Die Donroe-Doktrin: Was Trump wirklich vorhat
Donald Trumps chaotisch wirkende Außenpolitik folgt einem Plan: Der US-Präsident will Chinas Einfluss auf Nord- und Südamerika brechen und eine wirtschaftliche Einheit von Alaska bis Feuerland schaffen.

Auf den Punkt gebracht
- Abhängigkeit. China kontrolliert etwa 70 Prozent der Förderung, 92 Prozent der Verarbeitung bei Seltenen Erden und raffiniert über 17 Millionen Barrel Öl pro Tag.
- Donroe-Doktrin. Donald Trump will die US-Kontrolle über die westliche Hemisphäre einzementieren, um chinesischen Einfluss zu verhindern.
- Ressourcenreich. Südamerika verfügt über rund 40 Prozent der weltweiten Kupferreserven, 35 bis 40 Prozent der Lithiumreserven und weitere Mineralvorkommen.
- Beteiligungen. Die USA investierten 400 Mio. Dollar in MP Materials und halten Anteile an Lithium Americas, Trilogy Metals, Intel und weiteren Firmen.
Im Jahr 1823 verabschiedete der fünfte Präsident der Vereinigten Staaten, James Monroe, die Monroe-Doktrin – eine außenpolitische Erklärung, die europäischen Kolonialmächten unmissverständlich klarmachte, dass sie sich vom amerikanischen Kontinent fernzuhalten haben.
Über 200 Jahre später verfolgt Donald Trump eine erstaunlich ähnliche Strategie, nur dass der Konkurrent diesmal nicht Europa, sondern China heißt. Was man als „Donroe-Doktrin“ bezeichnen könnte, ist weit mehr als bloße Rhetorik: Es ist eine umfassende Neuausrichtung der amerikanischen Außen- und Wirtschaftspolitik, die darauf abzielt, eine integrierte wirtschaftliche Sphäre von der Südspitze Lateinamerikas bis nach Alaska zu schaffen.
Die Trump-Administration macht aus ihren Ambitionen übrigens kein Geheimnis: „Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder bekräftigen und durchsetzen, um die amerikanische Vormachtstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und unser Heimatland sowie unseren Zugang zu Schlüsselgebieten in der gesamten Region zu schützen“, heißt es in der aktuellen US-Sicherheitsstrategie. Das erneute Streben nach Hegemonie über Nord- und Südamerika kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die globale Ordnung der Nachkriegszeit zusammenbricht und neue Machtzentren entstehen.
Rückkehr des Merkantilismus
Die sogenannte liberale Weltordnung der Nachkriegszeit basierte auf einem Glaubenssatz: Märkte wissen es am besten. Jahrzehntelang lautete das Mantra „because markets“ – ob es um Immigration, Produktionsverlagerungen oder Freihandelsabkommen ging, die Effizienz der Märkte galt als unantastbares Argument. Doch es lieferte keine Antwort auf die entscheidende Frage: Wofür ist eine Volkswirtschaft eigentlich da?
Das wurde schmerzlich relevant, als Russland 2022 die Ukraine überfiel. Westliche Kommentatoren hatten gespottet, Russland sei nichts weiter als eine „Tankstelle, die sich als Land ausgibt“ – seine Wirtschaftsleistung sei kleiner als jene Frankreichs. Was diese Analysen übersahen: Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob eine Volkswirtschaft Finanzinstrumente, Olivenöl oder Panzer produziert.
Diese Erkenntnis markiert das Ende eines Zeitalters. Die Vorstellung, dass Märkte automatisch wünschenswerte Ergebnisse liefern, erweist sich als falsch. Märkte funktionieren, wenn sie Preise basierend auf Angebot und Nachfrage erzeugen. Aber die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Märkte funktionieren, sondern, ob ihre Ergebnisse im nationalen Interesse liegen. Aus rein marktwirtschaftlicher Perspektive hätte es zum Beispiel Sinn ergeben können, die gesamte amerikanische Waffenproduktion nach China auszulagern. Aus geopolitischer Sicht wäre das jedoch katastrophal.
Einflusssphäre abgesteckt
Die USA haben eine radikale Kehrtwende vollzogen. Was auf den ersten Blick chaotisch erscheint – willkürlich festgesetzte Zölle, aggressive Handelspolitik, unkonventionelle Deals –, folgt einer strategischen Logik: der Schaffung einer integrierten wirtschaftlichen Hemisphäre unter Ausschluss Chinas. Diese Vision ähnelt paradoxerweise jener der Europäischen Union, die Trump sonst so vehement kritisiert. Ihm geht es bei seiner Politik um die Vereinigten Staaten von Amerika im weiteren Sinne – um die „United States of the Americas“. Dazu zählt auch die Kontrolle über Grönland, wie Trump stets betont.
Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten sprechen für diese Vision: Die westliche Hemisphäre verfügt über immense Energieressourcen, eine große Bevölkerung und bedeutende Rohstoffvorkommen. Südamerika birgt 40 Prozent der weltweiten Kupferreserven, 35 bis 40 Prozent der Lithiumreserven sowie große Vorkommen von Nickel, Kobalt und wichtigen Mineralien.
Der Staat als Unternehmer
Doch die Umsetzung dieser Vision erfordert fundamentale Veränderungen in der Wirtschaftspolitik. Die USA haben unter Trump eine aggressive Industriepolitik eingeführt, die auf drei Säulen ruht: Reindustrialisierung, Resilienz der Lieferketten und strategische Investitionen. Das Ziel ist klar: kritische Produktionskapazitäten zurück nach Nordamerika zu holen und eine heimische industrielle Basis aufzubauen, die nicht von China abhängig ist. Ein Kernelement dieser Strategie ist die direkte staatliche Beteiligung an strategisch wichtigen Unternehmen.
Im Juli 2025 kündigte das Pentagon eine Investition von 400 Millionen Dollar in MP Materials an und wurde so mit einem Anteil von 15 Prozent zum größten Aktionär des einzigen amerikanischen Seltene-Erden-Bergbauunternehmens. Im Oktober 2025 sicherte sich das Energieministerium einen fünfprozentigen Anteil an Lithium Americas, einem Unternehmen, das die Thacker-Pass-Lithiummine in Nevada entwickelt.
Eine Dosis staatlichen Eigentums und die damit verbundene Politisierung sind nicht das, was die amerikanische Industrie und Innovation brauchen
Tyler Cowen, US-Ökonom
Wenige Tage später kündigte das Verteidigungsministerium eine zehnprozentige Beteiligung an Trilogy Metals und eine Investition von 35,6 Millionen Dollar in die Exploration in Alaska. an. Insgesamt hält die US-Regierung nun Anteile an mindestens fünf börsennotierten Unternehmen, darunter auch der Chipgigant Intel.
Tyler Cowen, Wirtschaftsprofessor an der George Mason University, argumentiert, Trump verwandle große amerikanische Unternehmen in Instrumente der Regierung: „Eine Dosis staatlichen Eigentums und die damit verbundene Politisierung sind nicht das, was die amerikanische Industrie und Innovation brauchen.“ Andere sehen darin eine pragmatische Antwort auf eine veränderte geopolitische Realität.
Simon Moores, Chef von Benchmark Mineral Intelligence, stellt fest: „Es ist sehr selten, dass westliche Regierungen dies in der modernen Zeit tun. Es ist eher die Methode von China und Russland, über Staatsunternehmen Anteile an Bergbauunternehmen zu übernehmen. Traditionell würden die USA Anreize schaffen, um den privaten Sektor zu veranlassen, die Investitions- und Entwicklungslast zu übernehmen. Aber bei kritischen Mineralien haben wir es mit einem ungleichen Spielfeld zu tun.“
Der umgekehrte Marshallplan
Parallel dazu verfolgt die Administration das, was als „Strategie des umgekehrten Marshallplans“ bezeichnet werden könnte. Während der ursprüngliche Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg amerikanische Ressourcen nach Europa transferierte, um den Wiederaufbau zu finanzieren, kehrt die Trump- Strategie diese Logik um: Zölle sollen Investitionen in die USA lenken, Verbündete sollen ihre Verteidigungsausgaben erhöhen und damit den militärisch-industriellen Komplex in den USA unterstützen.
Kann Mileis Schocktherapie in Argentinien aufgehen?
Die Unterstützung der Trump-Administration für den argentinischen Präsidenten Javier Milei ist ein eindeutiger Beleg für die neue hemisphärische Strategie. Im Oktober 2025 kündigte die US-Regierung ein Rettungspaket von 40 Milliarden Dollar für Argentinien an. Trump machte jedoch unmissverständlich klar, dass die weitere finanzielle Unterstützung direkt an einen Erfolg von Milei gebunden sei: „Wenn er verliert, werden wir nicht großzügig mit Argentinien sein.“ Mileis Sieg bei den Zwischenwahlen rechtfertigte Trumps Wette. Die Unterstützung für Argentinien ist Teil der Donroe-Doktrin.
Während Argentinien mit Zuckerbrot gelockt wird, setzen die USA bei Venezuela auf Druck. Trump beschuldigt das Land, große Mengen Kokain in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln. Unter diesem Vorwand fand der spektakuläre US-Angriff auf Caracas und die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro statt. Trump drohte auch Kolumbiens Präsident Gustavo Petro mit einem ähnlichen Schicksal; bis Redaktionsschluss kam es jedoch zu keinen weiteren US-Militäreinsätzen in der Region.
