Drohnen-Warnsystem: Was surrt da so?

Martin Blass hat ein akustisches Drohnen-Warnsystem entwickelt, das hört, was ein Radar nicht erkennt – und könnte damit Europas Luftraum sicherer machen.

Der Forscher Martin Blass steht hinter seinem Drohnen-Warnsystem.
Martin Blass: „Einige Drohnen-Modelle kann ich mittlerweile selbst identifizieren, wenn ich sie höre.“ © Elias Holzknecht

Martin Blass schlägt bei 285 Grad aus, aber er ist keine Drohne. Deshalb schlägt das System auch keinen Alarm, wenn er spricht. Blass steht in seinem Labor von Joanneum Research in Graz, in der Mitte des Raums befindet sich eine Art Dom aus Metallverstrebungen; und wo sich diese treffen, sind 32 Mikrofone angebracht, die alles hören, was um sie herum passiert.

Vor einigen Wochen waren Blass und seine Konstruktion in vielen Medien; und der Grund dafür heißt – zumindest unter anderem – Wladimir Putin. Nachdem am 9. September 2025 rund zwei Dutzend mutmaßlich russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren, häuften sich in der Folge Drohnensichtungen – und damit einhergehend auch Flugstreichungen – auf europäischen Flughäfen: Kopenhagen, Oslo, Berlin, Brüssel und noch viele mehr. Dem Problem Herr zu werden ist schwieriger als gedacht, erklärte etwa David Bacci vom Oxford Thermofluids Institute Euronews: Denn die Drohnen seien so leicht, dass sie von einem Standardradar nicht erfasst werden.

Wo genau es surrt

Genau da setzt Blass‘ Forschung an: Seine Halbkugel ist normalerweise auf Hausdächern angebracht und darauf programmiert, Drohnen per Akustik zu erkennen. Blass hat das System mittels Machine Learning mit den spezifischen surrenden Geräuschen verschiedenster Drohnen gefüttert – „einige Modelle kann ich mittlerweile sogar selbst identifizieren, wenn ich sie höre“, sagt er –, damit sie die Drohnen aus allen anderen Geräuschquellen herausfiltern.

Eine Drohne mit vier Rotoren
Eine handelsübliche Drohne, die zu Trainingszwecken in Blass' Labor steht. © Elias Holzknecht

Das Drohnenwarnsystem funktioniert auf zwei Ebenen: Die erste betrifft eine grundsätzliche Erkennung: Achtung, hier fliegt eine Drohne. Die zweite ist eine Lokalisierung: „Die Schallwelle trifft bei den Mikrofonen zu verschiedenen Zeiten ein“ – und davon ausgehend könne man errechnen, wo sich die Drohne genau befindet, erklärt Blass – so wie das Warnsystem jetzt gerade Martin Blass' Stimme bei 285 Grad lokalisiert.

Akustik überall: Von Lärmblitzern zu Drohnen

Blass hat hier in Graz Elektrotechnik-Toningenieur studiert und sich in weiterer Folge auf Signalverarbeitung spezialisiert. In einem anderen Projekt fahndet er mit ähnlicher Technologie nach Lärmsündern im Autoverkehr, „wenn etwa jemand so laut wie möglich durch eine Dreißigerzone brettert“, erzählt er. Lärmblitzer nennen sich die Geräte, die in Salzburg bereits in einem Pilotprojekt im Einsatz sind.

Seit rund acht Jahren betreiben Blass und seine Kollegen verschiedenste Projekte zur akustischen Drohnenerkennung: Schon damals war klar, dass Drohnen eine Sicherheitsgefahr werden können. Bereits 2013 ließ die mittlerweile in der Versenkung verschwundene Piratenpartei eine Drohne bei einer Wahlkampfveranstaltung der damaligen deutschen Kanzlerin Angela Merkel fliegen; 2018 mussten hunderte Flüge am Londoner Flughafen Gatwick wegen Drohnensichtungen gestrichen werden. Damals wie heute wirkten die Verantwortlichen eher hilflos, wie den Drohnen beizukommen sei.

