Die Gelbe Tonne der Verdrängung

Sie löst das Plastikproblem nicht, sie verschiebt es nur: die Gelbe Tonne. Eine kurze Historie des Recyclings in Deutschland und Europa.

Müllabfuhr: Zwei Müllmänner entleeren Mülltonnen (Gelbe Tonne) in den Müllwagen. Das Bid ist Teil eines Beitrags über die Gelbe Tonne und ihre Geschichte des Historikers Roman Köster. Die Gelbe Tonne steht für das Recycling generell. Das muss scheitern, weil die meisten Kunststoffe gar nicht recyclebar sind.
Weg damit: Das Plastikproblem ist durch die Gelbe Tonne nicht aus der Welt. © Getty Images
×

Auf den Punkt gebracht

  • Überall. Plastik ist seit den 1920er Jahren in alle Lebensbereiche vorgedrungen und hat weithin abbaubare Materialien ersetzt.
  • Anhäufung. Da sich Plastik vielfach nicht (mehr) recyceln lässt, bleibt wie im 19. Jahrhundert nur Deponierung oder Verbrennung.
  • Versprechen. Mit der Gelben Tonne und dem dualen System kam aber das Versprechen auf Recycling in die Welt, eingelöst wurde es nie.
  • Verdrängung. Dass sich das Problem stetig verschlimmert, ist durch Sammelsysteme den meisten Menschen wohl nicht bewusst.

Es gehört zu den Ironien der Plastikgeschichte, dass die ersten künstlich chemisch hergestellten Materialien als Wiederverwertung von Abfällen gedacht waren. So wies der Brite Alexander Parkes 1865, Erfinder des mutmaßlich ersten Kunststoffs Parkesine, darauf hin, dass sich seine Grundstoffe aus Wollresten, Lumpen und anderen Abfällen herstellen ließen. Auch die späteren frühen Kunststoffe waren immer wieder Resultat der Anstrengungen, anfallende Nebenprodukte zu verwerten.

Mehr zum Thema

Heute sieht die Lage vollkommen anders aus: Plastik wird hauptsächlich aus einem wertvollen Rohstoff hergestellt, nämlich Rohöl. Die Endprodukte hingegen stellen eine der wichtigsten Abfallfraktionen dar.

Über 70 Prozent der Abfallmengen, die in den Meeren schwimmen, bestehen aus Kunststoffen. Eine Plastikflasche im Meer braucht bis zu 1000 Jahre, bevor sie sich zersetzt. Schlimmer noch: Vorher zerbröselt das Plastik und kehrt häufig in Form von Mikroplastik in unserer Nahrungsmittelkette zurück.

Die Lösung der Plastikmüllfrage gehört heute zu den wichtigsten ökologischen Aufgaben überhaupt. Viele Aktivisten plädieren für die Verbannung von Plastik aus unserem Alltag. Bei dem im letzten Jahr gescheiterten UN-Abkommen zur Plastikmüllreduzierung gehörte etwa der Verzicht auf Einwegverpackungen zu den wichtigsten Forderungen.

Eine andere Lösung ist Recycling. Viele Menschen trennen Plastik, bringen PET-Flaschen zum Automaten. Allerdings werden heute in Deutschland die meisten Kunststoffabfälle thermisch verwertet, also zur Gewinnung von Wärme und Energie verbrannt. Genauso wenig umweltgerecht erscheint die Lösung, sie zur Erfüllung von Recyclingquoten nach Ostasien zu verschicken, wo ihre stoffliche Verwertung kaum garantiert werden kann.

Man kann hier den Kapitalismus als Schuldigen benennen, wo „billig“ offensichtlich immer vor einem besseren Umweltschutz geht. Tatsächlich ist die Antwort aber um einiges komplizierter: Wir sind in unserem täglichen Lebensvollzug überall auf Kunststoffe angewiesen. Die moderne Logistik, die sichtbar oder unsichtbar unseren Alltag bestimmt, ist ohne Plastik nicht möglich. Zugleich treten Kunststoffe in einer Vielfältigkeit und Komplexität auf, die ihrer Verwertung zu einer schwierigen Angelegenheit machen.

Wie Plastik in unser Leben kam ...

Kunststoffe sind in unserem Alltag überall zu finden: Von Verpackungen bis hin zu Kinderspielzeug, von Oberflächenbeschichtungen bis hin zur Ausstattung unseres Autos. Sie sind billig in der Herstellung, flexibel einsetzbar und besitzen Materialeigenschaften, die kaum ersetzt werden können. Entsprechend hat die Kunststoffproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg exponentiell zugenommen. Während 1950 global gerade einmal 1,7 Mio. Tonnen Plastik hergestellt wurden, sind es mittlerweile über 400 Millionen Tonnen jährlich. Nicht einmal ein Zehntel davon besteht aus recycelten oder biologisch abbaubaren Kunststoffen.

