größten Massenproteste seit der Revolution von 1979, ausgelöst durch wirtschaftlichen Zusammenbruch, Inflation und Währungskrise, die über die sozialen Probleme hinaus in politische Forderungen mündeten. 

Die Proteste begannen als Reaktion auf Preissteigerungen und Staatsversagen, wurden aber schnell zur landesweiten Herausforderung für das theokratische Regime, die überall in den 31 Provinzen zu massenhaften Demonstrationen führten. Und die Reaktion des Staates ist wie immer brutal: Sicherheitskräfte haben in einer der tödlichsten Niederschlagungen der jüngeren Geschichte Tausende Menschen getötet, Hunderttausende inhaftiert und Internet und Kommunikation weitgehend unterbunden, um Berichte über die Gewalt zu blockieren. Der internationale Informationsfluss wurde durch einen nahezu landesweiten Internet-Blackout stark eingeschränkt, ein wiederkehrendes Instrument der Herrschenden zur Unterdrückung von Protesten.  

Befriedungspolitik konserviert Machtverhältnisse, oft zugunsten der Regime statt der Bürger.

Und genau hier offenbart sich die Illusion der Befriedung: Seit Jahrzehnten hat der Westen Sanktionen, Atomverträge, regionale Kooperationen instrumentalisiert, um den Iran zu kontrollieren – um seine Nuklearpolitik einzudämmen, um regionale Konflikte kalkulierbar zu halten, um ein politisch berechenbares System zu erhalten.

Diese Strategien zielten auf ein Gleichgewicht, das den Status quo konserviert, nicht auf einen echten Wandel. Der Preis dafür wurde außenpolitisch als Stabilität interpretiert, innenpolitisch aber von der iranischen Bevölkerung als Unterdrückung erlebt. Befriedung für das Regime bedeutete Gefängnis für die Protestierenden.

Die internationalen Akteure messen Erfolg an der Abwesenheit von zwischenstaatlicher Eskalation. Binnenpolitische Gewalt, die Repression gegen eigene Bevölkerung, wird als innere Angelegenheit abgetan, solange sie das überregionale Gleichgewicht nicht bedroht. Diese Haltung zeigt sich auch in den Reaktionen auf die aktuelle Krise: Staaten verurteilen Gewalt, verhängen Sanktionen, bestellen Botschafter ein, aber sie vermeiden eine substanzielle Einmischung in ein politisches System, das Millionen Menschen an Freiheitsgrenzen zusammenschiebt. 

So wird ein autoritärer Zustand international für befriedet erklärt, solange er extern nicht eskaliert. Gleichzeitig verlagert sich der Konflikt in die Gesellschaft hinein, wo er latente Wunden schlägt, die eines Tages eruptiv wieder aufbrechen können. Befriedungspolitik verwaltet keinen Frieden, sie konserviert Machtverhältnisse. Oft zugunsten der Regime statt der Bürger.

Frieden ist manchmal ein gewaltsamer Prozess

Dieses Muster zeigt sich nicht nur im Iran, sondern auch an Israel: Kaum ein Land ist so dicht mit internationalen Friedensinitiativen, Resolutionen, Roadmaps und Abkommen überzogen worden und kaum eines zeigt so deutlich, wie wenig diese Instrumente über die tatsächliche innere Lage aussagen. 

Der Frieden, von dem in Konferenzräumen gesprochen wird, existiert dort nur als Abwesenheit von Eskalation, nicht als Zustand gesellschaftlicher Befriedung. Bereits die Oslo-Abkommen waren weniger ein Friedensvertrag als ein Managementkonzept. Sie regelten Zuständigkeiten, Sicherheitsfragen, Übergangsverwaltungen. Sie verschoben die zentralen Konfliktfragen – Grenzen, Jerusalem, Flüchtlinge – in eine unbestimmte Zukunft.

Die Differenz zwischen äußerer Stabilität und innerer Spannung: Staaten lassen sich befrieden, Gesellschaften nicht.

Was internationale Akteure dabei oft übersehen – oder bewusst ignorieren –, ist die Differenz zwischen äußerer Stabilität und innerer Spannung. Staaten lassen sich befrieden, Gesellschaften nicht. Diplomatie operiert mit Regierungen, nicht mit kollektiven Verletzungen. Sie misst Erfolg an Grenzverläufen, nicht an Vertrauen. An Waffenstillständen, nicht an Zukunftsvorstellungen. 

Das erklärt auch, warum neuere Abkommen wie die Abraham Accords international als Durchbruch gefeiert wurden, während sie im israelischen Alltag eine ambivalente Rolle spielen. Ja, sie haben regionale Kooperation ermöglicht. Ja, sie haben neue Allianzen geschaffen. Aber sie haben den inneren Konflikt Israels nicht gelöst. Sie haben ihn nicht einmal adressiert. 

Hinzu kommt ein moralisches Missverständnis. Friedenspläne arbeiten oft mit einem impliziten Menschenbild: rational, interessengeleitet, kompromissfähig. Sie gehen davon aus, dass materielle Anreize, territoriale Arrangements oder wirtschaftliche Kooperation emotionale, historische und identitäre Konflikte neutralisieren können. In Wirklichkeit aber sind es gerade diese nicht verhandelbaren Ebenen – Erinnerung, Kränkung, Angst, Stolz –, die Konflikte tragen. 

Stabilität als Friedenshindernis

Israel zeigt das in besonderer Schärfe, weil der Staat selbst aus einem historischen Trauma hervorgegangen ist und bis heute in permanenter Bedrohung existiert. Sicherheit ist dort keine abstrakte Kategorie, sondern Alltagserfahrung. Internationale Friedenspläne, die diese Erfahrung als Verhandlungsmasse behandeln, produzieren zwangsläufig Widerstand. Nicht nur politisch, sondern existenziell.

Frieden, das zeigen Iran und Israel auf unterschiedliche aber miteinander verschränkte Weise, ist kein Zustand, den man mit einer Unterschritt herbeiführen kann. Er ist ein sozialer Prozess und manchmal ein gewaltsamer Bruch.

Die große Zumutung dieser Erkenntnis lautet: Gewalt ist nicht per se das Gegenteil von Frieden. Sie kann – historisch wie politisch – auch dessen Voraussetzung sein. Nicht jede Gewalt ist legitim, aber nicht jede Gewalt ist sinnlos. Es gibt Momente, in denen eingefrorene Ordnungen nur durch Erschütterung aufgelöst werden können. In denen Stabilität kein moralischer Wert mehr ist, sondern ein Hindernis. 

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