Eine Halbkugel aus Metallverstrebungen
32 Mikrofone sind auf dem Drohnen-Warnsystem angebracht. © Elias Holzknecht

Dieser Hilflosigkeit könnte das Projekt zumindest teilweise Abhilfe schaffen. Blass könnte sich vorstellen, sein Mikrofonarray „an neuralgischen Punkten anzubringen“, wie er erzählt. Flughäfen, Krankenhäusern, Kraftwerken und so weiter. Diesbezüglich laufe auch schon ein Projekt mit dem österreichischen Bundesheer. Eine Einschränkung gibt es trotzdem: Das System wurde an handelsüblichen Drohnen getestet, militärische Drohnen „könnten durchrutschen, weil wir sie nicht in unseren Trainingsdaten haben“ – schließlich kann man die nicht einfach bei Amazon kaufen und das System damit trainieren.

Was zwitschert da?

Rund 300 Meter Luftraum kann das System überwachen, und gegenüber einem Radarsystem hat es nicht nur den Vorteil, dass es Drohnen weitaus besser erkennt: Es ist auch eine weit billigere Lösung. „Ein Akustiksensor kostet zwischen 500 und 1.000 Euro, ein Radarsystem kann schonmal 50.000 bis 100.000 Euro kosten“, sagt Blass. Und: Es ist mobil, man könnte es sogar auf einem Autodach montieren. „Wir haben das auch getestet, bis zu einer Geschwindigkeit von 45 bis 50 Kilometer pro Stunde funktioniert das gut“, sagt Blass.

Ein Monitor, der einen Kreis mit Gradzeichen und einige Säulen zeigt.
So sieht es aus, wenn das Drohnen-Warnsystem eine Drohne ortet. © Elias Holzknecht

Außerdem braucht es für Blass‘ System der akustischen Überwachung – im Gegensatz zu einem Radar – auch keine Genehmigungen. Jeder, der Lust hat, könnte es sich auf sein Hausdach montieren. Und dann auch für anderes als Drohnenerkennung einsetzen: Das System könnte etwa darauf trainiert werden, bestimmte Vogelgeräusche zu erkennen. „Man muss nur datenschutzkonform agieren, darf also keine personenbezogenen Daten erfassen“, sagt Blass. Denn grundsätzlich könnten die Mikrofone auch Gespräche mitschneiden – und das sei nicht erlaubt.

Abschießen oder jammen

Solange die Mikrofone nach Drohnen suchen, können sie dennoch nur den ersten Schritt bedienen: Die Drohne erkennen. Wie man sie dann loswird, ist nochmal eine andere Geschichte. „Wir sind in Abstimmung mit größeren Entscheidungsträgern, aber wir können nur die Alarme liefern“, sagt Blass. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, Drohnen auszuschalten: Entweder abschießen oder jammen. Letzteres bedeutet nichts anderes, als die Funkfrequenz zu stören und damit die Kommunikation zwischen der Drohne und ihrem Betreiber zu unterbrechen – „die meisten Drohnen reagieren darauf so, dass sie einfach an Ort und Stelle landen.“ Während es zumindest bei Events vielleicht nicht die beste Idee wäre, die Drohne einfach vom Himmel zu schießen. Beides jedenfalls würde im Gegensatz zum Warnsystem eine Genehmigung benötigen.

Also: Blass‘ System aufs Hausdach zu stellen, um die nervige Drohne des Nachbarn zu orten: kein Problem. Die Schrotflinte holen und sie vom Himmel zu ballern: eher nicht so.

Über diese Serie

Unter dem Titel „Forschungsreisen“ präsentieren wir spannende Forschungsprojekte aus ganz Österreich. Der Pragmaticus war bereits zu Gast bei Peter Turchin vom Complexity Hub, der die USA vor einem Bürgerkrieg sieht, hat mit Stefan Freunberger vom ISTA nach neuen Batterien gesucht und sich von Ludmilla Carone vom Grazer Institut für Weltraumforschung erzählen lassen, warum die Suche nach Aliens so schwierig ist. Alle Forschungsreisen können Sie hier nachlesen.

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