Europas Sicherheit: Trump ist nicht das Problem
Der geplante Abzug von US-Truppen aus Europa ist kein Akt der Willkür, sondern ein Symptom einer strategischen Neuordnung, die auf dem Kontinent jahrzehntelang ignoriert wurde. Es ist Zeit, den Blick auf die eigentliche Ursache des Problems zu richten, und diese liegt nicht in Washington.

Auf den Punkt gebracht
- Trend. Der geplante US‑Truppenabzug ist keine spontane Laune Trumps, sondern Teil einer seit Jahren laufenden strategischen Verschiebung der USA.
- Illusion. Europa hat sich lange der Illusion hingegeben, die USA würden dauerhaft als Sicherheitsgarant bleiben, obwohl sich deren Fokus schon unter Obama verschob.
- Ungleichgewicht. Die USA haben die Ukraine militärisch deutlich stärker unterstützt als Europa, dessen Beiträge insgesamt unzureichend waren.
- Verantwortung. Europas sicherheitspolitische Schwäche ist größtenteils selbstverschuldet – und erfordert mehr Eigenverantwortung.
Die Nachricht, dass die Trump-Administration plant, Truppen aus Europa abzuziehen und erwägt, Luftabwehrsysteme aus der Ukraine in den Nahen Osten zu verlegen, hat in den europäischen Hauptstädten für erwartbare Empörung gesorgt. Es ist eine Nachricht, die schmerzt und die dennoch niemanden überraschen sollte, der die sicherheitspolitische Tektonik der vergangenen zwei Jahrzehnte verfolgt hat. Denn was sich hier vollzieht, ist keine kapriziöse Laune einer unberechenbaren Supermacht, sondern die konsequente Fortschreibung einer Entwicklung, die weit vor Donald Trump begann.
Trump als Illusion
Es gehört zu den hartnäckigsten Selbsttäuschungen des politischen Europas, die strategische Neuausrichtung der Vereinigten Staaten als Anomalie einer einzelnen Präsidentschaft zu deuten. Bereits unter Barack Obama vollzog sich nämlich mit dem „Pivot to Asia“ eine grundlegende Verschiebung des strategischen Fokus der USA.
Unter Trump wurde zwar der Ton ruppiger, die Substanz blieb indes dieselbe.
Unter Trump wurde zwar der Ton ruppiger, die Substanz blieb indes dieselbe. Joe Bidens Intermezzo des multilateralen Wohlklangs täuschte viele in Europa darüber hinweg, dass auch seine Administration den indopazifischen Raum als primäres Gravitationszentrum US-amerikanischer Sicherheitspolitik betrachtete.
Die Vereinigten Staaten werden ihre begrenzten militärischen Ressourcen dort einsetzen, wo sie ihre nationalen Interessen am unmittelbarsten berührt sehen. Dies als verwerfliche Volatilität abzutun, ist analytisch falsch, obgleich emotional durchaus nachvollziehbar.
Leistung der USA
Man darf bei aller berechtigten Sorge um die ukrainische Luftverteidigung eines nicht vergessen: Die Vereinigten Staaten haben seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 Mittel im Umfang von rund 190 Milliarden US-Dollar im Zusammenhang mit der Ukraine verfügbar gemacht. Die Dimension des US-Engagements ist eindrucksvoll und stellt die Beiträge der meisten europäischen Staaten in den Schatten, eine Tatsache, die in der europäischen Empörungsrhetorik allzu gerne unter den Tisch fällt.
Diesen Zahlen stehen europäische Beiträge gegenüber, die – bei aller Anerkennung einzelner bemerkenswerter Anstrengungen, etwa jener der baltischen Staaten, Polens oder der skandinavischen Länder – in ihrer Gesamtheit ein ernüchterndes Bild zeichnen. Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, verkündete eine Zeitenwende, deren Worte bis heute mehr Gewicht haben als ihre Taten.
Das Sondervermögen der Bundeswehr, jene vielgerühmten hundert Milliarden Euro, erweist sich bei näherer Betrachtung als buchhalterisches Manöver zur Deckung jahrzehntelang aufgestauter Versäumnisse und nicht als genuin strategische Investition in Europas Verteidigungsfähigkeit. Frankreich, die andere sicherheitspolitische Säule des Kontinents, oszilliert unterdessen zwischen grandioser Rhetorik und einer Praxis, die den eigenen Ambitionen chronisch hinterherhinkt.
Europas Krieg, Europas Verantwortung
Der Krieg in der Ukraine ist Europas Elend und Europas Verantwortung. Angestachelt wurde dieser Krieg nicht von den Vereinigten Staaten. Vielmehr haben die sicherheitspolitische Blindheit, die strategische Bequemlichkeit und die intellektuelle Selbstberuhigung europäischer Eliten Moskaus Aggression erst möglich gemacht.
