Wischen statt Wissen: Die Generation Smartphone

Generation Z und Alpha wachsen im Dauerrausch der digitalen Welt auf. Social Media verändert ihr Gehirn, ihr Lernen – und ihr Verhältnis zur Realität.

Illustration Generation Smartphone: Kinder laufen in ein buntes Smartphone
Die Generation Smartphone ist ohne Handy aufgeschmissen. © Roland Vorlaufer
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Auf den Punkt gebracht

  • Reizüberflutung. Kinder erleben täglich tausende digitale Reize und verlernen, sich selbst zu beschäftigen.
  • Suchtmechanismen. Social Media aktiviert das Belohnungssystem und kann strukturelle Gehirnveränderungen auslösen.
  • Wissensillusion. Dauer-Googeln vermittelt Wissenstrug, ersetzt aber keine echte Bildung.
  • Generationskonflikt. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird Wissen von der jüngeren zur älteren Generation weitergegeben.

Auf Social-Media-Plattformen bekommen junge Menschen alle drei Sekunden neuen Input vorgespielt. Was macht das mit jungen Menschen, wenn sie infolgedessen jeden Tag in etwa 6.000 neue Informationen passiv erleben? Am Institut für Generationenforschung werden regelmäßig aktuelle Trends, Einstellungen, Hoffnungen aber auch Sorgen, Nöte und Ängste der verschiedenen Generationen untersucht. Im Fokus stehen dabei aktuell die jüngsten Generationen: Generation Z (1996–2010) und die Generation Alpha (2011–2025), also jene, die in einer Welt mit Smartphone, sozialen Medien sowie nun künstlicher Intelligenz aufgewachsen sind. Seit sie denken können, erleben sie eine Welt, aus der man unendlich schöpfen kann. „Mama, was ist XY, wo ist XY?“

Wenn es Mama nicht weiß, wird Google oder ChatGPT gefragt und prompt gibt es die Antwort. Kurz gesagt: alle Informationsbedürfnisse werden sofort befriedigt. Zudem, wenn dem Kind mal langweilig ist, muss ebenfalls das Smartphone oder Tablet herhalten. Kinder erleben eine Welt, in der sie passiv agierend fordern können und ohne große Mühen permanent extern bespielt werden. Sie erleben eine Welt, in der sie immer weniger selbst erarbeiten müssen und auch eine Welt, in der dadurch immer weniger Möglichkeiten vorhanden sind, auf die man später Stolz zurückblicken kann – im Sinne von: „Das habe ich ganz alleine geschafft.“

Acht Stunden online

Die heutigen Kinder, also die Generation Alpha, können sich eine Welt ohne Smartphone oder Social Media gar nicht mehr vorstellen; hierfür würde ihre Fantasie nicht ausreichen. Kein Wunder, bei der aktuellen durchschnittlichen Nutzungsdauer: Im Alter von zehn bis zwölf Jahren besitzen schon 86 Prozent ein eigenes internetfähiges Smartphone, und dieses wird täglich mehrere Stunden genutzt. Wenn man sich einen gewöhnlichen Tag eines Teenagers heute anschaut, dann konsumiert dieser durchschnittlich 6 bis 8 Stunden digital.

Das bedeutet, dass es kaum noch wirklich selbstbestimmte, smartphonefreie oder besser gesagt digitalfreie Zeiten gibt: Jugendliche schlafen etwa 6 bis 8 Stunden, gehen die gleiche Zeit in die Schule, dann bleiben da ja nur noch 8 bis 10 Stunden frei bestimmbare „Zeit“. Und diese wird bei den meisten mit Social Media gefüllt – also passiv bespielt. Das hat Folgen. Das Institut für Generationenforschung konnte einen signifikanten Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzungsdauer und Wohlbefinden bei jungen Menschen nachweisen.

Junge Menschen, die in etwa 8 Stunden auf Social Media sind, sind im Schnitt wesentlich unzufriedener, unglücklicher und ängstlicher als jene, die nur knapp 5 Stunden auf Social Media sind. Man stelle sich vor, wie die Jugend wäre, wären sie nur eine Stunde oder gar nicht auf Social Media. Zudem sehen wir, dass es jungen Menschen immer schwerer fällt, sich für eine längere Zeit zu konzentrieren – was Psychologen als „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ bezeichnen.

