Experten-Forum: Kinder in der TikTok-Falle

Wissen Sie eigentlich, was Ihr Kind auf TikTok macht? Wie man Kinder vor den Gefahren der sozialen Medien schützen kann, diskutierten hochkarätige Gäste beim Experten-Forum am Montag auf Einladung von Der Pragmaticus im Palais Wertheim.

Ein Selfie vom Pragmaticus-Expertenforum: Andreas Schnauder, Bob Blume, Christoph Wiederkehr, Andrea Buhl-Aigner und Jürgen Moosleitner
Ein Selfie vom Pragmaticus-Expertenforum: Chefredakteur Andreas Schnauder, Netzlehrer Bob Blume, Bildungsminister Christoph Wiederkehr, Smartphonecoach Andrea Buhl-Aigner und Pragmaticus-Geschäftsführer Jürgen Moosleithner © Matthias Nemmert

Social Media und insbesondere TikTok werden zunehmend zu einem Problem: Manche Jugendliche hängen bis zu 14 Stunden am Tag am Schirm, die Plattformen verbreiten Fake News und problematische Einstellungen, bei so genannten Challenges sterben immer wieder Jugendliche. Unter dem Titel „Kinder in der TikTok-Falle“ diskutierten deshalb Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos), der Lehrer und Influencer Bob Blume und die als Smartphone-Coach tätige Andrea Buhl-Aigner mit „Der Pragmaticus“-Chefredakteur Andreas Schnauder am Montag, den 1. Dezember im Palais Wertheim über den richtigen Umgang mit sozialen Medien. 

Wenn wir also von TikTok sprechen, das stellte Andreas Schnauder gleich zu Beginn klar, sprechen wir längst nicht mehr von lustigen Tanzvideos, sondern von Radikalisierung, krankhafter Selbstoptimierung, Verschwörungstheorien und Deep Fakes, wie auch an einem Einspieler illustriert wurde, dessen Videos von der Faktchecker-Plattform Mimikama zu Verfügung gestellt wurden.

100 Millionen in neun Monaten

TikTok, da waren sich alle Diskutanten einig, ist ein riesiges Problem auf vielerlei Ebenen. Zwar wurden neue Technologien – ob Radio, TV oder Internet – bei ihrem Aufkommen immer kritisch beäugt, aber neue Medien und insbesondere TikTok haben eine neue Qualität. Insbesondere, sagt Smartphone-Coach Andrea Buhl-Aigner, weil sich die Technologie so rasend schnell verbreitet. Es habe nur wenige Monate gebraucht, bis hunderte Millionen Menschen TikTok nutzten. „Überlegen wir einmal kurz, wie lange das beim Radio gedauert hat.“ Ihr Argument: Wir hatten nicht die Zeit zu reflektieren, was TikTok mit uns und unseren Kindern macht, wir hatten keine Zeit, Regulative zu entwickeln oder überhaupt zu verstehen, was da passiert.

Das Podium des Experten-Forums
Das Podium des Experten-Forums © Matthias Nemmert

Dazu kommt, dass bei den großen Tech-Konzernen, sagte der als Netzlehrer bekannte Bob Blume, „die klügsten Köpfe unserer Zeit nur an einem Ziel arbeiten: Den User am Bildschirm zu halten“. Die Algorithmen von insbesondere TikTok und Snapchat, erzählt Buhl-Aigner, „haben sehr starke Mechanismen entwickelt, die ganz tief in uns Menschen verankerte Dinge ansprechen, etwa die Endlos-Feeds: Wir möchten nicht aufhören, weil wir sehen, dass es da noch etwas gibt. Und dieses Gesamtpaket wird dann auf ein junges Gehirn angewendet.“

Wiederkehr: „Die Schüler sind schwer süchtig“

Bildungsminister Christoph Wiederkehr berichtet von einem Schulbesuch, bei dem die Schülerinnen und Schüler an einem Montagmorgen ihre Bildschirmzeiten vom Wochenende verglichen. „Das waren durchschnittlich 17 Stunden“, berichtet er und stellt fest: Wir haben ein Suchtproblem an Österreichs Schulen. „Die Schülerinnen und Schüler sind schwer süchtig“, sagt er. Das einzig Positive: „Das ist ihnen auch bewusst. Wir wissen aus Umfragen, dass vor Corona die größte Sorge der Schüler für ihre psychische Gesundheit Leistungsdruck war. Jetzt ist es Handynutzung.“

