Kampf um Grönland: 3 Ziele für Europa

Die Arktis rückt ins Zentrum eines globalen Machtkampfs. Russland und China bündeln ihre Kräfte, während die NATO-Staaten um Grönland streiten. Welche drei Ziele Europa jetzt erreichen muss, um im hohen Norden zu bestehen.

Thema: Grönland und die Arktis: US-amerikanische und dänische Spezialeinheiten in Alaska: zwei Soldaten in weißen Kampfanzügen auf Motorschlitten vor einem Militärhelikopter in verschneiter Landschaft.
Im Februar 2025 übten US-amerikanische und dänische Spezialeinheiten in Alaska noch gemeinsam die Verteidigung der Arktis. Wenig später forderte US-Präsident Trump von Dänemark die Übergabe Grönlands. © Getty Imgaes
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Auf den Punkt gebracht

  • Brennpunkt. Die Arktis entwickelt sich zu einer zentralen geopolitischen Schlüsselregion mit wachsender militärischer, technologischer und wirtschaftlicher Bedeutung.
  • Machtpolitik. Russland und China bauen ihre Präsenz systematisch aus – durch militärische Stärke, Infrastruktur und Kontrolle wichtiger Handelsrouten.
  • Allianzkonflikt. Der Streit um Grönland offenbart Spannungen innerhalb der NATO und wird zum Testfall für die transatlantische Ordnung.
  • Koordination. Europa ist bislang zu wenig geschlossen aufgestellt und muss eine gemeinsame Strategie entwickeln, um in der Arktis handlungsfähig zu bleiben.

Die Arktis ist kein geopolitisches Randgebiet mehr. Die Region entwickelt sich zu einer der sensibelsten strategischen Zonen des 21. Jahrhunderts – militärisch, technologisch und ökonomisch. Was sich hier entscheidet, betrifft nicht nur Nordamerika und Russland, sondern auch Europa. 

Die Polarregion gewinnt strategisch weiter an Bedeutung. Die kürzeste Flugbahn für Interkontinentalraketen auf dem Weg von einer Großmacht zur anderen verläuft über den hohen Norden. US-Sensorik und Radarstrukturen rund um die Pituffik Space Base auf Grönland bilden einen integralen Bestandteil der nordamerikanischen Frühwarnarchitektur – und zugleich die Grundlage für Trumps viel diskutierten „Golden Dome“. 

Ebenso zentral ist die sogenannte GIUK-Lücke – der Raum zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich. Er verbindet die Arktis mit dem Nordatlantik, und hier ist die Überwachung russischer U-Boot-Bewegungen entscheidend. Was im Kalten Krieg galt, gewinnt heute neuerlich an Bedeutung: Kontrolle über diesen Korridor bedeutet Kontrolle über den Übergang zwischen arktischem und atlantischem Raum. 

Mit 48 Eisbrechern in der Nordflotte hat Russland gegenüber den USA mit zwei Eisbrechern einen klaren Vorsprung.

Dazu kommt die geoökonomische Dimension. Mit dem Abschmelzen des Polareises werden die Gewässer nördlich von Kanada und Russland für Frachter schiffbar. Außerdem liegen in der Arktis große Vorkommen seltener Erden und wichtiger Mineralien.

China und Russland dringen vor

Russlands Arktis-Strategie ruht auf drei Säulen. Erstens: militärische Dominanz. Mit 48 Eisbrechern, acht davon atombetrieben, in der Nordflotte hat Russland gegenüber den USA mit zwei Eisbrechern einen klaren Vorsprung. Zweitens will Moskau den Nördlichen Seeweg (= die Nordostpassage) als kommerzielle und strategische Lebensader kontrollieren. Und drittens werden gemeinsam mit China Sensoren vom Meeresboden bis in den Weltraum installiert, die westliche U-Boot-Operationen zunehmend überwachen können.

China bezeichnet sich seit 2018 – geografisch kreativ interpretiert – als „arktisnaher Staat“ und stärkt Russlands strategische Position in der Region. Peking setzt dabei auf Dual-Use-Technologien sowie auf Forschungsprojekte und Infrastruktur, die ebenfalls zivile und militärische Funktionen erfüllen. 

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Zahlen & Fakten

Im Vorjahr unterzeichnete das chinesische Verkehrsministerium ein Abkommen mit dem russischen Staatskonzern Rosatom über die Nutzung und den Ausbau des Nördlichen Seewegs. Im Dezember 2025 vollendete China den Prototyp seines ersten nuklearbetriebenen Eisbrechers – ein Signal, dass Peking die arktische Abhängigkeit von Moskau mittelfristig reduzieren will. China verschafft sich damit eine Eintrittskarte in den arktischen Raum, den es geografisch nie besessen hat, aber wirtschaftlich und strategisch zunehmend für sich beansprucht.

