Contra: Die Energiewende ist Wunschdenken

Die Energiewende zeugt von Naivität und ist reines Wunschdenken. Wir brauchen Atomkraft, Gas und Kohle auch in Zukunft, da es für erneuerbare Energie, die nicht grundlastfähig ist, keine geeigneten Speicher gibt.

Foto einer beleuchteten Industrieanlage im nächtlichen Nebel mit Parkplätzen und Stromleitungen. Vince Ebert meint, die Energiewende sei naiv.
Das Atomkraftwerk Neckarwestheim in Deutschland. Neckarwestheim wird im April 2023 vom Netz gehen: Die Brennstäbe sind aufgebraucht, und es gibt Risse im Atomkraftwerk. © Getty Images

Das Ziel der europäischen Politik ist klar: Wir wollen unseren Strom so schnell wie möglich zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien produzieren. Doch ist das wirklich möglich? „Ja, sicher!“, sagen die Befürworter. Immerhin produzieren wir ja schon heute an guten Tagen einen Großteil unseres Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen. Und zwar so viel, dass wir zusätzlich sogar Kapazitäten ins Ausland exportieren können. 

So schön das klingt: Es ist leider nur die halbe Wahrheit. Für eine funktionierende Industrienation ist es nicht nur wichtig, dass genug Strom produziert wird, der Strom muss auch hundertprozentig verlässlich produziert werden. Um nicht einen überregionalen Blackout zu riskieren, ist es daher nötig, zu jeder Minute, rund um die Uhr, an allen Tagen im Jahr genügend Strom zu haben. Oder anders gesagt: Wenn regenerative Energien an nur einem Tag im Jahr nicht genug Strom liefern können, bringt es herzlich wenig, wenn an den anderen 364 Tagen Überproduktionen geliefert werden.

Grundlast

Im Fachjargon nennt man das Grundlastfähigkeit. Grundlastfähige Kern- und Kohlekraftwerke produzieren den Strom dann, wenn er benötigt wird. Sie liefern ihn unabhängig von der Tageszeit, vom Wetter oder von romantischen Vorstellungen über Energieversorgung. Wind- und Sonnenenergie dagegen sind nicht grundlastfähig.

Dazu ein konkretes deutsches Beispiel: Am 16. November 2021 lieferten deutsche Wind- und Solaranlagen 0,036 Terawattstunden Strom. Das entspricht gerade einmal 3,2 Prozent des täglichen Stromverbrauches. Nimmt man die Stromerzeugung durch „grüne“ Wasserkraft und Biomasse noch mit dazu, kam man an diesem Tag auf 13,2 Prozent des Bedarfs.

Backup

Das ist der Grund, warum ein Land, das seine Stromversorgung aus nicht steuerbaren wetter- und tageszeitabhängigen Quellen beziehen möchte, immer ein fast hundertprozentiges Backup aus konventionellen Kraftwerken braucht. Da können wir noch so viele Solar- und Windanlagen bauen, das Backup-Problem bleibt. 

Deshalb setzten Österreich und Deutschland in der Vergangenheit stark auf Gaskraftwerke als grundlastfähiges Backup. Doch spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine offenbart der Backup-Plan seine größte Schwäche: die Abhängigkeit von dem einen oder anderen Despoten an den Gashähnen weltweit.

Ein Fahrradweg mit Beeten unter einer U-Bahntrasse im Sonnenschein. Illustration zu einem Beitrag über die Naivität der Energiewende.
Unter der Ubahnlinie 1 in Berlin: Parkplätze wurden hier testweise aufgelöst und bepflanzt, um den Radweg sicherer zu machen. © Getty Images

Hinzu kommt, dass die Wirtschaftsgroßmacht Deutschland gar nicht genügend Gaskraftwerke besitzt, um die beschlossene Abschaltung der Kern- und Kohlekraftwerke auszugleichen, und so im Ernstfall den gesamt europäischen Strommarkt belastet. Im Jahr 2017 hingen noch rund 90 Gigawatt grundlastfähige Kraftwerksleistung am Netz. Inzwischen hat sich durch den sukzessiven Atomausstieg diese Kapazität auf 70 Gigawatt reduziert. Bereits jetzt kann Deutschland in Spitzenzeiten keine Grundversorgung mit Energie mehr garantieren. 