Man erinnere sich: Es war Deutschland, das trotz aller Warnungen – nicht zuletzt aus Washington, aus Warschau und aus Kyjiw selbst – mit Nord Stream 2 die energiepolitische Abhängigkeit von Russland auf die Spitze trieb und damit eine geoökonomische Waffe schmiedete, die Moskau bereitwillig gegen Europa in Stellung brachte. Es war Frankreich, das gemeinsam mit Deutschland im Minsker Prozess eine diplomatische Choreographie inszenierte, die der Ukraine Zeit stehlen und Russland Raum geben sollte.
Es war das politische Europa, das mit einer Mischung aus Sanktionstheater und strategischer Verdrängung reagierte.
Es war das politische Europa in seiner Gesamtheit, das nach der Annexion der Krim 2014 und dem Beginn des Krieges im Donbas mit einer Mischung aus Sanktionstheater und strategischer Verdrängung reagierte, gerade genug, um das eigene Gewissen zu beruhigen, doch viel zu wenig, um den Kreml von der nächsten Eskalationsstufe abzuhalten.
Wurde Russland provoziert?
Die Behauptung, die NATO-Erweiterung habe Russland ausschlaggebend zum Angriff auf die Ukraine „provoziert“, ist dabei nicht mehr als die intellektuell verfeinerte Variante jener russischen Propaganda, die souveränen Nationen das Recht abspricht, über ihre eigenen Bündniszugehörigkeiten zu entscheiden. Wer so argumentiert, verwechselt Ursache und Wirkung, denn es war nicht die Erweiterung der NATO, die Moskaus imperiale Ambitionen weckte, sondern es waren Moskaus imperiale Ambitionen, die die NATO-Erweiterung zu einer existenziellen Notwendigkeit für jene Staaten machten, die aus leidvoller historischer Erfahrung wussten, was russische „Einflusssphären“ für die dort lebenden Menschen bedeuten.
Die Schuldfrage
Die reflexhafte Beschuldigung Washingtons offenbart das eigentliche Problem des politischen Europas in seiner ganzen Tiefe: Für Europas Glück und Sicherheit sollen stets die anderen verantwortlich sein, und Verantwortung der USA für Europa soll dabei immer die größte bleiben.
Nun wird man einwenden, die Vereinigten Staaten hätten die europäische Sicherheitsabhängigkeit über Jahrzehnte nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert, weil ein abhängiges Europa ein gefügiges Europa war. Dieser Einwand ist nicht falsch. Washington hat die europäische Unmündigkeit zweifellos begünstigt, wo sie seinen Interessen diente. Wer ein Monopol auf die Sicherheit eines Kontinents hält, gibt es nicht leichtfertig aus der Hand. Ebenso zutreffend ist, dass US-amerikanische Exportkontrollen und Buy-American-Klauseln, den Aufbau einer eigenständigen europäischen Rüstungsindustrie behindert haben.
Wer ein Monopol auf die Sicherheit eines Kontinents hält, gibt es nicht leichtfertig aus der Hand.
Doch so berechtigt diese Einwände im Einzelnen sein mögen, sie ändern nichts an der grundlegenden Verantwortungsfrage. Denn niemand hat Europa gezwungen, sich in diese Abhängigkeit zu fügen. Niemand hat den europäischen Regierungen verboten, in ihre Verteidigung zu investieren, eigene industrielle Kapazitäten aufzubauen oder strategische Souveränität zur politischen Priorität zu erheben. Es war bequemer und nicht zuletzt billiger, es nicht zu tun.
Dabei hat sich eine politische Kultur verfestigt, die Sicherheitspolitik für anachronistisch hält, Verteidigungsausgaben als Verschwendung betrachtet und strategisches Denken als Relikt einer überwundenen Epoche abtut. Eine Kultur, in der wirtschaftliche Verflechtung als hinreichend für den Erhalt des Friedens verklärt wurde.
Sicherheit ist eine Eigenleistung
Das Problem ist demnach nicht eine angebliche US-amerikanische Respektlosigkeit gegenüber europäischen Empfindlichkeiten. Das Problem ist die selbstverschuldete Unmündigkeit Europas. Sicherheit ist eine strategische Eigenleistung. Sie war nie zum Nulltarif zu haben, ist es nicht und wird es auch niemals sein.
Kann sich Europa selbst verteidigen?
Der US-amerikanische Schutzschirm über Europa war stets ein Produkt spezifischer historischer Umstände. Diese Umstände haben sich grundlegend gewandelt. China ist als systemischer Rivale aufgestiegen, der Nahe Osten bindet US-amerikanische Ressourcen in einem Ausmaß, das nach dem 7. Oktober 2023 noch einmal dramatisch zugenommen hat, und der indopazifische Raum ist zum entscheidenden geopolitischen Schauplatz des 21. Jahrhunderts geworden. Flugabwehrsysteme sind keine unendlich verfügbaren Güter. Ihre Verlegung von einem Schauplatz zum anderen ist eine Nullsummenentscheidung, und dabei wird Washington zunehmend zu Ergebnissen gelangen, die Europa nicht gefallen.
