Warum uns Geheimnisse belasten

Jeder Mensch hat durchschnittlich 13 Geheimnisse. Warum die meisten davon negativ sind, wieso es helfen kann, sie jemandem zu erzählen, und was wir von positiven Geheimnissen lernen können.

Symbolbild Geheimnisse: Eine offene Tür, die ins Unbekannte führt
Was lauert dahinter? Viele Menschen erzählen ihre tiefsten Geheimnisse nicht einmal engen Vertrauten. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Überraschung. Eine Wien-Reise wird zum Experiment über positive Geheimnisse.
  • Belastung. Negative Geheimnisse beeinträchtigen Gesundheit und Wohlbefinden.
  • Grübeln. Nicht das Verbergen, sondern das ständige Denken daran richtet Schaden an.
  • Entlastung. Offenheit gegenüber einer Vertrauensperson reduziert Scham und Stress.

„Ein Geheimnis erwartet dich in Wien.“ Ende 2023, als das Unijahr zu Ende ging und ich mich auf die Ferien vorbereitete, erhielt ich eine geheimnisvolle E-Mail. „Diese Nachricht kommt aus Wien, Österreich, der Stadt der Geheimnisse. Manche sagen, dass Wien die größte Anzahl von Spionen in Europa habe“, erklärten die mysteriösen Verfasser meiner E-Mail, deren Mailadressen zumindest verrieten, dass sie an der Universität Wien arbeiteten. „Aber darum geht es bei unserem Geheimnis nicht.“

In den letzten zehn Jahren haben mir mehr als 50.000 Menschen von ihren Geheimnissen erzählt. Bei meinen Untersuchungen habe ich festgestellt, dass Menschen im Durchschnitt 13 Geheimnisse haben – vor ihren Liebespartnern, ihren Freunden, ihrer Familie, ihren Kollegen. Aber hier waren zwei Fremde namens Gabriella und Irena, die sagten, sie hätten ein Geheimnis, das sie mir verraten wollten. Und alles, was ich tun musste, war, von New York nach Wien zu reisen, um zu erfahren, was es war. Ich sagte ja – sehr zur Überraschung der Verfasserinnen der E-Mail, die das Geheimnis erst nach meiner Zusage wirklich zu planen begannen.

Als ich in Wien ankam, um zu erfahren, was sie mir verraten wollten, erwartete mich eine mehrtägige Schnitzeljagd voller Überraschungen, die mit einer Kunstausstellung endete, bei der ich der Ehrengast war – und die den Start ihres Podcasts ankündigte, dessen erste Folge sich mit Geheimnissen beschäftigte. Das Ungewöhnliche an diesem Geheimnis war nicht nur, dass ich in einen Flieger über den Atlantik stieg, ohne zu wissen, was mich erwartete, sondern auch, dass es ein „positives Geheimnis“ war. Meine Gastgeberinnen hatten eine Reihe von lustigen Überraschungen in Österreich für mich geplant. Das ist das Besondere an positiven Geheimnissen: dass ihr ganzer Sinn darin besteht, irgendwann gelüftet zu werden.

Geheimnisse sind meist negativ

Aber bei den meisten unserer Geheimnisse machen wir uns Sorgen, dass die Leute weniger von uns halten würden, wenn die ganze Wahrheit herauskäme, dass wir die Gefühle von jemandem verletzen oder sogar eine Beziehung beschädigen könnten. Das prototypische Geheimnis ist ein negatives. Unsere positiven – zum Beispiel Geschenke, Überraschungen, Heiratsanträge – sind im Universum der Geheimnisse zwar zahlenmäßig selten, aber wir können daraus trotzdem einige Lehren ziehen.

Negative Geheimnisse, das wissen wir, schaden unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden. Warum das so ist, war lange unklar. Die ursprüngliche Theorie lautete, dass es mit der Schwierigkeit zu tun habe, etwas verbergen zu müssen. Aber es gab ein Problem mit dieser Theorie: In den Studien, die diese Schlussfolgerung stützten, wurden zwei Fremde in ein Labor gebracht und einer von ihnen wurde gebeten, ein Geheimnis vor dem anderen zu verbergen, während der andere gebeten wurde, Fragen zu stellen, die direkt mit dem Geheimnis zu tun hatten. Das Problem dabei: Die meisten Erfahrungen, die wir mit unseren Geheimnissen machen, sehen nicht so aus.