Moskau versucht aktiv, den arktischen Raum über China hinaus multilateral abzusichern, und sucht neben Peking – derzeit der einzige Kapitalpartner – weitere Verbündete: Bei seinem Staatsbesuch in Neu-Delhi bot Präsident Putin den Indern Zugang zur Arktis an, einschließlich des gemeinsamen Baus von Eisbrechern und des Zugangs zu russischen Militäreinrichtungen.

Der Allianz-Stresstest

Was mit Trumps Wiederwahl als rhetorische Drohkulisse begann, eskalierte bis Anfang 2026 zu einer offenen Konfrontation innerhalb der NATO – um Grönland und die Grundlagen der transatlantischen Ordnung. Trump erklärte, die USA könnten Grönland nur verteidigen, wenn sie es „besitzen“, und stellte damit grönländische Selbstbestimmung, die dänische Souveränität sowie das Prinzip kollektiver NATO-Verteidigung infrage (siehe auch Der Pragmaticus, Heft 2/2026). 

Nach dem weiter eskalierenden Schlagabtausch verhandelten die USA, Dänemark und Grönland schließlich erstmals formal trilateral – allerdings ohne die Kernfragen nach Souveränität, Rohstoffrechten und militärischer Präsenz zu klären. Die Verhandler einigten sich lediglich darauf, mit der Mission „Arctic Sentry“ bestehende und neue nationale Aktivitäten unter einem gemeinsamen NATO-Kommando in Norfolk (Virginia, USA) zu bündeln. Moskau reagierte umgehend: Außenminister Lawrow drohte mit militärischen Gegenmaßnahmen, sollte der Westen seine Präsenz in Grönland ausbauen.

Grönland ist zu einem Prüfstein dafür geworden, ob die westliche Allianz die Logik des 21. Jahrhunderts versteht.

Insgesamt hat sich die anfängliche Rhetorik zu einer Krise mit realen militärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Dimensionen verdichtet: Grönland ist weniger Ursache als Symptom eines inneren, strukturellen Angriffs auf die transatlantische Ordnung. Zugleich ist die Insel zu einem Prüfstein dafür geworden, ob die westliche Allianz die Logik des 21. Jahrhunderts versteht – oder an ihr scheitert. 

Hat Trump recht, wenn er behauptet, Europa trage zu wenig zur Verteidigung der Arktis bei? Der Vorwurf ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Europa ist in der Arktis diplomatisch präsent, politisch solidarisch und rhetorisch engagiert. Militärisch, industriell und institutionell bleibt es aber fragmentiert: Es gibt in Europa keine gemeinsame Arktis-Architektur, keine Ressourcenstrategie und kein sicherheitspolitisches Regelwerk für den hohen Norden.

Den Stein ins Rollen gebracht 

Trump hat zumindest die strategische Reichweite seiner Rhetorik ausgetestet – und ihre Grenzen gefunden. Mit einer militärischen Besetzung Grönlands hätte er den Zerfall der NATO riskiert; Strafzölle gegen Verbündete hätten einen Handelskrieg und eine europäische Annäherung an China provoziert. Auch innenpolitisch war die Eskalation riskant: Grönland ist kein Kernthema für Trumps Wähler, die mit steigenden Lebenshaltungskosten beschäftigt sind. Und ein Angriff auf Grönland hätte laut amerikanischer Verfassung die Zustimmung durch den Kongress benötigt. Doch es war nicht absehbar, ob eine Mehrheit der Abgeordneten dafür gestimmt hätte.

Drei Ziele einer neuen Doktrin

Wie geht es von hier aus weiter? Europa sollte aus meiner Sicht eine „Doktrin des Nördlichen Korridors“ verfolgen – einen strategischen Rahmen, der künftig eine Eskalation zwischen den USA und Europa verhindert. Die Doktrin beruht auf drei konkreten Säulen. 

  • Erstens braucht es ein Abkommen zwischen Dänemark, Grönland und den USA. Das rein bilaterale Abkommen von 2004, das den rechtlichen Rahmen für die amerikanische Militärpräsenz absteckt, ist veraltet. Die trilateralen Gespräche zwischen Washington, Kopenhagen und Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, sind ein großer Schritt in die richtige Richtung. Ein aktualisierter Rahmen sollte den erweiterten US-Zugang für militärische und Infrastrukturzwecke formalisieren – und zugleich die dänische Souveränität und grönländische Selbstverwaltung ausdrücklich bestätigen.

