Der lange Atem der Giorgia Meloni

Italiens Ministerpräsidentin entwickelt sich zu einer unerwartet widerstandsfähigen Führungsperson. Meloni hat die Politik Italiens neu gestaltet und gewinnt international an Einfluss.

Giorgia Meloni bei der jährlichen Pressekonferenz in der Abgeordnetenkammer. Rom, 9.1.2026
Giorgia Meloni bei der jährlichen Pressekonferenz in der Abgeordnetenkammer. Rom, 9. Januar 2026. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Stabilität. Meloni bricht mit Italiens Tradition kurzlebiger Regierungen und könnte als erste Regierungschefin eine volle Legislaturperiode durchhalten.
  • Machtpolitik. Mit Haushaltsdisziplin und internationaler Vernetzung hat sich Meloni von der populistischen Außenseiterin zur europäischen Führungsfigur gewandelt.
  • Opposition. Die nach links gerückte Demokratische Partei findet in der alternden italienischen Gesellschaft kaum Resonanz, Melonis Position bleibt unangreifbar.
  • Personalisierung. Meloni perfektioniert die seit der Ära Berlusconi bewährte Strategie der Machtzentrierung auf eine starke Führungspersönlichkeit.

Wenn heute über europäische Politik gesprochen wird, fällt ein Name immer häufiger: Giorgia Meloni. Die italienische Ministerpräsidentin, die 2022 als postfaschistische Außenseiterin kritisch beäugt wurde, spielt heute eine zentrale Rolle in der europäischen Ordnung. Während Friedrich Merz in Deutschland noch um Autorität ringt und Frankreichs einst allmächtige Präsidentschaft zerbrechlich wirkt, festigt Meloni ihre Macht – im eigenen Land und weit darüber hinaus.

Ihr Aufstieg überraschte viele, galt doch ihr Vorgänger Mario Draghi als international angesehenster Politiker Italiens. Doch Draghi stand einer instabilen Koalition vor, in der Links und Rechts mühsam Kompromisse aushandelten. Meloni hingegen führt eine kohärente Allianz, die an Silvio Berlusconis erste Regierung vor drei Jahrzehnten erinnert. Der entscheidende Unterschied: Melonis Koalition hält.

Was ist Giorgia Melonis Geheimnis?

„Italien“ und „politische Stabilität“ – diese Begriffe passen selten zusammen. Seit 1948 regierte eine italienische Regierung durchschnittlich gerade einmal 16 Monate. Schon jetzt ist Melonis Regierung die drittlängste in der Geschichte der Republik. Sollte es nicht zu vorzeitigen Neuwahlen kommen – was angesichts ihrer anhaltend hohen Popularität durchaus in ihrem Interesse liegen könnte – würde sie als erste eine komplette Legislaturperiode ohne institutionelle Krise, Umbildung oder abgewehrtes Misstrauensvotum überstehen. Selbst Berlusconi, der von 2001 bis 2006 regierte, führte formell zwei separate Kabinette.

Melonis politisches Talent liegt weniger im revolutionären Gestus als in der Beherrschung des Systems. Sie selbst nennt die Dauer ihrer Amtszeit ihren größten Erfolg. Mit gutem Grund, denn Italien ist institutionell auf Instabilität angelegt. Entworfen nach dem Ende des Faschismus, beschränkt die Verfassung bewusst die Macht des Regierungschefs zu Gunsten des Parlaments. Seit den 1980er Jahren versuchen Politiker und Juristen vergeblich, sie im Sinne höherer Stabilität zu reformieren.  

Melonis Forderung nach einer Direktwahl des Premierministers folgt diesem Denken: Sie zielt nicht auf mehr Macht für ihre Person ab, sondern auf institutionelle Klarheit in einem traditionell zersplitterten System. Ob sie diese Reform durchsetzen kann, ist offen. Und doch agiert Meloni im gegenwärtig schwachen institutionellen Rahmen, als sei sie bereits Realität.

Von Berlusconi zu Meloni: ein Reifeprozess

Italiens politische Landschaft hat sich seit 1994 grundlegend verändert. Das Ende der „Ersten Republik“ fiel mit dem Niedergang des rein proportionalen Wahlsystems zusammen. Zuvor wählten Italiener Parlamentarier, ohne zu wissen, welche Regierung daraus entstehen würde. Als Folge wurden Regierungen ständig umgebildet. Da die Kommunistische Partei in dem NATO-Land keine nationale Regierung bilden konnte, koalierten die Christdemokraten mit den unterschiedlichsten politischen Strömungen, darunter auch vielen linksgerichteten. So blieben sie 46 Jahre lang ununterbrochen an der Macht.

Seit 1994 wählen die Italiener konkrete Koalitionen mit Spitzenkandidaten. Mit Berlusconis Eintritt in die Politik begann eine Ära der Personalisierung. Seither tendiert die italienische Politik zur Polarisierung und die Wähler bevorzugen sichtbare, starke Führungsfiguren. Giorgia Meloni hat davon profitiert. 

