Hässlich durch Eifersucht

Luzifer wird zum Bösen schlechthin durch seine Eifersucht. Wer fühlt wie er, wird hartherzig, böse und blind. Kein Wunder, dass diese Gemütsregung einige der besten Geschichten der Weltliteratur befeuert.

Das Bild zeigt einen Mann dessen Kopf ein Herz bildet. Seine Brust ist aufgerissen aus ihr strömen rote Seile, die die Fuß- und Handgelenke einer davongehenden Frau umwickeln. Das Bild illustriert einen Artikel über Eifersucht.
Die berühmteste Eifersuchtsgeschichte der Weltliteratur ist die von dem venezianischen General Othello. © Claudia Meitert

Bei einem nächtlichen Spaziergang durch Paris erzählte der Schriftsteller Honoré de Balzac seinem deutschen Kollegen und Freund Heinrich Heine folgende Geschichte: Ein Mann verliebte sich in eine verheiratete Frau, und sie verliebte sich in ihn. Sie verheimlichten ihre Beziehung, aber sie ahnten, es würde nicht lange dauern und der Ehemann käme dahinter. Der Ehemann aber verreiste für längere Zeit. Sie waren glücklich und umso glücklicher, als sie bereits nach einem Monat die Nachricht erreichte, er sei auf der Reise gestorben. Nun zeigten sie ihre Leidenschaft offen.

Dann aber kam eine Depesche, es habe sich um einen Irrtum gehandelt, der Mann sei wohlauf, er komme zurück, morgen schon. Da überredete der Liebhaber die Frau, dass sie gemeinsam den Mann töten, und zwar sofort, noch ehe er seine Koffer ausgepackt habe. Sie taten es. Das Verbrechen kam ans Licht, die beiden wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Auf dem Schafott bat der Liebhaber den Henker inständig, vermachte ihm sogar die Hälfte seines Besitzes, flehte ihn an, er möge ihn als Zweiten töten.

Schriftlich abgemacht, da gab der Henker nach. Als der Mann den Kopf seiner Geliebten im Korb liegen sah, sei er sehr erleichtert gewesen, so erleichtert, ja freudig, dass ihn der Scharfrichter fragte, was in ihm vorgehe, warum dieser Gefühlswandel. Da gestand der Mann, dass er eifersüchtig sei, wie nie ein Mensch vor ihm eifersüchtig gewesen war und nie einer nach ihm sein wird. Er habe sich ausgemalt, vielleicht geschehe eine unwahrscheinliche Außerordentlichkeit, und die Frau werde, nachdem er, ihr Geliebter, guillotiniert worden sei, begnadigt und würde irgendwann wieder eine Beziehung aufnehmen, und diesen Gedanken könne er nicht ertragen.

Liebe ist romanisch …

Heinrich Heine habe nur den Kopf geschüttelt. Da dürfe man sehen, wie krank im Hirn manche Menschen seien, sagte er. Balzac war empört. Ob er den Liebhaber denn nicht verstehen könne? Nein, den könne er weiß Gott nicht verstehen, antwortete Heine. Da schrie ihn der Franzose an, er habe keine Ahnung von der Liebe, die Deutschen alle miteinander hätten keine Ahnung, Liebe sei eben etwas Romanisches und nichts Teutonisches. Dann solle er ihm Liebe erklären, sagte Heinrich Heine. Liebe und Tod gehören zusammen, fing Balzac an. Wer das nicht begreife, der solle sich eingraben lassen. Wer die Eifersucht nicht kennt, der weiß nicht, was Liebe ist, denn die Eifersucht fürchtet nur um eines, nämlich um den Tod der Liebe.

Sie stritten sich, an diesem Abend gingen sie als Feinde auseinander. Heine war es schließlich zu verdanken, dass sie sich versöhnten. Er bat Balzac um Verzeihung. Ob er eingesehen habe, dass er recht hat, fragte ihn Balzac. Ja, log Heine.

… und Eifersucht ist teuflisch

Die berühmteste Eifersuchtsgeschichte der Weltliteratur ist die von dem venezianischen General Othello. Der ist ein eitler Despot, ein Tyrann, der meint, die Menschen, denen er sich verbunden fühlt, gehören ihm. Desdemona, seine Frau, gehört ihm. Wenn er in ihr Herz schauen könnte, wüsste er es. Aber würde er es glauben? Er würde es nicht glauben. Die Eifersucht ist eine Sucht, wie das Wort sagt, die Sucht, sich selbst wehzutun. Und diese Sucht ist nicht zu stillen. Montaigne schreibt in einem Essay zu diesem Thema, die Eifersucht sei das hässlichste aller Gefühle, das bösartigste, weil es auf Zerstörung aus ist. Er spricht der Eifersucht – im Unterschied zu seinem Landsmann Balzac – jede Liebe ab. Liebe und Eifersucht seien zwei Pole, die einander abstoßen.

Nur einem Teufel kann es gelingen, Schmerz und Lust in eins zu legen.

Ich weiß nicht, wem ich glauben soll, Balzac oder Montaigne. Glauben möchte ich Montaigne. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Eifersucht den Menschen hässlicher macht, als er ist, hartherziger, als er ist, böser, als er ist. Aber ich weiß auch, sie ist ein Teufel. Nur einem Teufel kann es gelingen, Schmerz und Lust in eins zu legen. Gern würde ich wie Balzac ausrufen, wer die Eifersucht nicht kennt, kennt die Liebe nicht. Zugleich weiß ich, es wäre nichts weiter als der dreiste und zugleich klägliche Versuch, dieses Gefühl – wenn man es als ein solches überhaupt bezeichnen soll – irgendwie zu adeln.

Ja, es ist ein uraltes Gefühl. Luzifer, der Gottes Liebling war, wird zu dessen Feind, wird zum Bösen schlechthin durch seine Eifersucht. Freilich, es ist in diesem mythischen Fall nicht Eifersucht, die aus der Liebe entspringt, sondern aus dem Neid. Noch war die Liebe gar nicht da, die Liebe zwischen Mann und Frau, Adam und Eva waren noch nicht erschaffen. Luzifer war eifersüchtig auf das Werk Gottes. Er wollte Gott, den Schöpfer, stürzen. Er war eifersüchtig auf die ganze Welt.

Othello ist blind vor Eifersucht. Dieser kluge Mann, ein militärstrategisches Genie, vermag die Intrige von Jago nicht zu durchschauen. Das kränkt uns am meisten an der Eifersucht: Sie macht uns dumm. Auch das noch. Damit haben wir die letzte Chance verspielt, noch irgendwie, noch auf irgendeinem Feld attraktiv zu sein. Aber was, bitte, nützt uns diese Einsicht, wenn wir eifersüchtig sind? Nichts.

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