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Zahlen & Fakten

Eine offene Box vor schwarzem Hintergrund.

97 Prozent der von Slepian Befragten haben zumindest ein Geheimnis

13 Geheimnisse haben die Befragten durchschnittlich

5 davon haben sie niemandem erzählt

7 haben sie zumindest einer Person erzählt, wollen sie aber vor anderen geheimhalten

69 Prozent der Befragten zählen eine Lüge zu ihren Geheimnissen

61 Prozent romantisches Interesse und immerhin

58 Prozent haben ein Geheimnis finanzieller Natur

Erstens behalten Menschen ihre Geheimnisse oft viel lange für sich – laut unseren Untersuchungen im Schnitt fünf bis neun Jahre lang. Experimente, die ein Geheimnis im Labor erzeugen, können nur etwas untersuchen, das vor fünf Minuten entstanden ist. Zweitens fragen uns die Leute nicht oft nach unseren Geheimnissen. Wir neigen nicht dazu, andere zu fragen, ob sie jemals ihren Partner betrogen haben, etwas vor ihrer Familie verbergen oder kürzlich ihre Freunde belogen haben. Nur für einen psychologischen Versuch ein Geheimnis zu erschaffen, hat fast nichts mit den Gegebenheiten in der realen Welt zu tun.

Der Spuk in unseren Köpfen

Wie sieht also Geheimhaltung im richtigen Leben aus? Vor zehn Jahren habe ich versucht, das herauszufinden, indem ich 2.000 Menschen anonym nach ihren Geheimnissen befragt habe. Aus den Antworten ergaben sich 38 verschiedene Kategorien für das, was Menschen einander verschweigen. Die häufigsten Geheimnisse drehen sich um Lügen, romantisches Verlangen, Finanzen, Sexualverhalten, Vorkommnisse in der Familie, Ambitionen, Unzufriedenheit, Vertrauensmissbrauch und psychische Gesundheit. Menschen müssen sich nicht oft auf die Lippen beißen, um ihre Geheimnisse zu behalten. In einer Studie bat ich die Teilnehmer, erstens die Geheimnisse anzugeben, die sie hüteten, zweitens anzugeben, wie oft sie deren Inhalt im vergangenen Monat in Gesprächen zurückhalten mussten, und drittens, wie oft sie einfach nur daran dachten.

Durchschnittlich hielten die Befragten ihr Geheimnis zweimal in Gesprächen zurück, dachten aber viermal daran, also doppelt so oft. An ihr wichtigstes Geheimnis dachten sie im Durchschnitt sogar alle zwei Stunden. Fazit unserer Befragung: Geheimnisse spuken deutlich häufiger nur in unserem eigenen Kopf herum als in unseren Gesprächen.

Es stellte sich auch heraus, dass uns jene Geheimnisse am meisten schaden, an die wir außerhalb sozialer Interaktionen am häufigsten denken. Aber warum ist das so? Mit dieser Frage habe ich mich in den letzten zehn Jahren beschäftigt.

Ausweichen oder lügen

Das Schwierige am Hüten eines Geheimnisses besteht also nicht darin, dass wir etwas verstecken müssen. Sondern darin, dass wir allein damit leben müssen, ohne die Unterstützung anderer. Ein Geheimnis zu haben, bedeutet, auf Gespräche über das verschwiegene Thema vorbereitet zu sein. Wenn wir entschieden haben, etwas für uns zu behalten, dann bereiten wir uns auf den Fall vor, dass wir danach befragt werden. Wir weichen aus oder lügen; und das Gespräch geht danach einfach weiter. Deshalb ist das Verbergen des Geheimnisses oft der leichtere Teil.