Kaum Gegenwehr
Die strategische Bedeutung wird durch Venezuelas Territorialkonflikt mit Guyana verstärkt, bei dem ExxonMobil, Hess und die China National Offshore Oil Corporation massive Ölvorkommen im umstrittenen Essequibo-Gebiet kontrollieren. Wirtschaftsfreundliche Regierungen in Venezuela und Guyana könnten theoretisch fünf bis zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag fördern.
Die USA erhalten freie Hand in der westlichen Hemisphäre, während sie sich aus Osteuropa und Ostasien zurückziehen.
Bemerkenswert ist die Zurückhaltung Chinas und Russlands, die trotz ihrer – auf dem Papier – engen Partnerschaft mit Venezuela kaum auf die USIntervention reagierten. Diese Passivität wirft Fragen auf: Fehlt es schlicht an militärischer Projektionsfähigkeit? Oder begrüßen Xi und Putin insgeheim einen weiteren Konflikt mit US-Beteiligung, der Ressourcen von Taiwan und der Ukraine ablenkt? Eine dritte Möglichkeit ist ein stillschweigendes Abkommen über regionale Einflusssphären zwischen den Großmächten: Die USA erhalten freie Hand in der westlichen Hemisphäre, während sie sich aus Osteuropa und Ostasien zurückziehen.

Trumps nationale Sicherheitsstrategie deutet genau darauf hin: Darin wird die Monroe-Doktrin bekräftigt und gleichzeitig ein rasches Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine zur „Wiederherstellung strategischer Stabilität mit Russland“ betont. Die Vereinigten Staaten haben sich vom „unipolaren Moment“ verabschiedet und streben eine regionale, nicht notwendigerweise globale Vormachtstellung an.
Chinas globale Dominanz
Die Dringlichkeit der amerikanischen Strategie wird verständlich, wenn man das Ausmaß der chinesischen Dominanz in wichtigen Sektoren betrachtet. China kontrolliert praktisch jeden Aspekt der globalen Lieferketten für kritische Rohstoffe. Bei seltenen Erden ist die Vormachtstellung nahezu absolut: 92 Prozent der globalen Verarbeitung, 83 Prozent der Magnetproduktion und 70 Prozent der Förderung liegen in chinesischer Hand. Experten schätzen, dass die USA mindestens 15 Jahre benötigen würden, um bei seltenen Erden autark zu werden.
In der Ölraffination dominiert China ebenfalls die globalen Energiemärkte durch seine massive Kapazität von über 17 Millionen Barrel pro Tag – mehr als die USA, die EU, Russland und Indien zusammen. In der Industrieproduktion ist Chinas Dominanz ebenso beeindruckend. Die Produktionsleistung beträgt 28 Billionen Dollar – fast das Sechsfache der USA. Im Schiffbau kontrolliert China 47 Prozent des globalen Markts, die USA nur 0,13Prozent.
Die wichtigste Waffe der Donroe-Doktrin
Trump hat Wirtschaftsdiplomatie zum wichtigsten Instrument globalen Einflusses gemacht. Zölle werden als geopolitische Waffen eingesetzt. Der „Reverse Marshallplan“ fordert große Investitionen von Verbündeten und soll kritische Industrien in die USA zurückholen. Die Vision einer integrierten Wirtschaftssphäre von Alaska bis Feuerland ist ambitioniert, aber nicht völlig unrealistisch. Die Unterstützung für Argentinien demonstriert das „Zuckerbrot“ der Strategie. Direkte Kapitalbeteiligungen an Industrieunternehmen markieren einen historischen Bruch mit der liberalen Wirtschaftsordnung und signalisieren eine Rückkehr zu interventionistischer Industriepolitik.
Daraus folgt: Die Idee, dass Märkte automatisch die erwünschten Ergebnisse produzieren, ist tot. In einer Welt, in der Geopolitik wieder über rein wirtschaftliche Prinzipien dominiert, ist die Donroe-Doktrin Trumps Antwort auf die Frage, wie Amerika seine Vormachtstellung sichern kann.
Conclusio
Autonomie. Trump setzt auf Zölle, um US-Produzenten zu schützen, staatliche Beteiligungen an Schlüsselindustrien und massive Investitionen in strategische Ressourcen. Zudem unterstützt er Länder mit ihm genehmen Regierungen.
Hinterhof. Diese Doktrin ist eine Abkehr von der liberalen Weltordnung hin zu einer staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik. Dadurch soll Lateinamerika unter US-Dominanz geraten und Chinas Einfluss zurückgedrängt werden.
Druckmittel. Wer, wie die Europäer, die liberale Wirtschaftsordnung verteidigen will, muss sich weniger erpressbar von den USA und China machen. Das gilt nunmehr sowohl im wirtschaftlichen als auch im militärischen Bereich.