Erste Kunststoffe wurden bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert entwickelt, ihren Durchbruch erzielten sie aber in den 1920er Jahren mit der Polymerchemie, die insbesondere von US-amerikanischen und deutschen Chemiekonzernen vorangetrieben wurde.

Auf der Basis sogenannter Makromoleküle ließen sich Kunststoffe entwickeln, die zur Herstellung von Konsumgütern, Baustoffen und nicht zuletzt Verpackungen taugten. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg führte das zu einer regelrechten Plastikeuphorie: Kunststoffe galten als der demokratische Grundstoff schlechthin, leicht, flexibel, universal einsetzbar, egalitär.

Einer der wichtigsten Anwendungsbereiche waren Verpackungen. So wurden beispielsweise die schweren, leicht brechenden Glasflaschen seit den 1960er Jahren zunehmend durch leichte und strapazierbare Plastikflaschen ersetzt.

Ähnliches galt für die sich seit den 1950er Jahren durchsetzenden Tetra-Paks, mit Kunststoff überzogene Pappverpackungen, deren Erfolg die gleichnamige schwedische Firma zu einem Weltkonzern machte. Damit wurde eine neue, großflächige Logistik möglich, die unsere heutige globalisierte Wirtschaft wesentlich prägt.  

Daran gab und gibt es immer wieder Kritik: So wurden Kunststoffe ab dem Ende der 1960er Jahre nicht nur aus ästhetischen Gründen kritisiert, sondern es wurde verstärktes Recycling gefordert. Der Gesetzgeber dachte in der Bundesrepublik zu Beginn der 1970er Jahre ernsthaft über ein Verbot von Plastikverpackungen nach und schrieb sogar einen entsprechenden Verbotsvorbehalt in das Abfallbeseitigungsgesetz von 1972. Den Siegeszug der Kunststoffe konnte das nicht aufhalten.

Heute steht ein Verbot oder wenigstens die starke Reduzierung von Kunststoffverpackungen vor höheren Hürden als jemals. Man könnte sie, wie das in dem erwähnten UN-Abkommen letztes Jahr versucht worden ist, einfach verbieten. Doch was geschähe dann? Entweder würde eine solche Maßnahme an Vollzugsproblemen scheitern, oder aber die Preise stark erhöhen, unseren Alltag erschweren und zu dramatischen Lieferschwierigkeiten führen.

... und nicht wieder verschwand

Wenn eine konsequente Reduzierung von Plastik – insbesondere in Form von Einwegverpackungen – aber schwierig ist, dann bleibt als Alternative nur das „Recycling“ übrig, also die Verwertung von Plastik und idealerweise seine Rückschleusung in Produktlebenszyklen.

Dazu sind in den letzten 50 Jahren viele Anstrengungen unternommen worden: 1975 legte die sozialliberale Bundesregierung ein „Abfallwirtschaftsprogramm“ auf, um Kunststoffabfällen zu reduzieren und zu recyceln. Am Ende der 1980er kam es auf Initiative von Umweltminister Klaus Töpfer zum Erlass der Verpackungsverordnung, die das sogenannte Duale System mit dem Gelben Sack und Grünen Punkt im Gefolge einführte.

Dieses „Duale System“ brauchte eine lange Anlaufzeit, aber insbesondere seit den 2000er Jahren wurden Infrastrukturen für das Plastikrecycling geschaffen. Im Jahr 2003 wurde auf Initiative des Grünen Umweltministers Jürgen Trittin das Pflichtpfand auf Plastikflaschen eingeführt. Der Gesetzgeber verpflichtet sich heute, bestimmte Recyclingquoten bei Kunststoffen zu erfüllen.

Ein Mann mit Brille steht in einem Labor mit Gerten mit Filtern und Schläuchen. Die Bildunterschrift lautet: Der Chemiker Wallace Hume Carothers im Labor bei DuPont. Er erfand in den 1930er Jahren nicht nur das Nylon, sondern auch Neopren. Er selbst meldete ein Patent zur Herstellung von Strümpfen an. DuPont ist einer der größten Chemiekonzerne der Welt und unter anderem durch Teflon bekannt. Das Bid ist Teil eines Beitrags über die Gelbe Tonne und ihre Geschichte des Historikers Roman Köster. Die Gelbe Tonne steht für das Recycling generell. Das muss scheitern, weil die meisten Kunststoffe gar nicht recyclebar sind.
Der Chemiker Wallace Hume Carothers im Labor bei DuPont. Er erfand in den 1930er Jahren nicht nur das Nylon, sondern auch Neopren. Er selbst meldete ein Patent zur Herstellung von Strümpfen an. DuPont ist einer der größten Chemiekonzerne der Welt und unter anderem durch Teflon bekannt. © Getty Images