Dunkelflaute

Um auch in der Zukunft die Versorgungssicherheit und die Stabilität des Netzes zu garantieren, müssten wir also eine Möglichkeit finden, den aus regenerativen Quellen erzeugten Strom in großen Mengen zu speichern. Dann könnten wir die Produktion an wind- und sonnenreichen Tagen so lange „aufbewahren“, bis wir sie brauchen.

Doch diese Speicher gibt es leider noch nicht. Die bisher einzige Form, Strom in wirklich großen Mengen zu speichern, stellen Pumpspeicherkraftwerke dar. Das sind natürliche oder künstlich errichtete Speicherbecken, in die man mithilfe von Energie riesige Wassermengen nach oben pumpt. Wenn später dann elektrischer Strom benötigt wird, lässt man das Wasser wieder nach unten fließen und wandelt dadurch die potenzielle Energie darin mittels Turbinen und Generatoren wieder in elektrische Energie um. 

Die entscheidenden Fragen der Energiewende also sind: Wie viele Pumpspeicherkraftwerke haben wir? Wie viel Strom kann damit gespeichert werden? Und wie lang kann diese gespeicherte Strommenge eine sogenannte Dunkelflaute überbrücken – also einen Zeitraum, in dem weder Wind weht noch die Sonne scheint?

Speicher

Schauen wir uns dazu die nüchternen Zahlen für Deutschland an: Im Jahr 2020 lag der Jahresstromverbrauch bei 540 Terawattstunden. Das Land verfügt über 36 Pumpspeicherkraftwerke, die zusammen gerade mal 0,04 Terawattstunden speichern können. Mehr ist aufgrund der geografischen Lage des Landes kaum möglich. Das heißt: Kommt der Strom ausschließlich aus Wind- und Sonnenenergie, so würde bereits eine Dunkelflaute von vierzig Minuten ausreichen, um sämtliche Pumpspeicherkraftwerke leerlaufen zu lassen. Danach würde Deutschland auf unbestimmte Zeit stillstehen.

Foto von vier großen runden Klärbecken von oben.
Die Stadtwerke Halle in Deutschland wollen die Kläranlage zur Energiegewinnung nutzen: Hier soll Biogas erzeugt werden und Strom aus Photovoltaik, indem die Klärbecken mit Solarmodulen überdacht werden. © Getty Images

Der fehlende Energiespeicher ist der große Elefant im Raum der Energiewende – ein Problem, das eigentlich unübersehbar ist, das aber keiner offen aussprechen möchte. Doch die Wahrheit ist schmerzhaft – aber simpel: Wenn man Kernkraftwerke abschaltet, muss man im Gegenzug an dunklen, windarmen Tagen Kohlekraftwerke unter Volllast weiterlaufen lassen. Wenn man beides nicht will, braucht man Gaskraftwerke, die wir in dem Umfang nicht haben und die in Kürze auch nicht gebaut werden können. Von der aktuellen Gasknappheit aufgrund des Ukraine-Kriegs gar nicht zu sprechen.

Naivität

In unserem Drang, die Welt retten zu wollen, haben wir fundamentale ökonomische und physikalische Grundprinzipien ersetzt durch Wunschdenken und Bauchgefühl. Putins Invasion hätte uns eigentlich wachrütteln müssen und als Appell dienen sollen, hin zu mehr Pragmatismus und weg von zu viel Naivität. Doch danach sieht es leider nicht aus. Allen Fakten zum Trotz berauschen wir uns auch weiterhin an der Vorstellung von kostenloser, grüner und unendlich vorhandener Energie. Doch mit den Gesetzen der Physik kann man nun mal nicht verhandeln. 

Foto eines Kraftwerks an einem Fluss, der nur noch wenig Wasser führt.
Eine Wärmekraftwerk bei Duisburg am Rhein im Sommer 2022. Die extrem niedrigen Wasserstände aufgrund der Dürre waren ein Problem für die Kühlung der Anlagen. © Getty Images

Alles in allem erinnert die deutsche Energiewende an die Weissagungen der indigenen Cree: „Erst wenn das letzte Kohlekraftwerk verhindert, das letzte AKW abgeschaltet und die letzte Solarsubvention verpufft ist, werdet ihr sehen, dass man ohne Energie nicht warm duschen kann …“