Die Vergreisung der Macht

Von der Antike bis Trump und Lula: Warum moderne Gesellschaften Jugend vergöttern – und die Gerontokratie dennoch ein politisches Comeback erlebt.

US-Präsident Donald Trump trifft sich mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva am 7. Mai 2026 im Weißen Haus in Washington, D.C., USA. Das Bild illustriert einen Kommentar zur Gerontokratie.
US-Präsident Donald Trump trifft sich mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva am 7. Mai 2026 im Weißen Haus in Washington, D.C., USA. © Brasilianische Regierung / Ricardo Stuckert / Handout / Anadolu via Getty Images)

Donald Trump in den USA, Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien: Zwei Männer, geboren 1946 und 1945, trafen sich im Mai dieses Jahres in Washington. Trump nannte Lula „dabei sehr dynamisch“. Er selbst plant nun „einen der besten Golfplätze der Welt“, nur wenige Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Lula da Silva wird seine Partei als Spitzenkandidat in die Wahl am 4. Oktober führen. Sollte er gewinnen, wäre es seine vierte Amtszeit. 

Beide, Trump und Lula, eint, dass sie politisch schon abgeschrieben waren und im hohen Alter das Comeback ins Zentrum der Macht geschafft haben. Schon diese Konstellation verweist auf ein auffallendes Muster. Obwohl sie politisch kaum weiter voneinander entfernt sein könnten, profitieren Trump und Lula von einer Dramaturgie, in der hohes Alter nicht als Schwäche inszeniert wird, sondern als Ausweis von Widerstandskraft und Stärke. 

In diesem Licht erscheint der alte Führer als Gegengift zur Überhitzung der Gegenwart. Er verspricht Halt und Orientierung, ähnlich dem tradierten Papstprinzip in der katholischen Kirche. So wurde Papst Johannes Paul II. in seinen letzten Lebensjahren zum Popidol und löste eine weltweite Sympathiewelle aus. 

Erfahrung als Gegenpol zur Moderne

Die Demokratie, die rhetorisch vom Morgen lebt, vertraut in der Praxis nicht selten auf Gesichter von gestern. Die Moderne hätte dieses Muster eigentlich auflösen können. Sie versteht sich über Bewegung, die Schritte zählt die Apple Watch. Disruption ist in aller Munde. Der Staat soll immer digitaler ausgerichtet werden. 

So gibt es den modernen, liberalen digitalen Staat wie in Estland, den gerade junge Politiker im engen Verbund mit wirtschaftlichen Geschäftsmodellen forciert haben. In der Werbung gilt Altern als Makel, in der Ökonomie als Risiko. Diese Gesellschaften definieren sich kulturell über Innovation und Beschleunigung, bis hin zum „Jugendwahn“ der ständigen Selbstoptimierung mit Schlankheitspillen und Nahrungsergänzungsmitteln.

An den Schaltstellen von Macht und Einfluss kehrt das Alter mit eigentümlicher Beharrlichkeit zurück.

Es zeigt sich aber auch ein Gegentrend. In manchen Staaten vertrauen die Wähler auf sehr alte Führungsfiguren. An den Schaltstellen von Macht und Einfluss kehrt das Alter mit eigentümlicher Beharrlichkeit zurück. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen, wenn Alter als sichtbare Folge von Erfahrung gedeutet wird statt als bloße biologische Tatsache.

Herrschaft und Macht

Ganz neu ist dieses Muster nicht. Schon die Antike in Griechenland und im Römischen Reich kannte die Verbindung zwischen Lebensalter und Autorität als Möglichkeit, Herrschaft und Macht zu gestalten. Das Modell bestand aus weisen Philosophen als Architekten des Staats, dem Rat der Alten, dem Senat, der patrizischen Figur des erfahrenen Staatsmannes. 

Konrad Adenauer verkörperte diese Logik im Nachkriegsdeutschland. Bei seinem Amtsantritt war er 73 Jahre alt. Alter erschien bei ihm als staatsmännische Ressource, seine Regierungszeit zeichnete sich durch Nüchternheit, Beharrungsvermögen und strategische Geduld aus. Legendär wurde die sogenannte Teppichszene auf dem Bonner Petersberg am 21. September 1949. Adenauer trat bewusst auf den Teppich, der eigentlich den alliierten Hohen Kommissaren vorbehalten war. Damit signalisierte er symbolisch den Anspruch der jungen Bundesrepublik, die noch unter Besatzungsstatus stand, auf Gleichrangigkeit und Souveränität. Mit dieser Haltung konnte er nachhaltige Erfolge erzielen. Erst mit 87 Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten. 

Zwischen Erfahrung und Erstarrung 

Der klassische Begriff dafür lautet Gerontokratie, wörtlich: Herrschaft der Alten. Gemeint ist nicht einfach, dass einzelne Führungsfiguren ein hohes Alter erreicht haben. Gemeint ist ein strukturelles Muster, in dem Alter selbst zur Machtressource wird. Gerontokratie ist eine Ordnung, in der Autorität, Legitimität und Einfluss stark an biographische Dauer gekoppelt sind. 