Die Resultate könnten jedoch besser sein: Aktuelle Statistiken zeigen, dass etwa drei Fünftel der Kunststoffabfälle in der Bundesrepublik thermisch recycelt, also in einer Müllverbrennungsanlage verbrannt werden. Gleichzeitig werden gewaltige Mengen Plastikmüll nach Ostasien verschifft. Einem Großteil der Öffentlichkeit wurde das im Übrigen erst bekannt, als sich China ab 2018 weigerte, weiterhin Plastikmüll aus dem Westen aufzunehmen.

Diese unbefriedigende Situation hat seine Ursache keineswegs darin, dass Kunststoffe generell nicht stofflich recycelt werden können. Das große Problem besteht vielmehr darin, dass sie in so komplexen Kombinationen auftreten, dass stoffliches Recycling häufig keinen Sinn macht. Eine handelsübliche Käseverpackung besteht nicht aus einer, sondern unzähligen miteinander verschweißten Plastikfolien.

Auch die Sortierung der Kunststoffe, die für ein effizientes Recycling notwendig sind, ist eine schwierige Aufgabe: So gibt es zwar effiziente Verfahren der mechanischen Trennung. Diese haben aber insbesondere mit schwarzen Kunststoffen Probleme, die nicht mittels Infrarot erkannt werden können.

Darüber hinaus überzeugen die Resultate des Recyclings oftmals nicht und immer wieder findet ein signifikantes „Downcycling“ statt. Das Endprodukt ist also im wahrsten Sinne des Wortes „billiges Plastik“ mit entsprechend begrenzten Anwendungsbereichen. Angesichts dieser Lage bleibt oftmals wenig anderes übrig, als Kunststoffe zu verbrennen um so wenigstens noch Strom und Wärme zu gewinnen.

Im 19. Jahrhundert steckengeblieben

Die Abfallwirtschaft ist in gewisser Weise ein Friedhof der Innovationen. Seit der Müll in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem wachsenden Problem für die Städte wurde, wurden immer wieder „revolutionäre“ Lösungen entwickelt: Seine Kompostierung, die Umarbeitung zu Baustoffen, seine „Verflüssigung“ (Pyrolyse) oder die Gewinnung von Energie. Tatsächlich wird aber weltweit bei der Behandlung des Abfalls immer noch auf die zwei Hauptlösungen der Entsorgung gesetzt, nämlich Deponierung und Verbrennung.

Die Versuche, technische Lösungen für die exponentiell steigende Menge der Plastikabfälle zu finden, passen gut in dieses Schema. Seit den 1970er Jahren wurden immer wieder Versuche unternommen, biologisch abbaubare Kunststoffe zu entwickeln. Wirklich weit gekommen ist man damit aber noch nicht.

Immer wieder werden öffentlichkeitswirksam technische Lösungen angepriesen: So wird seit längerem über plastikfressenden Bakterien diskutiert bis hin zu Sortier- und Recyclingmethoden mittels neuer Lösungsmittel. Bislang lassen sich diese und vergleichbare Verfahren aber nicht effizient und zu vertretbaren Kosten umsetzen. Solange das nicht der Fall ist, wird es zu einem echten Umschwung im Plastikrecycling nicht kommen.

Darum muss man nicht in Fatalismus verfallen. Bei den Infrastrukturen des Plastikrecyclings, den rechtlichen Vorgaben und den technischen Verfahren gibt es noch mannigfaches Verbesserungspotential. In diesem Bereich wird seit langem intensiv geforscht. Nur Erwartungen wie Kunststoffe ließen sich aus unserem Alltag verbannen oder wir könnten vom Plastikmüll per Abkommen loskommen, Recycling löse das Plastikproblem werden auf absehbare Zeit nicht erfüllt werden.

×

Conclusio

Neues Problem. Mit der Einführung des Dualen Systems entstanden neue Probleme, wobei die Gelbe Tonne das ursprüngliche Recycling-Problem nicht löste, sondern verschob, zeigt der Historiker Roman Köster.

Alte Methoden. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich das Recycling nicht verändern: Plastikmüll wird verbrannt und deponiert.

Bessere Zukunft. Gelingt es, Kunststoffe als Rohstoff zu sehen, bestünde eine größere Chance, das Plastik einst im Kreislauf zu führen. Haltbar ist es ja.

Mehr Geschichte