So viel FOMO

Alle Generationen verbringen mittlerweile viel Zeit in der digitalen Welt, aber die jungen Menschen haben eben nie eine andere Welt kennengelernt oder kennenlernen dürfen. Eine weitere Studie unseres Instituts belegte, dass ein Großteil sich der negativen Auswirkungen vor allem von Social Media bewusst ist. Nur so einfach aufhören, das können die wenigsten – und am schlechtesten die jungen Menschen; da Social Media mittlerweile den Großteil der Freizeit prägt.

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Zahlen & Fakten

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Auf einer Bewertungsskala von −100 (= maximaler Schaden) bis +100 (= maximaler Nutzen) gaben diese für Social Media einen durchschnittlichen Wert von −14,8 bis −21,4 an. So wundert es wohl kaum, wenn die Mehrheit der jungen Menschen sich eine Altersbegrenzung für Social Media wünscht. 43,9 Prozent befürworten eine Altersgrenze unter 16 Jahren, und 28,7 Prozent sprechen sich sogar für eine Altersbeschränkung ab 18 Jahren aus. Ist es für alle verboten, haben sie weniger das Gefühl, etwas zu verpassen – FOMO, kurz für „Fear Of Missing Out“ nennen Forscher dieses Gefühl.

Zudem sind 85,2 Prozent der Schüler für ein Smartphone-Verbot an der Grundschule, 42,1 Prozent wollen auch ein Handyverbot an weiterführenden Schulen. Wenn Erwachsene nun denken, sie müssten dies einführen, sollten sie erst einmal die Betroffenen miteinbinden und fragen. Denn man lernt beim Smartphone-Swipen keine Digitalkompetenz; und auch nicht beim Erstellen einer PowerPoint-Präsentation. Dabei wäre eine gute Digitalkompetenz mittlerweile die Grundlage, um die Welt zu verstehen; das ist viel näher als Goethes Zauberlehrling.

Wie Social Media das Gehirn verändert

Aber andererseits: Diese digitale Kompetenz kann man auch wunderbar analog vermitteln. Man denke nur an den Physikunterricht: Als man den Otto-Motor lernte, kam kein Lehrer auf die Idee, mit den Schülern eine Autofahrt zu machen, – weil jeder wusste, was ein Auto ist. Bei den heutigen digitalen Nutzungszeiten muss man dies nicht auch noch in der Schule forcieren. Hier brauchen die Schüler ein tiefergehendes Wissen über Algorithmen, Addictive Design, KI, Fake News, sowie die kommerziellen Beweggründe hinter Influencern und Social-Media-Plattformen; und – ganz wichtig – deren Wirkfolgen für die Gesellschaft und das Individuum.

Hierzu sollte man zum Beispiel wissen, dass Kinder und Jugendliche, die täglich mehrere Stunden auf dem Smartphone Social Media nutzen, mit der Zeit das Volumen der grauen Substanz in ihrem jeweiligen Nucleus accumbens verändern. Der Nucleus accumbens ist der Teil des Gehirns, der das Belohnungssystem des Menschen steuert. Zudem befinden sich in ihm Dopamin-Rezeptoren, die ihn bei der Entstehung von Motivation, Glücksgefühlen und Süchten beteiligen. Je häufiger also die Social-Media-Apps geöffnet werden, desto eher verändert sich die graue Substanz im Nucleus accumbens. Wichtig ist noch anzumerken, dass die Dauer – also wie lange junge Menschen auf den Apps bleiben – sich weniger auf diese Gehirnstruktur auswirkt als die Häufigkeit, mit der sie die jeweiligen Apps öffnen.

Und das machen die jungen Menschen ziemlich häufig: Jugendliche öffnen die TikTok-App im Durchschnitt 19-mal pro Tag. Das kann dazu führen, dass der Nucleus accumbens auf Sucht „eingestellt“ wird. Das konnten Forscher herausfinden, die die Gehirne von Social-Media-Usern scannten. Es können sich zudem unter Umständen auch die Amygdala und die Insula verkleinern – Bereiche des Gehirns, die unter anderem für emotionale Reaktionen zuständig sind, was die Entstehung eines suchtähnlichen Gedächtnisses begünstigen kann.