Diese Ordnung kann auch in Erstarrung umschlagen. Wo Autorität allzu eng an Dauer gebunden wird, verengen sich die Rekrutierungskanäle. Dann wird Alter nicht mehr Ausdruck von Reife, sondern zum Symptom verstopfter Elitenzirkulation. 

Neue Prominenz gewann das Wort „Gerontokratie“ in den 1980er Jahren mit Blick auf die Sowjetunion, als binnen kurzer Zeit Leonid Breschnew, Juri Andropow und Konstantin Tschernenko starben und erst der vergleichsweise „junge“ Michail Gorbatschow das Ende der sowjetischen Gerontokratie besiegelte. 

Bis heute ruft Gerontokratie Erinnerungen an politische Erstarrung hervor. Greise Führungszirkel aus den Hinterzimmern der Funktionärswelten prägten zu Sowjetzeiten den Ausdruck „Apparatschiks“. Graue Bürokraten waren systemimmanent, denn planwirtschaftliche Ineffizienz mit Jahresplänen ließ kaum Innovationskraft zu. Am Ende stand der Fall des Kommunismus.

Altersweisheit oder Jungspund?

In liberalen Demokratien erscheint die Gerontokratie ziviler, subtiler. Sie tritt nicht als Herrschaftsprinzip auf. Sie ist eher Nebenprodukt von Parteienapparaten, Medienlogiken und einer mittlerweile zur Konstanten gewordenen Krisenkultur, die in unübersichtlichen Zeiten lieber auf das Vertraute setzt als auf das Unbekannte. 

In anderen Worten: Wenn der vermeintliche „Untergang des Abendlandes“ im Sinne von Oswald Spengler droht, wird der sehr alte Politiker zum Träger einer Erzählung. Er soll Erfahrung verkörpern, Nervenstärke, historischen Überblick und eben einen langen Atem. Alter verwandelt sich auf diese Weise von einer biologischen in eine symbolische Kategorie und gerade dadurch in eine politisch verwertbare Ressource. 

Der Gegenmythos zur Erfahrung des Alters ist der perfekt inszenierte Jungspund.

Je hektischer die Gegenwart, desto attraktiver die biographische Schwere. Alter kann eine Form der Entschleunigung in einer überhitzten Öffentlichkeit sein. Es kann das Bewusstsein stärken, dass nicht jede Aufgeregtheit eine Zäsur und nicht jede Mode eine Epoche ist. 

Der Gegenmythos ist dann eben der perfekt inszenierte Jungspund. Er verkörpert Tempo, digitale Anschlussfähigkeit und visuelle Modernität. Doch Jugend kann ebenso leicht zur Oberfläche werden wie Alter zur Pose der Weisheit. Der junge Aufsteiger, wie einst Sebastian Kurz in Österreich, steht dann weniger für politische Tiefe als für deren ästhetische Simulation. So oszillieren Eliten zwischen Patriarchentum und Karrierismus, zwischen biographischer Schwere und atmosphärischer Leichtigkeit.

Die Suche nach Autorität

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Achtzigjährige oder Zweiundzwanzigjährige führen sollen. Sie lautet, warum moderne Gesellschaften Autorität oft nur in zugespitzten Figuren wiedererkennen. Extreme zeichnen unseren Zeitgeist gesellschaftlich wie politisch.

Warum wirkt die politische Mitte des Lebens, in der Erfahrung und Zukunftsoffenheit sich verbinden könnten, symbolisch so wenig attraktiv? Vielleicht, weil Medien Extreme bevorzugen, Krisen den Wunsch nach Monumenten verstärken und Institutionen ihre Erneuerung schlechter organisieren als ihre Fortschrittsrhetorik vermuten lässt. Seit Jahren wird, etwa in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich, über die Gründe für die Krise der Volksparteien, der Zentrumsparteien, diskutiert. 

Das Grundmuster ist von der Antike bis zur Gegenwart erstaunlich stabil geblieben. Gesellschaften wünschen sich in Zeiten der Unsicherheit Figuren, die schon vieles gesehen haben und deshalb zwar vielleicht wütend, aber scheinbar weniger erschütterbar sind. Hier beginnt die Gerontokratie der Gegenwart: in der hartnäckigen Neigung, Autorität dort zu vermuten, wo Dauer bereits in Prestige übergegangen ist.

Die Rückkehr von Trump und Lula ist deshalb nicht bloß ein Zufall des Wahlkalenders. Sie ist Ausdruck einer tieferen Wahrheit über spätmoderne Ordnungen: Sie verehren die Jugend, aber sie vertrauen ihr nur begrenzt; sie beschwören Erneuerung, aber sie wählen Bekanntheit. Solange es nicht gelingt, Autorität jenseits von Altersbonus und Inszenierungslogik neu zu organisieren, wird dieses Paradox bestehen bleiben: kulturell besessen vom Neuen, institutionell aber erstaunlich alt.

Mehr von Florian Hartleb

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