Christoph Wiederkehr
Christoph Wiederkehr © Matthias Nemmert

Das im Mai eingeführte Handyverbot an Schulen zeige bereits jetzt positive Ergebnisse. „Als ich vor dem Handyverbot an einer Schule war, war es in der Pause ganz leise. Das war in meiner Schulzeit nicht so, deshalb habe ich eine Lehrkraft gefragt, warum das so ist. Sie hat gesagt: Weil alle am Handy sind. Das ist für mich das Wichtigste am Handyverbot: Das soziale Miteinander, dass man in den Pausen wieder miteinander spricht.“ Er sei als freiheitsliebender, liberaler Mensch gegen zu viele Verbote, aber: „Das ist eine Sucht wie Zigaretten und Alkohol, wo es gesellschaftliche Normen braucht.“

Bob Blumes kleiner Shitstorm, Wiederkehr und das Messer

Brauche es dann nicht mehr als nur Verbote, will Andreas Schnauder wissen; müssten also digitale Kompetenzen wie der richtige Umgang mit TikTok nicht in der Schule gelehrt werden? Bob Blume lässt das sowieso in seinen Unterricht einfließen, machte mit seinen Schülern etwa ein Experiment, bei dem sie in verschiedenen Rollen – „zum Beispiel Manfred, 53, Kleingärtner, der gerne Schlager hört“, erklärt Blume – TikTok nutzten, um zu lernen, wie schnell der Algorithmus auf die eigenen Interessen anspringt.

Andrea Buhl-Aigner
Andrea Buhl-Aigner © Matthias Nemmert

Lehrer dürften diese neuen Technologien nicht einfach ignorieren: „Ich habe einen kleinen Shitstorm geerntet, weil ich gefordert habe, dass alle Lehrkräfte zwei Wochen TikTok nutzen sollten, damit wir selbst in eine Situation kommen, in der wir denken: 'Oh, das ist aber spannend'.“ Denn dort finde jeder, was ihn interessiere. „Das können auch Schwarz-Weiss-Videos von Michel Foucault sein.“

Derzeit, sagt Blume, herrsche noch eine Überforderung bei der Frage, wie diese digitalen Kompetenzen in der Schule zu vermitteln seien. „Oft wird gesagt, das sei eine interdisziplinäre Aufgabe für alle Fächer, was auch stimmt, aber das bedeutet eben auch, dass in manchen Klassen Excel gelehrt wird und in anderen eben TikTok-Experimente gemacht werden“, sagt Blume.

In Österreich gebe es das Fach „Digitale Grundbildung“ zwischen zehn und 14 Jahren, sagt Christoph Wiederkehr und vergleicht das Internet mit einem Messer: „Du musst lernen, damit sinnvoll umzugehen. Dann kannst du gute Gerichte kochen. Aber du kannst auch was Schlechtes mit einem Messer anstellen.“

Online ist gefährlicher als offline

Und noch etwas anderes sei wichtig, wenn man von der Vermittlung neuer Lehrinhalte spreche: Dass dann auch altes Wegfallen müsse. „Wir müssen uns auch trauen, Althergebrachtes zu reduzieren, etwa das Faktenwissen zu reduzieren“, sagt Wiederkehr. „Da wünsche ich Ihnen viel Glück“, wirft Blume ein: „De-Implementierung, der Prozess des Wegbekommens, ist etwas ganz Schwieriges, weil es immer jemanden gibt, der daran hängt.“

Bob Blume
Bob Blume © Matthias Nemmert

Überraschend wurde es bei der Frage nach einem generellen Social-Media-Verbot für Jugendliche, wie es gerade in Australien für Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt wird. Denn, sagt der Bildungsminister:
„Wir haben ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige, es wird nur nicht angewendet.“

Unter 14 Jahren seien Jugendliche nur bedingt geschäftsfähig, es sei ihnen eigentlich nicht erlaubt, Accounts bei Social-Media-Kanälen anzulegen. Aber selbst wenn es durchgesetzt würde, gäbe es immer noch ein Problem: „Ich beschäftige mich intensiv mit internationalen Konflikten und bekomme Dinge reingespielt, die mich schlecht schlafen lassen. Und 12-Jährige können dieselben Inhalte sehen. Das macht mir große Sorgen.“ Er glaube, dass „die Gefahren für die Jugend derzeit online größer sind als offline. Die wenigsten Eltern würden ihr 11-jähriges Kind um drei in der Nacht alleine auf die Straße lassen. Aber viele 11-Jährige sitzen um drei in der Nacht am Handy.“

Europa, sagt Wiederkehr „müsse hier gemeinsam auftreten“, damit Kinder und Jugendliche solche Inhalte nicht mehr zu sehen bekommen. Genau das, sagt Bob Blume, sei die große Frage: „Wie kriegen wir die Plattformen dahin, wieder Verantwortung zu übernehmen für ihre Inhalte? Stattdessen muss jedes Land einzeln darüber nachdenken, wie es die Mental-Health-Krise ihrer Kinder in den Griff bekommt.“

Eine Umfrage unter den Gästen

Andreas Schnauder wollte an diesem Punkt vom Publikum wissen, wie es zu umgesetzten und vorgeschlagenen Maßnahmen steht:

Andreas Schnauder
Andreas Schnauder © Matthias Nemmert
  • Halten Sie ein Handyverbot an Schulen für eine gute oder eine schlechte Idee?

