Emojis: Wozu eigentlich Bildsprache?

Emojis haben unsere die Bildschirme erobert. Erin Courtice, Psychologin an der Metropolitan University in Toronto, erforscht Sinn, Funktion und Missverständnisse rund um Smileys & Co.

Emojis auf einem Handydisplay.
Emojis bringen Gefühle in die digitale Kommunikation. Jedoch sollen Inhalt eines Textes und das dazu gestellte Smiley übereinstimmen, weil sonst Irritationen entstehen. © Getty Images

Sie sind zu Selbstverständlichkeiten in der digitalen Kommunikation geworden: Ein Smiley lächelnd, ein Smiley mit hängenden Mundwinkeln, ein Smiley mit unterschiedlichen Herzen rundum. Erin Courtice von der University of Toronto hat Emoticons zu ihrem Fachgebiet gemacht und erforscht, warum sie für die digitale Kommunikation so wichtig sind. Emojis spielen auch in ihrer eigenen Kommunikation eine wichtige Rolle, aus ihrer persönlichen Emoji-Bibliothek verwendet sie 50 bis 60 verschiedene.

Der Pragmaticus: Frau Courtice, warum interessieren Sie als Psychologin eigentlich für Emojis und was erforschen Sie daran?

Erin Courtice: Ich denke, dass Emoticons in der digitalen Kommunikation einem schriftlichen Text eine emotionale Komponente geben. Diese Funktion ist für mich interessant. Ich will wissen, wie Emojis wirken.

Sie sagen, dass Emoticons ein Teil digitaler Kommunikation sind. Also waren die SMS-Nachrichten mit Zeichenfolgen wie :-/ der Beginn oder?

Ja, daran kann ich mich dunkel erinnern. Aber klar, auch solche Zeichenfolgen hatten schon die Funktion, ein Gefühl auszudrücken. Bilder sagen mehr als Worte. In gewisser Weise sind sie Teil einer Technologie.

Inwiefern?

Wenn ich Technologie sage, dann meine ich das sehr generell. Schrift ist seit Jahrtausenden Teil der menschlichen Kultur, um Wissen weiterzugeben. Insofern sind also auch Füllfeder und Papier eine Technologie, Bildschirm und Tastaturen sind gerade dabei, sie abzulösen. Die Verfügbarkeit von Piktogrammen ist einfacher geworden. Es gibt eine große Auswahl an vorgefertigten Bildern und insofern sind sie zu einem integrativen Bestandteil moderner Kommunikation geworden. Je jünger die Leute, umso häufiger werden sie verwendet.

Aber warum brauchen wir sie?

Ich denke, dass Emoticons Gefühle zum Ausdruck bringen können, die in der schriftlichen Form so nicht möglich sind. Für den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen sind Emotionen seit jeher die Basis. In der digitalen Kommunikation haben Emoticons diese Funktion übernommen, sie sind sozusagen die emotionale Komponente jeder Kommunikation.

Deshalb Smileys?

Genau, Gefühle lassen sich über einen Gesichtsausdruck am besten abbilden. Insofern sind Smileys eine Art von Face-to-face im digitalen Raum. Ein Lächel-Smiley hinter einem Satz ist eine nette Geste, signalisiert Freundlichkeit. Ein Thumbs-up (Daumen hoch) ist eine positive Geste, oft bedeutet es aber auch einfach nur, dass man etwas gelesen hat.

Emoticons geben in der digitalen Kommunikation einem schriftlichen Text eine emotionale Komponente.

Und das scheint universell verständlich zu sein?

Erin Courtice: Genau das haben wir uns gefragt. Wir wollten in unserer Studie wissen, welche Art von Emojis in einem professionellen Kontext verstanden wird, und welche nicht. Und dabei haben wir herausgefunden, dass die Kommunikation immer dann reibungslos ist, wenn der Inhalt eines Textes mit der emotionalen Aussage eines Emojis übereinstimmt. Wenn das nicht der Fall ist, also wenn zum Beispiel hinter „Danke für dein Engagement“ ein Wutsmiley steht, dann wirkt es irritierend. Und verunsichert.

Was genau?

Ich als Empfängerin muss mir in so einem Fall die Frage stellen, wie das gemeint hätte sein können. Und wenn es um die Professionalität in einer Kommunikation geht, dann signalisiert es Inkompetenz. Insofern als der Sender oder die Senderin sich offenbar nicht bewusst ist, was so ein Emoticon zum Ausdruck bringen kann. Insofern sind Emoticons also eine Art Parasprache, die über den reinen Text hinaus eine neue Ebene herstellt.

Die Worte nicht zum Ausdruck bringen können?

In gewisser Weise. Sie können aber auch ein Zeichen von Unsicherheit sein. Also jemand schreibt etwas, ist sich nicht so sicher, wie das Gegenüber diese Nachricht annehmen wird und schickt dann einfach noch ein Smiley als nette Geste hinzu. Ich wüsste nicht, wie sich das in Worten so ausdrücken ließe, nämlich so, dass es gleich unverbindlich rüberkommt.