Der schwierigere Teil ist das Drumherum. Wenn wir etwas für uns behalten, womit wir zu kämpfen haben, berauben wir uns selbst der Hilfe, die andere anbieten können. In mehreren Studien haben wir festgestellt, dass der bloße Gedanke an negative Geheimnisse in unserem Kopf schädlich ist, weil wir uns umso mehr schämen, je mehr wir darüber nachdenken.

Verzweiflung, Schuld, Scham

Was ist also die Lösung? Wir müssen unsere Geheimnisse nicht den Menschen offenbaren, vor denen wir sie verbergen – auch wenn das manchmal der richtige Weg ist. Aber das Offenbaren gegenüber einer dritten Partei kann einen großen Unterschied machen. Zunächst einmal ist es erleichternd, vor einer anderen Person laut auszusprechen, was man so lange verborgen hat.

Aber noch wichtiger ist das anschließende Gespräch: Wenn wir anderen Menschen, denen wir vertrauen, unsere Geheimnisse erzählen, können sie uns Empathie, Sympathie, Bestätigung und Mitgefühl entgegenbringen – kurz: emotionale Unterstützung. Sie können helfen, schwierige Gefühle zu bewältigen. Bleiben wir mit unseren Geheimnissen alleine, entwickeln wir keine gesunden Wege, sie zu verarbeiten; und dann grübeln wir über unsere Verzweiflung, unsere Schuldgefühle und unsere Scham. Eine andere Person kann dagegen Anleitung, Rat oder eine neue Sichtweise auf das Problem bieten.

Wenn Sie jemandem ein Geheimnis anvertrauen, hat das auch Vorteile für die Beziehung. Das Gegenüber wird Ihr Vertrauen als einen Akt der Intimität erkennen, das kann eine Beziehung stärken und vertiefen. Wählen Sie Ihre Vertrauensperson jedoch sorgfältig aus. Entscheiden Sie sich für jemanden, der diskret ist, der helfen kann und den das, was Sie ihm anvertrauen, nicht übermäßig belastet.

Die Kontrolle zurückerlangen

Wer sich einem Dritten offenbart, muss das Geheimnis vor anderen weiter bewahren. Dennoch wird es ihn ab diesem Zeitpunkt weniger belasten. Unsere Studien haben gezeigt, dass Menschen, die einer vertrauenswürdigen Person etwas anvertrauen, anschließend weniger darüber grübeln und sich insgesamt wohler fühlen.

Ganz anders verhält es sich mit positiven Geheimnissen. Unsere neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Menschen, die etwas aus ihrer Sicht Positives für sich behalten, energiegeladen und lebendig fühlen. Und das liegt nicht nur am erfreulichen Inhalt des Geheimnisses. Sie genießen auch das angenehme Gefühl, die Kontrolle zu haben und aus den richtigen Gründen erst einmal nichts zu verraten. Menschen mit einem positiven Geheimnis haben oft auch einen sehr klaren Plan, wie sie weiter damit umgehen wollen – einschließlich des Zeitpunkts, an dem sie es preisgeben werden. Das ist es, was positive Geheimnisse, wie die Überraschung, die Irena und Gabriella für mich in Wien geplant haben, so anregend macht.

Mit dem Gefühl, die Kontrolle über unser Leben zu haben, fühlen wir uns lebendig und bereit für alles, was auf uns zukommt. Positive Geheimnisse können dazu eine Menge beitragen.

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Conclusio

Belastung. Geheimnisse sind meist negativ und belasten uns vor allem dann, wenn wir sie mit uns selbst ausmachen. Offenheit gegenüber einer vertrauenswürdigen Person kann die gedankliche Last deutlich verringern.

 
Verarbeitung. Nicht das Verbergen, sondern das Alleinsein mit einem Geheimnis schadet. Je mehr wir über ein negatives Geheimnis nachdenken, desto mehr schämen wir uns. Wer darüber spricht, schafft emotionale Entlastung.

 
Kontrolle. Positive Geheimnisse wirken gegenteilig: Sie geben Kontrolle, Freude und Lebendigkeit. Wer sie bewusst plant und später teilt, stärkt Selbstwirksamkeit und Wohlbefinden – weil man aus den richtigen Gründen nichts verrät.

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