Europas ökonomische Malaise – geliefert wie bestellt
Europas ökonomische Malaise ist vom Souverän herbeigewählt worden. Das ist zwar irgendwie blöd, aber auch eine Chance.

Man muss nicht von übermäßiger Mieselsucht befallen sein, um festzustellen, dass Europa in wirtschaftlicher Hinsicht schon mal deutlich bessere Zeiten gesehen hat. Weshalb etwa der ärmste US-Bundesstaat Louisiana bereits deutlich wohlhabender ist als der EU-Durchschnitt, was Europäer nicht so gerne hören.
Während Donald Trump sein digital extrem innovatives Land am Beginn eines „Goldenen Zeitalters“ wähnt, herrschen in Europa eher bleierne Zeiten. Ganz besonders in Deutschland und Österreich, wo der Wohlstand mittlerweile unter jenem des Jahres 2019 liegt.
Wenn sich der Wähler verwählt
Das Bemerkenswerte an diesem unerquicklichen Zustand ist, dass er nicht von einer unabwendbaren Katastrophe, einem Unglück oder irgendwelchen übel gelaunten höheren Mächten verursacht worden, sondern völlig selbst gemacht ist. Oder genauer gesagt: Folge einer ganzen Reihe schwerer Fehlentscheidungen, die Europas Demokratien getroffen haben – wir haben uns sozusagen treffsicher selbst ins Knie geschossen.
Das reicht von der kollektiven Wahnvorstellung, Europa müsse um jeden Preis, und sei es der eigene industrielle Untergang, das Weltklima retten, bis hin zur suizidalen Vorstellung, Menschen aus völlig anderen und mit unseren Werten gänzlich inkompatiblen Kulturen in unsere Sozialsysteme einwandern zu lassen. Wir sind einfach allzu oft falsch abgebogen.
All diese – und zahllose andere, bis zum Erbrechen oft beschriebene – Fehler sind Europa nicht oktroyiert worden, wurden nicht von einem skrupellosen Diktator verhängt oder von einem schlichten Irrtum verursacht. Sie spiegeln vielmehr wider, wofür man in Europa demokratische Mehrheiten organisieren kann und wofür nicht. Dass etwa Angela Merkel, die viele dieser Fehler geradezu ideal personifiziert, ungestört sechzehn desaströse Jahre lang Bundeskanzlerin bleiben konnte, zeigt, worin das Problem liegt. Europas Malaise: geliefert wie bestellt.
Der unerquickliche Zustand Europas ist zur Gänze selbst gemacht. Wir sind einfach allzu oft falsch abgebogen.
Leider trifft diese selbst gewählte Malaise gegenwärtig auf eine gewaltige globale Disruption, deren Folgen und Konsequenzen noch völlig unabsehbar sind: der Zusammenbruch der alten, regelbasierten Ordnung der Welt, das Ende des freien Handels in seiner bisherigen Form, das Heraufdämmern des KI-Zeitalters und die bekannten demografischen Umwälzungen. Was wir gerade erleben, ist maximale Unsicherheit und minimale Überschaubarkeit.
Zu behaupten, Europa sei dafür auch nur annähernd gerüstet, wäre Größenwahn in fortgeschrittenem Stadium.
Die Verantwortung des Souveräns
Die gute Nachricht: Selbst gemachte Fehler kann man meist revidieren, falsche Weichenstellungen in die richtige Richtung korrigieren und aus dem Unsinn von gestern lernen. Das lässt sich freilich nicht, wie viele meinen, an die Politik delegieren, sondern ist letztlich Aufgabe des europäischen Souveräns – des Wählers. Erst wenn dieser in substanziellem Ausmaß erkennt, was bisher warum falsch gelaufen ist und daher korrigiert werden muss, kann Europa wieder auf die Beine kommen.
Man kann das natürlich mit einigem abgebrühtem Zynismus als gefährliche Drohung verstehen. Und doch ist es eine Chance – letztlich die einzige, die wir haben.