  • Zweitens sollte ein Sicherheits- und Verteidigungspakt in der Arktis etabliert werden, ähnlich wie ihn die USA gemeinsam mit Großbritannien und Australien für den Indopazifik geschaffen haben („AUKUS“). Arctic Sentry geht in die richtige Richtung, ersetzt aber keine dauerhafte institutionelle und verteidigungspolitische Architektur. Eine klare Rollenverteilung ist notwendig: Die USA und Kanada sichern die strategische Frühwarnung; Großbritannien und Norwegen übernehmen maritime Sicherheit und die U-Boot-Abwehr; Dänemark und Grönland stellen souveräne Stützpunkte; Schweden und Finnland steuern arktische Mobilität und Verteidigungsindustrie bei; Island fungiert als Luft- und Sensorknotenpunkt.
     
  • Drittens wäre ein gemeinsames Rohstoff-Konsortium erforderlich und möglich. In Grönland liegen einige der weltgrößten Vorkommen an seltenen Erden, darüber hinaus Graphit, Platin, Basismetalle von Kupfer bis Zink und Eisenerz. Grönland könnte als Quelle dienen, Schweden und Norwegen mit ihren Bergbaukapazitäten könnten US-amerikanisches und europäisches Kapital zusammenführen – mit Fokus auf Raffination und Weiterverarbeitung, also dort, wo die Abhängigkeit von China am größten ist.

Signal aus Nuuk

Europa hat neben der wohl symbolisch gemeinten militärischen Reaktion auch ein sichtbares diplomatisches Signal gesetzt. Frankreich eröffnete (wie auch Kanada) Anfang Februar 2026 eine konsularische Vertretung in Nuuk. Frankreich ist damit das erste EU-Land mit einem ständigen Konsulat in Grönland – die EU-Kommission selbst ist seit 2024 durch ein eigenes Büro auf der Insel vertreten. Und das ist mehr als Symbolpolitik. Es ist der Beginn einer europäischen Arktis-Diplomatie, die Grönland nicht länger als ausschließlich bilaterales Thema zwischen Washington und Kopenhagen betrachtet.

Die Arktis ist Europas neue Nordfront – nicht als Ersatz für die Ostflanke, sondern als deren Verlängerung.

Im neuen Kalten Krieg – dem systemischen Wettbewerb zwischen dem transatlantischen Block auf der einen und der strategischen Koordination Chinas und Russlands auf der anderen Seite – ist Macht nicht mehr primär an territoriale Kontrolle geknüpft, sondern an die Fähigkeit, Handelswege zu sichern, Lieferketten zu stabilisieren und Zugangsbedingungen zu definieren. 

Die Arktis ist Europas neue Nordfront – nicht als Ersatz für die Ostflanke, sondern als deren Verlängerung. Grönland ist der Testfall für europäische Souveränität, für transatlantische Belastbarkeit und für die Fähigkeit, in einer Ära systemischer Rivalität strategisch zu handeln.

Europa steht vor einer Wahl: Entweder es bleibt bloßer Beobachter in einem Raum, der zunehmend entscheidend wird für seine Sicherheit – oder es wird gestaltender Akteur. Eines ist strategisch nicht verhandelbar: Die USA allein können im arktischen Raum keine effektive Machtprojektion ausüben. Die Arktis ist kein Terrain für unilaterale Großmachtpolitik. Sie ist ein Raum, der zuverlässige Partner wie Dänemark und den Rest Europas erfordert.

Prüfung für den Westen 

Die Arktis ist eine Prüfung, an der sich entscheidet, ob die transatlantische Ordnung den systemischen Wettbewerb übersteht – oder ob sie sich neu definieren muss. Die Spannungen sind vorerst eingedämmt, gelöst sind sie jedoch nicht. Verwerfungen zwischen den USA und der EU untergraben unsere Handlungsfähigkeit im hohen Norden, ohne dass eine russische oder chinesische Provokation erfolgt wäre.

Die nächste Eskalationsstufe ist vermeidbar. Aber nur, wenn das trilaterale Gesprächsformat zwischen den USA, Dänemark und Grönland um die europäische wie auch um die transatlantische Dimension erweitert wird. Denn eine Lösung, die Europa als Spielball behandelt, wird keine dauerhafte sein.

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Conclusio

Wettkampf. Die Arktis entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einer strategisch heißen Zone zwischen dem Westen auf der einen und Russland, unterstützt von China, auf der anderen Seite. Ein Wettrüsten ist in vollem Gange.

Stresstest. Ohne direkte Provokation durch Russland oder China haben die USA und Europa durch den Streit um Grönland die Handlungsfähigkeit der Allianz in der Nordregion untergraben. Der Konflikt könnte als Weckruf dienen.

Paketlösung. Mit einem erneuerten Grönland-Abkommen, einer gemeinsamen Rohstoffstrategie und einem Militärbündnis nach dem pazifischen Vorbild AUKUS könnten die USA und Europa ihre Lieferketten und die Nordflanke absichern.

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