Knapp neunzig Prozent des Publikums stehen hinter dieser Maßnahme.

  • Wer trägt Ihrer Meinung nach in erster Linie die Verantwortung für den Social-Media-Konsum von Jugendlichen?

70 Prozent sehen die Verantwortung bei den Eltern, nicht bei der Schule oder dem Staat.

  • Sind Sie für ein gesetzliches Verbot der Social-Media-Nutzung für Jugendliche unter 15 Jahren?

Ein bisschen weniger Einigkeit gab es bei dieser Frage: 60 Prozent des Publikums befürworten ein generelles Social-Media-Verbot für Jugendliche.

Ein digitaler Autismus

Wie sehen die Diskutanten die Rolle der Eltern? Geht sie ein bisschen unter, wie Andreas Schnauder das Gefühl hat? Das sehe sie auch so, sagt Andrea Buhl. „Aber das ist schon ein großes Thema, das Vorleben von Medienkonsum. Bei Beratungen zu eskalierten Medienkrisen zu Hause stellt sich häufig heraus, dass zumindest einer der Elternteile auch eine problematische Nutzung hat.“ Erschreckend der Befund des Bildungsministers: „Bei der Einschulung 6-jähriger Kinder geht die Anzahl der Kinder mit ADHS und Autismus durch die Decke und da ist ein deutlicher Faktor – das ist mittlerweile auch wissenschaftlich erforscht – ein digitaler geformter Autismus.“

Der Umgang mit dem Smartphone vom Kleinkindalter an kann also psychische Erkrankungen auslösen. Und das heißt natürlich auch: Wenn die Kinder in die Schule gehen, ist es längst zu spät.

Fragen aus dem Publikum

Der Soziologe Kenan Güngör brachte die Diskussion zurück auf die Rolle Europas, allerdings mit einem anderen Fokus: „Wir sind in Europa nicht mehr in der Lage, solche Produkte selbst zu entwickeln. Wir versuchen mit den Folgen umzugehen und zu verwalten. Warum sind wir nicht in der Lage, solche Produkte selbst zu entwickeln?“ Das sei eine sehr schwierige Frage, entgegnet Wiederkehr, denn: „Ich möchte, dass wir in Europa ethische Grundwerte haben. Und da kommen wir in einen Konflikt, weil jene Produkte erfolgreicher sind, die keine ethischen Grundwerte haben.“

Das Publikum des Experten-Forums

Der Unternehmensberater Thomas Goiser, Betreiber des Podcasts „sicherheitsbewusst“ fragte sich, wieso Europa es zulässt, dass seine Souveränität durch Algorithmen von Social-Media-Plattformen verletzt wird. „China weiß potenziell in Echtzeit, wie es unseren Kindern geht“, sagt er. „Wie lange wollen wir das noch akzeptieren?“ Das sei absurd, findet auch Christoph Wiederkehr: „Wir haben so viel Regulierung, aber wie das zustande kommt, was man am Bildschirm liest, weiß niemand. Ich finde, das ist nicht akzeptabel.“ Das sei ein Punkt, bei dem wir alle dazulernen müssen, sagt Andrea Buhl-Aigner: „Wo sind welche Inhalte unterwegs? Das ist ein gesamtgesellschaftliches Bildungsthema, bei dem wir aufholen müssen.“

Weitere Eindrücke vom Expertenforum TikTok

Christoph Wiederkehr
Christoph Wiederkehr © Matthias Nemmert
Almi Kadic von Mimikama in der Pragmaticus-Fotobox.
Almi Kadic von Mimikama in der Pragmaticus-Fotobox. © Matthias Nemmert
Martin Gleitsmann
Martin Gleitsmann © Matthias Nemmert
Impressionen vom Pragmaticus-Expertenforum
Unter dem Titel „Kinder in der TikTok-Falle“ diskutierten beim Experten-Forum Bildungsminister Christoph Wiederkehr, der Lehrer und Influencer Bob Blume und die als Smartphone-Coach tätige Andrea Buhl-Aigner mit „Der Pragmaticus“-Chefredakteur Andreas Schnauder.

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