Geht durch Emoticons nicht aber auch sprachliche Ausdrucksfähigkeit verloren, etwa dann, wenn es um etwas Humorvolles, Lustiges geht, das ohne Smiley dann gar nicht mehr verstanden wird?

Ich denke, dass sich Sprache und damit auch Kommunikation weiterentwickeln und immer auch ein Spiegel der Gesellschaft sind, in der wir leben. Und Faktum ist: Die Menschen kommunizieren heute kaum mehr mit Briefen, sondern mit Mails und Messages. Je kürzer, umso besser. Smileys sind eine sehr effiziente Art, einer Nachricht etwas Persönliches hinzuzufügen. Ohne viele Worte.

Ist das Verwenden von Smileys und Emoticons aller Art nicht auch eine Generationenfrage?

In jedem Fall ist das so.  Je jünger, umso Emojis! Könnte man sicher sagen. Diese Fragestellung wollen wir in einem nächsten Projekt auch tatsächlich näher untersuchen.

Wie wählt man unter den Hunderten Unterschiedlichen die Richtigen aus?

Ich denke, dass es einen großen Unterschied macht, ob ich Emojis privat verwende oder in einem beruflichen Kontext kommuniziere. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass die meisten ihre 50 bis 60 persönlichen Emojis haben, die ihre Kommunikation prägen. Und anders als im beruflichen Kontext entwickelt man mit Freunden unter Umständen ganz eigene Codes. Wenn ich meinen Freunden das „Dämon“- Emoji schicke, dann wissen sie was los ist. Für andere ist das aber nicht zu verstehen. Weil es eben über die ursprüngliche Bedeutung von Schabernack, Frechheit oder Flirt hinausgeht. Was ich sagen will: Emojis im privaten Kontext können sogar eine Geheimsprache werden. Oder gar nicht verständlich sein.

Emojis im privaten Kontext können sogar eine Geheimsprache werden.

Wie zum Beispiel ein Nagellack-Emoji, das ich unlängst bekommen habe. Ich hatte keine Ahnung, was das heißen soll. Ich dachte, „ich mache mich schön“…

(lacht): Ja genau. Aha, dass es „ist mir doch egal“ heißen kann und Gelassenheit ausdrückt, ist ein kultureller Code. Sowie auch ein lila Herz in der LGBTQ-Community Stolz zum Ausdruck bringt, was außerhalb der Community nicht verständlich ist.

Sind Emojis auch ein Spiegel für die Globalisierung, also Codes, die international verstanden werden?

Durchaus. Die wichtigsten Emojis bringen grundlegende menschliche Gefühle zum Ausdruck, und offensichtlich äußern sie sich in ähnlichen Gesichtsausdrücken. Insofern dürften sie generisch menschlich sein.

Auch über kulturelle Grenzen hinweg?

Nein, da kann es Missverständnisse geben. Das berühmteste Beispiel sind die klatschenden Hände, die in unserem Kulturkreis als Zustimmung und Applaus interpretiert werden, in China aber für Sex stehen. So etwas sollte man also besser wissen. „Daumen hoch“ ist ein anderes Beispiel. Das drückt im westlichen Kulturkreis positive Zustimmung aus, im Nahen Osten ist es das Äquivalent zur Mittelfinger-Geste. Sollte man also nicht leichtfertig einsetzen.

Sind Emojis vielleicht auch sogar ein Zeichen einer Analphabetisierung der Gesellschaft?

Das ist eine These, ich kenne noch keine Daten dazu. Aber klar: Wir alle schicken nicht nur mehr Emoticons, sondern zunehmend auch mehr Audionachrichten, das wäre dann ein weiteres Indiz. Ich denke aber, dass die Dinge immer auch im Fluss sind. Und dass es dann interessanterweise auch Gegenbewegungen gibt. So etwa aktuell gerade den Trend bei sehr jungen Leuten, NICHT mehr auf Social Media zu sein. Auch in der Parasprache der Emojis ändert sich vieles, mittlerweile werden Bewegtbilder und Filmszenen als Emojis verschickt. Die Evolution geht immer weiter.

Porträt von Erin Courtice

Über Erin Courtice

Courtice ist Postdoktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im CARE Lab der Toronto Metropolitan University. Im Jahr 2023 promovierte sie in Experimenteller Psychologie an der University of Ottawa, wo sie zudem als nebenberufliche Dozentin tätig war. Im Allgemeinen untersucht Dr. Courtice in ihrer Forschung, wie die zwischenmenschlichen Erfahrungen von Menschen durch Technologie geprägt werden und umgekehrt, wie Technologie diese Erfahrungen beeinflusst. „Emojis at Work: The Effects of Emoji Use on Perceptions of Competence and Appropriateness“ ist eine ihrer jüngsten Studien.

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