Die Illusion von Wissen

Das Smartphone wird aber nicht nur für Social Media genutzt; es dient in vielen Fällen auch als unmittelbarer Antwort- und Ratschlaggeber. Wie geht es zum Bahnhof? Google Maps hilft mir. Wie hoch ist der Kilimandscharo? Google weiß die Antwort. Was steht alles in dem neuen Roman von XY? ChatGPT fasst es für uns zusammen. So gut, so fatal, denn auch hier muss man den Digital-Euphemisten Einhalt gebieten. Denn je mehr junge Menschen googeln, desto eher entsteht bei ihnen die Illusion, sie hätten Ahnung von dem, was sie konsumieren. Die Tatsache, dass wir Zugang zu so vielen Informationen haben, lässt uns denken, wir hätten die Informationen auch verstanden.

Dadurch schätzen junge Menschen ihr eigenes Wissen durch Googeln zu hoch ein und nehmen sogar ihr eigenes Gehirn als aktiver wahr. Dabei führt der dauerhafte Wissenszugang dazu, dass junge Menschen sich langfristig weniger Wissen aneignen, da sie immer in wenigen Sekunden online darauf zugreifen können. Ohne diesen Online-Zugang sind sie heute verloren und haben in der Realität deutlich weniger Wissen als Vorgängergenerationen. Menschen, die also viel Zeit auf sozialen Medien verbringen und sich auf ihr Online-Wissen verlassen, können eine verzerrte Wahrnehmung ihres eigenen Wissens und somit auch der Realität entwickeln.

Seit Menschengedenken gilt eine Art Generationenvertrag, der besagt, dass die Älteren ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die Jüngeren weitergeben. Diese klassische Rollenverteilung kehrt sich im Kontext der Digitalisierung um. Die jüngeren Generationen Alpha und Z sind als Digital Natives digital aufgewachsen und haben damit einen erheblichen Wissensvorsprung gegenüber den älteren Generationen, insbesondere den Babyboomern und der Stillen Generation. Diese Tatsache setzt klassische Rangordnungen, beispielsweise am Arbeitsplatz, außer Kraft. Wer es gewohnt war, allein aufgrund des höheren Alters im Job das Sagen zu haben und andere anzuleiten, muss sich im Zuge der Digitalisierung davon zumindest teilweise verabschieden, und das fällt schwer.

Ein schmaler Grat

Auch im familiären Kontext bieten die unterschiedlichen digitalen Prägungen der Generationen Konfliktpotenzial. Hier prallen teils verschiedene Vorstellungen über Art und Dauer der Mediennutzung aufeinander. Hinzu kommt die Angst der Eltern, dass ihren Kindern in sozialen Medien altersunangemessene Inhalte angezeigt werden oder diese Opfer von Cyberkriminalität, zum Beispiel Cybermobbing, werden könnten. Debatten um die Gefahren der Digitalisierung für Kinder und Jugendliche thematisieren häufig eine schädliche Wirkung sozialer Medien auf die psychische Gesundheit oder die Entwicklung von medialem Suchtverhalten. Es ist ein schmaler Grat, dem eigenen Kind zwar Teilhabe, Austausch mit Gleichaltrigen und Erwerb digitaler Kompetenzen zu ermöglichen, es aber gleichzeitig vor den Gefahren der Digitalisierung zu schützen. Hierbei sind wir alle gefragt, gesamtgesellschaftliche Antworten und Wege zu erarbeiten.

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Conclusio

Überflutung. Junge Menschen konsumieren täglich stundenlang Social Media. Ihr Gehirn reagiert messbar auf digitale Reizüberflutung.

Selbstwahrnehmung. Die ständige Verfügbarkeit von Information schafft keine Kompetenz, sondern verzerrte Selbstwahrnehmung.

Digitalwelt. Medienbildung muss Gehirn, Emotion und Gesellschaft zusammendenken. Nur so lernen Kinder, digitale Welten zu verstehen statt in ihnen zu verschwinden.

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