Obwohl keineswegs neu in der Politik, galt sie als Hoffnungsträgerin und wurde 2022 mit überwältigender Mehrheit gewählt. Sie war als einzige bedeutende Politikerin keine Kompromisse mit Draghis Übergangsregierung eingegangen. Zunächst gewann Giorgia Meloni Stimmen von Matteo Salvinis Lega, weil sie authentisches „Anti-Establishment“ verkörperte; als sie dann lernte gemäßigter aufzutreten, stieg ihr Stern weiter.

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Zahlen & Fakten

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Ihre Koalition hat eine lange Geschichte. Postfaschistische Fraktionen (die aus dem Movimento Sociale Italiano, das 1946 als Sammelbecken für Nostalgiker des faschistischen Erbes Italiens gegründet wurde, entstanden) waren Juniorpartner in allen Berlusconi-Koalitionen. Heute ist Giorgia Melonis Partei, Fratelli d’Italia, die stärkste Kraft im Parlament. 

Inhaltlich regiert Giorgia Meloni weniger populistisch, als ihr Image vermuten lässt. Kritiker werfen ihr daher vor, eher an eine traditionelle christdemokratische Politikerin zu erinnern. Darin liegt ein Körnchen Wahrheit. Meloni setzt auf drei große Reformen (Justiz, Direktwahl des Ministerpräsidenten und mehr Autonomie für die Regionen), von denen nur jene der Justiz vorankommt. 

Aktivistisch ist ihre Regierung kaum. Ihr Schwerpunkt liegt auf Außenpolitik und internationaler Anerkennung. Meloni weiß, dass ihre Koalition innenpolitisch nur stabil bleibt, wenn sie außenpolitisch überzeugt. Dass sie viele ehemalige Anhänger ihrer Juniorpartner für sich gewonnen hat, ist für die Koalition ein potenzieller Störfaktor. Doch zurzeit wird ihre Führungsposition von Freund und Feind gleichermaßen anerkannt.

Eine strikte Haushaltsdisziplin ist für die Führungsrolle zentral. Finanz- und Wirtschaftsminister Giancarlo Giorgetti stammt zwar aus der Lega, hat den Anti-Spar-Populismus seines Parteivorsitzenden Matteo Salvini oder der frühen Meloni nie geteilt. Unter Giorgettis Verantwortung hat Italien seine öffentlichen Finanzen in Ordnung gehalten, sich zu geringeren Ausgaben in der Zukunft verpflichtet und ein geringeres Haushaltsdefizit verzeichnet als versprochen. Das mag in einer Welt, die auf immer mehr Staatseingriffe setzt, anachronistisch erscheinen, aber Giorgetti kennt die traditionellen Schwächen des Landes und versteht, dass die Märkte Italien leicht den Rücken kehren könnten.

Ein stabiler Anker in Europa

Italiens finanzpolitische Disziplin hat dem Land den Ruf einer europäischen Risikozone genommen und bildet die Grundlage für Giorgia Melonis außenpolitische Positionierung. Mit ihrer internationalen Erfahrung, sprachlichen Souveränität und tragfähigen Beziehungen nach Washington ist sie heute das zentrale außenpolitische Gesicht Italiens.

Trotz der italienischen Neigung, amtierende Regierungen abzuwählen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dies bis auf Weiteres so bleibt. Die Opposition ist geschwächt und orientiert sich an identitätspolitischen Themen, die in einer alternden Gesellschaft auf begrenzte Resonanz stoßen. Kurzfristig fehlt ihr damit die gesellschaftliche Basis, um Melonis Dominanz ernsthaft zu gefährden.

Giorgia Melonis politische Strategie bleibt daher klar umrissen: Polarisierung als Ordnungsprinzip, Konzentration auf die eigene Person, fiskalische Vorsicht und eine begrenzte Reformagenda. Ihre Fähigkeit, die politische Szene zu polarisieren und sich selbst ins Zentrum zu stellen, entspricht der seit 1994 etablierten Logik italienischer Machtpolitik.

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Conclusio

Erfolgsrezept. Mit Führungsstärke, Koalitionsdisziplin und fiskalischer Glaubwürdigkeit hat Giorgia Meloni Italien zu einem Anker der Stabilität innerhalb Europas transformiert. Damit kompensiert sie strukturelle Schwächen auch ohne tiefgreifende Reformen. 

Stabilität. Dauerhafte Mehrheiten sind in Italiens Geschichte eine Seltenheit. Von Machtverschiebungen innerhalb der Koalition droht der Regierung mehr Gefahr als von der Opposition. Die politischen Gegner haben keine mehrheitsfähige Alternative anzubieten.

Europa. Außenpolitisch hat Rom mit Haushaltsdisziplin und Berechenbarkeit seine Position gestärkt. Giorgia Meloni ist Partnerin, nicht Störfaktor. Italien könnte in der EU auf Dauer von einer tickenden Zeitbombe zu einer pragmatischen Ordnungskraft werden.

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