Schmerzhafter Weg
Wer die Lage ehrlich betrachtet, kommt um eine ernüchternde Prognose nicht herum: Der Weg aus dieser selbstverschuldeten Misere wird unerquicklich, teuer und schmerzhaft sein. Und er verlangt weit mehr als die ritualisierten Bekenntnisse zum Zwei-Prozent-Ziel der NATO, die in europäischen Hauptstädten über zwei Jahrzehnte rezitiert wurden und die nun, da das Ziel endlich erfüllt wurde, bereits als unzureichend gelten.
Sky Shield und Neutralität
Konkret wird Europa eine integrierte Luftverteidigung aufbauen müssen, die den Kontinent nicht von US-amerikanischen Patriot-Lieferungen abhängig macht, ein Vorhaben, dessen Dringlichkeit die gegenwärtige Nachricht in aller Schärfe unterstreicht. Das Flugabwehrsystem IRIS-T und das europäische Projekt „European Sky Shield Initiative“ sind erste Ansätze, deren industrielle Umsetzung jedoch weit hinter dem strategischen Bedarf zurückbleibt.
Europa wird die Munitionsproduktion massiv hochfahren, gemeinsame Beschaffungsmechanismen entwickeln und die Fragmentierung seiner Rüstungsindustrie als das benennen müssen, was sie ist – ein strategischer Skandal.
Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern die Bereitschaft, den Preis zu zahlen, den strategische Autonomie verlangt.
Die Frage ist nicht, ob Europa sich dieser Aufgabe stellen muss, sondern ob es den politischen Willen aufbringt, dies auch tatsächlich zu tun. Europa verfügt über eine kombinierte Wirtschaftsleistung, die jene Russlands um ein Vielfaches übersteigt. Es verfügt über technologische Kapazitäten, über eine hochqualifizierte Bevölkerung und über institutionelle Strukturen, die – bei allen berechtigten Klagen über bürokratische Schwerfälligkeit – ein koordiniertes Handeln grundsätzlich ermöglichen würden.
Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern die Bereitschaft, den Preis zu zahlen, den strategische Autonomie verlangt, einen Preis, der sich nicht nur in Milliarden Euro bemisst, sondern in politischem Kapital, in gesellschaftlichen Prioritätensetzungen und in der Bereitschaft, liebgewordene Illusionen aufzugeben.
Blinde Blindenführer
Das Warten auf eine gesamteuropäische „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede dürfte sich indes als vergeblich erweisen. Es fehlt dem Kontinent an einer Führungsfigur, die den Mut und die Autorität besäße, den Europäern die volle Wahrheit ihrer Lage zuzumuten.
Die europäische Sicherheitsarchitektur gleicht in ihrem gegenwärtigen Zustand einem Gebäude, dessen Bewohner entdecken, dass das Fundament morsch ist und die daraufhin nicht etwa den Keller sanieren, sondern die Wände neu streichen und darüber diskutieren, wer für den Schimmelbefall verantwortlich sei.
Dabei versteht es sich von selbst, dass der Hauptverdächtige stets jenseits des Atlantiks zu suchen ist. Die Neuordnung der US-amerikanischen sicherheitspolitischen Prioritäten ist kein vorübergehendes Phänomen, die mit dem nächsten Präsidentenwechsel behoben sein wird. Sie ist eine strukturelle Verschiebung, die Europa zwingt, erwachsen zu werden oder die Konsequenzen seiner fortgesetzten Unmündigkeit zu tragen.
Conclusio
Abzug: Die angekündigten US‑Reduktionen in Europa sind Teil einer langfristigen strategischen Verschiebung hin zum Indopazifik; gleichzeitig haben die USA den Großteil der militärischen Unterstützung für die Ukraine getragen, während Europa sicherheitspolitisch unterinvestiert blieb.
Folgen. Europa verliert schrittweise den verlässlichen amerikanischen Schutzschirm und wird mit den Konsequenzen eigener strategischer Versäumnisse konfrontiert – steigende Eigenverantwortung, höhere Kosten und größerer politischer Druck sind die absehbare Realität.
Chance. Europas Politik kann diese Zäsur nutzen, um endlich echte strategische Autonomie aufzubauen – durch stärkere Verteidigungsinvestitionen, gemeinsame Rüstungsprojekte und klare Prioritäten; im besten Fall entsteht daraus ein sicherheitspolitisch handlungsfähiges Europa.



